Grenzüberschreitungen


Auf dem Ligurischen Grenzkamm durch die Seealpen von Ventimiglia nach Cuneo


Inhalt
Hin- und Hergerissen: Natur und Kriegsrelikte Reise zum Mittelpunkt der Erde Zu kühle Kür wird zur Pflicht

Hin- und Hergerissen: Natur und Kriegsrelikte

Was für eine Freude, die verregnete Nacht trocken überstanden zu haben, aber dann unter klarem Himmel aufzuwachen. Das muß mit einer exklusiven Müslimischung gefeiert werden: Weintrauben und frische Feigen veredeln den Geschmack.
Als ich meine Sachen zusammenpacke durchfährt mich ein großer Schreck, als ich ein Auto näherkommen höre. Doch der Besitzer meiner Schlafstätte ist sehr freundlich und zuvorkommend. Er fragt mich, ob ich gut geschlafen hätte, führt mich zum Wasserhahn, bietet mir Limonade an und gibt mir noch eine Kleinigkeit zum Essen mit. Zum Abschluß erklärt er mir noch den Weg und wünscht mir viel Glück und Vergnügen - wenn einem soviel Gutes widerfährt...
Der Wegverlauf ist ziemlich eindeutig, die Landschaft sehr übersichtlich, die Orientierung bereit mir keine großen Probleme. Als ich dann endlich auf die Militärpiste zum Passo del Cane münde, kann mir so gut wie nichts mehr passieren.
In der aufsteigenden Morgensonne nähere ich mich nun unaufhaltsam den mächtigen Seealpen, oder auch Meeralpen genannt. Die bewaldeten Bergrücken lassen die Hügel noch sehr sanft erscheinen, erst jenseits der Baumgrenze kommt der schroffe Fels zum Vorschein. Hinter mir blinzelt das Mittelmeer tiefblau in der Sonne schimmernd zu mir herauf.
Und trotzdem bleibt das Unheil, der Schrecken, der Wahnsinn, der hier einst stattgefunden hat, nicht verborgen. Zahlreiche Kriegsrelikte aus vergangenen Zeiten sind stille Zeugen am Wegrand. Verlassene Kasernen, zerfallende Geschützstellungen und versteckte Bunkeranlagen säumen mir den Weg durch einsame Landschaft.
Doch gerade der Krieg veranlaßte den Menschen, diese unzugängliche Gegend mit einer Infrastruktur zu überziehen, die das Gebirge zu einem Mountainbike-Eldorado macht. Dem Krieg habe ich die fantastischen Schotterpisten, mit viel Aufwand in den Fels gesprengt, zu verdanken, das macht mich etwas nachdenklich.
Andererseits bin ich überglücklich, richtig Mountainbiken zu können, ohne Irrwege und langwierige Tragestücke, wie z.B. in Korsika an der Tagesordnung, im Programm zu haben.
Lediglich die steilen Serpentinen zur Téte d Alpe muß ich dann doch hochschieben, einzelne kurze Fahrversuche sind stets zum Scheitern verurteilt. Auf 1584m Höhe steht ein verfallenes Fort, zu dessen Zweck die Italiener die Serpentinen angelegt hatten. Hier oben mache erst mal Mittagspause.
Dann geht auf dem waldigen Bergrücken am Grenzverlauf entlang wieder abwärts. Der Untergrund wird sehr grob, ich bremse vorsichtig hinunter. Hier scheint ein grandioses Pilzgebiet zu sein, ich treffe einige Sammler, bei denen ich natürlich wieder Erkundigungen nach dem Weg einziehe.
Wasser suche ich vergebens. Die wenigen Bäche auf der Karte sind alle ausgetrocknet. Die wenigen Almen am Wegrand leben auch nur von Zisternen, Quellen und Bäche gibt es nicht. Zum Glück treffe ich dann auf einen jungen Bergbauern, der mich zu seinem Wassertank führt. Ich lösche meinen Durst und tanke meine Flaschen wieder auf.
Unbesorgt rase ich auf einer rassigen Abfahrt zum Passo Muratone hinunter, meinem heutigen Endziel. Zwar ist erst früher Nachmittag, doch ist es das beste heute Nacht hierzubleiben.
