Das Gute liegt so nah


MTB-Tour von Mittenwald nach Bozen


Inhalt
Allein auf dem "Mountainbiker-Highway Die Sonne, der Regen und die Schräglage Durch die Berge der Schürzenjäger Geheimnisvolle Kurven Wasser findet seinen Weg

Allein auf dem "Mountainbiker-Highway"

Es regnet, es regnet, es regnet seinen Lauf, und wenn es genug geregnet hat dann hört es auch wieder auf. Dieser Vers aus einem Kinderlied geht mir durch den Kopf als ich in Mittenwald aus dem Zug steige.
Meine Regenhose und Regenjacke habe ich mir bereits im Bahnabteil übergezogen, so kann ich gegen den Regen gewappnet aufbrechen. Doch schon nach wenigen Minuten, spüre ich einzelne Regentropfen, denen es gelingt die als "zweite Haut" gepriesene Membrane zu durchdringen.
Von Scharnitz aus führt mich mein Weg über hervorragende Schotterpiste durchs Karwendeltal zum Karwendelhaus. Ich bin einerseits fasziniert von dem Naturschauspiel, wie sich die Wassermassen durch den Karwendelbach ins Tal hinunterwälzen, andererseits drücken die Regentropfen ein wenig aufs Gemüt. Der nimmt kein Ende, es regnet zwar nicht stark, aber beständig - das am ersten Tag, in der ersten Stunde. Etwas gleichgültig lasse ich die Landschaft schön sein und konzentriere mich darauf, möglichst schnell voranzukommen, an richtige Verschnaufpausen ist aufgrund der Kälte, etwa 8°C, nicht zu denken.
Wo man bei gutem Wetter in im Pulk hoch wandert, die Münchner ihre Edelbikes ausprobieren, bin ich heute allein. An einer Alm wird sogar ein spezieller Mountainbikerdrink angeboten, was immer das auch ist, solche Angebote habe ich vorher noch nicht gesehen.
Ich versuche mich mit der Vorfreude auf einen warmen Tee zur raschen Auffahrt zum Karwendelhaus zu motivieren. Zwar hört jetzt wenigstens der Regen auf, doch tut das der noch immer vorherrschenden Kälte keinen Abbruch.
Der die Nadel des Höhenmesser zeigt auf 1490m, weit kann es also nicht mehr sein. die restlichen 300 Höhenmeter gilt es, auf etwas steileren Serpentinen zu erklimmen, langsam arbeite ich mich nach oben. Noch bin ich mit meiner Fahrleistung nicht zufrieden, noch nicht richtig in Form, erfolgt die energiebereitstellung für die Muskeln noch etwas schwerfällig.
Das Karwendelhaus ist in Sicht, gleich habe ich es geschafft. Mit Freuden betrete ich dann als erstes den beheizten Trockenraum der Hütte und hänge meine Sachen zum Trocknen auf. Bei zwei Litern heißem Tee kehrt dann auch in meinen Körper wieder Wärme zurück.
Nach fast zwei Stunden Pause mit vergeblichen Warten auf ein Aufreißen der Wolkendecke, mache ich mich wieder auf den Weg. Der Schotter wird nun zunehmend gröber, meine Satteltasche ächzt bei den Erschütterungen. Bei einer längeren Fahrt gibt es nichts störenderes als immer wiederkehrendes Schleifen, Quietschen oder rhythmisches Pendeln, kommentiert mit den entsprechenden nervenden Lauten.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die Tasche zusätzlich mit Packriemen zu fixieren, packe ich sie mit auf den Rucksack, d.h. noch ein Kilogramm mehr auf den Rücken zu lasten.
Jetzt endlich kann ich auf dem rauhen Untergrund hinunterrasen. Immer wieder fließen kleinere Bäche auf dem Karrenweg hinab. Meine Bremsen werden dadurch stark beeinträchtigt, einmal fliege ich mit überhöhter Geschwindigkeit fast aus der Kurve.
Wenn man sich in der freien Natur bewegt, sind immer auch Wetterbeobachtungen unzertrennlich damit verbunden. Dies wird mir hin und wieder bewußt, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich meinen kritischen Blick zum Himmel richte. Zwar ist der Horizont noch immer bewölkt, doch bleibt es nun wenigstens trocken.
