Insel des Glücks


Die war Nacht klar und lau. Ich verschwinde schnell und früh, ohne Frühstück. Die letzten zum Roten Meer habe ich rasch hinter mir. Die großen Fassaden der Läden, Bars und Kneipen lassen das pulsierende Strandleben nur erahnen, Elat schläft noch. Ich lasse etwas die Seele baumeln, knalle die letzten Schekel für ein Frühstück durch, melde mich grinsend mit "Es hat 30C am Roten Meer, alles super!" zuhause. Erst als sich der Strand zu füllen beginnt, breche ich auf.

An der Küste entlang wird es einsamer und ruhiger. Ich erreiche den Taba-Grenzübergang. Die Formalitäten verlaufen problemlos, lediglich das demontieren aller Taschen zum Durchleuchten auf der ägyptischen Seite empfinde als lästig.

Vorbei an Roadblocks, angemalten Tonnen gelange ich über chaotische Schotterpiste vom einsamen Zollhaus auf die Straße. Die Straßen tragen noch deutlich die Handschrift der Israelis, es sind ja auch dieselben, damals, als Sinai noch Israel war.

Urplötzlich eine andere Welt. Bauarbeiter sitzen am Straßenrand, winken mir zu, lächeln, arbeiten, oder sitzen auch einfach nur. Ihre dunklen Gesichter, Turbane und weiten Gewänder zeichnen sie eindeutig als Ägypter aus. Überall wird gebaut. Nach der Rückgabe des Landes an Ägypten, den Tourimuseinbußen nach den Anschlägen in Ägypten, setzt man nun im Sinai auf Tourismus. Land wird nur verkauft mit Bauzwang. Die schreckliche Folge ist, daß die Spekulanten zwar zum Bauen anfangen, ihre Wirkungsstätten allerdings nur zu selten zu Ende führen. Zahlreiche Grundskellete großer Clubanalagen sind traurige Zeugen dieses Tuns. Abgemagerte und abgehalfterte Hunde bewachen die Gemäuer.

Das Meer leuchtet wunderbar. im Osten erheben sich die Berge Saudi-Arabiens. Noch immer kann ich es nicht fassen: Saudi-Arabien. Das ferne, verbotene Land. Unerreichbar für Touristen und doch trennt mich nur noch das Rote Meer von dem letzten fanatischen Hort des Korans.

Die Berge des Sinai sind schroffer, steiler und kantiger als die Elats. An einem Strand lege ich eine Pause ein, mein zweites Bad im Roten Meer. Abgesehen von den Bausünden, sind die Strände unberührt, vor allem aber absolut unbelebt. Noch bewege ich mich unsicher in dem Land, noch weiß ich nicht, wem ich trauen kann. Da winken die Bauarbeiter. Manche kommen heran und wollen Wasser. Was ist Ziel ihre Tuns? Ist es ein Vorwand, oder wollen sie wirklich von meiner Flasche trinken? Dann das Gebell dieser gräßlichen Hunde...

Ich suche schließlich Batsada-Beach auf. Mein Reiseführer schwärmt von diesem einzigartigen Feriendorf. Mir ist es das sehr recht, im freien Schlafen will ich nicht, noch nicht.

Hinter dem nächsten Hügel liegt mein Ziel. Der ägyptische Clubchef, alles nennen sie ihn hier ehrfurchtsvoll Sharif, empfängt mich in akzentfreiem Deutsch. Er weiht mich in die Regeln und Umgangsformen seines Clubs ein. Es ist fantastisch. Die Zukunft des Tourismus! Sanft, ruhig, entspannt, ökologisch sinnvoll!

