Die Alpenquerulanten


Alpenüberquerung mit dem MTB bei zwei Wochen Regen


Inhalt



Ankunft bei Regen

Wir kommen mit dem Zug gegen Abend in Oberstdorf an, anhaltender Regen, wir versuchen begeistert zu sein. Als nächstes müssen wir uns um eine Schlafstelle für die Nacht kümmern, zuvor allerdings betteln wir bei einem düster aussehenden, aber freundlichen, Bahnmenschen um Wasser. Mit einer Warnung vor der Bahnpolizei rät er uns ab, am Bahnhof zu schlafen.
Die rettende Idee ist schließlich die Nebelhornbahn. Bei Regen gelangen wir zu unserem trockenen Nachtquartier neben tosendem Wasserstrom. Der Fluß unterhält uns die ganze Nacht hindurch mit seinem unentwegten Rauschen.

Erster Kontakt mit alpinem Untergrund

Am nächsten Morgen erwachen wir um 6:45. Das Nebelhornbahnpersonal nimmt uns verwundert wahr, ist uns aber freundlich gesinnt. Fragende Touristenblicke streifen uns.
Nach einem Frühstück aus Wasser, Milupa-Milchpulver (ab dem 1. Monat) und Müsli brechen wir auf. 340km, 11.000 Höhenmeter warten auf uns.
Zunächst befahren wir eine sanft ansteigende Teerstraße, die sich aber in zunehmender Steilheit den Berg hinaufschraubt. Doch trotz unserer schweißtreibenden Leistungen werden wir zu unserem Verdruß von zwei wohl noch leistungsfähigeren MTB'lern überholt.
Auf matschigem Trampelpfad gelangen wir auf einen Klettersteig. Mit dem MTB in der Linken, dem Stahlseil in der Rechten hangeln wir uns zum Schrofenpaß hoch, wo wir wieder auf freundliche Mitmenschen treffen.
Auf kaum befahrbaren Trials erreichen wir dann auf steil abfallendem Pfad Lechleiten. Mit Freuden erblicken wir den Wintersportort Warth über uns. Von Warth geht es weiter auf die viel befahrene Teerstraße nach Lech. Ein an der Straße liegendes Wirtshaus erweist sich als zu vornehm für uns, so daß wir in das fast nur aus Hotelleichen bestehende Lech hinunter fahren.
Vom Hunger geplagt machen wir hier in einem Nobelhaus um 12:30 Mittagspause. Ein griesgrämiger Tresenmensch will uns ein Handtuch unter unsere verschmierten Hintern schieben, doch wir lehnen dankend ab. Wir versuchen uns schließlich am Tagesmenü und einer Sechsmarkschorle zu erfreuen.
Bei ekligem Nieselregen machen wir uns auf ins Zugertal. Vom ständigen Regen zermürbt erreichen wir nach ca. 9km leichtem, aber stetigem Anstieg den Formarinsee. Die Uhr zeigt 15:00 an, was uns als zu früh für unser Nachtquartier, die Freiburger Hütte, erscheint. Wir ergötzen uns noch etwas an der Vollkommenheit des Formarinsees, bevor wir die letzten Meter zur Hütte bei dichtem Nebel hinter uns bringen.
Der Hüttenwirt nimmt uns freundlich für 50öS auf. Nach eiskalter Dusche laben wir uns am preisgünstigen Bergsteigeressen. Um 2100 gehen wir nach einigen für mich verlorenen Memorypartien in die Falle.

