Der Sandsturm
Und wie die Wüste lebt! Stechmücken erfreuen sich ihres Lebens - auf meine Kosten. Es ist schön warm und trocken, kein Vergleich zu der Kälte und dem Morgentau in Hebron, aber die Stechmücken...
Am nächsten Morgen wundere ich mich über die tiefen Wolken. Wolken? Eigentlich eher Nebel, so tief über dem Boden. Doch Nebel in der Wüste? Nein, was ich als Wolken oder Nebel sehe, ist nicht weiß, sondern eher giftig gelb gefärbt, es ist Sand! Ich packe meine Sachen schnell zusammen und mache, daß ich hier wegkomme.
Die Sicht wird immer weniger, der Sand beginnt das LAnd zu verschlingen. Glücklicherweise habe ich mich gestern noch umgesehen und orientiert. Was ich gestern in der Ferne von einem Hügel aus als Straße identifiziert habe ist tatsächlich eine. Der kräftige Sandsturm bläst mich nordwärts auf die Hauptstraße. Mit dem Wind im Rücken läßt sich leben, doch bereits auf der Hauptstraße bekomme ich ihn seitlich zu spüren...
Mein ganzes Gesicht ist von einer Puderschicht aus feinem weißen Sand überzogen, aus dem Spiegel der Toiletten einer Tankstelle mustert mich ein fremdes Gesicht: strenge Falten durchziehen das ernste Gesicht. Ich wasche mir die Gaben der Wüste ab, um ihnen sogleich wieder gegenüber zu treten.
Auf einen Besuch Jerichos verzichte ich des Wetters wegen. Ich hatte mir auf dem Weg dorthin auch viel vom Kloster St. Georg versprochen, doch füge ich mich nun den Gegebenheiten. Statt dessen stehe ich dem Sturm von Angesicht zu Angesicht gegenüber und steuere nun gleich aufs Tote Meer hinunter.
Die Fahrt ist öde, alles gelbbraun, die Welt scheint unterzugehen. Zwar geht es bergab doch kann ich aufgrund des starken Windes kaum Vorteil darausziehen. Zu meiner Rechten erheben sich höhere Sandberge, zu meiner Linken säumt mir unfreundlicher Stacheldrahtzaun den Weg, häßliche Schilder mit Todenschädeln warnen vor Wasserminen.
Im alten Qumran lege ich eine Besichtigungspause ein. Der Kassier rechnet heute scheinbar nicht mit Gästen, freiwillig zahle ich dann aber auch keinen Eintritt. Die alten Mauern sind bei der schlechten Sicht auch wenig spektakulär, die fantastische Bergkulisse im Hintergrund läßt sich größtenteils auch nur erahnen.
Einige Kilometer weiter nutze ich die Gegebenheiten eines Seebades zu einer weiteren Rast. Von ihm lasse ich mir dann erzählen, wie es hier wirklich aussieht. Weiter erklärt er mir, daß der Sandsturm aus der Sahara komme und den ganzen mittleren Osten einhülle. Zudem sei es seiner Meinung nach der schlimmste seit Jahren. Ich fahre wieder weiter und ärgere mich mit jeder Kurbelumdrehung über die vergeudete Energie und die zensierte Wahrnehmung.
An einer Abzweigung, die hoch hinauf in die Wüste führt, zögere ich einen Augenblick. Die Landkarte ist voll mit Pisten, die parallel zur Straße führen würden, doch jetzt wirklich der ungünstigste Zeitpunkt, sich in der Wüste zu verirren. So zwinge ich mich also zur Vernunft und folge weiter der Straße ins gelbe Nichts nach Ein Gedi. Meine Augen sind trocken, auf meinen Zähnen breitet sich Sand aus, das Atmen fällt etwas schwerer, die Luft trocken und stickig. Wenigstens habe ich genügend Wasser.
Trotz allem meint es auch heut das Glück wieder gut mit mir. Soldaten ließen mich an ihrem Cola teilhaben und dann erst in En Gedi...
En Gedi, ist der beste Ort, im Toten Meer zu baden. Es ist weniger einer Ort, eher ein Kiosk mit Strand. Dafür kostet es keinen Eintritt und es sind reichlich Duschen und Picknic Plätze vorhanden. Natürlich weiß das nicht nur ich zu schätzen, halbstündliche stoppen volle Touri-Busse zum obligatorischen Bad im Toten Meer.
