Minenglück
Ich bin etwas übermüdet, denn gestern abend ist noch einiges passiert. Eine Militärpatrouille hat mir erklärt, es sei für mich zu gefährlich nahe der Grenze. Sie müßten mich nämlich sonst in der Nacht erschießen, wenn ich dort rum lungerte. Sie haben mir nahegelegt doch etwas weiter ins Landesinnere zu fahren. Ich habe also noch einige Kilometer draufgepackt und dann schließlich am südlichen Seeufer in Bananenstauden Unterschlupf gefunden.
Ich verlasse die Urwaldatmosphäre breche nach Khamat Gader auf. Wieder heiße Quellen, irrsinniger Menschenauflauf und noch stolzere Preise. Wieder auch keine Möglichkeit, mich durch zu mogeln, ich verzichte also. Zudem erklärt mir ein Parkeinweiser, daß es bei den 30C sowieso hochgradig bescheuert sei, sich da auch noch heiße Quellen zugeben, aber die Araber mögen es halt.
Ich halte mich weiter auf der alten verfallenen Straße 7599, die ganz dicht dem jordanischen Grenzverlauf folgt. Links und Rechts bin ich von hohen Zäunen umgeben, Schilder warnen vor Minen. Es ist ruhig und heiß. Weit hinter dem Zaun sehe ich jordanische Soldaten patrouillieren. Eine gesprengte Eisenbahnbrücke hängt traurig über einem Abgrund. Auf der Landkarte heißt es lediglich "damaged road", doch von nun an weiß ich, daß da militärische Kartenfälscher am Werk waren: tatsächlich versperrt mir bald ein hohes Eisentor den Weg und weißt alles danach als vermint und Militärgebiet.
Etwas enttäuscht drehe ich um und folge nun der Hauptstraße hinauf in die Golanhöhen. Die Atmosphäre ist eigenartig sonderbar. Saftgrüne Wiesen und bunt blühende Büsche zeugen von Lebenskraft im Frühling, Glück und Geborgenheit. Tief unten schneidet sich der Jordan sein Tal in die friedliche Szenerie hinein. Doch da sind auch die widerspenstigen Stacheldrahtzäune, die grellen Warnschilder auf Hebräisch, Arabisch und Englisch. Warnend schreien sie mich drei Ausrufezeichen an:"Danger, Mines!!!". Wieder sehe ich die Brückenreste und zerbombte Straßenstücke zur Grenze hin. Dann wieder Vogelzwitschern und langsame Autofahrer, die die Ruhe und Blicke hinunter zum See genießen.
Die Sonne brennt, mir rinnt der Schweiß ins Gesicht. Zu gerne möchte ich mich in den Schatten einer der vielen Büsche legen, leider alles vermint. Ich arbeite mich langsam auf die Anhehbung des Golan-Höhenzuges, in gnadenlos Steilheit erklimmt die Straße das Hochplateau. Es ist riesig und ziemlich eben, lediglich ein paar Vulkankegel ragen heraus und verleihen eine gewisse Abwechslung. Kuhherden weiden im hohen Gras. Einst syrisch, heute Israel, die wichtigste Errungenschaft aus dem Sechs-Tage-Krieg und Haupthindernis für einen Friedensvertrag mit Syrien. Es seien ja nur 1% der Gesamtfläche Syriens, steht es am Peace-Viewpoint bei Afik geschrieben. Unvermutet tauchen immer wieder Militärstellungen auf, sowie Mahnmale und Häuserruinen. Nachdem Mittagessen mache ich eine kleine Wanderung zu den Black Falls. Auf einem schmalen Pfad steil den Abgrund eines tiefeinschneidenden Canyons querend gelange ich im grasüberwuchernden Gelände zum Wasserfall. Der Pfad ist mit vertrauter israelischer Gründlichkeit markiert. Am Wasserfall kühle ich mich ein wenig ab. Ein riesiger Wasserkrebs geht vor mir ins Wasser, ich verzichte auf ein Bad, wer weiß, was sich darin noch alles tummelt.
