Individualisten Basislager I: Wadi Rum
Die Nacht war laut, ein Stromgenerator röhrte permanent, der LKW-Verkehr nahm auch kein Ende, doch ich will nicht undankbar sein. Ich stehe früh auf und verabschiede mich von den Soldaten.
Es geht leicht bergauf. Mit mir stöhnen unzählige altersschwache Lastwagen. Gestank und Lärm sind fast unerträglich. Glücklicherweise kann ich jedoch immer wieder auf die noch nicht freigegebene Neubaustrecke des Desert-Highways ausweichen. Frischer glatter Asphalt, zweispurig, einen besseren Radweg gibt es nirgends.
Ich zweige nach Wadi Rum ab und lasse die schweren Brummis auf dem Highway zurück. Die Landschaft nimmt endlich wieder schöne Formen an. Mein Blick schweift über rotbraune Felsgiganten. Sandsteinfelsen auf Granitsockeln, die im Zuge des Ostafrikanischen Grabenbruchs angehoben wurden. Mittendrin T.E. Lawrence zweite Heimat: das fantastische Wadi Rum.
Ein Touristen eines Reisebus versammeln sich um mich. "Da sehen Sie, das muß ein Deutscher sein." sagt eine Dame stolz zu ihrem jordanischen Reiseleiter. Er gibt mir seine Visitenkarte, falls ich hilfe bräuchte, man weiß ja nie. Ich nicke artig. Die Dame macht ein Bild von mir. "Das muß sein.", sie verspricht mir einen Abzug zu schicken. Tatsächlich soll ich es auch Wochen später erhalten, eine schöne Erinnerung.
Das Wadi kostet Eintritt, nicht viel. Der Beduinenjunge am Eingang will unbedingt mein Rad ausprobieren. Nichts auf dieser Welt ist umsonst. Ich vereinbare mit ihm freien Eintritt für freie mit meinem Rad, Geschäft ist Geschäft.
Die Beduinensiedlung Wadi Rum steht noch am Anfang der touristischen Erschließung. Zwar kommen Tag für Tag einige Touri-Busse an. Dennoch gibt es bislang keine großen Hotels. Nur im Resthouse, ein staatlich geführtes Hotel, bietet Zimmer und Zeltunterkunft. Ich nehme letzteres und miete mir ein Zelt.
Per Rad ist in der schönen Wüstenlandschaft nichts mehr anzufangen. So freunde ich mich mit Steve, ein Engländer, und Ben, ein Amerikaner, an. Am späten Nachmittag stapfen wir hinaus in die Wüste. Eingerahmt von den steilen Felskolossen ist es fast zu schön um wahr zu sein. Schroff und wild zerklüftet erheben sich die griffigen Sandsteinwände, ein El Dorado auch für Kletterer. Sinn für Raum und Zeit gehen vollends verloren. Aus geschätzten zehn Minuten Marsch wird mehr als eine gute Stunde. Wir wollten dem Beduinen an der Lawrence-Quelle nicht glauben, unterstellten wir ihm doch, er wolle sich nur als Chauffeur verdient machen. Doch die Wüste hat eigene Gesetze.
Wir klettern noch ein wenig an einem Bachlauf entlang. Die Dämmerung setzt ein und es wird schnell dunkel. Der Ami dreht leicht durch. Erschöpft, aber immer noch rechtzeitig, kommen wir zurück zum Resthouse.
Hier trifft man sie alle. Jordanien ist klein, bestimmte Sehenswürdigkeiten müssen auf der Liste eines jeden Jordanienreisenden stehen, Wadi Rum ist auch dabei. So ist es kein Wunder, daß ich noch einen Radler treffe. Er war in Pakistan erzählt er ein wenig stolz, dann Jemen, mit dem Bus durch Saudi-Arabien, dann Jordanien. Ich lerne zwei Neuseeländer kennen, Deutsche auch. Ein Mini-bus spätnachts bringt noch mehr Rucksack-Individualisten. Wegbegleiter, "in Petra sehen wir uns wieder" kann man getrost sagen. "Also dann im Twaissi-Hotel", den Tip bekomme ich hier. Solche Treffpunkt sind einfach amüsant, hilfreich und unterhaltsam. Gute Nacht.
