Königstour - Teil I


Auf den Spuren von Bayernkönig Max II.
Mountainbiken im Alleingang


Hoehenprofil

Inhalt


  1. Irrungen und Wirrungen
  2. Es sind schon viele Meister vom Fahrrad gefallen
  3. Exkurs in die Zivilisation
  4. Ein königliches Vergnügen
  5. Gegen das Vergessen - Leider verloren
  6. Dem Tüchtigen schlägt keine Stunde
  7. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg
  8. Krönender Abschluß

1. Irrungen und Wirrungen

Ich verlasse den Bahnhof und blicke erstaunt zum Himmel: Es regnet trotz aller einschüchternden Prognosen nicht, nein, z.T. blinzelt sogar die Sonne durch.
Davon motiviert nehme ich als erstes den Pfänder ins Visier.
Ich fahre aus Bregenz heraus und erklimme auf sehr steilem, aber wunderbar angelegtem, Schotterpfad die ersten 500Hm.
Dort oben zeigt sich der Bodensee in seiner ganzen Pracht. Nun rolle ich auf Teer nach Jungholz und steuere dann aber versehentlich den Hirschberg an. G:lücklicherweise treffe ich auf einen ortskundigen MTB'ler, der mir den Weg nach Langen erklärt.
Ein Super-Downhill führt mich an einem Bach entlang hinunter zur Hauptstraße. Die beschriebene Tour verläuft zwar etwas oberhalb der Hauptstraße, aber von solchen Lapalien sehe ich jetzt mal ab, denn nach Langen führt die Straße auch.
Nach dem Dorf Thal bin ich wieder in deutschen Landen.
Jetzt zeigen sich abermals die Tücken einer Landkarte mit dem Maßstab 1:75.000, denn ich verhaue mich wieder.
Ich schiebe dann auf Empfehlung eines leicht bescheuerten mein Rad querfeldein einen Hügel hoch. Auf der abfallenden Seite stellt ein Stacheldrahtzaun mich und meinen Bock vor eine Zerreißprobe, dabei quere ich Kuh-Terretorien und erreiche erleichtert die Straße nach Oberreute.
Durch diese Special-Gags habe ich etwa eine dreiviertel Stunde verloren.
Nach Oberreute streife ich wieder ein kurzes Stück durch Österreich, um dann ab Aach die steile Teerstraße nach Hagspiel zu nehmen.
Nach einigen Päuschen und Nachstopfen von Brotrationen verlasse ich oben die schöne Straße und folge einem kurzem Trial hinunter Richtung Imberg. Jetzt heißt es Schieben auf flutschiger Almwiese.
Wieder auf Teer quäle ich mich hoch zum Gasthof Hörmoos, ich pausiere wieder und schlinge etwas Kraftstoff hinunter. Meine Augen gleiten vorbei an meiner Uhr zur Preisliste des Gasthofes. Erstere sagt mir, das Tagesziel sei bei 1700 Uhr erreicht, letztere weckt mit einem Übernachtungswucherpreis von 35DM meinen Ehrgeiz, noch mehr Leistung zu vollbringen, etwa 2h von hier entfernt wartet eine DAV-Hütte auf mich.
Ich schwinge mich leicht geschwächt auf meinen Bock und fahre ins Schneeloch. Die Hüttenleute raten mit vom ab hier angeblich sehr matschigen Weg ab, ich lasse mich aber nicht beirren.
Ich fahre auf dem Weg weiter und rätsele noch etwas über die Ursachen der Schizophrenie der Bergmenschen, doch schon nach etwa 1km Wegstrecke finde ich Antwort.
Sie haben mir nicht zu viel versprochen, ich stecke knöcheltief im Dreck. Die Räder, dreckbeschwert, drehen sich kaum mehr, die Kette ist braun-schwarz verkleidet und auch die frischgeschmierten Naben sind mit einem feinen schokoladenförmlichen Matschfilm überzogen. Die Kühe vor mir haben ganze Arbeit geleistet, so ein Almabtrieb ist schon etwas feines!
Aber auch das geht vorüber. Bei rasanter Abfahrt nützen meine Reifen die Gelegenheit mir dicke Dreckbatzen ins Gesicht zu schleudern.
Rechts bergauf geht es nun zum Endspurt des heutigen Tages.
Von dem aufgestelltem Verbotsschild lasse ich mich nicht aus dem Sattel bringen, wohl aber von der brutalen Steigung auf losem Untergrund. Meine Oberschenkelmuskulatur teilt mir mit, daß sie heute keine große Lust mehr auf maximale Kontraktion mehr hat. Ich akzeptiere das unter diesen Umständen und beginne zu schieben.
Gemeinerweise hat man von unten, 1200m, bis oben, 1600m, das Staufner Haus ständig im Blick. Mahnend zeigt mein Chronograph 18:45 Uhr, als meine Brotquellen versiegt sind und ich genüßlich über zahllose Pistazien herfalle. Da die Hütte nur noch etwa 170m über mir liegt, lasse ich mir alle Zeit der Welt.
Beim schlemmen der Pistazienkerne richte ich meinen Blick erwartungsvoll in den Himmel, hinunter ins Tal, auf die Natur um mich herum, etwa eine Viertelstunde träume ich vor mich hin.Auch meine Arme werden langsam müde und weisen mich auf ihren Beitrag beim Schieben hin. Dafür rückt die Hütte langsam in greifbare Nähe.
Ich stolpere in die mollig warme Hütte hinein und richte mir mein Nachtlager ein. Bei spärlichem Wasserstrahl bemühe ich mich um angebrachte Körperhygiene. Nach leckerem Bergsteigeressen und zwei Litern Tee versinke ich gegen 2130 ins Reich der Träume. Bei einer Tagesleistung von 2700Hm kann ich zufrieden einschlafen.