Zurück beim Fahrrad setze ich meine gemütliche Fahrt fort. Vorbei an zahllosen Wasserreservoirs gelange ich zum Gamlapark. Etwas umständlich kann ich mir sogar mit dem Fahrrad zum bereits geschlossenen Parkgelände verschaffen.
Zwischen den alten Gemäuern römischer und jüdischer Ruinen stehen heute zahlreiche Picknickbänke. Noch beeindruckender aber ist Israels höchster Wasserfall Gamla, der sich aus 51m Höhe von einem Felsabbruch hinunter stürzt.
Umgeben von Grillenzirpen und Vogelzwitschern bestreite ich mit Grapefruits und Bananen mein Abendessen. Wohlbehütet verbringe ich dann die im Gamla-Park, der für heute Nacht mein eigener ist. Ich bin begeistert von den kurzen Öffnungszeiten.
Besetzt
Ich verlasse rechtzeitig den traumhaften Park und frühstücke erst ein Stück weiter in einem Bushäuschen. Die Sonne steigt am abermals klaren Himmel empor und erfüllt die klare Luft mit ihrer Energie. Mein blick wendet sich zum Mount Peres in der Ferne. Von dort erhoffe ich mir Einblicke über die Militärstellungen hinweg nach Syrien. Der kürzeste Weg durch den Kibbuz Yonatan wird mir leider verwehrt: Am Sabbat denkt nun wirklich keiner daran mir die Tore zu öffnen. Im weglosen Gelände kann ich den kasernenähnlichen auch nicht umfahren, so daß einen längeren Umweg über die Hauptstraße in Kauf nehmen muß.
Der Wind bläst mir wieder kräftig ins Gesicht. Ich zweige bald auf eine alte Militärpiste, die wie ein Strich schnurgerade durch die Landschaft gezogen wurde. Ich steuere auf die Field School des Kibbuz Keshet zu, die auch gut ausgeschildert ist. Freilich hat dort die Auskunftsstelle geschlossen. Ich bin also weiterhin auf mich allein gestellt. Ich besichtige alte Geschützstellungen nahe des Kibbuz. Schützengräben, Gestelle für Maschinengewehre, Panzerfäuste und Bunkeranlagen, die ich auch begehe, sind in erschreckend gutem Zustand. Es könnte jederzeit wieder losgehen...
Die Militärpiste verwandelt sich zu verfallenen Straße, wohl Absicht, soll ja keiner der Grenze zu nahe kommen. Der Mount Peres rückt näher. Mir ist unwohl. Ständig Warnungen, zumeist auf Hebräisch, ich kann nur hoffen, daß mir da nichts lebenswichtiges entgeht. Schließlich gelange ich zur Auffahrt auf den Mount Peres. Kurz vor dem erhofften Aussichtspunkt stoppt mich ein bewachter Schlagbaum. Zu dumm, mag doch auch das Militär den Blick nach Syrien. Zugleich erklärt mir der freundliche Wachsoldat, daß alles östlich der Straße 98 Sperrgebiet sei. Das haben mir die Kartenfälscher vorenthalten.
Brav kehre ich zur ehemaligen Hauptstraße zurück, die offiziell nicht als gesperrt sonder lediglich als "damaged" gilt. Ohne richtiges Mittagessen erreiche einen Tiefpunkt, im Schatten einer alten Geschützstellung schlafe ich ein.