Alles nur für Petra
Es regnet wie wahnsinnig, es donnert und blitzt. Ich hätte es wissen müssen: Bisher hat es immer geregnet, wenn ich in der Wüste war. Ich drücke mich lange Zeit vorm Aufbruch. Der englische Jemen-Biker, "See you in Petra", ist schon lange weg. Es ist kalt und häßlich radle schnell. Starker Rückenwind bläst mich auf dem Desert-Highway schnell voran.
Als ich zu Mittag anhalte, bietet mir ein ebenfalls rastender LKW-Fahrer etwas von seinem Mittagessen an. Wieder bin ich willkommener Gast, ich halte mit ein paar Keksen dagegen. Er fahre Milchpulver in den Irak erzählt er mir. Jordanien lebe gut vom Güterverkehr in den Irak.
Es geht lang und steil bergauf. Die LKWs keuchen wieder mit mir, ich komme höher. Es nieselt leicht. Die Einöde mag kein Ende nehmen, mir ist kalt. Die wenigen Dörfer, die ich durchfahre, bringe ich schnell hinter mich. "I always have a big stick with me" hallen mir die Worte des Jemenbikers in den Ohren, Steine werfende Kinder seien überall. Die Gesichter, in die ich blicke sind emotionslos, unheimlich. Es fliegen keine Steine, nichts genaues weiß man nicht.
Ich bin am Ende, immer noch bergauf, scheiß Hochebenen! In einer Ruinen abseits eines Dorfes harre ich einige Minuten aus. Ich kann nicht mehr, hier will ich bleiben. Nein, ich will nicht. Wer weiß, wem diese Bude gehört, viel zu nah am Dorf.
Also radle ich weiter, weiter bergauf. "Petra", ein Wegweiser. Scheiß Wegweiser! Bringt mich vom rechten Weg ab, wie ich erst später merke, wegen einer Umleitung, 15km mehr, das ätzt!
Draußen auf dem Land endlich ein Gebäude, alt und verlassen, ich will es inspizieren. Noch bevor ich anhalte stoppt ein Pick Up. Ob er mich mitnehmen dürfe lächelt der Beduine. Erfahren frage ich gleich nach dem Preis. Er will umgerechnet 10DM, ich verweigere. "For free" sage ich frech. Wenn ich mir schon die Schwäche eingestehen muß mit dem Auto weiterzukommen will ich wenigstens nicht auch noch dafür zahlen. Er willigt ein.
Ade Betonbau, komme ich also doch noch nach Petra. Kurz vorm Ortsschild wirft mich der nette Beduine raus. Ich mache noch das Twaissi-Hotel aus, fahre dann aber dran vorbei hinunter nach Petra. Nach langem Suchen finde ich einen geschützten Platz in der pittoresken Felslandschaft unweit der legendären Nabtäerstadt. Morgen dann will ich ins Hotel, zwei Tage, aber nur eine Nacht.
Schaurige Gesänge aus der Felsenstadt wiegen mich in den Schlaf. Ich schlafe tief und fest und danke dem Beduinen für seinen Dienst.
Individualisten Basislager II: Unrecht gut gedeihet nicht!
Früh am Morgen fahre ich endlich zum Twaissi-Hotel, Tip aller Tramper, hat mir bis jetzt wirklich jeder empfohlen. "We 've expected you" verblüfft mich die amerikanische Hotelbesitzerin, der Jemen-Biker hat mich also schon angemeldet. "We 've got an all-you-can eat buffet" überzeugt mich die Amerikanerin vollends von ihren Leistungen. Neben zahllosen Reiseführern, den Lonely-Planet Standartwerken, Videos, natürlich "Indiana Jones" und "Lawrence of Arabia", ist zusätzlich noch der Transfer zur Petra-Stätte im Preis mit drin.
