Noch auf den Spuren von Bayernkönig Max II.
Mountainbiken im Alleingang
Hoehenprofil
Durch Verquickung günstiger Umstände werde ich am Blecksteinhaus, in der Nähe des Spitzingsees abgesetzt. Damit kann ich nun auf den zweiten Anlauf die Königstour vollenden.
Meine Frage nach einem freien Quartier im Blecksteinhaus gipfelt geradezu in Lächerlichkeit, da ich erfahre, daß ich der einzige Gast bin. Ich gebe mich daraufhin mit zwei Apfelsaftschorlen zufrieden und gönne den Wirtsleuten ihren wohlverdienten Feierabend.
Ich vertreibe mir währendessen die Zeit noch etwas mit der ZEIT und beziehe gegen 2100 mein Lager. In der folgenden Nacht kann ich mich nun im 20-Mann-Lager wälzen.
Am nächsten Morgen breche ich gegen 9:00 auf. Mein heutiges Ziel soll das Brünnsteinhaus sein. Dazu muß ich über den Elendsattel. Ich fahre allerdings nicht über das Forsthaus Valepp an, sondern bewege mich durch den wundervollen Pfanngraben, die plätschernden Wasserläufe sind ein Augenweite. Ich lasse mich von diesem Schauspiel inspirieren, bis ich an dem Fahrweg über den Elendsattel münde.
Obwohl ich dieses Terrain schon mehrfach durchfahren habe, bin ich von den Felswänden, die sich links, bald rechts aufbauen, immernoch genauso fasziniert, wie vom funkelndem Wasser des Elendgrabens im Sonnenlicht.
Vom Zipfelhof ab trete ich wieder in die Pedale über Teer bis ich ins Nesseltal abzweigen kann. Auf anfangs leicht ansteigendem Forstweg spüre ich bereits meinen vollgepackten Rucksack. Als ich daraufhin 19%-tige Steigungen überwinden muß, nimmt die Tretfrequenz rapide ab und ich kann nur noch mit Mühe mit dem Vorderrad Bodenkontakt halten. Ohne Pause, das habe ich mir noch unten im Tal in den Kopf gesetzt, quäle ich mich bis zum Ende des Schotterweges hoch.
Jetzt schmeiße ich meine schlaffen Glieder erst einmal ins Gras und genieße die Ruhe um mich herum genauso wie die wärmenden Sonnenstrahlen des goldenen Oktobers.
Nach etwa viertelstündiger geistiger Versenkung setze ich meinen Weg auf einem längeren Schiebestück fort. Nach kurzem Auf und Ab auf schmalen, aber gut fahrbarem, Fußpfad gelange ich zu einem Sattel.
Von hier ab folge ich einem Forstweg ein kleines Stück bergab, um mich dann auf steiler Abfahrt ins Gießenbachtal hinab zu bremsen. Ich fahre noch eine etwa eineinhalb Kilometer bergauf und gebe mich dann der Mittagspause hin.
Wohl gestärkt wartet nun der Höhepunkt des Tages auf mich. Auf zunächst moderater achtprozentiger Steigung fange ich an, heftig zu ventilieren, bei den nun folgenden 18% muß ich bereits nach einigen Metern passen und schieben, mein Rucksack befiehlt es mir. Bei den nun folgenden 27% (!) wird auch das zur Qual.
Weiter oben wird es endlich wieder flacher, so daß meine Pedale wieder Verwendung finden.
Es ist 1400, noch früher Nachmittag. Ich träume sodann in der Sonne etwas vor mich hin, fahre dann einige Meter weiter zu einem Platz, der mir noch bessere Aussicht bietet. Dort steige ich noch etwas an einem Bergrücken herum, zu einer Gipfelerstürmung bin ich allerings zu faul. Ich lege mich wieder auf weiches Gras, steige wieder hinab und lasse unten wieder liegend Gedanken durch meinen Kopf ziehen.
Ich muß wohl eingenickt, denn mit einem Mal liege ich im Schatten. Sogleich erspähe ich jedoch noch ein sonnenbestrahltes Fleckchen und mache mich dorthin auf. Als es aus dort zu kalt wird, mache ich zum nahen Brünnsteinhaus auf.
Auch dort mache ich als Einziger den Wirtsleuten Arbeit. Nach Erbswurstsuppe, Zeitung- und Kartenstudium gehe ich in die Falle.
Da ich heute die längste Etappe vor mir habe, starte ich bereits um 8:30 nach dem Frühstück. Gleich zu Beginn wartet eine lange Schiebepassage auf mich.
