Gastfreundschaft bis kurz vorm Platzen
Schon cool, so mitten in der Stadt in einem Park zu übernachten. Später kommt noch eine Sicherheitsstreife vorbei, der Wächter wünscht uns nur eine gute Nacht und verschwindet wieder.
Am frühen Morgen werfe ich von den Hügeln herab einen Blick in den Nationalpark von Bet Shean. Nach Fertigstellung der Restaurierungsarbeiten wird der Park zu den interessantesten antiken Stätten Israels gehören. Unübersehbar dominiert das imposante Römische Theater die Anlage. Der Überblick von hier oben genügt mir dann aber auch, will ja schließlich nicht den teuren Eintritt bezahlen.
Ich verabschiede mich den drei Brasilianern und breche zu einer Irrfahrt in die Gilboa-Berge auf. Dazu verlasse ich die schnöde Straße und stemme mich auf steilen Steinserpentinen am offenen Hang hinauf. Es macht Spaß. Ich fordere alles von mir und Material. Die Erde glüht vor Hitze. Mir rinnt der Schweiß und ich fühle mich sauwohl als ich mich mit den steilen Serpentinen im schattigen Kiefernwald messe. Aus dem Nichts erheben sich die 508m hohen Ausläufer des Berglandes von Samaria am Ostrand der Jezre'el Ebene. Der Gilboa-Höhenzug selbst mit blumenreichen Wiesen übersät. Von hier oben ist der Blick gigantisch hinunter ins Sumpfgebiet Jezreel Valley. Im beschatteten Föhrenwald wimmelt es nur so von Menschen: Ganz Israel scheint heute die lauschigen Picknick- und Erholungsplätze aufzusuchen.
Zurück auf der Straße rolle ich vom hohen Bergkamm an saftgrünen Wiesen vorbei hinunter Richtung Nazareth. Ich bin ein wenig müde, wegen der Stechmücken letzte Nacht habe ich etwas schlecht geschlafen. Wieder ist es der Wind, der mir zusätzlich zum steilen Anstieg hinauf nach Nazareth so zu schaffen macht. Ich kann nicht mehr, lege mich flach auf den Boden und schlafe einige Minuten.
Es hat keinen Zweck, ich wollte, und nun muß ich hinauf nach Nazareth. Schier endlos windet sich die Straße nach oben, viele Touristenbusse ziehen an mir vorbei. Tückisch winkt hinter jeder Biegung ein scheinbares Ende der Steigung, doch immer wieder werde ich herb enttäuscht...
Nazareth selbst, heilige Stätte und Wallfahrtsziel der Christenheit, ist ein einziges Chaos. Baustellen an allen Ecken und Enden, wenigstens ich komme mit dem Fahrrad gut durch. Man mag es typisch orientalisches Durcheinander nennen, ich finde es schrecklich. Genervt tue ich meine Touristenpflicht und fahre zur Verkündigungskriche, spaziere kurz hinein, gehe wenig beeindruckt noch zu Josefs einziger Kirche, dann mache ich, daß ich hier wegkomme. Das freilich ist leichter gesagt als getan, Nazareth liegt in einem steil abfallenden Tal. Die großzügig angelegte Umgehungsstraße windet sich abermals lange bergauf. Mit letzten Kräften erklimme ich die Scheitelhöhe und rolle hinunter zum See Genezareth nach Tiberias. Das nervige Nazareth liegt schon weit hinter mir, voller Freude rase ich auf der Palmen gesäumten Küstenstraße hinunter zum See. Die Straßen sind stark befahren, die Autos stauen sich hinunter nach Tiberias, ich sause vorbei.
Gelassen rolle ich am Seeufer entlang. Nach einigen großen Hotelanlagen stoppe ich schließlich an einem öffentlichen Strand. Ich lasse mich auf der Wiese nieder - nicht frei von Hintergedanken in der Nähe einer arabischen Großfamilie. Schon nach wenigen Minuten greift das Naturgesetz: Ich werde verwöhnt mit Cola, Keksen, Nüssen und Früchten. Schon früh bricht die Sippe auf und läßt mir reichlich Proviant zurück. Ich will gerade meinen Kocher aufstellen, als die nächste Araberfamilie eintrifft. Ich koche nur etwas, ich will meinen Magen nicht unnötig mit Nudeln belasten, wer weiß was für mich von der neuen Familie noch abfällt?