Schließlich teste auch ich die 30%tige Salzbrühe und lasse mich auf Film bannen. Es ist eine lockere Sache, im warmen Wasser zu liegen und getragen zu werden. "Lay back and relax" meint ein Amerikaner. Schwimmen dagegen ist unmöglich, unweigerlich treiben die Beine auf und das Gesichter nähert sich dem Wasser gefährlich nahe. Meine Haut ist beinahe ölig, jede nur so winzige Verletzung macht sich mit kräftigem Brennen bemerkbar. Auf Augen und Schleimhaut wirk es beißend wie Säure...
Ich ziehe mich wieder an, da winken mich zwei Mädels mit gebratenen Hähnchenschlegeln auf mich. Das gibt's nicht: Zuerst faul in die Brühe geflehzt, dann zu Tische gebeten, das ist Leben!
Dem köstlichen Mahl folgt, man frißt sich so durch. Zwar ist der Tag noch jung, doch beschließe ich hier zu bleiben. Wäre auch blöd, auf so nette Gesellschaft von Delay und Beki zu verzichten. Es ist Regen angesagt, der sich hier verheerend auswirken kann. Die beiden erzählen mir von den gefährlichen "Floods", Schlammlawinen, die die ganze Straße wegräumen können. Die Furchen, die dabei entstehen, habe ich heute bereits gesehen. Außerdem bin ich durch meinen Verzicht auf Jericho gut in der Zeit. Warum also weiter?
Stundenlang unterhalte ich mich mit den beiden Israelis, erfahre viel Hintergrund über Palästinenser, Israel und orthodoxes Judentum. Wie glücklich dürfen wir Deutschen doch da mit unseren Problemchen sein. Beki und ich entdecken unsere gemeinsame Vorliebe für die Natur und können sogar über Bücher sprechen, die wir beide, aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, gelesen haben. Der Abend wird noch lang, die Nacht kurz...
Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Schon das Frühstück ist wieder ein Geschenk. Zwei Japaner wollen sich vor ihrer Abreise ihrer nun überflüssigen Nahrungsmittel entledigen, ich nehme natürlich dankend an. Abgesehen von Snacks am Kiosk ist hier auch weit und breit nichts zu bekommen.
Die beiden Mädels schlafen noch, ich will sie zwar nicht wecken, doch hinterlasse ich ihnen noch meine Adresse vor meiner Abfahrt. Nach einigen Fehlschlägen, mich auf kleineren Abwegen davonzuschleichen, sehe ich mich bald doch gezwungen, die Distanz auf der wenig spektakulären Straße zurückzulegen. Ohne den vielumworbenen Wildpark in En Gedi besucht zu haben dringe ich weiter in den Süden vor. Ich erreiche Massada, Hauptanziehungspunkt für israelische wie fremde Besucher des Landes. Man kann wahlweise zu Fuß oder per Seilbahn die 400m Höhendifferenz erklimmen, um zur fantastischen Festungsanlage zu gelangen.
Ich tue jedoch keines von beiden. Weder die horrenden Preise der Seilbahn, noch die mühselige Besteigungen reizen mich angesichts der schlechten Sicht - gelb sehe ich hier unten auch genug. Eigentlich schade, denn die schroffe Erhebung in der weiten Ebene ist schön anzusehen.
Es hilft kein klagen, dann muß ich halt noch mal kommen. Jedenfalls setzte ich meinen Weg fort. Das Meer verlandet immer mehr, das Ufer wird breiter. Durch den Abzug von Wasser am nötigen Jordan-Zufluß, ist der Wasserspiegel ständig am sinken. Mittlerweile sind es eigentlich schon zwei Tote Meere. Der Rückzug des Wassers ist deutlich zu sehen. Es sieht häßlich langweilig aus.
Noch einmal versuche ich mich aus der Gefangenschaft der Straße zu befreien und zweige westlich ab auf eine Off-Road-Piste. Tatsächlich treffe ich sogar auf einen Jeep-Guide, der mir auf seiner detaillierten Karte einige Trails zeigt. Zudem schwärmt er noch davon, wie spannend es sei, von einem Hügel aus, Schlammlawinen hinunterwalzen zu sehen. Er zeigt mir genau, wo ich fahren, ich tragen müßte. Wertvolle Information. Ich fahre weiter gen Westen bis zu einem großen Canyon, die Orientierung wird schwierig, aber nicht unmöglich. Dennoch gebe ich auch hier der Vernunft Vorrang, nicht bei Schlamm, Sandsturm und Regen, ums pure Überleben kämpfen zu wollen. Ich trete wieder den Rückzug zur Straße an.
So komme ich nach En Bokek, nach En Gedi die einzige Besiedlung am Toten Meer. Ein Bokek jedoch ist häßlich, aus dem Boden gestampfter Kurort, nur Bares ist wahres! Hotel an Hotel versucht man Touris und Kurgästen ärmer zu machen.