Ab den Gründen der Großalm geht es sehr steil abwärts. Nach einem kurzem, aber steilem Stück bergauf rolle ich am Tatzelwurm vorbei und versuche mein Glück auf dreckigem Trial zum Bichlersee. Nun fahre ich lange im dunklen Wal\d ins Ungewisse. Ständig bin ich von der Angst verfolgt, falsch gefahren zu sein, beschildert ist hier nämlich sehr spärlich.
Als ich dann aber an der Klamm-Alm vorbeikomme, habe ich endlich wieder Gewissheit, doch schon an der nächsten Kreuzung muß ich mich wieder auf meinen Instinkt verlassen. Ab hier ist überhaupt keine Abzweigung mehr gekennzeichnet. Auf gut Glück rase ich rechts mit sehr mulmigen Gefühl hinunter.
Der Zufall läßt mich in Flintsbach endlich wieder aus dem dunklen unheimlichen Wald herausschießen. Dadurch bin ich von meiner ursprünglichen Planung etwas abgewichen, aber das ist allemal besser als Zeit raubende Irrwege.
Ich fahre weiter nach Brannenburg, quere hier Autobahn und Inn und fahre dann flußaufwärts nach Windshausen.. Dort halte ich mich Richtung Kranzhorn. Wieder treibt mich der unbekannte, unendlich wirkende Wald an den Rand des Wahnsinns. Nach mehrmaligem intensiven Kartenstudium, mache ich mir glaubhaft, falsch zu sein. Erschöpft lasse ich mich auf dem Weg nieder und nütze die Zeit gleich zum Mittagessen. Dieses muß äußerst spärlich ausfallen, da ich es versäumt habe, mich erneut mit Vorräten einzudecken, so bleiben mir lediglich Reste vom Vortag.
Trotz meiner Überzeugung, auf dem Holzweg zu sein, jage ich weiter bergauf, um mir bei einer markanten Rechtskehre Klarheit zu verschaffen. Wieder und wieder kündigt sich eine solche Biegung an, verläuft dann aber doch leicht gekrümmt Links weiter. Diese permanente Unsicherheit läßt mich fast verzweifeln. Wenn doch nur ein Wanderer käme oder ein Schild auftauchen würde!
Doch plötzlich, wie durch ein Wunder, erreiche ich die im Tourenführer beschriebenen Almwiesen der Käsalm. Ich kann meine Odysse auf der Karte zwar nicht nachvollziehen, das tut meinem Stimmungswandel aber keinen Abbruch. Begeistert lasse ich auf schmalen Pfaden die Almwiesen im Sonnenschein hinter mir und erreiche das Trockenbachtal.
Dort finde ich sogleich den Weg in den Klausner Wald und strample wieder bergauf. Doch nun, zum drittenmal am heutigen Tage, folge ich unbeschilderten Wegen ins Ungewisse.
Psychisch merklich geschwächt, spüre ich nun auch körperlichen Leistungsabfall. Als ich erschöpft auf dem Weg liege, beschließe ich mein heutiges Endziel: Die Spitzsteinhütte soll statt der ursprünglich geplanten Priener Hütte mein Endziel sein.
Ich raffe mich wieder auf und trete lustlos in die Pedale, möchte doch nur zu gern meinen momentanen Standpunkt kennen. Später versichern mir endlich Waldarbeiter, daß ich auf dem richtigen Weg bin.
Durch meinen vorherigen Beschluß der heutigen Etappenkürzung, stehe ich bereits am frühen Nachmittag vor dem heutigen Tagesziel. In einer sonnigen Linkskehre sauge ich etwas Sonnenstrahlen in mich auf.
Ich fahre schließlich weiter, umtrage mich am Fortkommen hindernde Baumstämme und folge dann Pfadspuren zu einem Wirtschaftsweg der Nesselbrandalm. Nach Überwindung einer nur noch kleinen Anhöhe erreiche ich das Spitzsteinhaus gegen 14:30. Heute morgen noch habe ich mit einer Ankunftszeit von 1500 gerechenet und trotzdem: An der Weiterfahrt hindert mich zwar die Zeit, dafür aber umsomehr meine körperliche Verfassung. Als mir auch der Wirt sagt, daß die Priener Hütte noch zu erreichen sei, gerate ich erneut in Entscheidungszwang, ich bleibe aber meiner Entscheidung: Für heute ist Schluß.
Ich lasse die Zeit noch etwas in der Sonne liegend verstreichen und verkrieche mich dann nach dem Abendessen gegen 21:15 im Schlafsack.