2. Es sind schon viele Meister vom Fahrrad gefallen

Gegen 8:30 am nächsten Morgen nehme ich den Hochgrat in Angriff. Da der Weg immer noch so steil wie gestern ist, lasse ich mich wieder zum Schieben zwingen. Auf 1700m probiere ich mich unterhalb des Gipfels auf schmalem Pfad hinunter zur Oberselchalm.
Dort folge ich einem Schottweg ein kurzes Stück hinauf, um mir dann Früchte meiner heutigen und gestrigen Arbeit in Form einer etwa 12km langen Abfahrt auszahlen zu lassen. Vor einer engen Kurve komme ich zur Erkenntnis, daß meine Bremsen aufgrund von Näße nicht volleinsatzfähig sind, ich verstärke die Bremswirkung daher duch vollen Körpereinsatz.
Gegen 10:00 erreiche ich Gunzenried Säge. Von dort fahre ich an der Otto-Schwegler-Hütte vorbei auf verbotener Straße hoch zur Oberalm. Dabei lasse ich von einem himmlischen Panoramablick zu einer halbstündigen Pistazienpause hinreißen.
Vor der Rangiswanger-Alm ziehe ich gegen den steilen Weg wieder den kürzeren und schiebe demütig mein Gefährt. Auf schönem Almwiesenweg quere ich eine Pferdekoppel und fahre dann Richtung Sigiswang ab.
Auf steilen Schotterweg folgt wieder Teer, der mich zu hirnlosem Rasen verführt. Mit Spannung erwarte ich immer wieder die engen uneinsichtigen Kurven und rätsele, was sich hinter ihnen verbergen mag.
Mitten in meinen Gedankenspielchen werde ich plötzlich überrascht. Etwa 50m vor mir baut sich eine geschlossene Schranke auf. Das darf nicht wahr sein! Erschrocken lasse ich mit aller Kraft die Bremsbacken zugreifen, dabei werde ich wieder an die Hilflosigkeit meiner naßen Bremsen erinnert. Nur noch wenige Meter trennen mich von der Schranke. Schließlich gelingt es mir im letzten Moment noch wenigstens mein Hinterrad zu blockieren.
Ohne zu überlegen, mache ich in den letzten Sekunden das einzig Richtige. Ich lasse das Rad mit voller Längsseite auf die Schranke zu rutschen, in den letzten Sekundenbruchteilen vor dem Aufprall flanke ich wie ein Barrenturner vom Lenker über die Schranke. Hinter der Schranke lande ich dann den Umständen entsprechend sanft auf dem rechten Beckenknochen.
Die letzten Meter rolle ich etwas vorsichtiger nach Sigiswang.
Nach Tiefenberg quere ich dann nach sehr engen und steilen Kehren eines geteerten Fußweges die Iller.
Nach Altstätten geht es wieder aufwärts. Beim sehr preiswerten Sonthofner Hof stärke ich mich mit warmen Leberkäs bei Sonnenschein.
Erst gegen 15:00 nehme ich mir den Straußbergsattel vor. Das als Bergauf-Trial beschrieben Wegstück erweist sich als Schiebepassage.
Dafür geht es aber danach mit viel Geschicklichkeit zum Mitterhaus hinunter. Zwischendurch muß allerdings desöfteren absteigen, da die freundlichen Wegkonstrukteure den Wanderen zuliebe einige Steinstufen eingebaut haben.
Wieder auf Teer lasse ich die Reifen bis zum Cafe Horn surren und biege dann auf leichtem Trial hinunter nach Bruck.
Ab Bruck verlasse ich für heute die Königstour und fahre nach Hinterstein, um die DAV Schwarzberghütte zu erreichen.
Der Himmel zieht sich mit einem Mal sehr schnell und schon auf dem Weg zum Giebelhaus fängt es an zu schütten. Alle mir entgegenkommenden Wanderer raten mir von meinem Vorhaben ab. Da sich deren Entfernungsangaben allerdings so grundlegend widersprechen komme ich zur Erkenntnis: Traue keinem Wanderer in bezug auf Entfernungen!
Meinen Rucksack schützt ein Gelber Sack, mich meine Regenklamotten. Die anfängliche Kälte verflüchtigt sich sehr schnell beim kernigen Anstieg zum Schwarzberghaus.
Später wird es zudem wieder so steil, daß ich mich, um keine Pause einlegen zu müssen, abermals meinem Stolz widersetze und ein Stück schiebe.
Daraufhin trete ich wieder mit meiner Seniorenübersetzung 24/32 und lasse das Regenwasser in mich einziehen. Ich sehe Rauch aufsteigen. Noch etwas unsicher denke ich an eine Alm. Doch die zahlreichen Sonnenkollektoren lassen auf etwas größeres schließen, und richtig ich erkenne das Edelweis des DAV.
Endlich kann ich wieder die Geborgenheit einer Hütte bei warmen Tee genießen.
Es wird noch ein gemütlicher Meier-Abend mit einigen Wanderern, als ich erst gegen 22:00 das Feld räume.