Ein CLubdorf aus Bambushütten, strikte Mülltrennung, Gemeinschaftsküche, Alkoholverbot. Essen, Snacks und Getränke sind vorhanden, bei der Abrechnung vertraut Sharif auf die Ehrlichkeit eines jeden Gastes beim Führen seiner Strichliste. Aus der eigenen Bäckerei kommen die leckeren Backwaren. Schlafen kann man auf Wunsch am Strand oder in der eigenen Hütte. Duschen stehen zur Verfügung, auch das Wasser wird in der eigenen Anlage entsalzt und wieder geklärt. Ich bin begeistert, außer mir, ich fasse es nicht!

Dann die Ruhe, die Gelassenheit und Stille der Gäste. Man sitzt auf Teppichen friedlich beisamen und, sieht auf die Berge Saudi-Arabiens und frönt des Lebens. Ich leihe mir noch Flossen und Schnorchelzeug und tauche in die Unterwasserwelt.

Ich könnte schreien. Bunte Fische, stachlige Fische, Moränen, Korallen in allen Farben, das gibt's doch nicht! Ich glaube es einfach nicht, während ich lautlos an den Meeresbewohnern in unmittelbarer Entfernung vorbeigleite. "Das Riff ist doch vollkommen kaputt!", sagen mir die Sinia-Kenner später resigniert, naja, für mich ist es halt das erstemal.

Batsa Beach, eine Insel des Glücks, ein Ort, den man suchen und nie mehr verlassen soll!



Moderne Beduinengastfreundschaft


Der Abend war noch lang. Ich hätte eine Menge Spaß mit einer Mädchenklasse der Deutschen Schule in Kairo. Sie versuchten mir einige Phrasen arabisch beizubringen, das sich tatsächlich frappierend von denen auf meiner Sprachliste unterschied, dabei amüsierten sie sich besonders, als ich es wiedergab.

Ich komme spät weg, der edle Clubchef ist erst um halb neun zu sprechen. Der folgende Küstenabschnitt bis Nuweiba unterscheidet sich in Nichts vom gestrigen. Überall wird eifrig gebaut, kläffende Hunde treiben zur Weiterfahrt und selbst gepinselte weisen auf Beduinendienste wie Jeep- und Kameltouren hin. Die Küste ingesamt ist unwirtlich und lädt kaum zum Verweilen ein, ich tat wirklich gut daran in Batsada Beach zu nächtigen.

Nach Nuweiba, einer lieblosen Wellblechhüttensiedlung seßhaft gemachter Beduinen, erhebt sich nun die Straße stetig ansteigend durch verzauberte Bergwelt. Die Freundlichkeit hat auch die Beduinen hier auf Touris lagernd nicht verlassen, wohl wird aber eine großzügige Gegenleistung verlangt. Ich fliehe vor den geschäftstüchtigen Bergleuten und gelange schließlich zur Abzweigung zum Katherinenkloste, ein unsinniger Militärcheckpoint blockiert die Straße. Bereits gestern abend habe ich mit verschiedenen Leuten über Sinn und Zweck des Fortbestehens der MFO-Truppe diskutiert. Einstiges Ziel Israelis und Ägypter auseinander zu halten ist längst erfüllt, die Israelis haben den Sinai längst geräumt. Die Getreuen der MFO schieben dagegen immer noch ihren Dienst und lungern von der UNO vergessen gelangweilt herum. Die Soldaten verlangen keine Pässe, nur Aufmerksamkeit, "Hello, what's your name?" - alles.

Hinter einem kleinen Paß taucht die ideale Wüstenlandschaft auf. Gelber feiner Sand schwirrt über die Straße, schroff bizarre Felsklötze bauen sich auf. Die Kamele und Beduinenzelte perfektionieren schließlich das Stereotype.

Ich schieße noch schnell paar Bilder, als auch schon Beduinenkinder gelaufen kommen und mich anbetteln, schon habe ich wieder räuberischen Palästinenser Kinder vor Augen und mache mich eiligst aus dem Staube. Die Wüste hält noch lange Zeit an, Beduinenzelt an Beduinenzelt, schließlich will auch die Bilderbuchromantik nicht verpassen und lege eine kurze Rast bei Beduinen ein.