Ich lasse all mein Zeug im Hotel und nehme gegen acht den Hotel-Transfer in Anspruch. Ich benutze nicht den normalen Eingang, an dem einen 50DM Eintrittsgeld abgeknüpft werden. Steve's Beschreibung folgend, der Engländer von Wadi Rum, halte ich mich Rechts, eine Detail-Karte vom DuMont Reiseführer hilft mir dabei. Die Kletterei ist teils abenteuerlich, teils atemberaubend. Immerwieder gilt es 10 bis 20m tiefe Erosionsgräben zu durchklettern oder zu überspringen. Nicht ohne Grund hielt Petra seinen Angreifern so lange stand. Nach bald einer Stunde Kletterei erblicke ich die ersten Felsenpaläste. Es ist Wahnsinn. So müssen sich die Entdecker des Inka-Schatzes gefühlt haben. Endloses umherirren und plötzlich am Ziel.
Von einer Hügelkette mache ich die filigranen Konturen eines nabtäischen Heiligtums aus. Ich folge der alten Wasserleitung, knapp einen Meter breit zwänge ich mich durch traumhaften Felsformationen. Es ist anstrengend, macht unheimlich Spaß und spart obendrein noch Geld.
Die ersten Touris kommen mir entgegen, ich habe es also geschafft. Dennoch flüchte ich zunächst auf den El Hubta. Es ist noch früh, noch zu wenig Touris ich möchte nicht auffallen, zum anderen kann ich mir von hier oben einen grandiosen Überblick verschaffen. Khazne Faraun, Obelisken und Kloster Ed Dir sind meine heutigen Schwerpunkte. Das Wetter könnte ein wenig besser sein. Immer wieder bin ich beeindruckt von dem Glanz Petras gepaart von der tollen Lage im roten Gestein. Wilde Kletterei, große Entfernungen, es ist verdammt anstrengend. Ich mache viele Bilder und kann mich nicht satt sehen. Petra und Wadi Rum, Grund einer jeden Jordanien Reise, ohne Zweifel. Am frühen Abend komme ich mit einem Israeli ins Gespräch. Er berichtet mir, daß es trotz Friedensabkommen immer noch gefährlich für ihn sein Jordanien zu bereisen, auf eigene Faust würde er es nicht tun.
Er bestätigt mir, was ich schon von anderen Israelis gehört hatte. Als Jordanien, Israel noch feindlich gesinnt war, galt es unter jungen Israelis als Mutprobe, sich Kopf und Kragen riskierend über die Grenze zu schleichen, nur um das legendäre Petra zu besuchen. Ein Wahnsinn, mir reichte schon die Kletterei heute Morgen.
Am Abend schlenderei ich frech zum Eingang hinaus und freue mich erneut über Steve's Tip.
Im Hotel treffe ich Florian, ich kenne ihn ebenfalls aus Wadi Rum. Natürlich ist fasziniert von meinem Gratis-Besuch und möchte sich am nächsten unbedingt mir anschließen. Zuerst sträube ich mich, warne ihn von der mitunter gefährlichen Kletterei. Ich willige dann aber doch ein, da die Nervenbelastung zu zweit doch nicht ganz so schlimm ist, allein kann ich noch lange genug sein.
Es ist ein Festtag, das All-you-can-Eat Buffet begeistert mich. Als kenne ich Essen nur mal so von der Durchreise, schaufelle ich auf meinen Teller was geht. Meint eine Kanadierin kopfschütteln, ich müsse schon beim ersten Teller kapitulieren, übertreffe ich mich schließlich selbst, nachdem ich es noch zu zwei weiteren bringe. Meine Erklärung, ich sei halt ein hungriger Radler, kann das Entsetzen nicht mildern. Zugegeben ich bin selbst ein wenig erschrocken.
Anderntags brechen wir beide auf. Ich will heute einen einfacheren Weg finden. Leider haben wir dazu sehr einsichtiges Gelände zu durchqueren, wir sind beide sehr aufgeregt. Florian ist nervös, ich bin es nun auch. Irgendwie läuft es heute nicht so glatt wie gestern. Zum Höhepunkt kommt es, als wir uns noch vor einer Schafherde und ihrem Schäfer verstecken müssen. Irgendwie klappt es dann doch, in Petra angekommen trenne wir uns.