Witzigerweise treffe ich hier Biblisch Reisen aus Stuttgart. Die alte Dame, sie saß im Hinflug neben mir, ist außer sich vor Freude auf das Wiedersehen. Begeistert lauscht sie meinen Erzählungen über meine bisherigen Erlebnisse und fragt aufgeregt nach.
Einkaufen wäre bitter notwenig, doch kann ich mich mit meinem Stolz behaupten und mein Geld für mich behalten. Immerwieder setzen kräftige Regenschauer ein, ich suche unter einem Vordach Schutz.
Nach einem letzten kurzen Bad im Toten Meer fahre ich weiter. Es stürmt wieder. Vor Newe Zohar biege ins Wadi Hermitage ein. Begeistert radele ich durch die fantastische Landschaft, eingerahmt von grotesken Sandbergen und bunten Felsen. Als es unfahrbar wird, der Sand ist zu weich, gehe ich zu Fuß weiter. Zum einen von der Frage getrieben, wie es wohl weiterginge, zum anderen allein wegen der einzigartigen Schönheit, ich mache ein paar Fotos.
Zurück bei Fahrrad mache ich mich auf die Suche nach einem Lagerplatz, ich finde ihn nahe einem eingezäunten Wasserpumpwerk. Es stürmt, auch nieselt es leicht. Ich vertreibe mir die Zeit an einem entfachten Feuer, trockene Büsche und Holz gibt es genug. Wild lodern die Flammen im Wind und erhellen mit ihrem Flackern meinen Lagerplatz. Glücklicherweise kann ich den Regen abwarten, nachdem ich meinen Schlafsack ausgepackt habe regnet es nicht mehr, ich muß dem Himmel vertrauen.
Ich genieße die Ruhe, die Einsamkeit und das leise Knistern meines Feuers. So verstreichen Stunden, lebenswerte Stunden.
Unverwüstlich
Es hat nicht geregnet, es regnet auch jetzt nicht. Dennoch, der Himmel ist bedeckt und es bläst kräftiger Wind, zwar ohne Sand in der Luft, aber Wind.
Ich fahre aus dem Wadi heraus, kehre jedoch nicht auf die Straße zurück sondern fahre auf einer Sandpiste weiter gen Süden, damit folge ich dem Tip, den mir der Israeli mit seinem Faible für Floods gegeben hat. Das Wadi Ephram ist sehr gut fahrbar. Es ist unglaublich, wie sich die Piste durch die engen Gänge des Sandlabyrinthes windet. Dem Israeli vertrauend schlängele ich mich durch die sagenhafte Kulisse. Einmal lasse ich das Rad auch stehen folge zu Fuß in einen schmalen Seitenarm hinein.
Höhepunkt ist dann aber die Flavor-Cave. Der Name erklärt sich leicht, sobald man den mehlig weißen feinen Sand sieht. Die Höhle ist mehr ein begehbarer Gang von Wassermassen ausgespült. Mit Stirnlampe bewaffnet krieche ich hinein. Es ist möglich nach oben aus der Höhle heraus zu klettern. Ich erreiche ein Plateau. Aus eben diesem weiten Plateau, das vor langer Zeit noch vom Toten Meer überschwemmt war, sind durch Erosion die eindrucksvollen Trockenflußbette (Wadis) herausgearbeitet worden. Freilich trete ich nicht zu nahe an die Abbruchkante heran, aber es ist schon fantastisch, aus einem Erdloch an die Oberfläche zu treten und in der zerklüfteten Landschaft den eigenen Weg zurückzuverfolgen.
Das Wadi endet schließlich und gelange nun auch per Rad auf das Plateau. Auch hier haben die sicherheitsversessenen Israelis nicht mit Markierungen gespart. Sogleich bereue ich es auch, daß ich mir nicht Militärkarten von der judäischen Wüste besorgt habe. Doch zu spät, ich fahre nach Himmelsrichtung, verlasse mich auf Kompaß, Straßenatlas und, es gehört unabdingbar dazu, mein Gefühl.
Es geht aufwärts, wie sollte es anders sein, ich will schließlich den tiefsten Punkt auf der Erde verlassen. Die Höhe macht mir sehr zu schaffen, von -432m auf +350m, das macht trotz der geringen Zahlenwerte 800 Höhenmeter. Der Untergrund ist sandig, doch meist fest und fahrbar. Unmöglich, wie es mir ein Autofahrer beschrieben hat, ist es jedoch nicht.