Als es wieder bergauf geht, habe ich schwer zu kämpfen. Es ist nun erheblich steiler, ich schätze etwa 20% bis 25%, als die vorherige Schotterpiste und der Untergrund zudem sehr lose, doch trotzdem bin ich mit mir ein wenig unzufrieden. Schließlich bricht mein Leistungsvermögen, bzw. Unvermögen, meinen Stolz, ich steige ab und schiebe. Ein entgegenkommender Spaziergänger tröstet mich, hier würden nur sehr Mountainbiker vorbeikommen und noch weniger würde auch wirklich hochfahren.
Als ich wieder im Sattel sitzen und leicht dahintreten kann, fühle ich mich klein und bedeutungslos vor den gewaltigen 1000m mächtig aufragenden Felswänden. Der Karrenweg führt etwas unterhalb der Abstürze vorbei.
Dann versuche ich Windungen des Weges auf der Landkartenkopie in der Kartenhalterung am Lenker nachzuvollziehen, zum einen, um meinen Standort zu überprüfen, zum anderen, um die noch zu fahrende Wegstrecke abzuschätzen. Nur noch knapp 100 Höhenmeter trennen mich von der Falkenhütte.
Ich fühle mich richtig schlapp, obwohl nach 1200 Höhenmeter eigentlich kein Grund dazu bestehen sollte. Doch der 15 Kilogramm schwere Rucksack verlangt nun mal sein Tribut. Zudem kann ich mich auch noch nicht an den Gedanken gewönnen, genug Zeit zu haben. Innerlich führt mein Geist einen Kampf gegen meinen Körper. Doch ist nun der Körper der Unterlegene. Was vielleicht auch wieder darauf zurückzuführen ist, daß ich unzufrieden mit mir, nur eine belegte Brotscheibe und etwas Trockenobst gegessen habe, mehr, habe ich mir gedacht, ist die heutige Leistung nicht wert. Ein leichtes fortwährendes Hungergefühl, begleitet von einem knurrenden Magen, sind die Folge. Doch unbarmherzig peitsche ich mich weiter.
Als ich die Hütte erreiche, streifen mich nur befremdende Blicke. Zunächst verwundert mache ich meine glattrasierte Kopfhaut dafür verantwortlich. Diesen Schnitt habe ich mir zugelegt, um nicht auch noch Haarshampoo mit mir mitführen zu müssen. Mit eben dieser Glatze lasse ich mich von einem Wanderer vor dem Alpenvereinshaus fotografieren. Untertags habe ich meinen Kälte empfindlichen Kopf stets mit der Regenkaputze verhüllt, so daß auch auf den vorhergehenden Bildern sehr harmlos aussehe.
Im Gastraum der Hütte stelle ich meinen Magen mit einer großen Portion Spaghetti zufrieden. Nach dem sättigenden Mahl schaue ich mir die morgige Route auf der Karte an und nehme mir vor bis zur Weidener Hütte zu fahren. Die 2000 Höhenmeter auf der Etappe erschrecken mich zwar ein wenig, aber ich könnte dafür wieder in einer DAV-Hütte nächtigen. Einen teuren Gasthof oder ein naßkaltes Biwak halte ich nämlich auch nicht für verlockend.
Gegen 21°°h ziehe ich mich dann schon in meinen Schlafsack zurück, auf bereichernde Gespräche brauche mit meinem fremdartigen Aussehen bei dem langweiligen Wandervolk nicht zu hoffen.

Die Sonne, der Regen und die Schräglage

Ich wache als erster im Matrazenlager auf, schon am Fenster sehe ich die Sonne hereinblinzeln - frohes Erwachen. Um 7°°h, frühest möglich, frühstücke ich mit obligatorischem Müsli und Tee.
Leider muß ich dann noch einige Zeit mit dem klemmenden Fahrradschloß verbringen, so daß es doch noch viertel Neun wird, bis ich wegkomme. Ich rolle den Karrenweg, von wo ich gestern kam, ein kurzes Stück zurück, um mich dann auf eine scheppernde Schiebepassage einzulassen. Wieder gibt die Satteltasche den Ton an, bis ich sie wieder an meinen Rucksack verbanne. Zwar gibt es schöneres als Schieben, aber in der Morgensonne entlang der Laliederwände zu wandeln, hat auch was für sich.
Nach einiger Zeit geht es dann wieder auf einem Fahrweg weiter zum Hohljoch. Zuerst bremse ich im Schrittempo den schmalen Fußweg, umgeben von den hohen Laliederwänden, hinunter. Immer wieder durchsetzen mehr oder weniger große Steinbrocken und Wasserpfützen den Erdweg. Man ist ständig gefordert, fast zum Stillstand zu blockieren, das Vorder- und Hinterrad zu versetzen oder zwischendurch zwei, drei kräftige Kurbelumdrehungen zu tätigen. Die warme Morgensonne rückt dann das Vergnügen noch ins rechte Licht.
