Rückblick
Es war fantastisch, genial, einzigartig. So beurteile ich die fünf Wochen,
wenn ich heute darauf zurückblicke. Meine ausführlichen Vorbereitungen haben
sich gelohnt. Die gesamte Route verlief auf genau den Wegstücken, die ich
bereits im Vorfeld in mühevoller Kleinarbeit aus Landkartenmaterial heraus
gefieselt hatte.
Auch meine Ausrüstung war sorgfältig ausgewählt und hat sich bewährt.
Viel wichtiger aber waren die persönlichen Erfahrungen.
Interessant war z.B., den Lernprozeß zu beobachten, der langsam
einsetzte. Mit der Zeit entwickelt sich bei mir ein Gespür für Orientierung,
für die Quartiersuche bildete sich fast ein Instinkt aus. Zugleich stellte
sich auch bei brenzligen Situation ein völlig neues Denken ein. Bin
ich anfangs bei groben Verirrungen noch schier verzweifelt, prägte sich
mit zunehmender Erfahrung immer mehr die Gewissheit aus: "Du hast es bisher
geschafft, Du wirst es auch weiterhin schaffen!" Später berief ich mich
fast gelassen auf diese Gewissheit und behielt dadurch klaren Kopf, der
es mir dann ermöglichte die jeweiligen Probleme zu lösen.
Da mit dieser Ruhe eigentlich alle "schweren Zeiten" vorüber gingen, wuchs
mein Selbstvertrauen von Situation zu Situation. Ich wußte, daß ich mich
auf mich verlassen konnte, wie sagte mir doch der Kulmbacher in Bonifacio:
"Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben!".
Andererseits wurde mir auch die Bedeutungslosigkeit der einzelnen Schwierigkeiten
vor Augen geführt. Hielt ich zunächst jedes Problem für das eigentlich schlimmste,
größte, auswegloseste, wurde es, oft schon am darauffolgenden Tag, von einem
anderen Ereignis überboten. Fand ich z.B. die Abfahrt auf dem Tra Mare e Monti
in Korsika mit seinen kratzenden Büschen für unübertroffen, so mußte es schon am
nächsten Tag seinen ersten Platz auf der Grausamkeitssklala an das dornige Erlebnis
am Bocca di Melza abtreten. Dachte ich nun, es sei das Schlimmste auf dornigen
Pfaden zu wandeln, wurde ich wieder am nächsten Tag eines Besseren belehrt. Am
Col de Verghiolu fand ich überhaupt keinen Weg mehr. Diese Reihe wurde fortgesetzt
von der Erfahrung im Dickicht am Lac du Tolla...
So löste immer eins das andere im negativen, aber ebenso auch im positiven, Sinne
ab. Es gibt nicht das Schlimmste, schrecklichste, Auswegloseste, es ist alles
relativ!
Ebenso wichtig wurde für mich die Bedeutung der Sonne. Die Sonne beeinflußte maßgeblich
den ganzen Ablauf meiner Tour. Mit der Sonne stand ich auf, mit der Sonne verkroch ich
mich in meinen Schlafsack. Wenn die Sonne morgens noch hinter den Bergen stand, war es
dermaßen kalt, daß es unmöglich, oder zumindest höchst unangenehm, war, zu loszufahren.
Abends, bzw. mit einsetzendem Sonnenuntergang, galt es vor der bevorstehenden Kälte
zu fliehen. Die Sonne bestimmt den Tagesablauf.
Zudem hatte die Sonne auch Einfluß auf meine Stimmungslage. Stand sie hoch und unverdeckt
am blauen Himmel, wie z.B. am Passo S. Giacomo, war ich ebenfalls in Hochstimmung, schien
sie dagegen nicht und verheimlichte ihr Dasein, wie z.B. am St. Gotthard Paß, war ich
ebenfalls bedeckter. Dabei spielten die psychischen Faktoren ebenso mit hinein wie die
spürbaren Temperatureinflüsse.
Dabei färbte die Sonne auch meine Landschaftswahrnehmung. Die Umwelt kann noch so
bilderbuchhaft sein, man wird es nicht so empfinden, wenn das Wetter nicht
paßt.
Auch wurde mir in der freien Natur wieder einmal mehr die Wichtigkeit und Unersetzbarkeit
des Wassers vor Augen geführt. So konnte ich zwar durchaus Nahrung für etwa drei Tage mit
mir führen. Meine Wasservorräte waren aber in der Regel bereits nach einem halben Tag
erschöpft. Immer wieder konnte ich das herrliche Gefühl spüren, frisches Quellwsser meine
trockene Kehle hinunterrinnen zu lassen. Das Wasser wurde für mich zum wertvollsten Gut,
von dem man nie genug haben kann. Ohne Essen läßt sich mit kleinen Leistungseinbußen
und einiger Überwindung durchaus eine kurze Zeit auskommen, wenn aber erst das
Durstgefühl eingesetzt hat kann man kaum mehr klaren Kopf bewahren. Ob zum Trinken,
zum Kochen, zum Müsli Anrühren, Waschen, es ist einfach unentbehrlich.