Die Beduinen laden mich zum Tee ein, von wegen Einladung!, am Ende zahle ich kräftig dafür. Dennoch faszinieren mich diese Leute. Stolz und zufrieden, anspruchslos, völlig Gleichgültig in politischen Belangen, Pick-ups und Touristennepp bereitet dem traditionsbewußten Volk offenbar keine Probleme.

Schließlich ist die Fahrt nur noch lang, die Sonne wird zunehmend schwächer, die Kilometer kriechen nur noch an mir vorbei. Ohne große Pausen treibe ich mich weiter Richtung Kloster. Erst als die Sonne schon fast vom Horizont verschwunden ist, kapituliere ich 20km vor dem Ziel. Hinter einigen Erdhügeln versteckt baue ich mein Lager auf und lasse mir Kartoffelpüree bereits im Schlafsack schmecken.



Freunde treffen: Der radelnde Künstler


Ich wache auf, es ist bitterkalt, die Berge werden die Sonne noch einige Zeit zurückhalten. Auf meinem Biwaksack ist über Nacht reichlich Tau zu Reif gefroren. Ich brauche mich also nicht zu schämen, daß ich friere. Kein Grund aufzustehen, kein den warmen Schlafsack zu verlassen, ehe mich die Sonnenstrahlen erblicken.

Es flacht dahin, ich erreiche eine Tankstelle. Dort stoppe ich, um Trinkwasser zu tanken. Der Tankwart fordert als Gegenleistung, eine Runde mit meinem bepackten Rad drehen zu dürfen. Ich habe mein Wasser, er seinen Spaß. Begeistert zählt er mir die Spielernamen der Deutschen Fußballnationalmannschaft auf. Ich nicke artig, habe ich davon doch keinen blassen Schimmer. Deutschland und Fußball - hier also schon wieder.

Endlich wird das Kloster sichtbar, Grund meines Sinai-Besuchs. Der Kilometer-Alptraum hat ein Ende. Wie eine Trutzburg liegt das wehrhafte Kloster am Fuße des Mosesbergs, eben an der Stelle, an der der sagenhafte Dornbusch gebrannt haben soll. Da dieses Reiseziel bereits seit längerer Zeit aus Bibel bekannt ist, habe ich heute auch nicht als einziger hier her gefunden und dränge mit zig anderen, vorwiegend Deutschen, Touris in die Gemäuer des griechisch-orthodoxen Klosters. In der Basilika wissen die verschiedenen Reiseführer viel zu berichten über all die Kreuze, Malereien, Ikonen, Gold - naja, eine Kirche halt.

Gegen Mittag schließt das Kloster, die Reisebusse und Touris sind mit einem Mal wie weggezaubert. Ich setze mich in den Taschen und vertreibe mir die Zeit. Deutsche Touris kommen auf mich zu und schwärmen mir von dem sagenhaften Mosesberg, dem Berge Sinai, die Sache mit den Geboten. "Das muß man erlebt haben", "Sie können doch nicht einfach heimfahren, ohne oben gewesen zu sein", "Naja, Sie als Sportler, brauchen vielleicht zwei Stunden.", "Der Sonnenaufgang ist halt des höchste.", "Aber der Untergang soll auch nicht so schlecht sein". Sie haben wohl recht, ich muß es tun.

Ich beschließe also, mir den Sonnenuntergang heute abend zu geben, denn "tagsüber is' des nix da oben". Folglich ist noch genügend Zeit. Die will ich nutzen für einen entspannenden Mittagsschlaf, denn ich will vorschlafen. Wenn ich heute Nacht vom Berg runterkomme setze ich mir als Ziel, mit dem Rad noch möglichst nach Nuweiba zurückzukommen, um Morgen früh dann auch wirklich die Fähre nach Aquaba zu kriegen.

