Das Gute liegt so nah
MTB-Tour von Mittenwald nach Bozen
Inhalt
Allein auf dem "Mountainbiker-Highway
Die Sonne, der Regen und die Schräglage
Durch die Berge der Schürzenjäger
Geheimnisvolle Kurven
Wasser findet seinen Weg
Es regnet, es regnet, es regnet seinen Lauf, und wenn es genug
geregnet hat dann hört es auch wieder auf. Dieser Vers aus einem
Kinderlied geht mir durch den Kopf als ich in Mittenwald aus dem
Zug steige.
Meine Regenhose und Regenjacke habe ich mir bereits im
Bahnabteil übergezogen, so kann ich gegen den Regen gewappnet
aufbrechen. Doch schon nach wenigen Minuten, spüre ich einzelne
Regentropfen, denen es gelingt die als "zweite Haut" gepriesene
Membrane zu durchdringen.
Von Scharnitz aus führt mich mein Weg über hervorragende
Schotterpiste durchs Karwendeltal zum Karwendelhaus. Ich bin
einerseits fasziniert von dem Naturschauspiel, wie sich die
Wassermassen durch den Karwendelbach ins Tal hinunterwälzen,
andererseits drücken die Regentropfen ein wenig aufs Gemüt. Der
nimmt kein Ende, es regnet zwar nicht stark, aber beständig -
das am ersten Tag, in der ersten Stunde. Etwas gleichgültig
lasse ich die Landschaft schön sein und konzentriere mich
darauf, möglichst schnell voranzukommen, an richtige
Verschnaufpausen ist aufgrund der Kälte, etwa 8°C, nicht zu
denken.
Wo man bei gutem Wetter in im Pulk hoch wandert, die Münchner
ihre Edelbikes ausprobieren, bin ich heute allein. An einer Alm
wird sogar ein spezieller Mountainbikerdrink angeboten, was
immer das auch ist, solche Angebote habe ich vorher noch nicht
gesehen.
Ich versuche mich mit der Vorfreude auf einen warmen Tee zur
raschen Auffahrt zum Karwendelhaus zu motivieren. Zwar hört
jetzt wenigstens der Regen auf, doch tut das der noch immer
vorherrschenden Kälte keinen Abbruch.
Der die Nadel des Höhenmesser zeigt auf 1490m, weit kann es
also nicht mehr sein. die restlichen 300 Höhenmeter gilt es, auf
etwas steileren Serpentinen zu erklimmen, langsam arbeite ich
mich nach oben. Noch bin ich mit meiner Fahrleistung nicht
zufrieden, noch nicht richtig in Form, erfolgt die
energiebereitstellung für die Muskeln noch etwas schwerfällig.
Das Karwendelhaus ist in Sicht, gleich habe ich es geschafft.
Mit Freuden betrete ich dann als erstes den beheizten
Trockenraum der Hütte und hänge meine Sachen zum Trocknen auf.
Bei zwei Litern heißem Tee kehrt dann auch in meinen Körper
wieder Wärme zurück.
Nach fast zwei Stunden Pause mit vergeblichen Warten auf ein
Aufreißen der Wolkendecke, mache ich mich wieder auf den Weg.
Der Schotter wird nun zunehmend gröber, meine Satteltasche ächzt
bei den Erschütterungen. Bei einer längeren Fahrt gibt es nichts
störenderes als immer wiederkehrendes Schleifen, Quietschen oder
rhythmisches Pendeln, kommentiert mit den entsprechenden
nervenden Lauten.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Tasche zusätzlich mit
Packriemen zu fixieren, packe ich sie mit auf den Rucksack, d.h.
noch ein Kilogramm mehr auf den Rücken zu lasten.
Jetzt endlich kann ich auf dem rauhen Untergrund hinunterrasen.
Immer wieder fließen kleinere Bäche auf dem Karrenweg hinab.
Meine Bremsen werden dadurch stark beeinträchtigt, einmal fliege
ich mit überhöhter Geschwindigkeit fast aus der Kurve.
Wenn man sich in der freien Natur bewegt, sind immer auch
Wetterbeobachtungen unzertrennlich damit verbunden. Dies wird
mir hin und wieder bewußt, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich
meinen kritischen Blick zum Himmel richte. Zwar ist der Horizont
noch immer bewölkt, doch bleibt es nun wenigstens trocken.
Als es wieder bergauf geht, habe ich schwer zu kämpfen. Es ist
nun erheblich steiler, ich schätze etwa 20% bis 25%, als die
vorherige Schotterpiste und der Untergrund zudem sehr lose, doch
trotzdem bin ich mit mir ein wenig unzufrieden. Schließlich
bricht mein Leistungsvermögen, bzw. Unvermögen, meinen Stolz,
ich steige ab und schiebe. Ein entgegenkommender Spaziergänger
tröstet mich, hier würden nur sehr Mountainbiker vorbeikommen
und noch weniger würde auch wirklich hochfahren.
Als ich wieder im Sattel sitzen und leicht dahintreten kann,
fühle ich mich klein und bedeutungslos vor den gewaltigen 1000m
mächtig aufragenden Felswänden. Der Karrenweg führt etwas
unterhalb der Abstürze vorbei.
Dann versuche ich Windungen des Weges auf der Landkartenkopie in
der Kartenhalterung am Lenker nachzuvollziehen, zum einen, um
meinen Standort zu überprüfen, zum anderen, um die noch zu
fahrende Wegstrecke abzuschätzen. Nur noch knapp 100 Höhenmeter
trennen mich von der Falkenhütte.
Ich fühle mich richtig schlapp, obwohl nach 1200 Höhenmeter
eigentlich kein Grund dazu bestehen sollte. Doch der 15
Kilogramm schwere Rucksack verlangt nun mal sein Tribut. Zudem
kann ich mich auch noch nicht an den Gedanken gewönnen, genug
Zeit zu haben. Innerlich führt mein Geist einen Kampf gegen
meinen Körper. Doch ist nun der Körper der Unterlegene. Was
vielleicht auch wieder darauf zurückzuführen ist, daß ich
unzufrieden mit mir, nur eine belegte Brotscheibe und etwas
Trockenobst gegessen habe, mehr, habe ich mir gedacht, ist die
heutige Leistung nicht wert. Ein leichtes fortwährendes
Hungergefühl, begleitet von einem knurrenden Magen, sind die
Folge. Doch unbarmherzig peitsche ich mich weiter.
Als ich die Hütte erreiche, streifen mich nur befremdende
Blicke. Zunächst verwundert mache ich meine glattrasierte
Kopfhaut dafür verantwortlich. Diesen Schnitt habe ich mir
zugelegt, um nicht auch noch Haarshampoo mit mir mitführen zu
müssen. Mit eben dieser Glatze lasse ich mich von einem Wanderer
vor dem Alpenvereinshaus fotografieren. Untertags habe ich
meinen Kälte empfindlichen Kopf stets mit der Regenkaputze
verhüllt, so daß auch auf den vorhergehenden Bildern sehr
harmlos aussehe.