Willkommen in der Schweiz

Am darauffolgenden Morgen schleichen wir uns um 7:00 aus dem Lager und packen unsere Rucksäcke im Gang. Dann stärken wir uns mit günstigem Frühstück bestehend aus mitgebrachtem Müsli, Teebeuteln und gekaufter Milch und Teewasser. Undringlicher Nebel vor der Hütte wirkt wenig motivierend auf uns.
Wir machen uns auf ekliger steiniger und verregneter Abfahrt vom Rauhen Joch auf den Weg nach Dalaas, wo wir die verheerenden Folgen des vielen Regens in Form reißender Sturzbäche bestaunen können.
Begleitet vom kühlen Naß fahren wir weiter nach Bludenz und Schruns, vor St. Gallenkirch wird es trockener. In einem hochgelegenen Spar-Markt kaufen wir von Touris umringt unser Mittagessen.
Darauf freuen wir uns auf 6km befahrene Straße, wobei 600 Höhenmeter nach Gargellen zu erklimmen sind. Doch schon zu Beginn der Strecke wird der Fahrspaß durch Franz' Platten kurz unterbrochen. Schier endlos erscheinen die sechs anstrengenden Kilometer zu sein. Permanenter Dauerregen und mühelos vorbeifahrende Autos scheinen uns endgültig den Mut nehmen zu wollen.
Schließlich können wir in der tot wirkenden Wintersporthochburg Gargellen etwas verschnaufen. Wir schinden uns dann weiter auf einer Schotterstraße Richtung Schlappinerjoch.
Erst jetzt soll das Martyrium des Tages beginnen: 400Hm schmaler und steiler Fußsteig. Anfangs schieben wir noch unsere immer schwerer und träger werdenden Radböcke, später werden wir zum Tragen gezwungen, d.h. 9kg Rucksackgewicht plus 12kg MTB. Jede Stufe, jeder Tritt, jeder Meter wird zur Qual. Wir zwingen uns durchzuhalten.
Irgendwann treffen wir auf einen leerstehenden Schuppen, 100Hm unterhalb des Jochs. Eine kleine Brotzeit wird jetzt fällig. Wir versuchen trotz des trüben Wetters das Bergpanorama, das durchfahrene Tal mit den Augen aufzunehmen.
Nach letzten Qualen sind schließlich auch die restlichen geschafft und das Joch bei Höhenmeter 2203m erreicht. Doch die Freude hält nur kurz an, da es mit dem aufsteigendem Nebel fürchterlich kalt wird, zu allem Überfluß setzt auch wieder der Regen ein.
Nachdem wir uns warm angezogen haben, plagen wir uns auf einer sehr schlechten Abfahrt bis zu einer Weggabelung, wo wir uns auf mein Drängen für die falsche Abzweigung entscheiden. Gemeinerweise führt dieser Pfad erst wieder ein gutes Stück bergauf. Ich komme aus dem Fluchen über mich selbst nicht mehr heraus. Ich beschließe, nicht mehr partout nur auf meiner Meinung zu beharren, große Selbstzweifel plagen mich ob meiner Fehlentscheidung und Überredungskunst.
Auch Franz' Laune steht nach einigen kleinen Stürzen nicht gerade beim Besten. Doch glücklicherweise bessert sich der Weg, der Regen läßt nach und wie auf eine Befürwortung von oben auf das Ergebnis meines inneren Kampfes löst sich der Nebel.
Im weiteren Verlauf des Pfades steigt auch wieder das Fahrvergnügen bei engen Spitzkehren und steilen Felsstufen. Aus Faulheit zum Absteigen befahren wir Stücke, die uns wohl sonst viel zu gefährlich gewesen wären.
Unbeschadet treffen wir auf eine steil abfallende Schotterpiste, die wir nach Klosters Dorf mit haarsträubender Geschwindigkeit hinunterrauschen.
In der Hotel Pension Bühl nehmen wir uns ein Doppelzimmer für die Nacht. Der Besitzer bietet uns zudem an, unsere Wäsche zu waschen, was wir dankend annehmen. Nach feinem Kartoffelpüree, zubereitet auf dem Esbit-Kocher im Zimmer, fallen wir um 21:30 müde ins Bett.

