Wo Milch und Honig fließen


Als ich am nächsten Morgen den Ort mit seinen schrillen Gästen verlasse, tut mir der Abschied fast etwas weh. Freilich war ich nur zwei Tage, keine Monate oder gar Jahre hier, dennoch habe ich mit den Leuten gut verstanden. Alle hatten wir eine ähnliche Auffassung vom Leben, waren alle gut gelaunt, hatten viel einander zu berichten, es hat einfach Spaß gemacht. Noch spüre ich den kräftigen Händedruck des Belgiers als ich mich verabschiedete, "If you don't have water, drink your piss!" gab er mir als Tip für die Wüste mit auf den Weg. Ich rolle bergab aus der heiligen Stadt heraus, in Gedanken habe ich die Charaktere aus der Jugendherberge noch einmal vor mir: Der bullige Kanadier mit seiner Holzfällerstatur und der dazu passend immer aus der Pfanne aß, der andere Kanadier, der mit dem Skateboard unterwegs ist und seine Reise mit Bildern von Kriegsgebieten finanziert und all die anderen Verrückten, "Take care!" gaben sie mir auf den Weg...

Nach kleinen Wirrungen folge ich der Eisenbahn hinaus aus der Stadt ins einsame bergige Land. Israelische Soldaten erklären mir den weiteren Weg und weisen mich daraufhin, daß ich mich nun auf palästinensischem Gebiet befände.

Wenige Meter weiter hätte ich es auch selbst bemerkt. Die Häuser ohne Gläser in den Fenstern wirken ärmlich, auf der löchrigen Straßen haben nun alte Autos zu kämpfen. Die unzähligen Minarette schreien mir Allah ins Gesicht. Ab und an kommt auch ein Araber auf einem Esel dahergeritten. Die Menschen sind herzlich und grüßen mich freundlich und überschwenglich zurück. Ich streife grüne Felder und blühende Landschaften, eben das gelobte Land. Fast wie zu Moseszeiten wird hier noch mühselig ohne teure Maschinen in mühevoller Handarbeit Landwirtschaft betrieben. Etwas unbehaglich ist mir aber doch. Mit Englisch komme ich hier nicht mehr durch.

Wieder grüße ich "Hello", da wähnen sich die beiden Kinder frei von Sünde und werfen die ersten Steine. Zwar werfen sie nur zaghaft und verfehlen mich weit, als sich dann auch noch zu Boden werfen und mit ihren Stöcken "dat,dat, dat..." ein Maschinengewehr mimen, verstehe ich die Brisanz in der Westbank.

Als ich ein kleines Dorf erreiche strömen freudige Kinder mit aufgerissenen Augen zu mir heran, egal ob zu Fuß, per Rad oder auf einem Esel. Ich gewinne wieder Vertrauen und fühle mich wohl. Mit meinen dürftigen Arabisch-Phrasen ist keine Kommunikation möglich, dennoch werde ich interessiert beschnuppert. Rafid begleitet mich noch einige Zeit mit seinem Rad, da wir uns nicht verstehen lachen wir uns gegenseitig an.

Ich möchte Rafid gerne fotografieren, doch er wehrt entschieden ab. Schade, ich hätte gerne auch all die anderen Kinder auf Foto festgehalten, doch der Islam verbietet Bilder, zumindest, wenn man nichts bezahlt...

"How are you?" fragen mich schon im nächsten Ort zwei junge Männer geleiten mich dann mit ihrem Auto aus dem Ort. Einer von beiden zeigt auf seine Uniform und offenbart sich mir als Polizist. Er will mir helfen und lädt kurzerhand mein Rad auf den Pickup. Kurz darauf sitze ich auf der Rückbank, der Pickup rast in einem Affenzahn den Berg hinauf. Ich bereue meine Entscheidung. Es doch alles ein wenig schnell. Was tun, wenn der doch kein Polizist ist? Die beiden haben mich voll in der Hand. Sie unterhalten sich auf arabisch, ich weiß nicht was sie aushecken. Der Polizist fragt mich, wie mir das Land, er sagt Palästina nicht Israel, gefällt. Ich umgarne ihn mit Ausführungen über die Freundlichkeit der Palästinenser und die reizende Landschaft, er freut sich. Ich frage ihn, warum sie mich mitnehmen, er meint nur, er wolle mir helfen. Ich will wissen, ob es hier gefährlich für mich sei, nein, weicht er aus man wolle mir nur helfen. Warum, wegen Steine werfender Kinder?