Im Gastraum der Hütte stelle ich meinen Magen mit einer großen
Portion Spaghetti zufrieden. Nach dem sättigenden Mahl schaue
ich mir die morgige Route auf der Karte an und nehme mir vor
bis zur Weidener Hütte zu fahren. Die 2000 Höhenmeter auf der
Etappe erschrecken mich zwar ein wenig, aber ich könnte dafür
wieder in einer DAV-Hütte nächtigen. Einen teuren Gasthof oder
ein naßkaltes Biwak halte ich nämlich auch nicht für verlockend.
Gegen 21°°h ziehe ich mich dann schon in meinen Schlafsack
zurück, auf bereichernde Gespräche brauche mit meinem
fremdartigen Aussehen bei dem langweiligen Wandervolk nicht zu
hoffen.
Ich wache als erster im Matrazenlager auf, schon am Fenster sehe
ich die Sonne hereinblinzeln - frohes Erwachen. Um 7°°h, frühest
möglich, frühstücke ich mit obligatorischem Müsli und Tee.
Leider muß ich dann noch einige Zeit mit dem klemmenden
Fahrradschloß verbringen, so daß es doch noch viertel Neun wird,
bis ich wegkomme. Ich rolle den Karrenweg, von wo ich gestern
kam, ein kurzes Stück zurück, um mich dann auf eine scheppernde
Schiebepassage einzulassen. Wieder gibt die Satteltasche den Ton
an, bis ich sie wieder an meinen Rucksack verbanne. Zwar gibt es
schöneres als Schieben, aber in der Morgensonne entlang der
Laliederwände zu wandeln, hat auch was für sich.
Nach einiger Zeit geht es dann wieder auf einem Fahrweg weiter
zum Hohljoch. Zuerst bremse ich im Schrittempo den schmalen Fußweg,
umgeben von den hohen Laliederwänden, hinunter. Immer wieder
durchsetzen mehr oder weniger große Steinbrocken und Wasserpfützen den
Erdweg. Man ist ständig gefordert, fast zum Stillstand zu
blockieren, das Vorder- und Hinterrad zu versetzen oder
zwischendurch zwei, drei kräftige Kurbelumdrehungen zu tätigen.
Die warme Morgensonne rückt dann das Vergnügen noch ins rechte
Licht.
Doch schon nach einigen hundert Metern bereiten immer größer
Felsbrocken, querlaufende Wurzeln, Steinstufen und zu steile
Wegstücke dem Fahrvergnügen ein jähes Ende. Zeitweise liegt das
treue Gefährt ruhig auf meinen Schultern, bei den größeren
Stufen geht mir das Gewicht von Rad und Rucksack durch
(Rücken-)Mark und Bein. Als Trost bleibt mir zumindest, daß ich
auf dem Runterweg bin, hier Sack und Pack hochwuchten zu müssen,
hat meiner Meinung nach keiner verdient. Zwischendurch lasse ich
dann von einem Wanderer noch visuelle Beweismittel von dem
Packesel mit dem Stahlroß auf dem Rücken anfertigen.
Doch sonst bewege ich mich schnurstracks hinunter zum Gasthof
Eng, um dem Gefährt wieder seiner eigentlichen Verwendung
Bedeutung zu zumessen. Durch schattigen Wald quäle ich mich hoch
zur Binsalm. Erst dort gönne ich mir die verdiente
Verschnaufpause. Bei strahlendem Sonnenschein genieße ich den
Ausblick auf die Felswände des Karwendels und komme bei den
langsam vorüberziehenden Wolken wieder zur Ruhe.
Ich reiße mich wieder aus meinen Tagträumen und trete behäbig
weiter in Richtung Lamsenjoch. Wieder wird es so steil, daß
jede Kurbelumdrehung auch bei der Seniorenübersetzung 24:34 zur
Qual wird. Schließlich lasse ich mich auf eine flache
Grasfläche fallen. Wieder tauche ich in meine tiefe chaotisch
verzweigt Gedankenwelt ein, als plötzlich eine Kuh neugierig an
meinem Helm schnuppert und mich mit ihrem Glockengeläut in die
irdische Welt zurückruft, der Fotoapparat liegt zum Glück
schußbereit. Als die Kuh aber auch noch auf meinen Löffel
sabbert, finde ich das ganz schön unverschämt. Doch verschwindet
der Berggeiferer wieder und ich schlinge gierig Brot mit Käse
hinunter und dehne somit die Verschnaufpause zu einer kleiner
Brotzeit aus.
Als dann aber Wanderer, die schon unten an der Binsalm
getroffen habe, vorüberziehen sehe, sattle ich wieder auf und
kurbele weiter. Kurz vor dem Lamsenjoch endet dann der Fahrweg,
so daß ich die letzten 50 Höhenmeter halb schiebend, halb
tragend erklimmen muß. Das gibt den Wanderern von der Binsalm
Gelegenheit, mich zu überholen, von oben rufen sie mir aber
schon aufmunternd zu, daß die Lamsenjochhütte in Sicht sei.
Vom Joch ab geht es dann auf dem Höhenweg im Stop und
Go-Verfahren, d.h. fahren, absteigen und schieben, fahren,
absteigen und schieben bis kurz unter die Hütte. Hier brechen
zwei ältere Tirolerinnen eine Wandere-Mountainbiker-Konflikt
vom Zaun. Provozierend stellen sie sich mitten in den Weg und
legen mir dann ihre Meinung zu meiner Person und anderen
Gleichgesinnten dar. Unbeeindruckt lasse ich sie mit ihrer
Meinung ihrer Wege ziehen, ein Diskussion mit diesen
Betonköpfen scheint wenig sinnvoll.
Nach etwas Mühen erreiche ich die Lamsenjochhütte, wo ich
meinen strapazierten Gliedern wieder ein wenig Ruhe gönne. Nach
kurzer Unterhaltung mit einem Gesinnungsgenossen aus München,
mache ich mir für die Abfahrt von 1980Hm auf 550Hm.
Reine Freude ist das Unterfangen zunächst nicht, zum einen muß
ich mit meinen angestrengten Fingern die Bremsen auf Anschlag
halten, zum anderen drückt mir der Rucksack den Helm ins
Gesicht. Ich stoppe kurz und packe etwas um, nun rutscht mir
der Helm nicht mehr über die Stirn. Dafür trägt der rollende
Untersatz nun knapp 80kg mit berauschender Geschwindigkeit auf
der teil halsbrecherischen Piste sicher ins Tal hinunter. Einem
älteren Downhiller mit vollgefedertem Designerzweirad muß ich
allerdings nach zähem Ringen den Vorrang lassen.