Ich bin noch etwas faul und gehe in einen Shop. Dort studiere ich ausgiebig Landkarte, Bildbände und Prospekte über Petra. Plötzlich kommt ein Kontrolleur auf mich zu, mir stockt der Atem. Unweigerlich verlangt er meine Eintrittskarte, verflucht!, eiskalt läuft es mir den Rücken hinunter, meine Knie zittern. Der rote Sand meiner verschmutzten Hose muß ihn auf mich aufmerksam gemacht haben.
Im Büro des Parkchefs fühle ich mich naturgemäß sehr schlecht und unwohl. Meine Ausrede, ich hätte das Ticket verloren, klingt leider wenig originell. Der Parkchef kassiert meinen Paß und will ihn mir erst nach Vorzeigen eines gültigen Tickets wiedergeben, Scheiße!
ein Welt bricht für mich zusammen. Ich hätte das Glück nicht zweimal herausfordern dürfen, der Glanz der Paläste ist für mich zumindest für heute dahin. Reuig schlürfe ich den weiten Weg zum Eingang. Vergeblich bringe ich auch dort den vermeintlichen Verlust meines Tickets vor, doch auch hier bleibt mein Flehen ungehört.
Brav zeige ich schließlich das Ticket dem Parkchef und schleiche mich mit meinem Paß leise davon.
Die Amerikanerin ist wenig begeistert, als ich ihr meinem Aufbruch erkläre, hat sie dich mit einem weiteren Verbleib gerechnet.
Der Himmel ist trist. Kalter Wind und leichter Niesel machen mir die späte Fahrt in der Dämmerung Richtung Shobeque recht ungemütlich. Die kahle Hochebene ist recht ungeeignet zum biwakieren. Jetzt würde ich mich über ein Zelt freuen. Normalerweise habe es um die Zeit 30 Grad habe ich die Worte der Amerikanerin im Ohr, toll.
In einem unwirtlichen Graben suche ich Schutz vor dem kalten Wind, es bleibt mir keine andere Wahl. Mein Biwaksack ist jetzt mein bester Freund. Es ist häßlich und nieselt die Nacht über. Ein scheußlicher Abschied von der Nabatäerstadt.
Suche nach Wärme
Schweinekälte! Ich packe eiligst mein Hab und Gut zusammen und stecke meine verfrorenen Finger willenlos in meine dicken Winterhandschuhe. Aufs Frühstück verzichte ich angesichts der unfreundlichen Witterungsverhältnisse. Erst nach einigen Kilometern warmfahren finde ich die Muße, etwas Brot und Helau, jordanisches Süßzeugs, zu mir zu nehmen.
Mein nächstes Ziel ist Shobeque, ein alte Kreuzritterburg. Hoch oben thront sie auf einem Hügel, der erobert werden will.
Der Ausgrabungsleiter führt mich stolz durch seine Ausgrabungsstätte und erklärt mir die Bedeutung der Burg, zeigt mir die markanten Veränderungen, die die Mamluken nach Eroberung durch Saladin vollzogen haben.
Die ersten Sonnenstrahlen durchbrechen die Wolkendecke, ich kann mir eine Verschnaufpause gönnen. Weiteres Treten bringt mich dann zum Naturreservat Dana. Das vorgeschaltete Dorf lasse ich hastig hinter mir, die Gesichtsausdrücke der Kinder deuten auf Steinwürfe hin, glücklicherweise kommt es nicht so weit.
Ich freunde mich mit dem Parkwächter. Leider darf ich nicht mit dem Rad in das einzigartige Naturreservat im Wadi Dana. Die Zeit für eine mehrtägige Wanderung kann und will ich nicht aufbringen. Der nette Parkwächter lädt mich auf mehrere Tees ein, es entwickelt sich ein interessantes Gespräch. Wir sprechen über die Wirtschaftslage Jordaniens, das Verhältnis zu Israel, ein wahrlich schöner Zeitvertreib.
Nach wie vor sehne ich mich nach Wärme. Ich glaube sie am Toten Meer unten finden zu können. Der Parkwächter empfiehlt dazu eine neue Straße, die auf meiner Karte noch nicht verzeichnet sein kann. Ich male mir schon die rasante Abfahrt hinunter ins Arava-Tal aus. Der Parkwächter sagt mir noch "The road to Safi" und schreibt es mir noch zusätzlich auf arabisch, damit anderen diesen Zettel unter die Nase halten kann.