Fast zuviel des Guten. Die Väter haben Fleisch für drei Familien dabei und freuen sich, mir abgegeben zu können. Ich will es zunächst bei einem Kotelett belassen, mit den Fleischspießen danach habe ich nicht gerechnet. Fast voll und kurz vor dem Platzen, doch nicht genug, ein fetter Hamburger muß auch noch weg. Fast regungslos sitze ich mit meinen Gastgebern am Feuer. Wir haben riesig Spaß, uns gegenseitig Zungenbrecher beizubringen und nachzusprechen. Später kann ich mich bei den lieben Arabern noch mit Tee revanchieren, vor lauter Fleisch und Cola haben sie nämlich nicht an Wasser gedacht. Ich dagegen habe in meiner Vorsicht reichlich. Der Familienvater hinterläßt mir beim Abschied noch seine Adresse und lädt mich herzlich ein, sie doch zu besuchen, falls ich vorbei kommen sollte. Wenn das keine Aussichten. Lediglich schlafen muß ich heute noch selber.
Herrliche Aussichten und wundervolle Irrwege
Ich schlafe hervorragend:Keine Stechmücken, kein Morgentau, es ist ein Traum. Beim Frühstück erlebe ich den Sonnenaufgang am See Genezareth, leuchtend gelb erhebt sich der Feuerball hinter Edombergen von Jordanien am wolkenfreien Himmel. Es wird heiß werden.
Ich verlasse die Niederungen am Jordangrabenbruch und stöhne Richtung Berg Tabor hinauf. Der leckere Gratissaft einer Tankstelle ist mir eine willkommene Pause. Ich nehme noch soviel mit wie meine Trinkflaschen tragen können. Viel Flüssigkeit verläßt meinen Körper schon wieder bis ich endlich am Fuße des Berges Tabor stehe. Von Angesicht zu Angesicht. Einsam und mächtig erhebt sich der zur imposanten Erscheinung aus der flachen Hügellandschaft. Bis ich mein Ziel den Gipfel 500m über mir erreiche, muß ich noch mit aller Kraft bei vollem Ehrgeiz auf der schmalen löchrigen Asphaltstraße von Daburiya aus kämpfen. Nicht nu das, ich fahre zudem noch gegen die Zeit:Punkt zwölf Mittags schließt die Elias Kirche, es wird knapp.
Ich beiße die Zähne zusammen und gönne mir keine Pause. Die Zeit reicht, mir bleiben noch ein paar Minuten für die Kirche. Jesus, Petrus und Johannes soll hier sogar der liebe Gott erschienen sein, ich begnüge mich mit der herrlichen Aussicht ins weite Land. Der Mönch sperrt hinter mir, leider zu früh, aber ich genieße die Sonnenstrahlen noch einige im Schatten einer alten Kirchenruine. Nach einiger Zeit schleichen noch drei weitere Deutsche umher und meinen ich müßte auch noch unbedingt Kapernaum besuchen. "Die Wiege des Abendlandes", ich nicke brav.
Ich schnell wieder unten vom Tabor-Berg. Wieder suche ich das Abenteuer und navigiere auch mich anfangs ein wenig erfolglos durch blühende Wiesenlandschaft auf fantastischen Erdwegen. Ein freundlicher Jeepfahrer rettet mich schließlich, indem er mir den Weg nach Belvoir erklärt. Leider ist die Kasse vor der Kreuzritterburg noch besetzt, ich verzichte angesichts des wahnsinnigen Eintrittspreises. Zudem ist die Burg gut abgeriegelt:alles Militärgebiet. Es kommt sowieso mehr auf die Aussicht an, und die habe ich auch so.
Ich setzte meinen Weg abermals ins Jordantal fort. Ich biege zum Freilicht-Museum des alten Kibbuz Geshers ab. Während des Unabhängigkeitskrieges 1948 wurde diese Siedlung nahe der jordanischen Grenze von irakischen Truppen angegriffen und zerstört. Mauerreste mit starken Einschüssen sind stille Zeugen des Krieges. Zugleich wird hier die Opferrolle auch etwas heroisiert. Von den besetzten Golanhöhen, die bis heute nicht zurückgegeben wurden, steht dagegen nichts in den Dokumentationstexten.
Die Gedenkstätte mit ihrem unverschlossenen WC, fließend Wasser und den Picknick-Tischen ist für mich geradezu prädestiniert als NAchtquartier. Direkt an der jordanischen Grenze fühle ich mich von den patrouillierenden Soldaten gut bewacht. Ich koche in Seelenruhe meinen Grießbrei, als plötzlich ein Bus Jugendlicher in die melancholische Szene mit Getöse zum Barbecue einfällt.
Doch auch sie verschwinden wieder. Ich habe gerade die Tageskilometer dokumentiert, will mich gerade in meinen Schlafsack legen und die Augen schließen, als mit einem Mal alles anders kommt...