Unten in Schwaz muß ich meine Beine erst wieder ans Treten
gewönnen, bis Piller geht es dann flach und leicht dahin. Doch
dann geht es links 5km den Berg hoch nach Weerberg. Bei
sengender Hitze treibt es mir den Schweiß aus allen Poren.
Wiedermal lasse ich mich erschöpft ins Gras fallen und belohne
mich ein wenig mit Gummibären, um mich dann noch ein paar
hundert Meter über zwei Serpentinen zu einer Bank zu quälen.
Ich lasse mich nieder und sitze und sitze und sitze...
Mein Fahreifer verflüchtigt sich vollends, knapp zwei Stunden
lasse ich die Welt passieren ohne einzugreifen, mein Ziel
Weidener Hütte gerät zur Bedeutungslosigkeit und liegt in jeder
Hinsicht in weiter Ferne. Von der Sonne an die Bank gefesselt,
lasse ich die Zeit verstreichen, hin und wieder durchbricht ein
vorrüberfahrendes Auto die Ruhe, dem ich dann langsam
nachschaue, bis es aus meinem Blickfeld verschwindet. Das
Karwendelgebirge vor mir fordert mich auf, seine hohen Gipfel,
kahle Felslandschaften und saftigen Almen, einzigartig zu
finden. Zur Bewegungslosigkeit erstarrt nehme ich dankbar Wärme
und Licht der kräftig strahlenden Sonne als Lebensenergie in
mich auf. Angesichts des Wohlbefindens an diesem wunderbaren Ort
vereint frage ich mich sogar nach dem Sinn meines anstrengenden
Weiterkommenwollen.
Erst vom Durst getrieben mach ich es mir zur Aufgabe, Weerberg
näherzukommen. Dort tanke ich süchtig, kühles Naß an einem
Brunnen, gut schmeckt ist es nicht, aber es ist kühl und
flüssig. Ich fahre weiter durch Weerberg, das sich schier endlos
links und rechts entlang der Straße erstreckt. Verzweifelt
halte ich Ausschau nach einem unverschlossenen Stadel oder
sonstigen Unterstandsmöglichkeiten für die Nacht, doch bietet
sich nichts an. Ich quäle mich weiter und rolle dann zum
Weerbach hinunter.
Ab hier ist der Weg zur Weidenerhütte ausgeschildert, aber 800
weitere Höhenmeter zu erklimmen, wäre zwar Nahrung für den
persönlichen Stolz, aber Gift für die ausgelutschten Muskeln.
Ein nah gelegenes Ferienhaus untersuche ich noch auf
Nachttauglichkeit, aber leider machen querliegende Balken,
Bretter und sonstiges Gerümpel für mich den Keller unbewohnbar.
So lasse ich mich dann unter freiem Himmel auf dem ebenen
Untergrund einer Wehranlage nieder, die Wasserversorgung ist
also auch gesichert. Dafür beherrschen die rauschenden
Wassermassen des reißenden Gebirgsbaches die Stimmung im sonst
stillen Wald.
Jetzt probiere ich das erste Mal meinen Benzinkocher aus, ich
bin fasziniert, das Wasser kocht in wenigen Minuten, das
Kartoffelpüree ist in wenigen Minuten fertig. Energetisch wieder
versorgt, ziehe ich noch den Biwaksack aus dem Beutel, der
bewölkte Himmel macht mir ein wenig Sorgen. Ich hoffe aber ohne
Regen auszukommen In meinem Schlafsack genieße ich noch etwas
Tee und beschließe dann mit geschlossenen Augen den Tag.
Das war gegen 21°°. Gegen 23°° fallen die ersten Regentropfen.
Ich schlafe schon tief. Mit Ohrropax in den Ohren höre ich auch
nichts. Erst als mir ein Tropfen ins Gesicht fällt,
registriert mein müder Geist die unerhörte Laune der Natur. Es
dauert noch eine Weile, bis das Gehirn aus den Regen mit meiner
Person in Beziehung und schließlich folgert, daß ich vom Regen
naß werde. Dann bin ich halbwach und verkrieche mich in meinen
neuen Biwaksack.
Schon bald merke ich, wie wenig ich dem Regen entgegenzubringen
habe. Zum einen schwitzt man in dem alubeschichteten Material
ohne Ende, man wird schier im eigenen Saft gegart, zum anderen
sind die Nähte undicht. So kann es jedenfalls nicht weitergehen.
Ich erinnere mich wieder an den unbewohnbaren, aber trockenen
Keller. Hurtig verstaue ich mein Hab und Gut im Biwaksack und
flüchte damit barfuß zum abartigen Keller.
Leider kann ich mir nur wenig Platz schaffen. Die schweren
Holzbalken und das Gerümpel, vom Kinderwagen bis zum Grill, sind
so verkeilt, daß ich nur auszurichten vermag. Schließlich baue
ich aus einer großen Sperrholzplatte, die ich über die Balken
lege, einen sehr schiefen Liegeplatz. Nach einem zweiten Gang
hinaus durch den Regen hole ich noch meinen im Gelben Sack
verpackten Rucksack. Dann verkrieche ich mich endlich wieder im
Schlafsack. Zur starken Schräglage nach unten, gegen die ich
mich mit durchgestreckten Beinen am Grill abstütze, kommt noch
ein kleine Neigung nach rechts. Vom Herunterfallen von der
Holzplatte bewahrt mich dort ein Stützbalken, gegen den ich
mich mit dem Kopf lehne.
Dafür ist es trocken, draußen gießt es nun in Strömen. Mit der
Radbekleidung im Schlafsack, schlafe ich dann ein.
In mich zusammengesackt, von der Matte zu den Füßen gerutscht,
mit den Knien im Gesicht, wache ich auf. Ich ziehe mich gleich
im warmen Schlafsack an. Mit meiner Körperwärme ist mir
gelungen, meine Fahrradbekleidung einigermaßen trocken zu backen.
Dann wandert mein Blick zum ersten mal heute nach draußen. Dabei
sehe ich die angefressene Müslipackung, was auf das Werk von
Mäusen hindeutet.
Ich setze etwas Wasser auf und gebe als Milchpulver für
Neugeborene ab dem dritten Monat dazu. Die Sehnsucht nach Wärme
wird mir beim Hitze verbreitenden Brenner erst richtig bewußt.
Draußen ist es bewölkt und kalt.
Ich packe zusammen und breche auf. Trotz der schlechten
Schlafbedingungen bin ich gut ausgeschlafen und fahre langsam,
aber konstant die Serpentinen im dunklen naßkalten Wald. Dichter
Nebel hängt unter den Baumwipfeln - seltsam im Nebel zu
wandern, kein Baum sieht den andern. Erst auf einer Höhe von
1600m wird es lichter. Grasende Kühe schauen mir treu blöd ins
Gesicht. Obwohl sie friedliche Tiere sind, habe ich ob ihres
massigen Auftretens gehörigen Respekt vor ihnen.