Oh, du schöne Welt

Nach sanftem Erwachen packen wir um 6:30 und stopfen uns daraufhin am üppigen Frühstücksbüffette. Wir fallen über alles her, was wir in die Finger kriegen können.
Mit prallgefüllten Bäuchen rasen wir zunächst vergnügt kopflos auf 10km 400Hm hinunter, was sich dann in Kübli als schwerwiegender Fehler erweist: Davos liegt nämlich in der entgegengesetzten Richtung, wie ich mich erschrocken von einem Wegweiser belehren lassen muß.
Wir büßen mit diesem unfreiwilligem Abstecher eine Stunde und viel Kraft ein. Nun sind es nämlich 750Hm nach Davos statt 350. Wieder rasen viele Autofahrer bei schweißtreibender Auffahrt lachend an uns vorüber.
Endlich in Davos angekommen, warten nochmals 440Hm zum Gasthof Dürrboden auf uns. Als wir endlich den Gasthof betreten, würden wir wegen der horrenden Preise am liebsten gleich über den Scaletta-Paß flüchten, doch der Hunger zwingt uns zu bleiben. So kaue ich vorsichtig an meinem 10,50 DM Käsebrot, während Franz sein 16 DM Rösti hungrig hinunterschlingt.
Zunächst mißmutig machen wir uns an den 2604m hohen Scaletta-Paß heran. Zu unserer Überaschung ist der Weg dorthinauf trotz der Höhe in einem Top-Zustand. Wir können unsere Räder die ganze Zeit bis zur Paßhöhe hinauf schieben, hätten wir noch mehr Kraft, könnten wir sogar fahren.
Ohne längere Pause erreichen wir den Paß. Auf der anderen Seite des Paßes blicken wir vergnügt in den blauen Himmel. Das gibt uns wieder Mut. Die anfangs etwas steinige Abfahrt offenbart sich später als Super-Trial. Als uns auch noch die Sonne begleitet, fühlen wir uns fast wie im Paradies. Unsere Stimmung steigt bei der viel Geschick fordernden Abfahrt auf den bisherigen Höchstpunkt der Tour.
Weiter fahren wir auf schön anlegten Schotterwegen durch das wunderbare Susauna Tal, eines der hübschesten Täler überhaupt, in den Weiler Susauna. Eine Frau erklärt uns den Weg nach S-Chanf, das wir nach einigen genialen Trials erreichen. Nach kurzem Stop vor einem SB-Markt im verlassenen, idyllisch ruhigen S-Chanf biken wir weiter Richtung Chaschauna-Paß.
Gegen 18:00 wird es im dichten Wald dämmrig. Wir sorgen uns um unser Nachtquartier, da uns der wieder bedeckte Himmel keine trockene Nacht garantiert. Müde treten wir weiter bergauf in die Pedale, als ich am Wegrand die Giebelspitze einer kleinen Hütte entdecke. Ohne große Hoffnung gehe ich zu dem Häuslein und drücke vorsichtig die Türklinke. Doch, oh Wunder, die Tür ist offen!
Ich blicke in eine etwa zwei mal drei große Jagdhütte, die zudem einen Ofen, Brennholz und ein Bett in sich birgt, wir sind begeistert. Da wir ziemlich trocken sind, steigen wir noch zu einem 150m tiefer gelegenem Bach hinab und stocken unsere Wasservorräte auf. Dann bringen wir den Ofen auf Hochtouren und genießen die phantastische Atmosphäre der Hütte. Gegen 21:00 fallen uns die Augen zu.