Die 1000 kommenden Höhenmeter hebe ich mir lieber für morgen auf, den auf diesem Abschnitt bieten sich keine gute Biwakmöglichkeiten, zudem ist in dieser Höhenlage, ca. 2000m, zu kalt, zum Übernachten.
Unweit vom Muratonepaß lädt mich ein Fort zum Bleiben ein. Zufälligerweise treffe ich auf einen deutschen Jeepkonvoi. Die Wagen ziehen an mir vorbei, doch schon bald kommen sie wieder zurück, da der Weg, für Vierräder, oben endet. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit dem Konvoi-Anführer, der natürlich über mich genauso erstaunt ist, wie ich über sie. Wahrscheinlich werden sich unsere Wege morgen wieder kreuzen.
Ich lasse mich schließlich in meinem Domizil nieder und mache mir mein Lager zurecht, wobei ich zuerst mal den groben Dreck beiseite kehre. Dann schleppe ich noch eine Tür heran, die vor den offenen Eingang lehne. Als die Sonne gegen 16°°h hinter einer Wolkendecke verschwindet kühlt es merklich ab. Zu meinem Glück ist in dem Raum noch ein alter Kamin, in dem etwas Holz verschüren kann. Das entfachte Feuer steht für mich natürlich nun im Mittelpunkt.
Mit der Pflege der Feuersbrunst verbringe ich ausgefüllt den späten Nachmittag. Ich bin berauscht von der Geborgenheit und Wärme, die das Feuer ausstrahlt. Wie die Flammen das Holz züngelnd verschlingen, finde ich faszinierend anzusehen.
Als ich das Feuer endlich sich selbst überlassen kann, koche mir mein verdientes Abendessen.
Dabei starre ich gebannt in den Kamin. Von dem sanften Knistern komme ich richtig zur Ruhe und kann besonnen über den Tag sinnieren. Wieder einmal habe ich es gut getroffen.
Bevor ich mich in den Schlaf wiegen lasse, stelle ich meinen Topf und Trinkflaschen unter die stark tropfende Dachrinne, um für morgen genügend Wasser zu haben. Draußen ist es nun sehr kalt. Der Himmel hat wieder aufgerissen. Ich sehe einen fantastischen Sternenhimmel. Die unendlich vielen Leuchtpunkte überfordern mich fast. Kann ich in heimischen Breiten, noch einige Sternbilder erkennen, bin im Angesicht dieses Lichtermeers restlos überfordert. Noch nie zuvor habe ich einen solch intensiven Sternenhimmel gesehen.
Mit prägenden Eindrücken krieche ich dann in meinen Schlafsack und das Knistern des Feuers wird leiser und rückt immer ferner...

Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ich stehe sehr früh auf und sehe immer noch die unendlich vielen Sterne am Himmel prangern. Dann hole ich Topf, der über Nacht randvoll getropft ist. Nun habe ich wieder genug Wasser und kann zufrieden frühstücken. Ich packe zusammen und breche gegen 8°°h auf.
Noch etwa 2km fahre ich, bis die Stelle erreiche, an der die Jeepfahrer gestern umkehren mußten. Auf einem schmalen Maultierweg schiebe ich weiter. Der Karrenweg ist gut markiert, auf dem weichen Untergrund rollen die Räder gut. In dem offenen Gelände komme ich zudem auch recht früh in den Genuß der morgendlichen Sonnenstrahlen.
Unglaublich mit viel Aufwand und Überlegung der Pfad geschaffen wurde. Teilweise verlaufen die Serpentinen über aus Naturstein aufgeschichteten Podesten. Wieder bin Nießnutzer des Krieges. In Friedenszeiten würde sich kein Mensch die Arbeit machen einen solch aufwendigen Wanderweg zu gestalten. Kaum vorzustellen, daß Menschen in dieser friedlichen Natur nichts besseres zu tun hatten, als sich die Köpfe einzuschlagen.
Mit diesen Gedanken schiebe ich die Serpentinen am Monte Toraggio hoch, gut 400Hm gilt es da zu erklimmen. Als Lohn der Mühe erreiche dafür ein sonniges Grasplätzchen zum Verschnaufen. Jetzt bin ich auf fast 2000m Höhe, es weht ein leichtes Lüftchen.