3. Exkurs in die Zivilisation

Am nächsten Morgen löffele ich mein Müsli und erkenne durch das Fenster einen tristen Tag. Es hat die ganze Nacht geregnet, das Thermometer zeigt wenig einladende 2°C.
Ich bleibe daher noch bis Mittag und esse mich noch an einer Riesenportion Kaiserschmarrn satt.
Als ich mich gegen 13:00 in den Sattel setze, hat es zwar aufgehört zu regnen, doch die Kälte hält noch immer an. Ich rolle fast bis zur Jugendbildungsstätte des DAV in Hindelang. In den nun folgenden drei Tagen ruhe ich mich etwas aus und lasse mir Wissenswertes über die Ethik asiatischer Religionen erzählen.

4. Ein königliches Vergnügen

Das Seminar ist vorüber, so daß ich gegen 15:00 die Königstour fortsetze. Ich verlasse die vertrauten Tagungsräume und fahre auf der alten Jochstraße nach Oberjoch hinauf.
Von dort fahre ich durch wundervolle Landschaftszüge nach Unterjoch, um dann wieder einige Kilometer durch Österreich am Rehbachhaus vorbei durchs reizvolle Vilsbachtal nach Pfronten zu radeln.
Nach der langen Fahrt durch die Ebene strampele ich nun wieder auf steileren Stücken zur Burgruine Falkenstein hinauf, mache ein obligatorisches Foto und rase dann auf stark abfallendem Schotterweg gebremst nur von einigen lästigen Weidegattern zum Weißensee hinab.
Ich umfahre den See an der rechten, für Radler zwar gesperrten, Uferseite, eine reizvolle knapp am Wasser vorbeiführende Trialstrecke.
Nach diesem anspruchsvollen und viel Geschick fordernden Wegstück fahre ich hinauf zum Alatsee.
Auf einem Trimm-Dich-Pfad lasse ich meinen Rädern nach Füssen freien Lauf. Ich passiere eine neue Jagdhütte, die verschlossene Tür beraubt mich aber meiner Illusionen. Nach Umfahrung des Ober- und Mittersees erreiche ich das von Senioren besetzte Füssen.
Auf einer Brücke überquere ich den eindrucksvollen Lechfall, trete in den Wald hinauf, um dann zum Schwansee hinunter rollen zu können.
In der Ferne sehe ich schon Schloß Neuschwanstein und Hohenschwangau. Ich fahre an den riesigen leerstehenden Parkplätzen vorbei und quäle mich dann hoch zum Schloß Neuschwanstein.
Vom Anblick des protzigen Schloßes von der Marienbrücke aus werde ich fast erschlagen. Die untergehende Sonne läßt dieses gigantische Bauwerk noch monströser erscheinen.
Es ist 19:00, die Dämmerung setzt langsam ein und ich spiele schon mit dem Gedanken in einem Bushäuschen zu übernachten, fahre dann aber doch weiter zur Bleckenau.
Die Auffahrt verdiente eigentlich keiner Erwähnung, wenn nicht schon vorherige Anstiege an meinen Kraftreserven gezehrt hätten. Endlich oben sehe ich einen sehr leeren Gasthof, so daß ich mich entschließe, die ganz in der Nähe liegende DAV Fritz-Putz-Hütte zu suchen.
Ich nehme lachende Menschen aus der Hütte wahr. Als ich eintrete erfahre ich, daß es sich um eine unbewirtschaftete Sektionshütte handelt.
Ein freundlicher Mann ruft dann für mich den Hüttenwart an und ich bekomme ein Drei-Bett-Zimmer für mich allein. Wenn das keine Alternative zum Bus-Häuschen ist!
In der Küche bereite ich mir bei hartem Kampf mit anderen Köchen am Herd eine Fertigsuppe. Als Hauptgang bekomme ich von freundlichen Mitmenschen noch einige gekochte Kartoffeln kredenzt.