Wieder starte ich früh, um die gestern verbummelten Kilometer nachzuholen. Eine brutale Abfahrt schüttelt mich ordentlich durch und meine Daumen stöhnen unter der extremen Belastung. Schier endlos windet sich der steile grobschottrige Weg nach unten.
Endlich unten in Innerwald, stelle ich an meinem Hinterrad eine großen Seitenschlag fest. Eine gerissene Speiche ist die Ursache. Da ich mich aber sozusagen am Ende der Welt befinde, muß ich trotz des Schadens weiterfahren, um wieder zivilisierte Gefilde zu erreichen. Dazu bleibe ich weiter auf der Königstour und fahre zunächst zur Priener Hütte. Kurz nach der Hütte bin ich wieder auf verbotenem österreichischen Fahruntergrund. Vorsichtig trete ich die Abfahrt zur Ottenalm an, indem ich mein Gewicht nach Vorne verlagere, um mein Hinterrad zu entlasten, und nur mit der Vorderbremse verzögere.
Als es wieder bergauf geht, kann ich von meiner Sorge ums Hinterrad wieder etwas Abstand nehmen. Ich hänge die hintere Bremse aus, um das seitliche Anschlagen des Reifens zu mindern. Auf steilen Serpentinen arbeite ich mich im Schweiße meines Angesichts zu den Karalmen hinauf.
Endlich oben, muß ich mich in dem kniffligen Gelände sehr genau an Karte und Tourenführer halten. Ich folge anfangs Pfadspuren, die sich schließlich verlieren, danach schiebe ich querfeldein einen steilen Wiesenhang hinunter. Etwas unsicher treffe ich dann aber tatsächlich auf einen markierten Wanderweg nach Ettenhausen.
Schweren Herzens schiebe ich den Trial, da er mir mit nur einer Bremse unfahrbar erscheint. Als sich vor mir ein guter Forstweg erstreckt, hänge ich die Hinterradbremse wieder ein und rase voller Übermut hinunter. Doch schon bald soll ich den Fehler meines Handelns jäh zu spüren bekommen. Ein lautes Zischen reißt mich aus meinem Geschwindigkeitsrausch. Mantel und Schlauch haben sich an der Seite durchgescheuert. Mißmutig setze ich meinen Ersatzschlauch ein.
Nach dieser Zwangspause rolle ich mit ausgehängter Bremse nach Ettenhausen auf der Suche nach ein Fahrradwerkstätte. Kurz nach dem Ortsschild zischt es wieder, Reifen wieder platt! Die Bremse war noch nicht weit genug ausghängt, so daß sich der Schlauch wieder durchscheuern konnte. Meine Schlauchressourcen sind nun ausgeschöpft und ich muß flicken.
Ich bin nun in einer sehr schlechten Stimmung und nahe dran, meine Unternehmung aufzugeben. Die für heute geplante Etappe scheint mir auch wieder einmal unerreichbar. Ziemlich lange sitze ich in dem ausgestorbenen Wintersportort und lasse mir einige Alternativen über mein weiteres Fortkommen durch den Kopf gehen. Ein Blick auf die Karte läßt Marquartstein, der nächste Ort mit Bahnhof, mein Ziel werden. Nachdem ich nun mit meiner Reparatur fertig bin, hänge ich die Bremse jetzt richtig aus, so daß sich wirklich nichts mehr durchreiben kann.
Lustlos trete ich auf flacher Straße vor mich hin, bis ich endlich in Marquartstein ankomme. In einem Bäckerladen stelle ich mir erst einmal ein verspätetes Mittagessen zusammen. Danach suche als letze Rettung vor dem Abbruch der Tour einen Fahrradladen auf. Ein freundlicher Monteur eilt mir entgegen und setzt mir in Windeseile eine neue Speiche ein. Ich ziehe noch einen neuen Mantel auf und bin wieder begeistert.
Aus Fehlern wir man klug, kaufe ich mir noch einen Nippelspanner und lege insgesamt 19,50 DM auf den Tisch. Da ich nach meiner ursprünglichen Planung hätte heute Nacht sowieso im Freien schlafen müssen, nehme ich nach kurzem Kartenstudium das Hochgern-Haus in Angriff. Von Marquartstein führt zunächst eine gut gewalzte Schotterpiste zur Agergschwendalm. Erst danach folgen extrem steile Serpentinen. Auf dem lockeren Untergrund fällt es mir sehr schwer, die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Immer in der Hoffnung, nach der nächsten uneinsichtigen Kurve das Ziel erreicht zu haben, arbeite ich mich langsam weiter. Nach 700 Höhenmetern kann ich endlich vor dem Hochgern-Haus mein Stollengefährt verlassen. Ich gieße sofort einen halben Liter Limo in mich hinunter.