Bella Italia

Die Ofenwärme verflüchtigt sich allerdings in der Nacht, so daß ich am nächsten Morgen abermals den Ofen schüre. Nach feinem Müsli verlassen wir dann diese wundervollen vier Wände.
Wir radeln den Schotterweg weiter, der direkt an der Hütte vorbeiführt. Noch lange zieht sich der Schotterweg bis zur Alp Chaschauna. Danach befahren wir einen Trampelpfad, der anfangs noch gut fahrbar ist, bis sich später brutal steil ein Fußsteig zum Chaschauna-Paß von 2200m auf 2695m erhebt. Während der sehr anstrengenden Schieberei bewundern wir die traumhaften Berge und Täler um uns herum.
Genau oben auf dem Paß sehen wir die Grenzsteine von der Schweiz und Italien. Wir halten kurz inne, darauf mogeln wir uns auf kurzem, aber heftigem Trialpfad hinunter zu einem ehemaligen Fort aus dem Ersten Weltkrieg. Ab hier windet sich eine gut ausgebaute Schotterstraße hinunter nach Livigno. In Livigno werden wir vom bunten Treiben der italienischen Touristen fast überwältigt.
Nach festlichem Mahl aus einem nahgelegenen Supermarkt fahren wir am Lago di Livigno vorbei und dann hinauf auf zunächst gut, später kaum noch fahrbarem Fußweg zum Passo Alpissela. Uns entegegenkommende Italiener ermuntern uns immer wieder mit einem anerkennenden "Dura". Auf 2268m haben wir schließlich unseren sechsten Paß von insgesamt zehn überwunden.
Nach rasantem Ritt liefern wir uns einen harten Abfahrtslauf, bis wir die Stauseen von Cacano erreichen. Ab jetzt werden wir wieder von vielen Automobiltouristen begleitet, für uns eigentlich unverständlich, da die Stauseen von Schönheit wirklich weit entfernt sind.
Am Torre die Fraele, einer mittelalterlichen Festung, erstreckt sich vor uns eine Schotterpiste, die sich über sage und schreibe 28 Kehren nach Bormio hinunterzieht.. Nach nervenaufreibender Schlacht gegen die vielen motorisierten Vierräder, lassen wir nach den vielen Kehren immer mehr Autos hinter uns.
In Bormio decken wir uns wieder mit Lebensmitteln ein, wobei ich statt mit einem 10.000 Lire Schein mit einem 100.000 gezahlt habe, wird die Verkäufern mir mit dem Restgeld aber glücklicherweise bis zur Straße gefolgt ist. Wir benennen St. Caterina als Tagesziel und setzen uns damit noch 12km viel befahrener Straße aus, die sich über 400m in die Höhe zieht.
Endlich in St. Caterina zeigt sich uns der Ort völlig überfüllt. Immer wieder hören wir von den Hotelbesitzern "tutti completto". So bleibt uns nichts anderes übrig als in einem Drei-Sterne-Hotel für 45DM zu nächtigen. In unserem engen Zimmer waschen wir vor dem schlafengehen noch einige Kleidungsstücke aus.

Mit uns geht's bergab

Das Frühstück am nächsten Morgen ist typisch italienisch: alles einzeln in Plastik verpackt und von lecker künstlichem Geschmack.
Mit üblem Gefühl im Magen brechen wir auf. Wir fahren die Paßstraße zum Gavia-Paß, bis wir nach einigen Kehren auf einen anpruchsvollen Fußweg abzweigen. Schlauerweise übersehen wir an einer strategisch wichtigen Stelle die Wegmarkierung, so daß wir uns zu einer Staumauer verlaufen, wo der Weg an einer verriegelten Stahltür endet. Ich klettere durch einen Spalt über der Tür hindurch, um mir Überblick zu verschaffen. Wir müssen dann wieder zurück auf unseren alten Pfad, bis wir schließlich die zuvor übersehene Markierung finden.
Nach einiger Schinderei treffen wir wieder auf die Paßstraße, etwa 100m unterhalb der Paßhöhe. Als diese bei 2650m überwunden ist stellen wir uns auf eine rasant schnelle und riskante Abfahrt ein. Wieder lassen wir einige Autos auf der Strecke, als dann jeder von uns im 1400m tiefergelegenen Ponte di Legno zwei Pizzen verschlingt.
Nach ausgiebiger Rast steuern wir Edolo an. Dabei kommen wir in den totalen Geschwindigkeitsrausch, nie war radfahren schöner. 33km rollen wir ohne die Kurbeln zu drehen nach Edolo, dann nochmals allenfalls durch Betätigung der Bremsen 14km weiter nach Cedegolo. Wir sind jetzt allerdings lediglich auf einer mickrigen Höhe von 425m. Auf der nun schon fast zur Routine gewordenen Quartiersuche erblicke ich plötzlich einen verlassenen Rohbau im Herzen der Stadt neben einem Bach. Wir richten uns häuslich ein und vertreiben uns die Zeit nochetwas beim Eisessen und Kickerspielen.