So liege ich friedlich im Schatten, beobachte die Bauarbeiter, die frechen Araber-Kinder, wie sie in der Mittagsruhe der Mönche mit Fußbällen gegen die Klostertore ballern. Nach einiger Zeit kommt ein adrett gekleideter junger Mann aus dem Kloster. Ein Machotyp, drei-Tage-Bart, getönte Sonnenbrille, Walkman um die Ohren, ein chicer Leder-Rucksack sitzt locker auf seiner Schulter. Er will sogar nicht hierher passen. Ich vergesse ihn auch wieder.

Doch dann kommt er auf mich zu und spricht mich in perfekt Englisch an. Er ist sehr von meinem Fahrrad fasziniert und mich interessiert nun auch brennend, was so einer wie er eigentlich hier macht.

Er ist Grieche und heißt Giriacus. Es sei schon ein paar Monate her, als er selbst mit dem Rad hier angekommen sei. Als Maler hat er sich seine Farben, Staffeleien und Pinsel nachschicken lassen und wohnt nun im Kloster. Ich erzähle ihm, daß ich auf den Mosesberg wolle, er klatscht fröhlich in die Hände und sagt, er auch. Auf einmal hat es Giriacus ganz eilig. Wir bringen mein Rad in seine Klosterzelle, wo ich auch einen kurzen auf sein Rad werfen kann - so ganz habe ich es ihm doch nicht geglaubt...

Eingepfercht von seinen Bildern und umgeben von mehr als zwanzig Walkmen frönt er hier der Kunst. Doch keine Zeit. Er packt noch etwas Wegzehrung ein und hetzt mit mir zum Bergpfad. Sehr bestimmend, aber hintersinnig und wohlwissend hält er an bestimmten Stellen inne. Wir schnaufen beide kräftig durch. Er weiß immer wieder Interessantes zu berichten, wie oft er hier und anderswo schon im freien Geschlafen hätte, wie man die Ruhe hier genießen könne - wenn die Touris mal nicht da seien. Normalerweise halte er sich von ihnen immer fern, doch als er mein Rad gesehen hätte...

Giriacus ist auf interessante Weise eigenartig, eigensinnig. Mit einem Mal spricht er perfekt Deutsch. Fast. Er ärgert sich über jeden Versprecher. "Hervorragend, her-vorra-gend, hervorragend, hervor-ra-gend...", tagelang habe er an diesem Wort geübt. Genauso bei "Gebrauchsanleitung, Ge-brauchs-anleitung, Gebrauchsanleitung", ich lache in mich hinein und runzele die Stirn. Er ist wirklich lustig. Klein und hager rennt er mit seinem großen Zeichenblock unter dem Arm die Stufen hoch, ich haste mit seinem Rucksack hinterher.

Nach 75 Minuten, Giriacus will die Zeit so genau wissen. Es ist schon verrückt hier oben, hier gibt es alles: Tee, Kaffee, Biskuits und Snacks. Den Beduinen ist wirklich kein Berg zu hoch, keine Weg zu steil, um den Touris für kleine Annehmlichkeiten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Das Panorama ist fantastisch. Die Sonne senkt sich langsam, die Schatten werden länger, das prägnanten Relief der kahlen Bergrücken arbeitet sich immer mehr heraus. Der Gipfel füllt sich mit Menschen, jeder will den Sonnenuntergang erleben, "...des is ja noch nix gegen Aufgang...".

Egal welches Alter, alle müssen sie hier herauf. Schon so manchem hat hier nach einem Herzinfarkt das letzte Stündchen geschlagen. Dafür sind sie oben, da wo einst Moses die Gebote empfing. "Wo war' des eigentlich genau?" fragen ein paar Deutsche meinen zynischen Griechen. Der lacht nur und malt, nimmt das Lob "ein guter Maler" gerne auf und setzt noch eins drauf: "Ich weiß, ich bin der Beste.", läßt sich dabei nichts anmerken. Der Sonne geht unter, schauerliche Gesänge verschiedener Oberchristen setzen. Mir wird erzählt, zur Hauptsaison, stünden hier manchmal Tausend. Halleluja.