Erst jetzt sehe ich, daß ich in bester Gesellschaft bin, ein ganze Truppe Soldaten ist auch hier. Bei heißem Fenscheltee lese ich noch etwas Zeitung und gehe dann nach anregender Kommunikation gegen 22:30 in die Falle.

5. Gegen das Vergessen - Leider verloren

Am anderen Morgen mache ich mich um 8:15 davon. Auf gut fahrbaren, mitunter aber sehr steilem Weg, fahre ich zunächst in höhere Lagen auf, um diesen alsbald auf engen, trialmäßigen Serpentinen in den Ammerwald hinunter zu entschwinden.
Ich umfahre halb den Plansee und setze dann meinen Weg auf flacher, leicht abfallender Schotterstraße nach Grießen fort.
Nach dem kurzen Intermezzo mit der Alpenrepublik fahre ich ein kurzes Stück auf der B23 entlang und finde dann nach einigem Suchen eine Forststraße hoch zum Eibsee.
Ich kann meinen Weg zwar auf der Karte nun nicht mehr nachvollziehen, der nach einiger Mühe auftauchende, blauschimmernde Eibsee heißt meine Wegwahl doch als richtig. Auch diese Idylle liegt fest in der Hand protzige Autos fahrender Senioren.
Die Schienen der Zugspitzbahn führen mich nach Grainau. Schon um 11:30 gebe ich mich der Wonne eines üppigen Mahles aus einem Spar-Markt hin. Mit den erstandenen Leckereien bringe ich mich nach zwei Stunden fast zum platzen.
Die gestreckten Arme greifen am gefüllten Bauch vorbei zum Lenker und meine pedalierenden Füße bringen mich nach Hammersbach. Ein steiler, unfahrbarer Weg kostet mich viel Schweiß. Der Beschreibung im Führer "fahrbarer Schotterweg" kann ich nicht zustimmen.
Aber der Weg bessert sich wieder und nach drei Kilometer Auffahrt fahre ich vorbei am Garmischer Haus hinunter zum Bayernhaus. Hier oben kann ich die Auswirkungen des Wintersports (an denen ich auch beteiligt bin) auf die Natur erkennen.
Viele dicke querliegende Balken, die als Wasserablauf dienen, zwingen mich zu gewagten Sprüngen.
Auf sehr engem Fußweg mogele ich mich durch scharfe Spitzkehren hinunter zur Partnach Alm.
Auf halbem Weg aber schiebe ich aus Unsicherheit nochmals zurück zum Bayernhaus. Als mir ein Artgenosse allerdings versichert, ich sei doch richtig gewesen, darf ich dieses Stück erneut abfahren.
Von der Partnach Alm fahre ich über den Hohen Weg ins Reintal hinunter. Schlecht beschilderte Wegabzweigungen versuchen mich immer wieder in die Irre zu leiten.
Als es wieder bergauf geht, weiß ich nach einem Wegweiser, daß ich richtig bin. Der breite Forstweg wandelt sich nun zu einem 1,5m breiten Fußweg. Als ich auf einem Schild lese, daß die Reintalangerhütte auch per Motorrad versorgt wird, schließe ich daraus, daß der Weg gut fahrbar sein müßte.
Leichtes Auf und Ab und einige Brücken sorgen für Abwechslung. Noch ein weiteres Ereignis reißt mich aus meiner Lethargie: Meine Satteltasche geht plötzlich auf und der Inhalt verbreitet sich in Windeseile auf dem Boden. Ich sammele Messer, Werkzeug und alles andere, was herausgefallen ist wieder auf. Ja. fast alles! Später erst denke ich an den fotografierten Film - aber er wurde seither nicht mehr gesehen
Schließlich setze ich um 18:00 bei der Angerhütte einen Schlußstrich unter die heutigen sportlichen Betätigungen.. Mit sehr trinkfreudigen Hessen sitze ich noch bis 21:30 unter zwei Litern Teeinfluß.