Dura, Dura

Um 7:30 erheben wir uns aus unseren Schlafsäcken und starten nach angemessenem Self-Made-Frühstück in die vorletzte Etappe. Da wir wieder einmal zum richtigen Zeitpunkt nicht auf die Karte schauen, müssen wir einen Umweg in Kauf nehmen und uns auf 200 Bonushöhenmetern bei Cevo abreagieren. Ab Tresine sind wir wieder auf der beschriebenen Tour.
Nach quälender Auffahrt ist bei La Rosega mit dem Biken vorerst Schluß. Wir setzen uns nun endloser Tyrannei aus. Auf einem schlechten Wanderweg, einem ehemaligen Lasttierweg aus dem Ersten Weltkrieg, schleppen wir uns zunächst durch dunklen und dichten Wald. Wir treffen lediglich auf einige italienische Pilzsammler, die unsere Unternehmung fragend betrachten.
Nach dreistündiger Belastung für Geist und Körper bei unaufhörlichem Regen können wir auf den blaugrün funkelnden Lago di Arno blicken. Doch wir haben keinen Sinn für die Wahrnehmung unserer Umgebung. Zudem steht die Schönheit zu den fast unmenschlichen Anstrengungen hier her in keinem Verhältnis.
Der Weg, der mit Granitplatten ausgelegt ist, wird so miserabel, daß auch das Schieben der Räder sehr beschwerlich wird. Zudem ist der Weg seitlich von Büschen und Sträuchern derart verwachsen, daß unser Fortkommen einem Kampf durch den Dschungel gleicht, unsere voll Wasser stehenden Schuhe müssen sich mit naßem Blätterwerk auseinandersetzen. Auch der ständige Regen läßt kein Auge trocken und so stapfen wir, jeder für sich, schweigend und lustlos weiter, in der Hoffnung, daß die Tyrannei ein Ende findet.
Zwischendurch können wir einige wenige Meter fahren. Dabei rutscht Franz mit seinem Vorderrad an einem Stein ab vom Weg und zerstört sich auf dem folgendem Sturz seinen rechten Schalthebel, zugleich zerbricht ihm seine Sonnenbrille. Zwischen uns ist ab jetzt kein vernünftiger Gesprächsfluß mehr vorhanden.
Als wir nach viereinhalb Stunden endlich die Paßhöhe erreicht haben, wollen wir uns auf die Abfahrt freuen. Die Tourenbeschreibung weist daraufhin, daß zur Abfahrt Mut gehöre, doch erblicken wir nur riesige Gesteinsbrocken auf ausgespültem, steilen, naß schmierigem von Schafen verdreckten Fußsteig. An Schieben, geschweigedenn Fahren ist nicht zu denken.
Nach einer weiteren Stunde mit den Rädern auf dem Rücken haben wir unsere zuvor mühsam erklommenen Höhenmeter wieder großenteils abgebaut, als wir endlich eine Asphaltstraße unterhalb des Lago di Bissina erreichen. Einsetzender starker Regenfall und Kälte zwingen uns in wasserfeste Regenmontur. Wenigstens rollen die Räder selbständig ohne großes Zutun nach ins 20km entfernte Pieve di Bono. Aufgrund meiner Untätigkeit fange ich schrecklich an zu frieren. Völlig durchnäßt fühle ich mich wie ein Häufchen Elend.
In Pieve di Bono vermittelt uns das Touristenbüro wieder ein Drei-Sterne-Hotel, wo sich die Besitzer an unserem verspritzten Äußeren erheitern.
Erst unter der heißen Dusche fühle ich wieder als Mensch. Jeder Nagel, jeder Kleiderbügel, jeder herausragende Gegenstand in unserem Zimmer wird mit triefender Kleidung behängt. Wir kochen uns noch etwas Kartoffelpüree, bis wir danach im Schlaf den anstrengenden und unerfreulichen Tag überdenken.