Doch schon nach einigen hundert Metern bereiten immer größer Felsbrocken, querlaufende Wurzeln, Steinstufen und zu steile Wegstücke dem Fahrvergnügen ein jähes Ende. Zeitweise liegt das treue Gefährt ruhig auf meinen Schultern, bei den größeren Stufen geht mir das Gewicht von Rad und Rucksack durch (Rücken-)Mark und Bein. Als Trost bleibt mir zumindest, daß ich auf dem Runterweg bin, hier Sack und Pack hochwuchten zu müssen, hat meiner Meinung nach keiner verdient. Zwischendurch lasse ich dann von einem Wanderer noch visuelle Beweismittel von dem Packesel mit dem Stahlroß auf dem Rücken anfertigen.
Doch sonst bewege ich mich schnurstracks hinunter zum Gasthof Eng, um dem Gefährt wieder seiner eigentlichen Verwendung Bedeutung zu zumessen. Durch schattigen Wald quäle ich mich hoch zur Binsalm. Erst dort gönne ich mir die verdiente Verschnaufpause. Bei strahlendem Sonnenschein genieße ich den Ausblick auf die Felswände des Karwendels und komme bei den langsam vorüberziehenden Wolken wieder zur Ruhe.
Ich reiße mich wieder aus meinen Tagträumen und trete behäbig weiter in Richtung Lamsenjoch. Wieder wird es so steil, daß jede Kurbelumdrehung auch bei der Seniorenübersetzung 24:34 zur Qual wird. Schließlich lasse ich mich auf eine flache Grasfläche fallen. Wieder tauche ich in meine tiefe chaotisch verzweigt Gedankenwelt ein, als plötzlich eine Kuh neugierig an meinem Helm schnuppert und mich mit ihrem Glockengeläut in die irdische Welt zurückruft, der Fotoapparat liegt zum Glück schußbereit. Als die Kuh aber auch noch auf meinen Löffel sabbert, finde ich das ganz schön unverschämt. Doch verschwindet der Berggeiferer wieder und ich schlinge gierig Brot mit Käse hinunter und dehne somit die Verschnaufpause zu einer kleiner Brotzeit aus.
Als dann aber Wanderer, die schon unten an der Binsalm getroffen habe, vorüberziehen sehe, sattle ich wieder auf und kurbele weiter. Kurz vor dem Lamsenjoch endet dann der Fahrweg, so daß ich die letzten 50 Höhenmeter halb schiebend, halb tragend erklimmen muß. Das gibt den Wanderern von der Binsalm Gelegenheit, mich zu überholen, von oben rufen sie mir aber schon aufmunternd zu, daß die Lamsenjochhütte in Sicht sei.
Vom Joch ab geht es dann auf dem Höhenweg im Stop und Go-Verfahren, d.h. fahren, absteigen und schieben, fahren, absteigen und schieben bis kurz unter die Hütte. Hier brechen zwei ältere Tirolerinnen eine Wandere-Mountainbiker-Konflikt vom Zaun. Provozierend stellen sie sich mitten in den Weg und legen mir dann ihre Meinung zu meiner Person und anderen Gleichgesinnten dar. Unbeeindruckt lasse ich sie mit ihrer Meinung ihrer Wege ziehen, ein Diskussion mit diesen Betonköpfen scheint wenig sinnvoll.
Nach etwas Mühen erreiche ich die Lamsenjochhütte, wo ich meinen strapazierten Gliedern wieder ein wenig Ruhe gönne. Nach kurzer Unterhaltung mit einem Gesinnungsgenossen aus München, mache ich mir für die Abfahrt von 1980Hm auf 550Hm.
Reine Freude ist das Unterfangen zunächst nicht, zum einen muß ich mit meinen angestrengten Fingern die Bremsen auf Anschlag halten, zum anderen drückt mir der Rucksack den Helm ins Gesicht. Ich stoppe kurz und packe etwas um, nun rutscht mir der Helm nicht mehr über die Stirn. Dafür trägt der rollende Untersatz nun knapp 80kg mit berauschender Geschwindigkeit auf der teil halsbrecherischen Piste sicher ins Tal hinunter. Einem älteren Downhiller mit vollgefedertem Designerzweirad muß ich allerdings nach zähem Ringen den Vorrang lassen.