Ich folge der Alta Via weiter der Grenze entlang. Unzählige Male machen mich die kleinen Grenzsteine am Boden auf meine zahllosen "illegalen" Grenzübertritte aufmerksam. Außerdem passiere ich das erstemal eine Quelle in den Seealpen. Sie fördert das erste fließende Wasser, das ich hier zu sehen bekomme. Gierig stürze ich mich auf das Lebenselexier und befühle meine beiden Trinkflaschen damit. Dieses Wasser ist schon erheblich besser, als das aus der Dachrinne.
An teilweise etwas ausgesetzten Wegstücken, die aber dafür mit Stahlseilen versichert sind, geht an recht luftigen Schluchten vorbei. Bald geht es bergab. Ein anspruchsvoller Trial lädt mich zum Experimentieren ein. Auf ca. 2km langen steinigen Pfad kann ich mein Können zeigen. Ich komme voll auf meine Kosten.
Dann geht es wieder bergauf durch die bizarre Felsenwelt des Monte Pietravecchia. Ich münde schließlich auf einen Grasweg, der mich wieder auf eine Militärpiste bringt, die vom Tal aus hochführt und dann weiter an der italienisch-französischen Grenze verläuft.
Unterhalb des Monte Grai lege ich dann zur Mittagszeit eine größere Rast ein. Da kommt bereits der Jeepkonvoi von gestern angerollt. Interessiert erkundigt man sich nach meiner Übernachtung im Fort. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit der Reiseleitung und kann dabei sogar noch einen Müsliriegel schmarotzen. Man rät mir, ich solle mir unbedingt die gewaltige Festungsanlage am Balcon de Matre ansehen, was ich eigentlich sowieso vorgehabt habe. Dort oben werden wir uns dann wohl ein drittes Mal treffen.
Die Autokarawane zieht weiter, ich esse ein wenig. Dann weckt, unweit von meinem Rastplatz, ein dunkler Stollen mein Interesse. Ich greife mir meine Stirnlampe und will den Tunnel erkunde. Leider steht zuviel Wasser im Gang, so daß ich unmöglich trockenen Fußes hineinkommen könnte. Ich vertröste mich auf die Festungsanlage am Balcon de Matre und breche wieder auf.
Auf 2000m Höhe geht es recht flach dahin. Auf der guten Piste ist das Fahren ein wahres Vergnügen. Die Sonne scheint, der Himmel ist klar, die Sicht gut. Bei den Ruinen einer ehemals großen Kasernen zweige ich auf die Stichstraße zum Militärrelikt am Balcon de Matre ab.
Während ich mich auf der recht holprigen Auffahrt verausgabe, sehe ich die Jeeps bereits in der Sonne funkeln. Ich fahre an dem Fahrzeugpark vorbei ganz hinauf zum Gipfel. Dort bietet sich ein groteskes Bild: Die bewaldeten Bergkämme und friedliche Natur einerseits, verrosteter Stacheldraht, Schießscharten und dicke Betonbunker der Kriegsmaschinerie andererseits.
Da mir die Jeepfahrer vorhin von einem riesigen unterirdischen Gängesystem erzählt habe, bin ich ganz heiß darauf, es zu erkunden. Etwa 200m unter mir sehe ich einen Eingang. Nur mit Stirnlampe und Fotoapparat bewaffnet steige ich hinunter.
Am Eingang folge ich endlosen vielen Treppenstufen hinunter in den Schlund des Berges. Dann folge ich Links einem Gang an sauber verschalten Betonwänden entlang. Ich passiere Schlafstätten und Latrinen und gelange dabei immer tiefer in den Berg hinein und komme dem Mittelpunkt der Erde immer näher.
Hin und wieder zweigen kleinere Gänge ab, die kleinen, von außen nicht sichtbaren Schießscharten führen. Das Gangsystem ist schier unermeßlich groß, eine ganze Einheit scheint hier, mühelos unter Tage Platz gefunden zu haben. Meine Angst vor Verirren unterdrücke ich damit, indem entschlossen und bestimmt immer weiter gehe.