6. Dem Tüchtigen schlägt keine Stunde

Der molligen Wärme des Schlafsackes entsteige ich gegen 7:15 und nehme dann meine Müslirationzu mir.
Um 8:30 rolle ich wieder zurück ins Reintal. Zunächst der Partnach hinunterfolgend, kurz vor der Klamm dann den Ferchenbach hinauf, fahre ich nach Elmau.
Von Elmau führt eine gut gewalzte Schottpiste hoch zum Schachen. Später fordert loser Untergrund zwar etwas liebevolleres antreten, aber mit nur einer zehnminütigen Pause erreiche ich nach zwei Stunden das Jagdschloß Schachen, ein beeindruckendes Bauwerk in 1866m Höhe.
Nach einer vorzüglichen Erbsensuppe fordere ich bei der rasanten Abfahrt von meinen Handgelenken maximale Belastung. Die schon oben erwähnte gut gewalzte Schotterpiste mich an den Rand des Geschwindigkeitswahnsinn.
In der Umgebung von Ferchensee und Lautersee treffe ich vermehrt auf Standardtouris aus Mittenwald.
Von dem touristischen Treiben in Mittenwald verschreckt, ergreife ich wieder die Flucht in die vertraute Einsamkeit der Berge. Vorbei an der Aschauer Alm quere ich den Seinsbach und fahre richtung Fereinsalm. Ein Schild mit der Aufschrift "Fereinsalm ½h" veranlaßt mich, mein Tempo etwas zu drosseln, der frühe Nachmittag um 14:30 läßt mir Zeit zu etwas mehr Ruhe.
Auf mäßig steiler Forststraße laße ich mich mit zusammengebissenen Zähnen von einigen Konkurrenten überholen. Ausnahmensweise laße ich mich diesmal nicht von meinem Ehrgeiz packen und behalte meine gemähchliche Langsamkeit bei.
Nach einigen Pausen, in denen ich mich etwas auf die Natur vertieft habe, bin ich dennoch um 1600 kurz vor den Hütten auf einem Plateau.
Ich lege mich noch etwas in die Almwiesen und sinniere vor mich hin. Erst als mich auch die letzten Sonnenstrahlen im Stich lassen, gehe ich auf die Krinner-Kofler-Hütte, eine Selbstversorgerhütte, zu.
Ich fühle mich gleich in der Küche heimisch bereite mir ein königliches Mahl. Dabei mache ich mit einem Menschen Bekanntschaft, der geboren wurde, um anderen Gutes zu tun.
Er gibt mir heißes Wasser, zeigt mir das Kochgeschirr und schenkt mir obendreinnoch zwei wertvolle Bockwürste. Darauf betrachtet er zufrieden mein eifriges Treiben am Herd.
Mit dem edlen Fleischgeschenk verfeinere ich mich Dinner bestehend aus Kartoffelpüree und Kräutersoße.
Nach gehöriger Portion Tee und Nahrung für den Geist, DIE ZEIT, verkrieche ich mich gegen 21:00 müde und zufrieden in meinem Schlafsack.
Die etwa drei Liter Tee veranlassen mich immer wieder zu kurzen Schlafpausen.

7. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

Nach feiner Milupa-Müsli Kombination setze ich mein Tretmobil gegen 9:00 in Bewegung. Die abfallende Schotterstraße nutze ich zu einer morgentlichen Hochgeschwindigkeitsabfahrt.
Nach leichtem Auf und Ab fahre ich zunächst noch einige hundert Meter später schiebe ich dann an einem Fußsteig entlang. Immer wieder sorgen dubiose Holzbrücken für Abwechslung.
Als der Steig endlich wieder fahrbar wird, mahnt mich ein Schild vor dem weiteren Wegverlauf wegen bauffälliger Brücken. Da ich die vorherigen Brücken noch in Erinnerung habe, folge ich dem Rat und benutze den miserablen Alternativtrampelpfad.Auf sehr flutschigem Laub habe ich einen schweren Stand. Als ich endlich einen Forstweg sehe folge ich brav weiter den Fußspuren und ende zur Belohnung an einem Jägerstand.
Etwas verägert wuchte ich meinen stählernen Begleiter das steile Stück wieder hinauf und bahne mir einen Weg zur Schotterpiste.
Nach reizvoller Fahrt durch eine interessante Felsformation rase ich hinunter zum Rißbach.Ich halte mich links und münde an einer Wehranlage. Nach einigem hin und her interpretiere ich die Anweisungen meiner Tourenbeschreibung endlich richtig und quere unerlaubt den Bach über die Wehranlage.
Daraufhin folge ich einem Fahrweg hinunter zur B307.
Nun gilt es die Abzweigung zum Galgenwurfsattel zu finden. Ein einheimischer Angler gibt mir noch den Tip, daß dieser Wegabzweig nicht beschildert sei und sich die Abzweigungen sowieso sehr ähnelten.
Nach Pfadfindermanier vergleiche ich sehr akribisch jede Biegung und jede Windung des Weges mit meinen Kartenaufzeichnungen. Die Mühe lohnt sich, denn ich finde tatsächlich den gesuchten Forstweg.
200Hm gilt es nun zu bewältigen, da ich bis heute mehr runter als rauf gefahren bin, habe ich noch wenig Kraftreserven verbraucht und bin daher noch gut in Form.
Leider folge ich später einem Wegweise nach Niedernach, statt auf dem Weg auf meinen Aufzeichnungen zu beharren. Dafür münde ich nun auf matschigen, mit Kuhfladen garnierten, tiefen Bulldogspuren. Meine grobstolligen Reifen entfalten ihre vollen Förderkapazitäten, so daß ich ein hautnahen Naturkontakt verspüre.
Dafür geht es bergab. Mit einem Mal ist der Fahrweg verschwunden, ich wüßte gerne wohin. Ich navigiere mein Vorderrad auf seltsamen, wahnsinnig steil abffallendem Fußweg hinab, der, dafür sind vereinzelte Gesteinsbrocken und der Matsch ein sicheres Indiz, zugleich auch als Bachlauf fungiert.
Meine Bremsen tun ihre harte Verzögerungsarbeit hörbar kund. Mit dem Körper hinter dem Sattel, die Arme auf maximaler Dehnung versuche meinen Schwerpunkt möglichst weit nach hinten zu verlagern, dabei gleicht meine Fahrt einem Balanceakt zwischen Himmel und Hölle.
Vom Matsch gezeichnet rolle ich in Niedernach am Kochelsee ein. Der Hunger kündigt mir die Mittagszeit um 12:30 an. Aufgrund finanzieller Erwägungen fahre ich aber noch weiter nach Jachenau.
Nach einem rekordverdächtig schnellem Mittagsessen von nur einer halbe Stunde trete ich nach Höfen. Der Weg steigt steil an, dafür wird dies durch eine schöne Abfahrt nach Leger hinunter wieder Wett gemacht.
Auf der B307 fahre ich weiter über Wegscheid nach Fleck.
Ich lege eine kleine Pause ein und fahre dann hoch zur Röhrmoosalm. Nach dreiviertelstündiger Dauerbelastung folge ich an der Röhrmoosalm vorbei noch steilernen Schotterserpentinen.
Endlich auf dem Kamm angekommen, suche ich den Weg zur Tegernseer Hütte. Als ich ihn aber endlich gefunden habe, kann ich trotzdem keine rechte Freude empfinden. Sogar einige Wanderer raten mir von meinem Vorhaben ab. Als dann aber einige Gleichgesinnte an mir vorbeiziehen, wird mir klar: Was die können, kann ich auch!
Von den heutigen Geschehnissen geschwächt stolpere ich mehr schlecht als recht auf dem anstrengenden Fußsteig bis zur Abzweigung zur Hütte. Hier trenne ich mich für heute von meinem Stollengefährt, da ich oben auf der Hütte wohl keine Verwendung dafür haben werde. Ich verstecke meinen metallenen Freund und kette ihn an einen Baum fest.
Per Pedes erklimme ich auf Felsstufen den Weg zur mächtig thronenden Tegerseer Hütte. Das Rad wäre hier in jedem Fall völlig deplaziert gewesen.
Ich begieße mich wieder mit Tee und schlinge das Bergsteigeressen hinunter und begehe dann noch zum Tagesabschluß den wenige Minuten entfernten Buchstein-Gipfel.
Ich lehne mich zurück, genieße das geruhsame Wolkeintreiben und lasse mich von dem goldgelb im Licht der untergehenden Sonne schimmernden Roßstein verzaubern. Umgeben von unzähligen Gipfeln versuche ich zur Ruhe zu kommen.
Wieder in der Hütte zurück nehme ich noch an einem geselligen Abend mit feucht fröhlichen Schwaben teil. Gegen 21:30 gehen bei mir die Lichter aus.