Im Dunkeln rauf, im Dunkeln runter. In den Alpen würde man einen für Lebensmüde erklären, hier ist es die Regel. Beim Abstieg über den breiten Kamelweg begegnen wir schon den nächsten Gruppen, die aufsteigen, um den sagenhaften Sonnenaufgang zu erleben. Es ist ein breiter Pfad, die Gehfaulen könne hier auf Kamelen reiten, ich indes male mir schon den Downhill mit dem Mountainbike aus..., da werden die Beduinen auch noch draufkommen.

Zurück im Kloster versorgt mich Giriakus erneut mit reichlich Wegzehrung. Er lacht kurz, als ich ihn frage, wo er das nun her bekommen habe. Er legt nur bedeutungsvoll seinen auf den Mund und grinst lausbübisch, die Küche der Mönche stand wahrscheinlich offen...

Er führt mich noch durch den wundervollen altertümlichen Wohnbereich der Mönche, zeigt mir den Dornbusch, der für mich als Touri schon lange nicht mehr zugänglich wäre, und lacht.

Ein herzlicher Abschied, eine Umarmung, ich verschwinde in die Nacht. Es war großartig, was für ein Spaß. Freilich bin ich müde, muß ich sein nach der Bergbesteigung. Mein Rad rollt wie von selbst. Jetzt geht es nur noch bergab, ganz leicht nur, aber bergab. Sternklarer Himmel, Ruhe, Stille, keine Wind, kein Laut, nur die weite Wüste. Keine Beduinen, keine Autos, keine Soldaten. Das einzige, was ich fürchte, sind Autos. Der bescheurte Brauch im Sinai, Autos ohne Licht zu fahren, kann lebensgefährlich sein, doch: Alles schläft, einer fährt - ich.

Erst 50km vor Nuweiba, ein Kilometerstein, beende ich die Nachtfahrt. Unweit der Straße breite ich meinen Schlafsack hinter einer Düne aus. Wunderbar. Weicher Sand.



Pilgerfahrt übers Rote Meer


Ich setze meine Fahrt nach Nuweiba fort, so leicht fliegen die Kilometer nun vorbei, so kurz können 50 Kilometer sein. Noch einmal die sagenhaften Wüstenromantik.

Am Hafen ist es eine Tortur. Erst finde ich das Fährbüro nicht, jeder schickt mich woanders hin. Dann nehmen die keine DM, höchstens Dollar. Ich habe nur einer Hunderter Mark Schein. Auf so viel ägyptische habe ich auch keine Lust. Dann finde ich eine Bank, die mir den Rest in Dollar auszahlt. Das nervt.

Im Hafengelände beginnt dann die Schnitzeljagd nach Stempeln und Formularen, natürlich spricht hier jeder akzentfrei Arabisch. Im chaotischen Wartesaal verpasse ich dann fast noch die Fähre, glücklicherweise sagt mir ein junger syrischer Tramper Bescheid, daß das nun die Fähre nach Aquaba sei. ich hetze also der Maße hinterher und gehe aufs Schiff. Ich bin etwas erschrocken, aber ich muß wirklich meinen Paß abgeben. Die Stempel sollen wieder fliegen.

"Verdammt!" geht es mir dann durch den Kopf. Der Paß ist ja für die Jordanier. Jetzt habe ich den falschen, d.h. den ohne Visum abgegeben, ich Idiot. Ich kann nur noch abwarten, es wird spannend werden, halt blöd, wenn man zwei hat.

Auf der Fähre ist es interessant. Da steht einer auf der Bank, plärrt übers Schiff und verteilt die Pässe. Witzigerweise heißen hier viele Achmed, Mahmud, usw.