Endspurt

Nach italienischem Plastikfrühstück wollen wir heute unsere Alpenüberquerung zum Gardasee beenden. Anfangs rollen wir noch leicht und locker nach Storo hinunter auf eine lächerliche Höhe von 388m, um dann die leicht ansteigende Straße zum Passo Ampolo auf 738m hinaufzutreten. Da sich Franz' Gangauswahl wegen seines gestrigen Sturzes von 21 auf 3 verringert hat, sind wir auf schnelle Kurbelumdrehungen angewiesen und erreichen somit den Passo bereits um 10:00.
Jetzt geht's richtig zur Sache. Der Passo Tremalzo mit 1960m Höhe erwartet uns. Diese Höhe gilt es auf 13km zu gewinnen. Franz tritt augrund seiner schweren Übersetzung sehr schnell und kraftvoll hinauf. Ich dagegen sehe mich gezwungen einige kurze Verschnaufpausen einzulegen.
Etwa ein Viertel unter der Paßhöhe treffe ich Franz wieder und wir bezwingen wieder gemeinsam die letzten Meter. Am Scheiteltunnel des Passo Tremalzo schütteln wir uns die Hände und lassen uns von einem Touri fotografieren.
Im tiefen Vertrauen auf unsere Tourenbeschreibung sind wir im festen Glauben, nur noch nach Riva rollen zu müssen. Nach herrlicher Abfahrt auf in den Felsen gesprengter Militärstraße durch viele Felsbögen hindurch auf zahllosen Serpentinen werden wir in unserem Gefühl bestärkt, an einer Kreuzung jedoch stellen wir fest, daß wir gerade auf den schmalen steil nach oben führenden Pfad abzweigen müssen.
Dafür gelangen wir auf einen wunderbaren Höhenweg, der uns, ja wenn der dichte Nebel nicht wäre, reizende Ausblicke auf den 1800m tiefergelegenen Gardasee bieten würde. Wir können den Lago lediglich unter dem Wolkenmeer erahnen.
Nach einigen anspruchsvollen Trials und kurzen, oft kernigen, Schiebepassagen, die der Tourenführer mit keiner Silbe erwähnt, rückt Riva langsam in greifbare Nähe. Mit vibrierenden Lenkerenden rollen wir über Schotterstraßen, die wohl schon Generationen von Bikern zerpflügt haben müssen, nach Presine.
Trotz des schlechten Wetters zeigt sich der Raum um den Gardasee als Bike-Eldorado, so treffen wir auch ständig auf Artgenossen. Endlich kommen wir nach vielen Tunnels und rauschender Abfahrt auf einer alten stillgelegten Straße in Riva an. Wir fahren gleich durch nach Torbole dem Ziel unserer Alpenodysee.
Während sich Franz in Torbole eine neue Schaltung beschafft, nehme ich unsere wohlverdienten Bike-Zertifikate entgegen.
Jetzt wollen wir uns erst mal drei Tage Ruhe gönnen. Wir fragen eine verdutzte Campingplatz-Wartin nach dem Preis von Zelten ohne Zelt. Sie gibt uns mit fragendemBlick Auskunft.
Bei freundlichen Nachbarn ergattern wir eine Zeltplane, die wir über einen Baldachin spannen, der ideale Ruhesitz. Die Realität der deutschen Touristen holt uns ein, Deutschland überall...
Faulsein, Wohlsein, ich lege mich nieder und träume bereits von der nächsten MTB-Tour, vielleicht durch Korsika?

Komm doch mal wieder nach Haus'