8. Krönender Abschluß

Bereits um 8:15 suche ich wieder die Nähe meines Zweirads. Bis ich wieder auf fahrbaren Untergrund gelange liegt ein halbstündiger Fußmarsch mit den Rad auf Schulter vor mir. Dafür bin nach einer halbstündigen Abfahrt bereits kurz vor Kreuth.Über die Langenau fahre ich auf flachansteigendem Fahrweg zur Bayralm. Immer wieder überhole ich einige MTB-Rudel. Dies scheint ein beliebtes Terrain zu sein, ob jung, ob alt, ob MTB oder gar Klapprad, alles ist hier unterwegs, und wenn zur Not noch geschoben wird.
Auf mir bekanntem Trial fahre ich ab zur Grundache, dann weiter zur EHJ-Klause. Ab hier ist alles unter Kontrolle der MTB'ler. Der Moser-Bike-Führer ist hier fast allen ein treuer Begleiter.
Ich setzte mir das Sillberghaus als Mittagsziel, und fahre über, mir mittlerweile sehr vertraute Pfade, an der Valepp vorbei über den Elendsattel zum Zipfelwirt. Da ich die Wegstücke in und auswendig kenne, kann ich mir meine Kräfte optimal einteilen und die Steckenabschnitte dementstrechend schnell hinter mich bringen.
Ich rase durch den Bach, daß das Wasser nur so spritzt und obwohl mir hier vieles bekannt ist, bin ich immer noch von den fantastischen Felsen und Schluchten begeistert.
Vom Zipfelwirt ab fahre ich kurzes Stück Teer, bis ich auf den steilen Weg zum Sillberghaus stoße. Ich lege meine Kette aufs größte Ritzel und aufs kleinste Zahnblatt, die Kraftanstrengungen sind trotzdem enorm. Ohne Unterlaß erreiche ich jedoch das Sillberghaus und lasse mich mit einem deftigen Schweinsbraten verköstigen.
Ich fahre dann weiter auf den Bayrischzeller Höhenweg und biege dann auf den Fußweg zur Niederhofener Alm hinunter. Dies ist einer schönsten und zugleich sehr schwach frequentierten Trials, die ich kenne.
Da ich auch dieses Stück nicht zum ersten Mal fahre, komme ich unten sturzfrei, und ohne aus dem Sattel zu steigen an.
Langsam macht sich Wehmut bei mir breit. Nur wenige Minuten Abfahrt trennen mich von Geitau, schon bald werde ich dem Zauber der Alpen wieder Rücken kehren müssen.
Als ich am Segelflugplatz vorbei rolle lasse ich mich noch ein letzes Mal den Alpen im Rücken auf meinen Film bannen.
Am Bahnhof in Neuhaus steige ich in den Zug, der mich nach Hause bringt.
Die Dreckspritzer am Fahrradrahmen und an meinen Unterschenkeln lassen mich in Gedanken die vergangenen Tage nochmals Revue passieren.
400km bin ich den letzten sechs Tagen gefahren, 200km der Königstour habe ich noch unerforscht gelassen.
Heut' ist noch nicht alle Tage, doch ich komm' wieder - keine Frage!


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(C) by Florian Michahelles 1995