Damit finde ich die Abzweigung auf die geheimnisvolle Straße in Tafila.
Natürlich bin ich voller Unbehagen und frage jeden, der mir in den Weg kommt. Die Landschaft ist einsam, toll, zerklüftet. In der Ferne sehe ich Es Sela, ehemaliges Rückzugsgebiet der Nabatäer, Petra im Kleinen, ebenfalls in unglaubliche Fels-Knubbel-Landschaft eingebettet. Ich treffe eine Jordanier-Familie, die ebenso wie ich den Anblick in der untergehenden Abendsonne genießt. Mit einer Selbstverständlichkeit lädt mich der Vater zum Tee ein und bestätigt mir die Richtung nach Safi.
Auf meiner Weiterweg streife ich Beduinenansiedlungen, die scheinbar noch in Ruinenresten alter Nabatäerbehausungen leben. Ich knüpfe keinen Kontakt.
Die Straße fällt mit einem Mal steil ab hinunter in die Arava Ebene zum Toten Meer. Auf steilen Serpentinen rase ich erneut auf tiefsten Punkt der Erde zu. Nun kann ich hinüberblicken über die Grenze nach Israel zu den sagenhaften Elat-Bergen, wo ich gute Woche hier hinüber in die Edom-Berge geblickt habe. Die Edom-Berge reflektieren auf bezaubernde Weise das rötliche Licht der Abendsonne.
Es wird merklich wärmer, ich genieße es. Die Luft wird dicker. Ich bin unten im fruchtbaren Tal. Gesäumt von Bäumen uns Palmen führt mich die Alle durch weite GRünflächen, die im großen Stil zum Ackerbau genutzt werden. Die großen Traktoren und ihre Taglöhner sind auf dem Heimweg, ich komme zur Rechten Zeit. Noch immer bin ich verdutzt über den krassen Gegensatz zur kahlen Hochebene, ich bin zufrieden. Wärme.
Als ich mich unter Busch besonders gut verstecken will, bohrt sich ein Dorn in mein Vorderrad. So habe ich wenigstens noch was zu tun. Danach brutzeln leckere Nudeln auf meinem Kocher und freue mich über glückliche Ende des Tages. Endlich wieder Wärme, dankend denke ich an den freundlichen Dana-Parkwächter zurück. Kurz darauf denke ich nur noch an Stechmücken...
Jordanische Gastfreundschaft
Die Nacht über bläst es heftig, soll es blasen. Heute morgen paßt der Himmel wieder.
Die Straße ist zunächst wenig spektakulär. Ich passiere Meerentsalzungsanlagen zur Mineraliengewinnung, nicht reizvoller als diejenigen drüben in Israel...
Trotz Gegenwindes weigere ich mich, mich hier allzu aufzuhalten. Endlich erreiche ich die Abzweigung nach Karak, ich lasse den industriellen Teil des Arava-Tal erleichtert hinter mir.
Freilich geht es nun steil bergauf, logische Konsequenzen für das erneute Verlassen des tiefsten Punktes der Erde. Ich militärisches Gebiet, meinen Fotoapparat lasse ich ungenutzt. Trotzdem kriege ich Probleme: Ein Militär-Jeep hält an. Einer der uniformierten versucht mich einzuschüchtern, ich sei beim fotografieren gesehen worden und verlangt meinen Fotoapparat.
Mir ist unwohl, ich habe nicht fotografiert und habe erst recht keine Lust schöne Bilder meines Films an diese Idioten zu verlieren. Langes hin und her, ich stelle mich dumm, verwirre ein wenig, sie fragen nach meiner Nationalität. "Germany", ach, da ist auf einmal alles in Ordnung, puh!
Es geht weiter, weiter bergauf, die Luft kocht. An einem schattigen Bushäuschen lege ich eine Rast ein. Bei einem benachbarten Laden werde ich beim Einkauf mal wieder übers Ohr gehauen. Egal, ich habe Hunger.