An der Weidener Hütte mache ich eine erste Pause. Im offenen
Almgelände kann ich sogar ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Ich
liege gut in der Zeit, aber das Geiselsjoch, die Grenze der
Zillertaler Alpen, in weiter Ferne. Wanderer versichern mir
aber, daß dorthin ein guter Fahrweg führe. Tatsächlich ist der
Weg bis zum Joch gut fahrbar, wie ich später merke. Zwar fordern
steile Wegstücke öfter Tribut, aber es macht Spaß. Am östlichen
Rand des Kessels nähert man sich immer mehr dem 2291m hohen
Joch. Der Talkessel ist auch ein Augenschmaus, d.h. ich denke es
könnte einer sein, den Nebel übt heftig Zensur an den Reizen der
Natur. Die damit verbundene Kälte ist auch nicht zu verachten.
Außer dem Weg sehe ich nur den weißen Mantel, der sich immer
dichter um mich legt. Die letzen paar Meter sind noch einmal
hart, bis ich dann frierend am Joch stehe. Nach einem
Beweisfoto, mache ich mich daran, von hier schleunigst zu
verschwinden. Die Kälte und der graue Schleier treiben mich zur
Eile. Ich folge einem Grasweg hinunter, mit etwas Geschick läßt
er sich gut fahren. Mit kalten Fingern ist es aber kein echtes
Vergnügen.
Schon bald ist es mit Fahren vorbei, es heißt schieben,
schieben, schieben...
Von Weg oder Pfad kann keine Rede mehr sein, es handelt sich
lediglich noch um als Wanderweg markierte sumpfige
Kuhtrampelspuren. So muß ich mich 500 Höhenmeter hinunterquälen!
Hin und wieder rutsche ich aus, das polternde Rad scheppert über
die Unebenheiten, die Kette schlackert, um mich nur Nebel, fast
blind stolpere ich von einer Markierung zur nächsten, bis ich
dann endlich, ja endlich, an einer Alm auf die Fahrstraße.
Als ich dann auf die Karte schaue, sehe ich daß ich bereits auf
2100m, nur knapp unterm Joch, auf den Fahrweg kommen wollte.
Schuld an meiner Verirrung war die überhastete Flucht
vor dem kalten Nebel, von der guten Beschilderung der
Steigspuren des Wanderwegs 315 habe ich mich dann in die Irre
leiten lassen, statt mich gleich am Joch links zu halten.
Dafür geht es jetzt auf ruhigem vom Almgelände durchs Skigebiet
auf zahllosen Kehren nach Vorderlahnersbach hinunter. Auf der
Straße rolle ich noch bis Finkenberg. Dort läßt mich der
totenstille Wintersportort zur Mittagszeit nur auf alte
Brotreste zurückgreifen, aber Hauptsache ich habe was zum Beißen.
Nach kurzer Rast rolle ich noch ein Stückchen, bis ich dann auf
die Straße zum Schlegeisspeicher stoße. Kaum wahrnehmbar
ansteigend verläuft die ausgebaute Straße knapp 20km dahin. Die
Sonne lacht mir wieder ins Gesicht, ich lache zurück. Gelassen
arbeite ich mich mit zahlreichen Verschnaufpausen weiter. Links
und Rechts von gewaltigen Felswänden umgeben, fahre ich das Tal
immer weiter am Zemmbach entlang weiter hinauf.
Allmählich wird es steiler, wie sonst auch soll ich den 1800m
hoch gelegenen Stausee erreichen. An der Mautstelle vorbei muß
ich leider weiter den Serpentinen der Autostraße folgen, ein
alternativer Fußweg wird mir als ungeeignet beschrieben. Ich
schalte also mein Blinklicht an und lasse mich von einem
finsteren Tunnel schlucken. Im knapp 500m langen, leicht
ansteigenden Tunnel zu fahren, ist ein echtes Erlebnis.
Teilweise ist es richtig unheimlich, Licht am Ende des Tunnels
ist noch nicht zu sehen, vorbeidonnernde Autos treiben mich zur
Eile, die Abgase sind einfach keine Alternative zur frischen
Bergluft. Doch dann sehe ich in der Ferne, Licht, ja Licht,
Quell' des Lebens, und spurte raus. Der nächste Tunnel wartet
schon nach wenigen Metern. Bedrohlich wirken die schroffen
Felswände rings um mich herum. Gigantisch, zu was der Mensch
fähig ist, wenn ihm danach ist.
Nach den Tunnels geht es weiter an ein paar Kletterfelsen vorbei
zur monströsen Staumauer des Schlegeisspeichers. 600m breit,
550m hoch, mit diesem Ziel vor Augen treten ich immer weiter
dem betonierten Menschenwerk entgegen. Am Fuße der Staumauer
kommt die Gen Himmel strebende Betonwand voll zur Geltung.
Zugleich wird mir auch klar, daß ich diese Höhe über die nebenan
verlaufenden Serpentinen erklimmen muß.
Bei der Auffahrt messe ich meine momentane Höhe immer an der
Staumauer. Nah zwei kurzen Tunneldurchfahrten stehe ich oben auf
der künstlichen Begrenzung des Stausees. Ich fahre bis zur
Mitte der Mauer und lasse meine Blicke 550m nach unten fallen,
wo ich noch vor 20 Minuten gestanden bin.
Daraufhin dann lasse ich mich im Matrazenlager der
Dominikushütte nieder. Ein fabelhafte Dusche befreit mich von
Staub und Schmutz und läßt mein Antlitz wieder leuchten. Ich
wasche auch gleich meinen ebenfalls mit Schmutz überzogenen
Habitus und nutze den Heizungsraum zum Trocknen. Hernach stärke
ich mich bei einer großzügigen Portion Schweinebraten. Da ich
gestern schillingsmäßig eine Nullrunde eingelegt habe, schiebe
noch gönnerhaft einen Eisbecher hinterher. Gegen 21°° liege ich
auch hier wieder im Schlafsack.
Am nächsten Morgen erwartet mich ein freudiges
Frühstücksbüffet, ich stopfe in mich hinein, was geht. Erst dann
quetsche ich mein Hab' und Gut wieder in den Rucksack und mache
mich auf zum Pfitscher Joch. Sehr bald schon lasse ich neben den
Reifen auch die Profilsohlen meiner Wanderstiefel den felsigen
Untergrund spüren, Fahren ist hier leider nicht mehr möglich.
Untermalt von nervendem Scheppern schiebe ich mein stählernes
Roß über die Steinstufen. Zeitweise fließt noch Wasser über den
Weg und verleiht dem Unterfangen noch eine matschig schmierige
Atmosphäre. Nach ein paar Metern Fahrt vertauschen sich dann die
Rollen von Roß und Reiter: Ruhig liegt das Gefährt auf meinen
Schultern und will samt Rucksack nach oben getragen werden.