Unten in Schwaz muß ich meine Beine erst wieder ans Treten gewönnen, bis Piller geht es dann flach und leicht dahin. Doch dann geht es links 5km den Berg hoch nach Weerberg. Bei sengender Hitze treibt es mir den Schweiß aus allen Poren. Wiedermal lasse ich mich erschöpft ins Gras fallen und belohne mich ein wenig mit Gummibären, um mich dann noch ein paar hundert Meter über zwei Serpentinen zu einer Bank zu quälen. Ich lasse mich nieder und sitze und sitze und sitze...
Mein Fahreifer verflüchtigt sich vollends, knapp zwei Stunden lasse ich die Welt passieren ohne einzugreifen, mein Ziel Weidener Hütte gerät zur Bedeutungslosigkeit und liegt in jeder Hinsicht in weiter Ferne. Von der Sonne an die Bank gefesselt, lasse ich die Zeit verstreichen, hin und wieder durchbricht ein vorrüberfahrendes Auto die Ruhe, dem ich dann langsam nachschaue, bis es aus meinem Blickfeld verschwindet. Das Karwendelgebirge vor mir fordert mich auf, seine hohen Gipfel, kahle Felslandschaften und saftigen Almen, einzigartig zu finden. Zur Bewegungslosigkeit erstarrt nehme ich dankbar Wärme und Licht der kräftig strahlenden Sonne als Lebensenergie in mich auf. Angesichts des Wohlbefindens an diesem wunderbaren Ort vereint frage ich mich sogar nach dem Sinn meines anstrengenden Weiterkommenwollen.
Erst vom Durst getrieben mach ich es mir zur Aufgabe, Weerberg näherzukommen. Dort tanke ich süchtig, kühles Naß an einem Brunnen, gut schmeckt ist es nicht, aber es ist kühl und flüssig. Ich fahre weiter durch Weerberg, das sich schier endlos links und rechts entlang der Straße erstreckt. Verzweifelt halte ich Ausschau nach einem unverschlossenen Stadel oder sonstigen Unterstandsmöglichkeiten für die Nacht, doch bietet sich nichts an. Ich quäle mich weiter und rolle dann zum Weerbach hinunter.
Ab hier ist der Weg zur Weidenerhütte ausgeschildert, aber 800 weitere Höhenmeter zu erklimmen, wäre zwar Nahrung für den persönlichen Stolz, aber Gift für die ausgelutschten Muskeln. Ein nah gelegenes Ferienhaus untersuche ich noch auf Nachttauglichkeit, aber leider machen querliegende Balken, Bretter und sonstiges Gerümpel für mich den Keller unbewohnbar. So lasse ich mich dann unter freiem Himmel auf dem ebenen Untergrund einer Wehranlage nieder, die Wasserversorgung ist also auch gesichert. Dafür beherrschen die rauschenden Wassermassen des reißenden Gebirgsbaches die Stimmung im sonst stillen Wald.
Jetzt probiere ich das erste Mal meinen Benzinkocher aus, ich bin fasziniert, das Wasser kocht in wenigen Minuten, das Kartoffelpüree ist in wenigen Minuten fertig. Energetisch wieder versorgt, ziehe ich noch den Biwaksack aus dem Beutel, der bewölkte Himmel macht mir ein wenig Sorgen. Ich hoffe aber ohne Regen auszukommen In meinem Schlafsack genieße ich noch etwas Tee und beschließe dann mit geschlossenen Augen den Tag.
Das war gegen 21°°. Gegen 23°° fallen die ersten Regentropfen. Ich schlafe schon tief. Mit Ohrropax in den Ohren höre ich auch nichts. Erst als mir ein Tropfen ins Gesicht fällt, registriert mein müder Geist die unerhörte Laune der Natur. Es dauert noch eine Weile, bis das Gehirn aus den Regen mit meiner Person in Beziehung und schließlich folgert, daß ich vom Regen naß werde. Dann bin ich halbwach und verkrieche mich in meinen neuen Biwaksack.
Schon bald merke ich, wie wenig ich dem Regen entgegenzubringen habe. Zum einen schwitzt man in dem alubeschichteten Material ohne Ende, man wird schier im eigenen Saft gegart, zum anderen sind die Nähte undicht. So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Ich erinnere mich wieder an den unbewohnbaren, aber trockenen Keller. Hurtig verstaue ich mein Hab und Gut im Biwaksack und flüchte damit barfuß zum abartigen Keller.