Die Leute sind beeindruckend. Ich unterhalte mich mit einigen, die nach Saudi-Arabien als Gastarbeiter wollen. Den Großteil machen aber die sagenhaften Pilger aus. Ihre weiten weißen Gewänder, wertvoll verzierten Westen, bunte Tücher, dunkle Bärte - es wie bei 1001 Nacht. Ich wage es dennoch nicht zu fotografieren. Immer knien sie zu Boden, Blick nach Mekka, d.h. die Fahrtrichtung der Fähre muß immer berücksichtigt werden, senken sie andächtig ihre Häupter, stimmen in ihre Gebete ein, eilen auf die Toiletten und waschen sich die Füße.

Schließlich komme ich mit einem Ungarn ins Gespräch, er ist auch Tourist. Besser ausgerüstet als ich, kann er mit seinem Paparazzi-Objekte ein paar verbotene Bilder machen.

Ankunft in Aquaba, wieder ein fremdes Land, Jordanien. Die Schlange der Pilger zum Zoll ist endlos. Der Ungar, seine Frau und ich werden als Touris vorbeigewunken. Es dauer. Der Wartesaal ist heiß und stickig, ich komme mir vor wie beim jüngsten Gericht. Der Ungarn rät mir, besser nichts von meinem zweiten Paß zu sagen, ich solle lieber abwarten, zur Not ein zweites Visum zahlen. So passiert's auch. Ich tausche schlecht und zahle teuer. Egal, endlich in Jordanien.

Ich schwirre hinaus aus dem Hafen, Richtung Stadt. Hier tobt das Leben. Grüne Palmen, Hotels, Bars, internationales Publikum. Wie drüben in Elat, nur billiger. Mir reichts, es ist dunkel, ich will raus aus der Stadt, irgendwo Schlafen.

Starker Wind treibt mich rasch voran. Es herrscht viel Lastwagenverkehr, es wird dunkel un d gefährlich. Die Landschaft ist undankbar, zu einsichtig, ich kann mich nirgends verstecken, also fahre ich weiter.

Ich zweige auf eine Nebenpiste ab und kundschafte die Lage hinter ein paar Hügeln aus. Da sieht mich ein Soldat. Mit meiner Kopflampe muß ich ihm verdächtig vorkommen. Er schreit mich an, natürlich nur arabisch. Ich mache ihm klar, daß ich noch mein Rad holen. "Hoffentlich flippt der jetzt nicht aus" geht es mir durch den Kopf. Er fährt vor mir her, immer wieder stoppt er und vergewissert sich, daß ich hinter ihm bin. "Scheiße", denke ich, habe jetzt schon die Schnauze voll. Wohin soll das führen?

Zu einem Soldaten Checkpoint. Auf einmal stehen 10 Soldaten um mich herum. Ihr Chef gebietet mir in wichtiger Gestik anzuhalten. Ich habe Angst. Ich tue das, was ich mir für solche Situation angewöhnt habe: Abwarten, ruhig bleiben, abwarten, ruhig bleiben.

Der Gesichter verziehen sich zu einem freundlichen Lachen. Begeistert stehen sie um mein Rad. "Germany" sagen sich stolz. Ich muß versprechen, Postkarten zu schicken, muß auf einmal jeden Besuchen, mir zig Namen merken. Einer rennt und holt ein Kissen. Verrückt. Wie ein König sitze ich in ihrem, sie stehen um mich herum. Ich bin Ehrengast, bekomme warme Kartoffeln, Brot und Spinat gereicht. Verrückt. Von ein auf die andere Sekunde hat die Stimmung umgeschlagen. Ich darf nicht mehr weiterfahren. Nein, viel zu gefährlich. Sie würden mich bewachen, ich muß in der Nähe des Checkpoints schlafen. Ich fasse es nicht, großartiges Land, großartige Leute.

Das fängt gut an.