Ich verlasse den Hauptgang nur äußerst selten und zähle dann genau die Abzweigungen mit und kehre wieder auf den Hauptweg zurück. Unermüdlich folge ich wieder zahllosen Stufen hinauf. Weiter oben treffe ich auf einen Jeepfahrer, der ebenfalls, wie ich, mit einer Taschenlampe bewaffnet die Gänge erkundet.
Er führt mich zu einem Ausguck, der knapp unter dem Gipfel liegt, von dem ich den Eingang unter mir gesehen habe. Endlich wieder Licht! Doch hält der Ausguck, was sein Name verspricht, er ist kein Ausgang. Doch führt mich der Jeepfahrer dann zum Haupteingang, wo ich dann bei den anderen Jeepfahrern lande.
Draußen! Ich kann es kaum glauben, aber ich bin im Berg ca. 200m aufgestiegen und dabei mit Sicherheit nur einen Bruchteil der Gänge durchschritten. Unfaßbar zu was die Menschen hier im Stande waren. Die Gänge sind noch kein bißchen einsturzgefährdet.
Die deutschen Geländefahrer überhäufen mich mit Nahrungsmitteln: Bananen, Äpfel und Vollkornbrot wird mir angeboten. Ich nehme natürlich alles dankbar an. Auch meine Wasservorräte kann ich bei ihnen wieder aufbessern, dann fahren sie weiter.
Kurz darauf rolle auch ich wieder die Stichstraße zu den Kasernenresten zurück und fahre dann weiter am Grenzverlauf entlang zum Monte Collardente. Auf dem bewaldeten Grenzkamm habe ich dann die Wahl zwischen einer westlicheren und einer östlicheren Route, ich wähle die westlichere. Schon nach einem Kilometer treffe ich am Passo Collardente auf die andere Alternative. Wieder gilt, sich nach einem Nachtquartier umzusehen. Zuerst folge ich der Grenzstraße noch ein Stückchen Richtung Monte Saccarello, doch kehre ich bald um: hier gibt es weit und breit leider keine Bunkeranlagen oder sonstige Unterstände mehr.
Dann verlasse ich meine Route und folge der Beschilderung zum einem Refugio. Als ich dort erwartungsvoll ankomme, stoße ich enttäuscht auf verschlossene Türen. Aber ich gebe nicht auf, ich inspiziere die nahegelegenen Bauernhöfe, die beide sehr verlassen wirken.
Beim ersten Bauernhof ist alles verrammelt. Doch dann finde ich eine Tür zu einer unverschlossenen Abstellkammer. Platz wäre also da, ich zumindest ein Dach über dem Kopf, unangenehm könnte höchstens noch die bald einsetzende Kälte werden. Ganz will ich mich noch nicht damit zufrieden geben und untersuche noch das untere Gehöft. Zu meinem Erstaunen ist die Tür nicht verriegelt. Plötzlich finde ich mich in einem bestens eingerichteten Wohnraum wieder: Ofen, Küche, elektrisches Licht, Kühlschrank und gesammelte Pilze strahlen mich an.
Ich kann es kaum glauben, da muß doch was faul sein! Das zerknautschte Bett und vor allem die schnell verderblichen Sachen im Kühlschrank machen mich stutzig. Lang kann der Hausherr noch nicht fort sein. Vor allem aber beschäftigt mich die Frage: Wann wird er wieder da sein?
Ich fühle mich hin und hergerissen. Der kalte, aber unproblematische Abstellraum meinerseits, die warme Hütte mit Ofen, und der Chance erwischt zu werden, andererseits. Auf Bilder an der Wand schaue ich mir den Hüttenbewohner an, ich schätze ihn auf sechzig Jahre. Gefährlich sieht er nicht aus...
Noch immer habe ich mich nicht entschieden. Gerade als ich die Hütte beziehen will, höre ich Motorengeräusche. Aber als ich nach draußen Eile sehe ich nichts, die Geräusche sind wohl aus dem Tal gekommen.
Allmählich wird es draußen unerbärmlich kalt, ohne lange zu überlegen heize ich nun den Ofen an, wenngleich ich immer noch bei dem kleinsten Geräusch ins Freie eile. Langsam wird es in der Hütte warm, auf dem Gasherd koche ich meine Nudeln und nehme mir sogar noch die Frechheit heraus, die Pilze des Bauern mit zu verwenden.