Leider kann ich mir nur wenig Platz schaffen. Die schweren Holzbalken und das Gerümpel, vom Kinderwagen bis zum Grill, sind so verkeilt, daß ich nur auszurichten vermag. Schließlich baue ich aus einer großen Sperrholzplatte, die ich über die Balken lege, einen sehr schiefen Liegeplatz. Nach einem zweiten Gang hinaus durch den Regen hole ich noch meinen im Gelben Sack verpackten Rucksack. Dann verkrieche ich mich endlich wieder im Schlafsack. Zur starken Schräglage nach unten, gegen die ich mich mit durchgestreckten Beinen am Grill abstütze, kommt noch ein kleine Neigung nach rechts. Vom Herunterfallen von der Holzplatte bewahrt mich dort ein Stützbalken, gegen den ich mich mit dem Kopf lehne.
Dafür ist es trocken, draußen gießt es nun in Strömen. Mit der Radbekleidung im Schlafsack, schlafe ich dann ein.

Durch die Berge der Schürzenjäger

In mich zusammengesackt, von der Matte zu den Füßen gerutscht, mit den Knien im Gesicht, wache ich auf. Ich ziehe mich gleich im warmen Schlafsack an. Mit meiner Körperwärme ist mir gelungen, meine Fahrradbekleidung einigermaßen trocken zu backen.
Dann wandert mein Blick zum ersten mal heute nach draußen. Dabei sehe ich die angefressene Müslipackung, was auf das Werk von Mäusen hindeutet.
Ich setze etwas Wasser auf und gebe als Milchpulver für Neugeborene ab dem dritten Monat dazu. Die Sehnsucht nach Wärme wird mir beim Hitze verbreitenden Brenner erst richtig bewußt. Draußen ist es bewölkt und kalt.
Ich packe zusammen und breche auf. Trotz der schlechten Schlafbedingungen bin ich gut ausgeschlafen und fahre langsam, aber konstant die Serpentinen im dunklen naßkalten Wald. Dichter Nebel hängt unter den Baumwipfeln - seltsam im Nebel zu wandern, kein Baum sieht den andern. Erst auf einer Höhe von 1600m wird es lichter. Grasende Kühe schauen mir treu blöd ins Gesicht. Obwohl sie friedliche Tiere sind, habe ich ob ihres massigen Auftretens gehörigen Respekt vor ihnen.
An der Weidener Hütte mache ich eine erste Pause. Im offenen Almgelände kann ich sogar ein paar Sonnenstrahlen erhaschen. Ich liege gut in der Zeit, aber das Geiselsjoch, die Grenze der Zillertaler Alpen, in weiter Ferne. Wanderer versichern mir aber, daß dorthin ein guter Fahrweg führe. Tatsächlich ist der Weg bis zum Joch gut fahrbar, wie ich später merke. Zwar fordern steile Wegstücke öfter Tribut, aber es macht Spaß. Am östlichen Rand des Kessels nähert man sich immer mehr dem 2291m hohen Joch. Der Talkessel ist auch ein Augenschmaus, d.h. ich denke es könnte einer sein, den Nebel übt heftig Zensur an den Reizen der Natur. Die damit verbundene Kälte ist auch nicht zu verachten.
Außer dem Weg sehe ich nur den weißen Mantel, der sich immer dichter um mich legt. Die letzen paar Meter sind noch einmal hart, bis ich dann frierend am Joch stehe. Nach einem Beweisfoto, mache ich mich daran, von hier schleunigst zu verschwinden. Die Kälte und der graue Schleier treiben mich zur Eile. Ich folge einem Grasweg hinunter, mit etwas Geschick läßt er sich gut fahren. Mit kalten Fingern ist es aber kein echtes Vergnügen.
Schon bald ist es mit Fahren vorbei, es heißt schieben, schieben, schieben...
Von Weg oder Pfad kann keine Rede mehr sein, es handelt sich lediglich noch um als Wanderweg markierte sumpfige Kuhtrampelspuren. So muß ich mich 500 Höhenmeter hinunterquälen! Hin und wieder rutsche ich aus, das polternde Rad scheppert über die Unebenheiten, die Kette schlackert, um mich nur Nebel, fast blind stolpere ich von einer Markierung zur nächsten, bis ich dann endlich, ja endlich, an einer Alm auf die Fahrstraße.
Als ich dann auf die Karte schaue, sehe ich daß ich bereits auf 2100m, nur knapp unterm Joch, auf den Fahrweg kommen wollte. Schuld an meiner Verirrung war die überhastete Flucht vor dem kalten Nebel, von der guten Beschilderung der Steigspuren des Wanderwegs 315 habe ich mich dann in die Irre leiten lassen, statt mich gleich am Joch links zu halten.