Beim Essen gesellen sich ein paar Schulkinder zu mir. Sie machen sich einen Spaß aus mir. Der frechste plärrt mich an und gröhlt mir aufdringlich arabische Lieder ins Gesicht, wie Psychoterror. Ich versuche, ihn nicht zu beachten, und statt dessen meine Brotzeit schnell hinter mich zu bringen. Dieser Widerling hört nicht auf, hebt einen großen Stein vom Boden und tut so, als wolle er ihn mir ins Gesicht schleudern. Immerhin, er tut es nicht. Ich verschwinde.
Kerak ist nicht mehr weit, aber hoch. Die Landschaft ist extrem hügelig, die große Kreuzritterburg, noch weit über mir, beherrscht überlegen das Tal.
Auf steilen Serpentinen erklimme ich erst die Stadt, dann endlich die Burg.
Ich steige in den alten Gemäuern umher und genieße den grandiosen Weitblick von diesem strategisch optimalen Punkt. Die Zeit in den zahlreichen Gewölben verfliegt schnell.
Ich will Karak Richtung Madaba verlassen, ich frage mich durch. Ein netter Jordanier zeigt sich interessiert. Was ich dort wolle, daß es weit sei übersetzt sein Neffe in gebrochenes Englisch. Er bittet mich inständig, sein Gast in Rabba zu werden, 10km von hier. Freudig überrascht willige ich ein. Er nehme den Bus und wir vereinbaren, uns auf der Hauptstraße zu treffen.
Unfaßbar! Ich nehme mir also die letzten 10km vor. An einer Kreuzung treffe ich witzigerweise meinen Gastgeber wieder, er muß hier in einen Bus steigen. Sorgenfrei sammele ich meine letzten Kräfte und rase nach Rabba, ich bin schneller als der Bus!
Minuten später treffen die beiden Jordanier ein, wir gehen zu seinem Haus. Zu zweit hieven wir mein Rad in den ersten Stock hinein in die kleine Wohnung.
Im Wohnzimmer lassen wir uns auf Teppichen und Kissen am Boden nieder. Mein Gastgeber spricht kein Englisch, ich kein Arabisch, guter Wille ist gefragt. Der ist freilich da. Wie einen Joker ziehe ich bayrische Fremdenverkehrsprospekte in Arabisch aus meiner Tasche.
Wie zwei Kinder blättern wir interessiert in den Heftchen. Es ist verrückt: Ich deute die Bilder, er liest schwerfällig "Ma-ri-en-plhah-tz". Ich vermache ihm das Prospekt als Geschenk, er ist außer sich vor Freude.
Das Essen kommt, das Zimmer füllt sich, die Brüder kommen. Meine Ankunft hat sich herumgesprochen. Beim Tee herrscht lustiges Geschrei, nicht selten muß ich mich mit drei oder noch mehr gleichzeitig unterhalten. Es ist ein Vergnügen.
Nur Männer. Hakims Frau bekomme ich nicht zu Gesicht, sie bereitet verschleiert in der Küche das Abendessen. Als ich rausgehe zum Händewaschen, versteckt sie sich verschreckt im Schlafzimmer.
Die Brüder drängen mich zu bleiben. Zwei Wochen mindestens! Einer bietet mir an, mich mit seinem Auto rum zu fahren, ist doch viel bequemer als mit dem Rad! Langsam wird es aufdringlich. Ich sagen nein, sie hören es nicht gerne. Morgen würden wir entscheiden.
Einer der Brüder spricht ein wenig Englisch. Er meint Christen und Moslems seien sowieso fast dasselbe: "One God, same, same!", so einfach ist das. Freilich haben die Christen was mit den Propheten verwechselt. "Same, same" sagt und reibt dabei seine beiden Zeigefinger aneinander.
Zu Essen gibt es Fladenbrot, das in allerlei Töpfe getunkt. Ich esse mich satt. Der Fernseher läuft unentwegt. Jeder der Brüder erklärt mir die Fernbedienung, "This is Jordan one, Jordan two. Syria One, Syria two...", wieder was gelernt.
Ein süßer Nescafe mit Milch ist dann der letzte Schlaftrunk. Habe ich ein Glück, draußen ist es saukalt...