Erst nach einer Stunde kann ich mich wieder aufraffen, in der gluthitze gegen den kühlen Wind anzutreten. Mein Magen knurrt, ich denke nur noch ans Essen, mich überfällt Heißhunger. Selbstschuld, wer den Sabbat unterschätzt. An einem schattigen PLätzchen greife ich schließlich zur Notration: eine Packung getrocknete Feigen. Kurze Zeit später radelte ein Israeli vorbei. Er freut sich, mich zu treffen. Dankbar greife ich auf seine Tourentips zurück. So erklimme ich den Har Yosifon und kann endlich von dort den begehrten Blick ins weite Land werfen. Israel und Syrien, nur zehn kilometer weiter östlich stehen sich Soldaten gegenüber. Hier ist es flach, das Gelände gut einsehbar. Die Boten des Frühlings sind unüberhörbar: Vögel zwitschern, Grillen zirpen, Frösche quaken. Für mich bleibt da nur die Frage: Sag mir, wo die Minen sind, wo sind sie geblieben...
So wird es auch in Zukunft nicht erschlossen werden, sondern sicherstes Naturschutzgebiet bleiben.
Doch aus der Traum, es geht wieder bergauf - ich schleppe mich dahin. Nur noch auf dem Zahnfleisch krieche ich zum Kibbuz Golan und winsele im dortigen Restaurant um Wasser. Auf den nahe aber noch höhergelegenen muß ich aus Kräfteschwund verzichten. Das frische Wasser erweckt jedoch wieder ein wenig zum Leben.
Nun bin ich im Golan, wie man es sich vorstellt. Eine Kaserne nach der anderen, Horden von Panzern, Flaggen, Zelte und Soldaten. Freilich auch konservierte Häuserruinen und Minen, Minen und Minen. Ich bin am Ende, doch es hilft nichts, noch geht es bergab. Das Gelände ist einsichtig und überall wimmelt es nur so von Militär. Hier verstehe ich, warum der Golan in den westlichen Medien immer wieder mit dem Attribut "besetzt" versehen wird. Es geht wieder leicht bergauf, meine Beine sind schlaff. Ich passiere einige Plantagen, die leider alle sehr sorgfältig eingezäunt sind. Verzweifelt suche ich nach Schlupflöchern.
Tatsächlich stoße ich auf ein offenes Tor! Ich radle schnurstracks hinein, als ich einen schweren Rückschlag erfahren muß: Der Bauer ist noch da bittet mich sein Gelände zu verlassen, da er absperren wolle. Mit Adleraugen erspähe ich dann einen zweiten Eingang. Ich warte nur noch, bis der Bauer verschwunden ist. Ich stelle mich Karten lesend und dringe dann erneut über den zweiten unverschlossenen Eingang ins Blütenparadies. Ich schlage mein Quartier auf und werfe augenblicklich meinen Benzinkocher an, ich habe einen Bärenhunger.
Die Apfelbäume stehen in voller Blüte. Ich genieße die eigenartige Ruhe unweit von Kasernen und schwerem Gerät. Die Himmel ist frei und zum schneiden klar. In der Vollmondnacht erleuchtet die Plantage zu einer Silberfarm. Ich bin glücklich. Schon bald wälze ich mich im wohl verdienten Schlaf.
Mountainbiken am Minenzaun
Am nächsten Morgen muß ich mich von dem wundervollen Blumengarten verabschieden. Ich mache da weiter, wo ich gestern aufgehört habe: Die Straße zieht sich sanft hinauf ins Hermon-Massiv. Die Morgensonne treibt ihr buntes Lichterspiel im schattigen Wäldchen.
Ich erreiche Mas'ada. In dem Ort leben viele Drusen, ein Volksstamm mit einer eigenen Religion. Die Leute sind meist dunkelhäutig, tragen Zipfelmützen und sprechen Arabisch. Ich empfinde sie als sehr nett und freundlich. Obwohl ehemals syrisch verhalten sich die Drusen nun loyal zu Israel, im Militär stellen sie eigene Kampfverbände. Ihre Religion ist geheim, schon alles etwas eigenartig...