Zurück auf der Straße erreiche ich bald einen Soldaten-Checkpoint. Auch hier bin ich willkommener Gast, die jungen Soldaten reichen mir Kaffee und überschütten mich Keksen und Gebäck, es ist einfach unglaublich. Sie warnen mich allerdings vor den Palästinensern und können nicht verstehen, was ich dort wollte.

Als nächstes besichtige ich Bet Guvrin, ein Ausgrabungsstätte mit vielen Höhlenwohungen. Meine Zeit ist knapp, heute am Freitag, dem Tag vor Sabbat, wird schon um drei geschlossen. Im Eilschritt laufe ich die Stationen ab und zeige mich von den Resten der alten Siedlung begeistert.

Ich schlage mich weiter durch nach Lakhisch. Auf dem einsamen Hügel ist ebenfalls eine Ausgrabungsstätte, die touristisch nicht erschlossen und überhaupt mehr für Archäologen interessant. Dafür ist der Blick aufs weite Land gut, ruhig und abgelegen. Eben ein hervorragender Picknick Platz dachte sich wohl auch die jüdische Familie, mich fröhlich schmatzend heran winkt. Wir unterhalten uns ein wenig auf Englisch. Meine Radunternehmung stößt auf Anerkennung und sie behandeln mich gleich einem Familienmitglied.

Der überschwenglichen Gastfreundschaft ergebe ich mich gerne und ziehe vollgepackt mit leckeren Pittas und anderen Köstlichkeiten von dannen, für morgen wäre damit auch schon gesorgt...

Zu guter letzt finde ich sichere Unterkunft in auf der Sitzbank eines ausrangierten Busses.

Auch heute handle ich wieder getreu meinem Ziel, möglichst abseits, auf Nebenstraßen und Feldwegen weiterzukommen. So irre schon bald durchs weite Ackerland, im gelobten Land. Hügel auf, Hügel ab, tiefgrün. Nicht enden wollende Schönheit - nicht enden wollende Irrfahrt.

Böswillig aggressiv bellende Hunde jagen mich weiter, lassen mich nicht verharren, hetzen mich durchs grüne Paradies. Ich verlasse mich voll und ganz auf meinen Kompaß und überquere mit etwas Mühe einen Erdwall. Womöglich bin ich nun wieder in Palästina. Ich erreiche eine Straße und kann mich wieder orientieren.

In El Rush lädt mich ein freundlicher Palästinenser zu einer Cola ein. Immer mehr Kinder strömen aus der nahegelegenen Schule heran und begutachten mich und mein Rad. Mein Gastgeber stellt sich stolz wachend vor mein Rad und drängt die neugierigen Kerlchen zurück, sobald sie die von ihm geistig gezogene Trennlinie überschreiten. Die Freude, die Neugier und Herzlichkeit ist rührend. Ich bin ein wenig vorbereitet auf solche Momente und verteile Aufkleber, die von den unzähligen Händen binnen Sekunden ergriffen werden. Der Höhepunkt gipfelt schließlich in einem Gruppenfoto, als ich dann winkende Hände in der Ferne verschwinden sehe - ein Stück Völkerverständigung.

Ich passiere wieder die Demarkationslinie nach Israel und stoße nach längere Asphaltbewältigung schon fast in die Negev-Wüste vor. Diesen Teil Israels spare ich mir aber noch auf, und steuere wieder Richtung Norden zum Naturpark Yatir hinauf. Auf meiner Fahrt dorthin bin ich umgeben von Wüste, von der das Waldgebiet Yatir verschont blieb. Natürlich wird dieser schöne Fleck Natur, insbesondere heute am Sabbat, von den Israels zu ausgiebigen Picknick genutzt. Ich passiere wieder einen Checkpoint und setzte meinen Weg Richtung Hebron fort. In Samu'a tanke ich noch etwas Wasser, unweit der Siedlung Ot-niel beziehe ich dann mein Nachtlager.

Ich bin nicht sehr glücklich über diesen Schlafplatz. Palästina hat, trotz aller Schönheit, etwas bedrohliches, unsicheres und unkalkulierbares. Fernab von palästinensischen Dörfern habe ich mich nun ausgerechnet in den Schatten der Siedler geflüchtet. Ich begreife nun was Siedlungspolitik bedeutet: Diese Stacheldraht umzäunte Wohnfestung ist ein Fremdkörper im friedlichen Land. Ich verzichte auf die Benutzung meiner Taschenlampe, habe kein Interesse vom Wächter auf dem Turm entdeckt zu werden...