Ganz anderer Art war auch die Erfahrung, was der Mensch doch für ein Gewohnheitstier ist.
Man gewöhnt sich tatsächlich an alles. Bereits nach einer Woche wurde für mich das Sitzen
im Sattel zum Alltag. Der sonst beschriebene innere Schweinehund zeigte sich nur in schweren
Extremsituationen, wie z.B. lange schwere Anstiege. Aber sonst setzte richtig der Drang ein,
weiterkommen zu wollen. Ganz anderes als ursprünglich geplant habe ich von 36 Tagen
lediglich zweimal pausiert, öfter hätte ich aber auch gar nicht gewollt. Ich wollte einfach
weiter, immer weiter...
So nannte ich diese drei letzten Faktoren, die wichtigen, alles bestimmende W's: Wetter, Wasser,
weiter.
Ständig im Sattel sitzend, in entlegene Winkel vorzudringen, das war das Privileg, das ich
die ganze Zeit in Anspruch nehmen durfte. Dabei war ich meist ungestört und konnte meinen
Gedanken freien Lauf lassen. Und was für Gedanken! Man unendlich viel Zeit, kann sich mit
den schwierigsten Problemen auseinandersetzen, eine Reinigung der Seele. Oft wurden meine
Gedanken aber auch völlig abstrus, ich setzte mich teilweise, während dem monotonen Treten,
meist bei Bergauffahrten in Trance-artige Zustände versetzt, mit dem größten Blödsinn
auseinander. Fahrradfahren ist wie Meditation.
Ein anderer Punkt, auf den ich oft angespruchen wurde, war, daß ich allein unterwegs war.
Ich habe es nicht bereut, im Gegenteil. Zunächst bringt es natürlich ein großes Risiko mit
sich, unberührte Landstriche alleine zu durchstreifen, bei Gefahrensitutionen könnte es
höchst unangenehm werden. Dieses Risiko habe ich aber bereitwillig auf mich genommen. Zwar
wäre ich oft froh gewesen wie ich allein an Kreuzungen stand, mit anderen beratschlagen zu
können, doch immer dann, wenn die Situation gemeistert war, durfte ich mich dann auch
ganz auf mich berufen, ebenso mußte ich aber auch Fehlentscheidungen selber
ausbaden.
Außerdem finde ich, alleine die Umwelt viel intensiver wahrnehmen zu können. Ohne abschweifende
Gespräche kann man sich voll und ganz auf die Natur konzentrieren. Viele Erlebnisse, wie z.B.
die Einladung der Italienerinnen im Val Formazza, oder die Begegnung mit dem freundlichen
Weingartenbesitzer in den Seealpen wären in der Gruppe mit Sicherheit nicht zustande gekommen.
Den Kontakt zu Einheimischen findet man als Einzelreisender eben viel besser.
Ich will nun nicht sagen, daß es grundsätzlich besser ist, allein auf Tour zu gehen. In der Gruppe
ist mindestens genauso reizvoll, aber anders. Alleine oder in der Gruppe, beides Möglichkeiten,
die ihr Für und Wider haben.
Im nachhinein finde ich auch die Kombination Querfeldein und Straße als gute Abwechslung. Weder das
ein noch das andere hätte ich ohne Unterbrechung durchgehalten. 5 Wochen nur auf Abwegen unterwegs,
denke ich, wäre irgendwann ähnlich monton geworden, wie unentwegt auf Asphalt Kilometer abzuspulen.
Die Mischung macht's!
Insgesamt habe ich eindrucksvolle Erlebnisse und Erfahrungen mit genommen, von denen ich noch
lange zehren werden. Ich habe meine Selbstbestätigung erhalten. Dafür wird die Meßlatte bei
den nächsten Aktionen wahrscheinlich noch höher liegen, da man zu immer Extremerem neigt.
Es wird bestimmt nicht meine letzte derartige Tour gewesen sein. Es gibt einfach keine besseren
Alternativen zum Fahrradfahren. Der Aktionsradius ist, wenn man genügend Zeit hat, groß genug.
Zudem braucht man sich keine Gedanken über Umweltverträglichkeit zu machen, kostengünstig ist
es obendrein, die Erlebnisse sind unbezahlbar.
Die Welt ist reich und groß, es gibt noch genügend zu erforschen, denn die Wahrheit liegt
da draußen...
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(C) by Florian Michahelles 1997