Viele Artgenossen um mich, komme ich mit einem Einheimischen ins Gespräch, der mir dabei erklärt, wie ich von hieraus möglichst schnell auf die Königstour zurückkehren kann.
Der Hüttenwirt bietet mir auf meine Frage hin ein Nachtquartier an, sagt mir aber, daß ich allein auf der Hütte sei . Das wäre ja nichts Neues, denke ich mir, bis begreife, daß ich völlig alleine auf der Hütte sein werde, da auch der Wirt noch ins Tal hinunter will. Ich willige natürlich trotzdem ein.
Um mein Wohl bedacht stellt mir der Wirt vor seiner Abfahrt noch einen Gas-Ofen ins Zimmer, zeigt mir die Warmwasser-Dusche, gibt mir noch Shampoo und bringt seine Großherzigkeit zum Höhepunkt, als er für all das keinen Pfennig von mir nehmen will.
All das verdanke ich einer gerissenen Speiche.
"Wenn einem so viel Gutes widerfährt..." sind meine letzten Gedanken als ich mich hochzufrieden und glücklich in den Schlaf wiege.
Am nächsten Morgen werde ich durch die Sonne, die freundlich zum Fenster hereinblinzelt, sanft geweckt. Nach Packen und Frühstücken, mache ich mich auf den Weg nach Berchtesgaden. Ich fahre, wie mir der Einheimische gestern beschrieben hat, über die Jochalmen nach Röthelmoos.
Nach steiler Ab- und mäßig steiler Auffahrt gelange ich zu den Almen. Über einen Grasweg rolle ich hinab zu einer Forststraße, die mich dann in den Geschwindigkeitsrausch bringt und nach Röthelmoos führt. Ab jetzt bin ich wieder auf der Königstour und folge dem idyllischen Wappbach zur B 307.
Dort fahre ich an einigen ruhigen Seen vorbei, auf denen sich gerade der Nebel verflüchtigt, und erreiche Seehaus. Auf Radwegen bewege ich mich auf das Biathlonleistungszentrum zu und treffe dort auf wild um sich schießende Biathleten, die zudem mit atemraubender Geschwindigkeit auf Rollschiern an mir vorbei jagen.
Unbeschadet entschwinde ich wieder in die Stille des Waldes und folge den gut beschilderten Wegen zur Kaitelalm. Dabei setze ich an den Auffahrten Einiges an körpereigener Energie unter starker Schweißbildung um.
Ich bin dabei aber nicht lange allein und nehme deshalb mit zwei anderen MTB'lern gemeinsam die Reiteralm in Angriff. Dort trennen sich dann unsere Wege wieder, da die anderen Zwei eine Forststraße nach Weißbach benutzen wollen und ich dagegen über einen Trial ins Tal hinunterreiten will.
Der etwa ein meter breite Wanderweg ist in der Mitte tief ausgeschwemmt, so daß man als Zweiradakteur gezwungen ist, an den steilen und rutschigen Rändern vorbei zu balancieren. Nur einmal Abzurutschen würde bereits einen Sturz über den Lenker provozieren.
Mir gelingt jedoch das Kunststück und erreiche sturzfrei Weißbach. Da ich Hunger habe, klappere ich die wenigen Restaurants in dem kleinen Örtchen ab, alle drei ziehen es aber vor, heute geschlossen zu haben.
So bleibt mir keine andere Wahl, als in dem einzigen Dienstleistungsbetrieb in dieser menschenleeren Ansiedlung, einer Tankstelle, mein Hungebedürfniss zu befriedigen. Der Chefwart persönlich serviert mir ein leckeres Menü aus Bifi, Bifi peper, Bifi-Roll. Zum Desert wird mir Ballisto mit Rittersport kredenzt. Als ich für dieses Junk-Food auch noch 8 DM berappen muß, verlasse ich unzufrieden dieses vornehme Etablissement und versuche bei dieser wertlosen Nahrungsaufnahme meine Geschmackssinne zu ignorieren. Für mich erstaunlich, stellt sich nach Zugeben einiger Sonnenblumenkerne und einem Rest Vollkornbrot doch so Etwas wie Sättigungsgefühl ein.
Nicht wohl gestärkt, aber auch nicht hungernd, steuere ich die hochgelegene Sellarn-Alm an. Ein geschotterte Weg windet sich mal sehr steil, mal extrem steil in die Höhe hinauf. Ich erinnere mich dabei an die respektvollen Worte meiner vorherigen Weggefährten vor dieser Steigung. Dafür werde ich immer wieder durch lohnende Ausblicke und Geborgenheit gebende Sonnenstrahlen entlohnt.