Es geht nach Hebron, die Stadt Abrahams. Der Name ist geläufig aus den Nachrichten. Den Nachrichten, die schon nicht mehr wahrgenommen werden, sie werden verdrängt. Mit Hebron verbindet man Straßensperren, Attentate, Siedler, Ausgangssperren - ein garantiert unsichere Standort für Journalisten. Mein Reiseführer rät ab, die Stadt zu besuchen.

Bei jedem Checkpoint, den ich in den letzten Tagen passiert habe, habe ich nachgefragt über Hebron. Zögerlich antwortete man mir, die Lage sei gespannt - andererseits, das ist sie hier immer. Schon in Jerusalem hatte ich mit den Globetrottern in der Jugendherberge darüber diskutiert. "Alles nicht so schlimm", mir als Tourist würde schon niemand was tun. Vor ein paar sind drei Palästinenser vom israelischen Militär erschossen worden - ein Unfall. Wie auch immer, das heizt die Gemüter an und bringt die Stimmung zum brodeln. Ich schob die Entscheidung schon die letzten Tage vor mir her, denn eigentlich würde ich ja schon gern...

Bereits an den Stadtgrenzen, ich gelange auf eine Umgehungsstraße. Mir begegnen zahlreiche Militärjeeps, ok ich verzichte. Immer wieder stoße ich bei meiner Umfahrung auf Einfallstraßen, reizen würde es mich ja doch...

Die Schilder zur "Abraham Church" laden mich ein, doch schon allein der Anblick der Festung der fanatischen Siedler von Kiryat Arbat, dem Hauptärgernis der Palästinenser, reicht dann auch wieder.

Meinem Abgeschiedenheitstrieb folgend verlasse ich erneut die Hauptstraße und will über die 356 weiter. Ein Palästinenser winkt mich zu sich heran un lädt mich zum Kaffee ein. Es ist angenehm, Deutscher zu sein. Deutschland ist Mercedes, ist Wohlstand, leiser in der Weltpolitik, nicht pro-israelisch "good" gegenüber Palästinensern.

Begrüßung mit Handschlag "Where are you going?", "What's your name?", "Where are you from?" leitet der nette Araber das Gespräch. Stolz kramt er eine Zeitung heraus: "FC Bayern, Lothar Matthäus!" lacht er. Ich vergaß, Fußball, das ist ja erst recht Deutschland.

Als ich ihm erzähle, daß ich hier weiter wolle wird er ernst. Er rät mir dringend die Hauptstraße zu nehmen. Unzufrieden frage ich ihn warum, zögerlich spricht er von den unmöglichen Kindern, die mich für einen Juden halten könnten und Steine... - allzu schnell vergißt man die Brisanz bei so großzügiger Gastfreundschaft.

Ich folge seinem Rat und bin erstaunt über seine Aufrichtigkeit, immerhin warnt er mich vor eigenen Landsleuten.

Ich winde mich durch die Wirren Betlehems. Hier sorgt der Bibeltourismus für ständiges Verkehrschaos. Um die Geburtskirche bauen sich die Stände mit ihrem Schund auf, geschäftstüchtig sind sie ja die Araber. Hier könnte ich wieder Deutsch sprechen, Reaktionen "was mit dem Fahrrad aus Deutschland?...allein?..." auslösen. Ein kurzer Blick in die überladen Geburtskirche, ich fürchte ein wenig um mein Hab und Gut draußen vor der Tor, und ab durch die Mitte.

Es gäbe noch mehr Quatsch zu besichtigen: Das Feld der Hirten.



Steinigung


Ab Ubeidiya geht es bergab zum Kloster Mar Saba. Es könnte so einfach sein doch...

Es ist Schulschluß, kurz nach Mittag. Es herrscht viel Leben in dem unscheinbaren armen Dorf, unzählige Kinder sind unterwegs. Ich grüße freundlich und erinnere mich kurz an die lieben Gesichter von gestern zurück, die Sache mit den Aufklebern und Gruppenfoto. Auch strömen die Kinder auf mich zu, sie sind etwas älter, ich schätze sie auf 12 Jahre. Verwundert vernehme ich den hebräischen Gruß "Shalom", zwar lachen die Gesichter, doch nicht alle, manche Augen funkeln böse, hinterlistig und verschlagen. Ich werde beharrlich gedrängt, anzuhalten und umringt. "What's your name?" werde ich gefragt, doch es ist Routine, kein wirkliches Interesse, mit Sorge entdecke ich erst jetzt die Steine und Stöcke verstohlen hinter den Rücken versteckt. Ich traue meinen Augen nicht, "What's this?, "I want this...", verflucht jetzt reicht's!