Jeder Tritt auf den nicht ergonomisch geformten Stufen löst
innere Kämpfe in mir aus.
Ach, wäre es doch schon vorbei! Warum nehme ich das auf mich?
Doch keine Menschenseele weit und breit, keiner der mich
bemitleidet, mich bewundert, oder für verrückt erklärt. So ziehe
ich weiter, immer weiter, um aus dem "Tragrad" wieder ein
Fahrrad zu machen. Ich höre auf zu denken, ich denke nicht mal
mehr an nichts. Meine Beine sind trainiert, sie funktionieren
bereits selbständig ohne Gehirnsteuerung, der Geist ist und
wird nicht mehr gebraucht.
In diesem Trancezustand kämpfe ich mich, keinen Gedanken an "wie
lange noch?" verschwenden, nur weiter, immer weiter. Raum- und
Zeitgefühl sind verloren, ich schwebe weiter. Die Wirbelsäule
erinnert mich allerdings daran, daß das Schweben mit über 30kg
am Rücken eine schwerfällige Angelegenheit ist.
Nach einer Verschnaufpause, bin glücklich, schieben zu dürfen -
so sinken die Ansprüche. An einem Plateau erinnere ich mich
sogar wieder ans Fahren. Der Höhenmesser zeigt mir 2050m an,
2208m gilt es zu überwinden. Zwar habe ich noch einiges vor mir,
doch ein Ende ist wenigstens absehbar. Nach etwas Tragen darf
ich wieder Schieben, was nicht sehr angenehm ist. Der Weg nennt
sich seiner Bestimmung nach Wanderweg und will auch
hauptsächlich dafür genutzt werden. Die sehr schmale Gehrinne
erschwert das Schieben beträchtlich. Auf dem Weg muß ich leider
meinem rollenden Begleiter die guten Wegstücke überlassen, da es
weniger geländegängig ist als auch. Ich stolpere meist mit
beiden Händen auf den Lenker gestützt nebenher und laufe am
äußersten Rand der Rinne. Hin und wieder rutsche ich aus, da ich
mich mehr auf das Verhaken der Räder als meiner Füße
konzentrieren muß, das Vergnügen wird dadurch nicht gesteigert.
Da ist endlich das Grenzhäuschen der italienischen Gardia di
Financa, der höchste zu überwindende Punkt ist in Sicht, in
wenigen Minuten werde ich dort sein.
Nach eineinhalb Stunden Schinderei lasse ich meinen Fotoapparat
noch ein Bild von mir mit dem Namensschild des Pfitscherjochs
auslösen. Später werde ich dann erzählen, der Weg zum
Pfitscherjoch sei nicht schlimm, stellenweise ein paar
Felsstufen, aber im großen und ganzen fahrbar. Die wenigen
Fahrstücke werde in der Erinnerung überwiegen und das Bild
verfälschen. Aus eben diesem Grund steht dann auch in
irgendwelchen Fachzeitschriften etwas von "harter,
anspruchsvoller Auffahrt für Cracks", obwohl damit durch die
Blume Tragestrecken angekündigt werden. Um gegen diese Problem
bereinigenden Augenwischereien gefeit zu sein, schreibe ich mir
meine eindrücke sobald als möglich nieder.
Auf einer holprig geschotterten Piste geht es Richtung Sterzing
hinab. Die vereinzelten Wanderer grüßen mich schon mit "Buon
Giorno". Auf langgezogene Serpentinen verwandele ich meine hart
erarbeitete Lagenergie in Bewegungsenergie, wobei ich aber auch
einiges an die Bremsbacken verschwenden muß.
Die letzten 14 Kilometer geht es auf ruhigem Asphalt nach
Sterzing, die Räder bewegen sich fast ohne mein Zutun. In
Sterzing treffe ich dann auf ein ganz verlesene deutsche
Urlauber. Die meisten scheinen auf Kaffeefahrt zu sein und viele
riskieren dabei das erstemal einen Auslandsaufenthalt. Unsicher
schleichen sie in großen Gruppen durch das schöne Sterzing und
mindern dadurch die Attraktivität der Stadt.
Auf einem sonnigen Bänkchen am Marktplatz breite ich mich aus.
Von zwei neugierigen deutschen Augenpaaren beaufsichtigt, esse
ich mein Brot. Ich kaufe mir noch etwas Obst und nehme das
Penserjoch in Angriff. Gleich zu Beginn merke ich mir die
Kilometermarke 65 und erwarte von nun an jede weitere Marke
sehnsüchtig. Bei 13% Steigung, immer wieder von ausgeruhten
Motorradfahrern bequem überholt, mache ich mich ans Werk. 15km
stetig bergauf, denke ich immer wieder entsetzt. Bei
sommerlichen Temperaturen bringe ich sämtliche gespeicherten
Wasservorräte an der Hautoberfläche zum Verdunsten. Ich habe
meinen Rhythmus gefunden, doch daß es fast noch eine Ewigkeit so
weitergehen wird, erschüttert mich.
In der Kurve hat die Natur ein schönen Ort zum Pausieren
geschaffen, ich werfe mich ins Gras und verschnaufe etwas. Auf
meinem Höhenmesser sehe ich, daß ich bereits 250 Höhenmeter
erklommen habe. Ich nehme mir sogleich vor, den Paß in 250
Höhenmeter-Etappen zu bezwingen. Schließlich raffe ich mich
wieder auf und gehe meiner Funktion als Motor nach, wobei ich
peinlich genau mit den Augen den Straßenverlauf auf der Karte in
der sehnsüchtigen Erwartung der ersten zwei Serpentinen, denn
dort ist die zweite 250-Höhenmeter-Etappe beendet.
So schnell geht das aber dann doch nicht, nur sehr zäh fließen
die Kilometermarken an mir vorbei. Noch ein Kilometer, denke
ich, das sind 1000m, die Leitpfosten stehen in 25m Abständen,
d.h. noch 1000 geteilt durch 25, äh, doch halt!, nicht Denken,
nur durch Treten ist hier Land zu gewinnen, reiße ich mich aus
meinen wirren Gedanken.
Ein Rennradfahrer überholt mich, er ist in Anbetracht meines
großen Rucksackes etwas erstaunt. Ich gebe mich geschlagen und
trete langsam weiter, mit dem werde ich es nicht aufnehmen
können...
Endlich kann ich mir wieder Ruhe gönnen, neben dem Höhenmesser
bestätigt mir noch ein Schild die aktuelle Höhe von 1500 Metern.
Auf einer schönen Bank genieße ich den Ausblick auf die hohen
Dolomiten. Dort könnte man, dort müßte man doch auch mal...
Ich starte wieder durch, bei 1750m will ich mir die nächste
Ruhepause gönnen. Die Straße windet sich durch dichte
Waldstücke, wo ich wohltemperiert meine Kraft entfalten kann.