Ich kurbele langsam zur alten Kreuzritterfestung Nimrod hinauf, vorher verliere ich auf einer rasanten Abfahrt zunächst noch einmal wertvolle Höhenmeter. In einem günstigen Augenblick kann ich mich bei der Museeumseinfahrt samt Fahrrad mit einem kurzen Spurt hinter dem Rücken des Kassierers in die einzigartig Festung einschmuggeln. Von der Festung hat man einen grandiosen Ausblick über das weite Land bis zum Genezareth. Es noch früher Morgen und ruhig. Lediglich ein Chamäleon und eine Schildkröte kreuzen meinen Weg.
Ich bleibe auf der steil ansteigenden Straße bis Neve Ativ. Ich meide dann aber die nahen Skigebiete und zweige noch vorher auf eine knackig steile Offroad-Piste ab. Ich finde mich in schönster Natur wider. Hauptsächlich Buschwerk ziert hier die Landschaft am Fuße des Hermonmassivs. Immer wieder zeigen sich die schneebedeckten Gipfelkämme. Eine Gruppe Israelis rät mir dann ab, in die höchste Region Israels zu fahren, was mich schon gereizt hätte. Sie meinen, daß es viel Eintritt koste und die einzige Möglichkeit für Israelis sei, Schnee zu sehen. Zudem seien jetzt wohl sowieso nur noch Steine zu sehen. Ich lasse mich überzeugen und bleibe auf der Piste.
Diese Revier hier muß von den israelischen Mountainbikern scheinbar erst noch entdeckt werden. Bei strahlender Sonne geht es auf der Piste vorbei an Wäldern und Wiesen. Die Vögel zwitschern und Blumen blühen. Während unweit von hier UNO_Truppen sowohl die libanesische als auch syrische Grenze beruhigen müssen.
Ich träume etwas, als mein Vorderrad sich plötzlich im zähen Morast festfrißt. Gerade noch rechtzeitig kann ich meinen rechten Fuß von dem Pedalkorb befreien und mich abstützen. Glücklicherweise finde ich ein Pfütze, in der ich mit Mühe den Dreck wieder los werde.
Totenkopfschilder, aufgepinselte Warnungen und Minensperrungen machen wir bewußt, daß ich in Israel und nicht im deutschen Voralpenland bin. Ich münde an der libanesischen Grenzstraße. Von Stacheldrahtzäunen und ausgedehnten Minenfeldern begleitet fühle ich mich etwas unwohl. Die Schönheiten der Natur treten dabei ins Hintertreffen. Auf einer Kammhöhe sehe ich eine UN-Kontrollstation, auf der ein sich Soldat mit freiem Oberkörper gelangweilt sonnt. Später höre ich Schüsse, was wirklich Angst einflößt. Ich bin doch nicht etwa über meinen Offroadritt in militärisches Gebiet eingedrungen?
Kurze Zeit später sehe einige Autos die straße entlang fahren, ich werte das als Indiz doch nicht im Sperrgebiet zu sein. Ich rolle weiter bergab, als mir ein Militärtruck begegnet. 10 Soldaten sitzen auf der Ladefläche mit ihren Gewehren im Anschlag. Mürrisch befiehlt mir deren Anführer, nur nicht das Seitenbankett zu befahren, dabei blicke ich in die zehn Gewehrläufe seiner Gefolgsmannen. Ich verstehe erst später warum: Wie die blöden fahren die Israelis ihre Grenzzäune auf und ab und wirbeln dabei mit einer Art Pflug den Staub auf den breiten Seitenbanketten auf, um so die Fußspuren von Eindringlingen sofort erkennen zu können.
Nach langer Abfahrt entlang der Zäune und versteckter Geschützstellungen gelange ich in die Hula-Ebene. Hier ersticke ich fast vor feuchter Hitze. Ich vermisse sofort den angenehm kühlen Wind, der oben im Golan wehte. Unweit der Baniasquelle zweige ich wieder auf eine Piste ab, die mich durch hohe Graslandschaft führt. Nach einigen Kilometern drücke ich mir einen Schlafplatz ins hohe Gras. Die Stechmücken erwarten mich schon.