Ich nehme dem Pack die Beute ab, die sie aus meinen Taschen entwendet haben und mache mich davon, wie gesagt, es geht bergab. Doch zwei bleiben hartnäckig, unterdessen höre ich Stein auf meinen Helm krachen... "One Schekel" verlangen die zwei unverfroren von mir als Wegezoll, dabei lassen sie nicht von mir ab, krallen sich mit beiden Händen an meine Satteltaschen und lassen sich von mir mitschleifen. Ich versuche die beiden mit Sprüchen in Schach zuhalten und arbeite mich mit den beiden im Schlepptau langsam zu den Häusern vor. ich hoffe auf das Eingreifen einiger Erwachsener. Doch nichts passiert. Verdammt noch mal, ich muß handeln! Schon sehe ich die ganze Meute von vorhin heraneilen. Als meine beiden Belagerer von meinen Taschen kurz ablassen ergreife ich den günstigen Augenblick und reiße mich los, es hagelt Stein, doch ich bin frei. Später sehe ich, daß mein Brillenetui fehlt , die hat einer der Rotzlöffel abgerissen, sonst haben die Taschen viel ausgehalten.

"What's your name?", seither kontrolliere ich erst die Hände nach Steinen...

Am Kloster öffnet sich die Tür, ich bin ein Mann, man läßt mich ein. Ein orthodoxer Mönch führt mich durch die stimmungsvoll verwinkelte Klosteranlage. Besonders stolz zeigt mir der Mönch die Gebeine tapferer Vorgänger, die einem Überfall zum Opfer fielen. Bis zu dieser "Attraktion" kommentierte ich die Schätze mit "ah" und "oh" und brachte meine Bewunderung zum Ausdruck. Beim Anblick der unzähligen Schädel stockt mir der Atem, "ah" und "oh" scheint mir jedenfalls unpassend...

Pittoresk schmiegt sich das Kloster in mehreren Etagen an den Felsen, 180m tiefer schäumt das Kidrontal, dem die offenen Abwässer von Ubeidiya mit auf den Weg gegeben werden.

Der Pförtner erklärt mir auf mein Bitten einen anderen Ausweg durch die Wüste, auf keinen Fall mehr will zurück zu meinen Peinigern. Ich poltere nun durch die judäische Wüste. Für kurze Zeit gesellt sich ein Araber-Junge auf einem Esel zu mir, nach meinem Erlebnis hege ich Mißtrauen gegen ihn, doch er ist wirklich in Ordnung. Wir geben ein lustiges Bild ab, er treibt seinen Esel mit einem Stock an, ich poltere mit meinem Drahtesel über Stock und Stein.

Ich bin begeistert von den kahlen Hügeln der Wüste. Jetzt zur Frühlingszeit liegt sogar ein grüner Flaum über dem Boden, es ist beeindruckend. Das Land fällt nun stetig ab zum Toten Meer, so daß sich auch das Vorankommen recht unbeschwerlich gestaltet. Wirklich in der Wüste fühle ich mich dann beim Anblick herumstreunender Kamele - ohne einen Araber, der Geld fürs Foto will!

Mit glücklicher Hand navigiere ich mit dem Kompaß durchs einsichtige Gelände, fahrbare Wege gibt es zur Genüge. Den Grund dafür soll ich bald erfahren. Schon seit einiger wundere ich mich über das Glitzern auf einigen fernen Hügeln. Als ich nähere komme, stoße ich auf stille Zeitzeugen des Krieges: zerschossene Panzer rosten vor sich hin und erinnern an den Krieg gegen Jordanien. Es werden mehr, sogar die Schützengräben sind noch erhalten.

Ich lasse es genug sein und verschaffe mir auf einigen Hügeln noch etwas Überblick, versuche mich zu orientieren, wo ich morgen weiter muß. Auf einem Grasflaum schlage ich mein Lager auf, ich bin etwas besorgt gegenüber natürlichen Feinden, wie Schlangen. Doch die Vögel zwitschern, Kamele schnarchen unweit von mir, es ist friedlich, die Wüste lebt...