Dafür geht es ständig am Berghang entlang, ohne Auffälligkeiten
im Richtungsverlauf, was mir die genaue Standortbestimmung auf
der Karte erheblich erschwert.
Bei den nächsten zwei Serpentinen ist wieder eine
Verschnaufpause angesagt, aber wann kommen die ausgebauten
Kurven endlich? Wieder und wieder krümmt sich die Straße nach
Rechts und weckt in mir die Erwartung, sie würde sich gleich in
Serpentinen nach oben schlängeln, doch weicht der Asphalt dann
wieder nach Links aus, um mich bei der nächsten Rechtskrümmung
wieder hoffen zu lassen.
Schließlich fahre ich an den Rand, um zu pausieren. Doch mahnt
mich der Höhenmesser sogleich zur Weiterfahrt, es fehlen nämlich
noch 50 Höhenmeter. Ich rechne wieder, 50Hm, d.h. noch einmal
ein viertel von der letzten Pause bis hier. Folgsam setze ich
mich unter dem Diktat des Altimeters in Bewegung. Ich trete und
trete und trete, jetzt muß es aber genug sein, wenn nicht sogar
zu viel. Ich plumpse ins Gras am Seitenstreifen, gnädig zeigt
die Nadel des strengen Höhenmessers auf die 1750er Markierung
der Höhenskala.
In der vorletzten Etappe nun stehen die zwei Serpentinen an, auf
denen ich mächtig an Höhe gewinne. Das nun schon sichtbare
Penserjoch ist dennoch in weiter Ferne. Meine Augen sind meiner
Position ca. 100m voraus, das dort sichtbare schlägt sich auf
meinen Gemütszustand nieder, entweder läßt eine steile Biegung
Böses Erahnen, läßt ein flaches Stück Erleichterung breit
werden, oder die Straße macht hinter einer uneinsichtigen Kurve
ein Geheimnis aus einem weiteren Verlauf. Bei Kräften sticht man
dann voller Hoffnung, Erwartung und Interesse darauf zu, um dann
vom abfallenden Weiterverlauf überrascht zu werden oder vor
einem erneut steilen oder gar noch steilerem Anstieg ehrfürchtig
zu erstarren.
In meinem Fall entschließe ich mich an der nächsten
Weginformation verbergenden Kurve, zu pausieren; nur noch bis
zur nächsten Kurve, nur noch bis zur nächsten Kurve, nicht mehr
weiter, dann reicht's - diese Phrasen verstopfen mein Gehirn auf
den letzten Metern zum vorläufigen Ziel.
Endlich dort treibt mich eisiger Wind recht schnell wieder
weiter. Letzte Etappe, schon sehr angeschlagen treibe ich mich
weiter, das Joch zu erreichen. Das Straße läuft nun fast im
Halbkreis am Rand des Kessels entlang, d.h. die ganze Wahrheit
ist sichtbar, keine Kurven mit Geheimnissen mehr. Zwei
entgegenkommende Radler erklären mir, ich hätte es gleich
geschafft. Doch was heißt gleich? Schon Einstein behauptete in
seiner Relativitätstheorie, daß ein Ereignis immer auch vom
Standpunkt des Betrachters abhängt, also relativ ist. In meiner
Situation erkenne ich nun einen weiteren Beleg für Einsteins
Theorie. Ich bin höchstens "relativ gleich" oben am Joch.
Zumindest kann ich aber dem zustimmen, daß man vom Joch bergab
gleich hier ist.
Ich strapaziere das Wort "gleich" noch ein wenig, in dem bei
2150m eine Zwischenpause einlege, also die letzte Etappe
nochmals unterteile. Es ist einfach notwendig.
Gebannt starre ich auf einen Schilderbaum und mache ihn als
höchsten Punkt aus. Schweren Trittes bewege ich mich müde auf
ihn zu. Ich kurbele immer langsamer, aber soll ich der Schmach
erliegen auf sauberem Teer im ersten zu Fahren? Der Daumen am
Schalthebel lächelt müde, die Oberschenkel und Waden ächzen
unter den schwerfälligen Drehbewegungen.
Doch dann endlich auf 2211m Seehöhe, oben auf dem Paß, ernte ich
sogar ein Bewunderung der Motorradfahrer, die mich schon vor
längerer Zeit überholt haben.
bei meiner kurzen Untätigkeit hier oben muß ich mich sofort mit
meiner Windjacke gegen den kalten Wind schützen. Nach kurzem
Besuch eines Aussichtspunktes bitte ich noch einen Autofahrer,
mit meinem Fotoapparat visuelles Beweismaterial von mir hier
oben anzufertigen.
Dann mache ich für den Abfahrtslauf bereit. Volles Rohr schieße
ich nach unten, die Adrenalin drüsen sind nun gefordert, mich
dem Geschwindigkeitsrausch verfallen zu lassen.
Aus den Augenwinkeln nehme ich schemenhaft die Schmierereien auf
dem Straßenbelag wahr, die wohl von früheren Radrennen hier
herauf zeugen. Mir jedenfalls hat es gereicht überhaupt hier
hochzukommen Wettstreit.
Die Straße ist gut ausgebaut, was zur Folge hat, daß ich trotz
meiner hohen Geschwindigkeit, kaum Autos überholen kann, diese
sind einfach zu schnell auf der Ausbaustrecke hier. Lediglich
drei motorisierte Vierräder kann ich auf meinem Konto verbuchen.
In Pens lege ich eine kleine Pause ein, um mich zu Orientieren
und den verblasenen Augen etwas ruhe zu gönnen Bis Astfeld habe
ich noch 500Hm gut, die gilt es in Geschwindigkeit umzuwandeln,
ich rolle weiter.
Nach über 20km Abfahrt suche ich nach einem Plätzchen für die
Nacht. Eine Art Park kommt mir sehr gelegen, ein kleines
Klohäuschen könnte mir hier zur Not als Regenschutz dienen. Ein
vorbeifließender sauberer Bach erklärt sich für die
Wasserversorgung zuständig. Ich fahre noch ins nahegelegene
Astfeld und kaufe noch etwas ein. Zurück am Quartierplatz kochen
die Nudeln schnell, ich mache mir mein Lager zurecht.
Ein letzter Blick nach oben, es schaut nicht nach Regen aus.
Aber das hatten wir ja schon mal. Jedenfalls mache ich alles für
einen kurzfristigen Umzug ins Klohäuschen bereit...