Nach einem steilen Schiebestück auf kaum noch erkennbarem Wanderweg, stehe ich nach schönem Trial vor der Sellarnalm.
Ich halte mich nicht lange auf stürze mich sogleich nach Melleck hinunter. Die vorherigen Anstrengungen scheinen mir durch die lange Abfahrt nun gerechtfertigt.
Nach einem kurzen Stück auf dem Steinpaß zweige ich in eine wundersame Idylle zum Daxbauer hinab. Der wilden Saalach folge ich nach Schneizelreuth, um dort dann die Uferseite zu wechseln. Auf fantastisch angelegten Radwegen begleite ich die Saalach bis Unterjettenberg.
Jetzt muß ich wieder an Höhe gewinnen und muß mich dazu zu den stinkenden PKW's auf der Bundesstraße gesellen, kann aber schon bald auf eine alte Salzstraße ausweichen. Fernab der viel befahrenen Alpenstraße durchstreife ich nun einsame Wiesen und gelange zu entlegenen Almen. Nach der anfangs mäßigen Steigung kostet mich die Anfahrt zum alten Wachterl einige Anstrengung. Von dort geht es flach weiter zum Taubensee.
Jetzt habe ich nur noch den Mordau-Sattel als letzte Hürde vor Berchtesgaden vor mir liegen. Immer im Hinterkopf, daß dies ja nun die letzten Qualen seien, lasse ich die Auffahrt relativ schnell hinter mir. Nach Erklimmung dieses letzten Hindernisses, halte ich den Augenblick auf Film fest.
Sodann versuche ich auf anspruchsvollen, felsigen Downhill mein Glück. Immer wieder wird mein Vorderrad von kleinen aufragenden Felsstufen blockiert und ich drohe vornüberzukippen, im letzten Moment bekomme ich das Rad aber immer wieder frei.
Auf Schotter rase ich nach Loipl hinab. Nach nochmals kurzem Anstieg, liefere ich mir ein heißes Rennen mit den PKW's auf der 12% abfallenden Straße. Da die Geschwindigkeit der Autos durch Verkehrschilder auf 60 km/h begrenzt ist, habe ich leichtes Spiel, die Konkurrenten hintermir zu lassen. Kurz vor Bischofswiesen schätze ich meine Geschwindigkeit zwischen 70 und 80km/h ein.
Auf Radwegen vollende ich meine Unternehmung in Berchtesgaden. Dort decke ich mich noch mit Lebensmitteln ein und fröhne dann im Zentrum den kulinarischen Genüssen. Als es dunkel wird, frage ich mich zum Bahnhof durch und suche zugleich ein Nachtquartier. Kurz vor dem Bahnhofsgelände sehe ich eine Abzweigung aufs Territorium der BayWa. In der Hoffnung dort auf einige offene Lager zu treffen, biege ich ein. Leider sind sämtliche Türen und Tore verschlossen.
Mein Blick wandert auf die Felswand hinter dem Gelände. Dort sehe ich einige verschlossene Gänge. Erst beim genaueren Betrachten mit Taschenlampe sehe ich eine halboffene Blechtür. Sie ist gerade soweit offen, daß ich mich durchzwängen kann. Als ich die Örtlichkeit mit der Lampe unter die Lupe nehme, wird mir klar: Hier bin ich zwar kein Mensch, aber hier will ich sein.
Ich quetsche meinen Rucksack und mein Rad durch den engen Spalt und spaziere dann noch etwas in der Stadt herum. Gegen 2030 ziehe ich mich dann in mein dunkles Verlies zurück.
Nachts wache ich immer wieder aus Angst vor Ratten auf. Die Taschenlampe habe ich ständig in Griffnähe. Die Geräusche versuche ich immer wieder rational zu begründen. Aber ich bin allein und bleibe allein.
Am nächsten Morgen bin ich froh endlich um 6:45 aufstehen zu können und meine Gruft zu verlassen. Auf dem nur wenige Meter entfernten Bahnhof wartet schon mein Zug.
Ich schwinge mich noch ein letztes Mal auf mein treues Gefährt. Am Bahnsteig verstummen meine Reifen, die Tour geht zur Neige, mir bleiben schöne Erinnerungen. Ich habe es geschafft, von Lindau nach Berchtesgaden - wie damals König Max II.
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(C) by Florian Michahelles 1995