Jetzt fühle ich mich sauwohl. Es ist warm, ich bin satt und nippe genüßlich an meinem heißen Tee, draußen indes ist es stockdunkel und bitterkalt. Ständig sind meine Gedanken bei "ihm", dem Besitzer, wird "er" kommen oder wird "er" nicht. Ich lege im Ofen noch einmal nach und breite mich dann auf der Bank aus. Noch vor dem einschlafen hoffe ich: Er kommt nicht mehr.

Zu kühle Kür wird zur Pflicht

Bereits um 5°°h stehe ich am nächsten Morgen auf, wäre doch zu schade, jetzt noch dem rechtmäßigen Besitzer in die Hände zu fallen. Draußen ist es noch stockdunkel, doch ist die Hütte glücklicherweise mit elektrischem Licht gegen die Finsternis gewappnent.
Nach gemütlichem Frühstück bei erneut entfachter Glut im Ofen räume ich das Feld. Meinem unwissendem Wirt hinterlasse ich aus Lateinversatzstücken noch ein schriftliches Dankeschön für seine Gastfreundschaft. Bei dem geschlossenen Rifugio unweit der Hütte tanke ich noch flüssigen Kraftstoff in meine Flaschen und steuere dann wieder den Passo Collardente an.
Dort treffe ich auf eine ganze Horde Jäger, die sich zusammengekauert auf der Ladefläche eines Geländewagens die schlechte Straße hinauf schaukeln lassen. Als ich sie überhole grüßen sich mich freundlich. Auch wenn ich ihre Sprache nicht verstehe, lese ich in ihren Gesichter Frohsinn und Heiterkeit ab.
Leider schließt sich dem die über allem herrschende Sonne nicht an. Noch hält sie sich hinter einem Bergrücken versteckt, wird aber wohl auch später auf der grauen Himmelsbühne keinen Starauftritt haben. Es wird heller, doch nicht ganz...
Auf sehr losem, von Morgentau leicht glitschigem, Untergrund versuche ich ehrgeizig die Kontrolle über Vorder- und Hinterrad zu behalten. Mit wachsamen Auge auf die störenden Steinbrocken auf der schlechten Militärpiste ringe ich mit der Schwerkraft gegen das Umfallen. Immer öfter muß ich kapitulieren und sehe mich schließlich genötigt, einige Meter zu schieben.
So werde ich langsam von der Nebelglocke, die mir das Gebiet um den Monte Saccarello verheimlicht, verschlungen. Auf 2042m traversiere ich schließlich die Paßhöhe des Tanarello. Nur schemenhaft kann ich die Konturen einer Militärruine ausmachen. Auf den geplanten Abstecher zum Gipfel des Monte Saccarello, zu dem eine fahrbare Schotterpiste führt, verzichte ich angesichts der miserablen Sichtverhältnisse.
Auf schön angelegten Serpentinen rase ich nun wieder auf italienischem Grenzgebiet einige Höhenmeter hinunter, wobei ich den naßkalten Nebel über mir zurücklassen kann. An freien Almflächen vorbei tauche ich ein in eine völlig neue Welt. Nun dominieren farbenfroh herbstlich getönte Blätterkleider die Kulisse der flach dahin laufenden Höhenstraße. Grelles Gelb, gesundes Grün und sanft ruhiges Rot schmücken den harmonischen Zauberwald. Vereinzelte Sonnenstrahlen, denen es gelingt die Wolkendecke zu durchbrechen, versüßen mir die recht mühelose Fahrt.
Ich mache eine erste Rast, doch läßt mich die spürbare Kälte nicht lange verweilen. Bei leichtem Auf und Ab genieße ich noch eine ganze Weile die Farbenpracht des Laubwaldes, um dann auf ansteigender Schotterpiste wieder an Höhe zu gewinnen. Auf einer nicht enden wollenden Auffahrt kämpfe ich um jeden Meter. Noch kann ich mir die schroffe Felslandschaft ansehen, doch schon bald entzieht sich im aufziehenden Nebel meiner Blicke. Mit dem Nebel geht auch langsam Kälte einher. Und trotzdem muß ich mich meinem Hungergefühl beugen und an einer etwas geschützten Stelle hinter einer Biegung eine kleine Mittagspause gönnen. Eine kurze Zeit lang bleibe ich noch unter einem Wolkenloch vor Nebel verschont, bis auch ich von dem Schleier eingeholt werde. Als ich bei 2262m den höchsten Punkt in diesem Felsszenario erreiche, wird die Kälte immer spürbarer und gräßlicher. Auf der folgenden holprigen Abfahrt werden mir meine Finger ganz klamm und es kostet mich einige Mühe, die Bremsen zu ziehen.