Heute früh lasse ich mir etwas Zeit und starte nach Müsli- und
Tee-Zuführung erst gegen 8:45. Zunächst geht es recht geruhsam
auf leicht ansteigendem Asphalt in Richtung Reinswald. Nach
wenigen Kilometern, weit vor Reinswald, biege ich dann vor
einer kleinen Brücke auf eine steile asphaltierte Abkürzung ab,
rechts auf der Schotterpiste Richtung Planewies-Alm wird dann
anspruchsvoller. Immer tiefer in dichten Wald hinein, geht es
bald in luftige Höhe. Völlig alleingelassen von
Wegbeschilderungen oder Markierungen verlasse ich mich auf
meinen Instinkt: Auf 2050m Höhe endet der Wirtschaftsweg, ich
bin platt, das darf nicht sein! Verzweifelt halte ich nach
irgendwelchen weiterführenden Pfadspuren Ausschau - zwecklos.
Schließlich rolle ich wieder ein gutes Stück zurück und sehe
recht unscheinbar eine Wegmarkierung "Nr. 6". Meine hier etwas
ungenaue Landkarte aus dem Kompaßverlag hat auch einen Weg mit
der Nummer sechs verzeichnet, ich bin also richtig. Der
Wegverlauf auf der Karte ist aber leider sehr sporadisch, in
meinen Augen sogar falsch, eingezeichnet.
Was anfangs nur wie die Spuren eines verirrten Traktors
aussieht, entpuppt sich später zu einem Fahrweg der übelsten
Sorte. Die Silbe "Fahr" sollte man eigentlich aus dem Namen
streichen, denn wer soll da fahren? Ich schiebe weiter nach
oben. Nach einiger Zeit verengt sich dann der unfahrbare
"Fahrweg" zum Fußweg.
Über Steinplatten quäle ich mich langsam dahin. Bei einer kurzen
Verschnaufpause überholt mich eine Wanderfamilie. Wenn die
Schieberei auch anstrengend ist, so ist das Alles doch nichts
gegen die gestrige Plagerei am Pfitscher Joch - denke ich
anfangs. Denn schon bald folgt ein großes Blockfeld, in das mir
die Laune der Natur in jahrtausend langer Arbeit große unförmige
Steinbrocken in den Weg gelegt hat. Während ich nach Luft
japsend über die Schikanen klettere, schaukelt mein fahrbarer
Untersatz hämisch auf meinen Schultern im Takt meiner
Schrittbewegungen. Zahlreiche Verschnaufpausen unterbrechen das
kräftezehrende Schauspiel. Als ich endlich wieder schieben kann
betrachte ich das als Geschenk der Natur.
Dabei münde ich auf einen Weg, der von Reinswald zum schwarzen
See führt. Ich begreife schnell, daß mir auf diesem Weg von
Reinswald aus die Tragerei erspart geblieben wäre, was aber
leider auch im Nachhinein auf der Kompaßkarte nicht
nachvollziehbar ist.
Auf dem Sattel vor dem schwarzen See treffe ich wieder auf die
Wanderfamilie. Im gegenseitigen Einvernehmen bannen wir uns
wechselseitig auf Filmmaterial. Nach obligatorischer
Unterhaltung über die jeweiligen Wander- bzw. Fahrziele, ziehe
ich weiter.
Über einen aus Steinplatten gelegten Maultierweg gelange ich
nach kürzerem Ab und längerem Auf zu einer Alm. Ich pflanze mich
auf eine warmen Stein und läute dort die Mittagspause ein. Da
kommt der urige Bergbauer aus der benachbarten Alm zu mir hoch.
Mit einem Fernglas schaut er auf die fernen Berggipfel.
Wir unterhalten uns ein wenig. Ich erzähle ihm von meiner
Bergunternehmung. Interessiert folge ich dann seinen
Ausführungen über alte Bergstollen in diesem Gebiet, wo in
früheren Zeiten erst ein wenig Gold, dann Silber und schließlich
Kupfer abgebaut worden ist. Zudem klärt er mich über die
Namensgebung der Kapelle "Am Toten" auf.
Im 16.Jh.., erzählt er mir in südtiroler Dialekt, herrschte hier
überall die Pest, nur das damals noch von der Außenwelt
abgeschlossene Sarntal blieb vor dem Unheil verschont. Hier war
einer der wenigen Zugänge zum Sarntal. Ein Knecht, der "...die
Pescht drinnen g'kopt hout...", wollte hier ins Sarntal und fiel
dann oben am Sattel, wo jetzt die Kapelle steht tot um. So hat
entweder der liebe Gott oder schreckliche Krankheit den Knecht
dahingerafft und das Sarntal vor dem Unheil verschont.
Schließlich erfahre ich weiter von dem Bergbauern in der
tiefblauen Schürze, daß er alles selbst hochtragen oder mit dem
Pferd hier hochschaffen müsse, da kein Wirtschaftsweg hier hoch
führt, wie er schimpft. Er wohnt den ganzen Sommer über mit
seinen Schafen und Ziegen allein hier oben. Ich möchte mich noch
gerne weiter mit ihm unterhalten, da er viel altes Wissen in
sich tragen zu scheint, aber er muß wieder hinunter zu seiner
Alm und seinem Vieh.
Ich schiebe das letze Stück zum "Toten". Auf der anderen Seite
des Sattels existiert ein ganz gutes Wirtschaftswegenetz.
Einsetzende Graupelschauer treiben mich eilends zur Abfahrt, die
zahlreichen Wanderer indes drängen sich in die kleine Kapelle,
um dort Schutz zu suchen. Glücklicherweise hält diese
Wetterlaune nicht lange an und ich kann die Landschaft ungetrübt
begutachten. Ich fahre auf einer flach abfallenden Hochebene
hinunter. Niedriges Buschwerk und ockerbrauner Untergrund
beherrschen hier die Szenerie. Das Gelände ist recht einsichtig
und gut überschaubar.
Gute Erdwege machen das Gebiet zu einem wahren
Mountainbike-Eldorado. Hat man erst einmal das Plateau von ca.
2000m Höhe erklommen, steht dem Genießen der, ab hier nur noch
mäßig steilen, Erhebungen nichts mehr im Wege.
Die zahlreichen Spuren von grobstolligen Fahrradreifen sind
stille Zeugen, daß ich nicht als Erster das fantastische Terrain
auf zwei Rädern erkunde. Weiter geht es auf ein paar flache
Serpentinen zum Rittner Horn. Ich genieße die weiten Rundblicke
in dem offenen Gelände. Es wäre absolut paradiesisch hier, wenn
der Himmel nicht so böse dreinblicken würde. Trotzalledem bin
ich von dem Revier hier begeistert, das von Ritten aus auch gut
mit kleinen Tagestouren erforscht werden kann. Ich umfahre das
Rittner Horn westlich, ca. 100m unterhalb des Gipfels, als ich
plötzlich Opfer heftig einsetzender Graupelschauer werde, die
zeitweise sogar in Hagel übergehen. Der goldgelbe Fahrweg ist in
sekundenschnelle mit Eiskörnern übersähet, die schon bald zu
schmilzen beginnen. Es wird schmierig.