Wir beschließen nach drei Tagen faulenzen, dem Strandtreiben, dem heftigen Wind, den zahllosen Surfern mit ihren Wasserkampfmaschinen und dem Gardasee wieder zu entsagen. Mittags machen wir uns davon. Kaum sitzen wir im Sattel, gesellt sich auch der Regen wieder zu uns.
In Rovereto müssen wir die knirschenden Nabenlager von Franz' Vorderrad zerlegen und neu schmieren.
Florian Michahelles Sattel platt zu machen. Er bezahlt dann aber anstandslos einen neuen, oh Fortuna!
Wir schrubben unsere weiteren Kilometer auf der SS12 Richtung Bozen. Nach dem vielen anstrengenden und mühevollem Fortkommen im Gebirge, genießen wir unser jetziges schnelles Vorankommen. Trotzdem zieht sich der Weg bis Bozen sehr lange.
Als wir eine Großstadtsilouette zu erkennen glauben, erreichen wir dennoch erst nach vielen Vororten Bozen. Im Zentrum von Bozen machen wir Brotzeit und füttern nebenbei einen heranschleichenden Penner. Gegen 2000 wird es langsam dunkel - nichts wie raus aufs Land.
Bei gefährlicher Fahrt auf der dunklen Landstraße umringt von blendenden Autos sehen wir uns links eingezäunt von der Autobahn, rechts läßt uns die Eisenbahn nicht von der Straße. Doch da sehe ich eine niedrige Bahnunterführung, der einzige Fluchtweg von der Straße mit ihren brausenden Vehikeln.
Wir legen uns neben einem Bahnwärterhäuschen schlafen, nachdem uns ein freundlicher Bahnwärter noch etwas Wasser spendiert hat. Dann träumen wir von lärmenden Personenzügen, Güterzügen, Motorrädern, Lastwägen, Autos...

Nachts schlafen die Ratten - von wegen!

Nach Nutella ähnlichem Frühstück verabschieden wir uns von unserem schwarzen Kater, der uns die Nacht hindurch liebkost hat und mir zwischendurch ins Gesicht gesprungen ist. Wir halten uns auf der SS12 Richtung Bozen und starren gebannt auf die Kilometerangaben bis zum Brenner.
In Brixen erfreuen wir uns an einem üppigen Mahl aus dem Poli-Markt bestehend aus Moadella, Schinken, Joghurt und Eis am Stiel. Dann strampeln wir weiter zum Brenner, wobei wir auf ansteigender Straße wieder an Höhe gewinnen. Auf der alten Brennerstraße treffen wir auf viele Autofahrer, die sich die Maut sparen wollen. Als wir endlich im 1300m hochgelegenen Ort Brenner sind, sind wir erstaunt wie mühelos wir eigentlich die Steigung hier hoch bezwungen haben. Wir gönnen uns eine Melone bei den vielen Obsthändlern, die ihr Geschäft mit der Restlira der heimfahrenden Italienurlauber machen. Amüsiert betrachten wir das rege Treiben, wie sich z.B. Touris drei, vier oder oft gar fünf Kilo Weintrauben andrehen lassen, wer soll das denn essen?
Der Himmel zieht sich wieder zu, als wir gen Austria aufbrechen, doch schon bald klart der Himmel wieder auf. Ein Schild weist uns den Weg ins 29km entfernte Innsbruck. Mit dem Wind im Rücken rollen wir in die Alpenmetropole ein. Vor der tollen Altstadtkulisse genehmigen wir uns ein Bananen-Split. Danach zieht es uns wieder aufs Land.
Wir wollen uns das nur noch 20km weitergelegene Seefeld vornehmen, übersehen aber dabei, die ordentliche Höhe von 1180m. Die ab Zirl ansteigende Straße öffnet uns die Augen. Die schon gefahrenen Kilometer sitzen uns bereits so tief in den Gliedern, daß wir uns erschöpft an einem Straßenhäuschen niederlassen. Da der Schuppen verschlossen ist, verschaffen wir uns mit vereinten Kräften und unseren Löffeln an der Rückseite des Unterschlupfes gewaltsam Zutritt.
Endlich ein Dach über dem Kopf versinken wir fast im Dreck. Mit alten Verkehrsschildern, zerbrochenen Flaschen und zentimeter dickem Staub sollen wir uns die Nacht teilen. Glücklicherweise finden wir noch Schaufel und Besen, so daß wir uns wenigstens dem gröbsten Dreck entledigen können. Nach Grubenarbeitermanier mit Kerze und Staubschutz vorm Gesicht, machen wir uns das Hüttlein etwas häuslicher.
Trotz der direkten Straßenlage schlafe ich mit meinem tief in den Gehörgängen sitzenden Ohropax rasch ein, bis sich etwas unerwartetes ereignet.
Mitten in der Nacht spüre ich etwas auf meinem Gesicht. Zunächst denke, daß ich mir vielleicht im Schlaf meinen nebenmir liegenden Helm aufs Gesicht gerollt haben könnte. Als ich dann aber müde mit der Hand zupacke, spüre ich etwas warm weiches. Mein Helm ist dies gewiß nicht. Als ich das Ding wegschleudere, dämmert es mir: Es war eine Ratte auf meinem Gesicht! Ich springe erregt auf und reiße auch Franz aus dem Schlaf.
Wir flüchten ins Freie an den Straßenrand. Röhrende Motoren quälen sich den steilen Berg hoch und versuchen uns das Wiedereinschlafen unmöglich zu machen.