Schließlich wird es unterträglich. Ich halte an und krame die langen Winterhandschuhe heraus, die bisher ungenutzt im Rucksack gesteckt sind. Dabei treffe ich auf zwei lärmende Enduro-Fahrer, die das Gelände ebenfalls für eine geeignete Spielwiese halten. Weiter geht es auf französischem Boden, auf dem sich die Straße weiter westlich über eine Reihe von Jöchern und durch Scharten von der karstigen Hochfläche Monte delle Carsene unterhalb des wuchtigen Punta Marguareis, dem höchsten Berg Liguriens, schlängelt. Laute Pfiffe zerreißen die Ruhe der lebensfeindlichen Umgebung. Doch dann sehe ich zahlreiche Murmeltiere umherhoppeln.
Auf steilen und, vor allem lockeren, Belag, der die Grenzen der Fahrbarkeit bei weitem übersteigt, gelange ich zum Col della Boaria. Verfroren und vom Nebel genervt, wird das Treten mehr und mehr zur Pflicht als zur Kür. So fantastisch es bei ensprechendem Wetter auch sein mag, so unfreundlich und abstossend ist es im Moment bei dem Aprilwetter. Teilnahmslos bewege ich mein Fahrrad weiter zum Colle di Perla und streife dort das Skigebiet von Limone. Jetzt hält mich nichts mehr hier oben. Schnell sage ich den kalten Höhenlagen Lebewohl und stürze mich auf den zahllosen Serpentinen des Tendepaßes hinunter ins Tal, wo es aber auch nicht wärmer ist.
Auf der SS20 laße ich die Höhenmeter für mich arbeiten und fühle mich nur noch als passiver Konsument im Sattel. Bald 20km drehen sich die Räder ohne mein Zutun bis nach Roccavione. Die einst hohen Berge verwandeln sich in abgerundete Hügellandschaften. Doch verschließe ich meinen Blick auf meine Umgebung, bin ich doch immer noch zu stark mit der Hoffnung auf Wärme beschäftigt.
Gegen 18°°h erreiche ich Cuneo, eine Stadt mit recht ansehlichem Stadtkern. Ich hole mir an der Post und fahre dann Richtung Turin wieder aus der mittelalterlichen Stadt heraus. Schon etwas erschöpft raste ich direkt an der Straße und muntere mich ein wenig mit meiner Notnahrung auf, die nun nach den bisher überstandenen Erlebnissen mehr und mehr an Daseinsberichtigung verliert: Getrocknete Feigen.
Nach kurzer Zeit hält ein Autofahrer an. Besorgt erkundigt er sich, ob ich eine Panne hätte und Hilfe bedürfe. Ich mache ihm klar, daß ich nur ein wenig verausgabt sei, nach einem kurzem Gespräch fährt er weiter, ich dann auch. In Olmo, einer häßlichen Ansiedlungen an der Straße entlang mit großem Industriegebiet kaufe ich in einem Supermarkt ein und labe mich an den edlen Gütern. Fast einer Entschädigung gleich genieße noch die letzten Sonnenstrahen und sichte dann mein heutiges Nachtquartier, wie sollte es anders sein, ein sauberer Rohbau. Doch herrscht mir noch zu reges Treiben, so daß ich mit dem Bezug lieber noch etwas abwarten will.
So nutze ich die Zeit noch, um mich mal wieder telefonisch daheim zu melden. Dort, erfahre ich, ist alles in Ordnung, zu dem habe ich mit meiner Unternehungin ein paar wenigen Zeilen im Lokalteil unserer Zeitung Erwähnung gefunden. Zufrieden lasse ich mich dann gegen 21°°h in meiner Behausung nieder.

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(C) by Florian Michahelles 1997