Schnell ziehe ich mir meine Regenjacke über und höre schon die
Himmelsgeschoße auf meinen Helm prasseln. Das noch vor Minuten
so geschätzte offene Gelände, offenbart sich mir nun als
unentrinnbare Falle. Schutzlos, fernab von Scheune, Bäumen,
Felsen oder sonstigen Erhebungen, bin ich dem Treiben hilflos
ausgeliefert. Ohne Unterlaß hämmern mir die harten Eiskugeln ins
Gesicht. Ich beschleunige mein Tempo etwas, zum Glück geht es
dann bergab, nichts wie weg von hier. Unten ist auch schon eine
Hütte in Sicht.
Der Wirt winkt mich mit dem Fahrrad in die sichere Garage. In
der Gaststube wärme ich mich mit etwas Tee wieder auf und warte
das Wetter ab. Es hat keinen Sinn mehr, es regnet ohne Unterlaß.
Als auch viele andere Mountainbikerkollegen ins kalte Naß gehen,
zwinge auch ich mich nach draußen. Ich packe mich soweit es geht
ein und mache mich daran, von 2045m auf rase 262m
hinunterzurasen.
Es ist kalt, 5°C, Wasser spritz mir ins Gesicht. Regen und
Spritzwasser des grobstolligen Vorderreifens teilen sich dabei
die Arbeit. Schon spüre ich die ersten Wassertropfen meine
Regenjacke und Regenhose durcharbeiten, obwohl das Laminat laut
Hersteller "winddicht, wasserdicht und atmungsaktiv" sein soll,
Wasser findet leider seinen Weg. Meine Wanderstiefel, die mit
demgleichen Material abgedichtet sind, scheinen besser
verarbeitet zu sein, doch hilft mir das leider auch recht wenig:
Die Wasserdichtigkeit kommt dadurch zum Ausdruck, daß das von
oben in den Schaft eingedrungene Wasser aus dem Fußbett nicht
mehr abläuft.
Meine Finger werden eisig kalt, doch messe ich ihnen momentan
die größte Bedeutung zu, sie stellen eine Art Lebensversicherung
auf der steilen Abfahrt dar. Ihre alleinige Aufgabe ist es,
Maximalkraft auf die nassen Bremsklötze zu bringen. Die unruhige
Abfahrt schüttelt mich durch, mit letzter Kraft klammere ich
mich an den nassen Lenker und die kalten Bremshebel. Die
Versuchung, die Bremszüge zu entspannen, ist groß, doch werde
ich dann fast von den Pedalen katapultiert.
Vom aufgeweichten Schotter geht es endlich auf Teerbelag weiter,
die Bremsen ziehen kaum noch. Mir graut es vor jeder Kurve.
Mittlere bringe ich schon eine Schuhsole mit auf die Straße, um
die Bremswirkung zu erhöhen. Trotzdem fällt es mir schwer, nicht
über die Mittellinie hinauszuschießen. Entgegen meiner Erwartung
nimmt die Kälte mit geringere Höhenlage nicht ab. Der feine
Nieselregen, der auf mich mit meiner hohen Geschwindigkeit wie
Platzregen einwirkt, weicht mich vollends durch.
Noch 12km bis Bozen, kündigt mir ein Schild teilnahmslos an.
Nach kurzem Treten, wobei ich auch keine Körperwärme produzieren
kann, geht es weiter bergab. Viele Autos fahren an mir vorbei
und schenken ihren Insassen Wärme und Geborgenheit. Ich hoffe,
daß wenigstens einige Mitleid mit mir haben.
Währenddessen rase ich weiter auf der von kleinen Bächen
überzogenen Asphaltdecke weiter. Nur raus aus den Fahrrinnen,
sie kanalisieren das abfließende Wasser geradezu. Hoffentlich
bin ich bald in Bozen, denke ich, träume von Wärme.
Aargh, wieder so eine enge Kehre! Ich bin zu schnell, kann mich
nicht mehr auf der rechten Fahrbahnseite halten, die Fliehkraft
drückt mich auf die Gegenfahrbahn, die Bremsen sind auf Anschlag
gespannt, ich bremse zusätzlich mit dem rechten Fuß. Genau in
diesem Moment kommt aus der uneinsichtigen Straßenbiegung
Gegenverkehr, mein Herz pocht, um Haaresbreite schlittere ich am
Kotflügel vorbei. Der guten Reaktion des Autofahrers und viel
Glück ist der glimpfliche Ausgang der Situation zu verdanken.
Das Adrenalin in meinem Körper hält mich von nun an wach, die
letzten sechs Kehren gehe ich etwas aufmerksamer an. Als ich
endlich in Bozen einrolle, steht die eigentliche Hauptaufgabe
vor mir, die Quartiersuche. Tatsächlich ist das schwieriger als
ich befürchte habe.
Zwar sehe ich genügend Schilder mit der Aufschrift "Zimmer",
doch sind die Pensionen und Gasthöfe entweder geschlossen, oder
man will mir ab 50DM Doppel- oder gar Dreibettzimmer anbieten.
Genervt irre ich weiter durch Bozen, um das Touristenbüro zu
finden.
Nach naßkalter Odyssee finde ich die Zimmervermittlung, doch ist
man hier der Meinung, daß der Service am Sonntag nicht notwendig
sei. Man scheint mich hier nicht haben zu wollen. So schnell als
möglich verlasse ich die Stadt. Nach Bozen falle ich nochmals
auf ein "Zimmer"-Schild herein. In einer Wohnsiedlung vermietet
eine Familie Fremdenzimmer. Für 40DM könnte ich in einem
Dreibett-Zimmer übernachten. Zudem hätte ich eine warme Dusche
im Zimmer. Als der Vermieterin das Wort warm über die Zungen
geht, möchte ich schon fast einwilligen, versuche aber dann noch
etwas zu handeln. Es ist nichts zu machen, sie bleibt stur, ich
bleibe es auch.
Wieder klebe ich auf meinem nassen Sattel und fahre weiter in
die Ungewißheit. Doch was sehen da meine freudig erregten Augen,
ein Parkhausrohbau? Halte durch, Rettung naht. Zwischen mehreren
Stapeln Styroporplatten richte ich mich ein. Nachdem ich meine
nasse Bekleidung aufgehängt habe, bringt warmes Kartoffelpüree
wieder etwas Lebensqualität.
Die Wasserversorgung ist Dank herumstehender Mineralwasser- und
Limokästen abgedeckt.
Etwas bange ich vor den Hausmeistern, die in den
fertiggestellten Gebäudeabschnitten bereits wohnen und ständig
umherschleichen. Bisher bin unentdeckt geblieben, ein wenig
beunruhigt schlafe ich ein.
[Praktische Tips und genaue Daten zur Tour]
["Das große Kilometerfressen"]
[Zurück zur Übersicht]
[Zurück zur MTB-Page]
(C) by Florian Michahelles 1996