Ich gewinne an Höhe, klettere aus der konstrastreichen Sandlandschaft heraus. Die scharfen Konturen werden weniger, die Hügel verschieden. Es wird flacher und langweilig. Der Anstieg zieht sich in die Länge. Die Sicht erstreckt sich in unendliche Weite - doch es gibt nichts zu sehen. Aufkommender Wind, natürlich aus Westen, macht das Fortkommen noch beschwerlicher, das Auge eilt über Kilometer voraus. Suche nach Abwechslung, jeder verrostete Mast, jeder Busch wird zur Attraktion. Schon lange vertraue ich der schwarzen Markierung, mit den Bezeichnungen auf den Schildern kann ich nichts anfangen, doch die Richtung stimmt.
Weit weg. Funkeln, Bewegung, mal von Links nach Rechts, mal andersherum. Das muß die Straße sein, die 258. Sammelbecken bauen sich vor mir auf. Ich finde Eingang in das eingezäunte Areal. Häßlich fügt sich die Phosphorfabrik in die keineswegs aufregendere Landschaft. Ich überklettere einen Stacheldrahtzaun und finde mich auf der Straße wieder. Gewißheit, etwas Erleichterung, die Fahrt durch die Wüste hat sich gelohnt. Kampf dem Asphalt, doch jetzt hat er mich wieder.
Nicht nur mich! Es ist eine wahre Rennstrecke, Busse und riesige Lastwagen versuchen mich von der Straße zu fegen. Ich bin erschöpft, auch fehlt es mir an Motivation. Aussichtsloses Stemmen gegen den Wind, hilflos den Böen, die aus den Luftmassen entstehen, die die Laster aus der Gegenrichtung vor sich herschieben, erlegen, sinke ich immer wieder nieder und pausiere. Ich ertappe mich beim Schlafen. Meine Wasservorräte gehen auch zur Neige, den Wind kümmert's jedenfalls nicht!
Mein eigentliches Tagesziel Dimona scheint mir unerreichbar, statt dessen nehme ich mir Mamshit, ein Nationalpark, vor. Dazwischen gibt es nichts. Die Straße 25, später gesellen sich noch Gleise für den Güterverkehr der Phosphorfabrik hinzu. Die Rotem Junction, eine gewöhnliche Abzweigung, wird für mich zum Meilenstein. Ich will ehrlich sein, auch die Eisenbahnbrücke, die Güterzüge über die Straße 25 bringt, will ich nicht vergessen. Ich widme ihr sogar eine Rast, ich bin wirklich am Ende...
Eigentlich komme ich zur richtigen Zeit. Der Nationalpark hat schon geschlossen, mit meinem Rad komme ich natürlich immer noch rein. Es dämmert schon. Ein Zelt. Ein großes Zelt. Da hängen Zeltlappen weg! Ich steige ab und stehe in einem Beduinen-Zelt. Natürlich ist es nicht echt, den Touris wird hier tausend und eine Nacht vorgegaukelt, mir reicht eine Nacht.
Denkste! Stimmen, ich bin nicht der letzte. Zwei Männer laufen ums Zelt, verflucht!, mein Rad steht noch draußen, das haben sie bestimmt gesehen. Ich habe nichts zu verlieren und starte zum Gegenangriff. "May I sleep here?" frage ich frech und direkt. Aus irgendeinem Grund sind beide keine Israelis, sprechen auch nicht Englisch, wir können uns witzigerweise aber auf Deutsch einigen. Sie könnten das nicht entscheiden, sie bringen mich zur Restaurantchefin. Sie ist nicht begeistert von meinem Vorhaben. Natürlich erkläre ich hier, wie schwach und müde ich sei und daß 10km nach Dimona nun wirklich nicht mehr drin seien. Hin- und her, ich müsse bis 7:30h am Morgen abhauen. Ich solle wissen, daß das Tor zu sei. Was das bedeutet ist mir zu diesem Zeitpunkt tatsächlich völlig egal. Die Restaurantbesitzerin lächelt. Ob ich Hunger hätte. Das ist doch unglaublich. Eigentlich wollte ich nur den kleinen Finger, doch jetzt nehme ich die ganze Hand...
Gar fürstlich residiere ich in dem Beduinenzelt. Der Boden mit Teppich ausgelegt, genügend Polster und Tische zum Sitzen. Ich besichtige noch ausgiebig die Ruinen der nabatäischen Stadt, deshalb der Nationalpark. Besonders schön kann man sich noch den Markt vorstellen, auch einige Tore stehen noch. Der Himmel verdunkelt sich. Ich melde mich bei meinem Freund Alon, natürlich gibt es hier auch Telefon im Nationalpark. Ja, es gehe mir gut, ich schlafe in einem Nationalpark, fließend Wasser und WC, meine Unterkunft sei großzügig...