Alpen ade

Gegen halb sechs beginnt es zu nieseln, Franz weckt mich. Er erzählt mir, daß er schon länger wieder in die Hütte zurück gegangen und dort weiteren Rattenübergriffen ausgesetzt gewesen sei. Der Regen zwingt auch mich wieder zurück ins Rattennest, wir dösen noch etwas bis 900 vor uns hin, bis wir dann nach Seefeld fahren. Die 16% Steigung dorthinauf bringen unsere Kreisläufe in Schwung.
Erst ist in Scharnitz nehmen wir uns Zeit fürs Frühstück.
Nach dem Grenzübertritt durchfahren wir bei Sonnenschein das touristische Mittenwald. Danach folgen der Walchensee und Kochelsee. Dort verabschiede ich mich von zwei gerissenen Speichen am Hinterrad. Um keine Zeit zu verlieren ersetzen wir nur eine, dafür zentriert aber Franz das Rad sehr professionell.
Wir folgen nun der B11, bei ausnahmsweisen Spitzenwetter bis München. Im dichten Stadtverkehr genießen wir es, mit den Autos konkurrenzfähig zu sein.
In der Innenstadt bahnen wir uns durch den großen Menschenauflauf einen Weg zum Stachus, wo wir etwas Edeka Kost zu uns nehmen. Unsere Nahrungsaufnahme wird jedoch durch ein Fernsehteam jäh gestört. Die SAT.1 Leute verlangen von uns witzige Antworten auf stumpfsinnige Fragen zum Oktoberfest.
Um 19:00 verlassen wir die Landeshauptstadt. Ein unfreundlicher Tankstellenwart beschreibt uns den Weg. Die B13 wird unser rettender Fluchtweg aus dem Großstadtmoloch.
Nach 10km Fahrt gewährt uns der Bayrische Landeschützenverband unter dem Vordach seiner Schießhallen vorübergehend Asyl, Dusche und WC inklusive.

Alles hat ein Ende...

Gegen 9:00 radeln wir vom Heimweh getrieben auf der B13 nach vielem Auf und Ab nach Pfaffenhofen, wo wir uns ein zweites Frühstück bescheren.
Gestärkt spulen wir knapp 50km bis 12:30 nach Ingolstadt ab. Dort laben wir uns an qualitativ wertlosen Aldi-Genußmitteln. Einige Ingolstädter interessieren sich wohl aufgrund unseres Äußeren für unser Reisevorhaben.
Der Heimatnähe wissend, steuern wir das 25km entfernte Eichstätt an. Nach abermaliger Rast und heftigem Wespengemetzel lassen wir uns die Kilometer bis zum Laubental auf den Reifen zergehen. Da wir uns noch immer kräftig fühlen, zweigen wir nun von der Straße auf Schotterpfade durch den Weißenburger Stadtwald ab. Doch mittlerweile an harte alpine Bedingungen gewöhnt, setzen wir mit einem Abstecher auf die Wülzburg noch Eins drauf.
Dort halten wir nochmals inne und sinnieren über das Vergangene. Das oft langersehnte Ende ist nun mit einem Mal erreicht, bald hat uns der Alltag wieder.
Wir drehen uns noch einmal vorsichtig um, und rollen dann in Weißenburg ein.
Es ist vollbracht.


Zurück zur MTB-Page

(C) by Florian Michahelles 1995