Dafür geht es jetzt auf ruhigem vom Almgelände durchs Skigebiet auf zahllosen Kehren nach Vorderlahnersbach hinunter. Auf der Straße rolle ich noch bis Finkenberg. Dort läßt mich der totenstille Wintersportort zur Mittagszeit nur auf alte Brotreste zurückgreifen, aber Hauptsache ich habe was zum Beißen.
Nach kurzer Rast rolle ich noch ein Stückchen, bis ich dann auf die Straße zum Schlegeisspeicher stoße. Kaum wahrnehmbar ansteigend verläuft die ausgebaute Straße knapp 20km dahin. Die Sonne lacht mir wieder ins Gesicht, ich lache zurück. Gelassen arbeite ich mich mit zahlreichen Verschnaufpausen weiter. Links und Rechts von gewaltigen Felswänden umgeben, fahre ich das Tal immer weiter am Zemmbach entlang weiter hinauf.
Allmählich wird es steiler, wie sonst auch soll ich den 1800m hoch gelegenen Stausee erreichen. An der Mautstelle vorbei muß ich leider weiter den Serpentinen der Autostraße folgen, ein alternativer Fußweg wird mir als ungeeignet beschrieben. Ich schalte also mein Blinklicht an und lasse mich von einem finsteren Tunnel schlucken. Im knapp 500m langen, leicht ansteigenden Tunnel zu fahren, ist ein echtes Erlebnis. Teilweise ist es richtig unheimlich, Licht am Ende des Tunnels ist noch nicht zu sehen, vorbeidonnernde Autos treiben mich zur Eile, die Abgase sind einfach keine Alternative zur frischen Bergluft. Doch dann sehe ich in der Ferne, Licht, ja Licht, Quell' des Lebens, und spurte raus. Der nächste Tunnel wartet schon nach wenigen Metern. Bedrohlich wirken die schroffen Felswände rings um mich herum. Gigantisch, zu was der Mensch fähig ist, wenn ihm danach ist.
Nach den Tunnels geht es weiter an ein paar Kletterfelsen vorbei zur monströsen Staumauer des Schlegeisspeichers. 600m breit, 550m hoch, mit diesem Ziel vor Augen treten ich immer weiter dem betonierten Menschenwerk entgegen. Am Fuße der Staumauer kommt die Gen Himmel strebende Betonwand voll zur Geltung. Zugleich wird mir auch klar, daß ich diese Höhe über die nebenan verlaufenden Serpentinen erklimmen muß.
Bei der Auffahrt messe ich meine momentane Höhe immer an der Staumauer. Nah zwei kurzen Tunneldurchfahrten stehe ich oben auf der künstlichen Begrenzung des Stausees. Ich fahre bis zur Mitte der Mauer und lasse meine Blicke 550m nach unten fallen, wo ich noch vor 20 Minuten gestanden bin.
Daraufhin dann lasse ich mich im Matrazenlager der Dominikushütte nieder. Ein fabelhafte Dusche befreit mich von Staub und Schmutz und läßt mein Antlitz wieder leuchten. Ich wasche auch gleich meinen ebenfalls mit Schmutz überzogenen Habitus und nutze den Heizungsraum zum Trocknen. Hernach stärke ich mich bei einer großzügigen Portion Schweinebraten. Da ich gestern schillingsmäßig eine Nullrunde eingelegt habe, schiebe noch gönnerhaft einen Eisbecher hinterher. Gegen 21°° liege ich auch hier wieder im Schlafsack.

Geheimnisvolle Kurven

Am nächsten Morgen erwartet mich ein freudiges Frühstücksbüffet, ich stopfe in mich hinein, was geht. Erst dann quetsche ich mein Hab' und Gut wieder in den Rucksack und mache mich auf zum Pfitscher Joch. Sehr bald schon lasse ich neben den Reifen auch die Profilsohlen meiner Wanderstiefel den felsigen Untergrund spüren, Fahren ist hier leider nicht mehr möglich.
Untermalt von nervendem Scheppern schiebe ich mein stählernes Roß über die Steinstufen. Zeitweise fließt noch Wasser über den Weg und verleiht dem Unterfangen noch eine matschig schmierige Atmosphäre. Nach ein paar Metern Fahrt vertauschen sich dann die Rollen von Roß und Reiter: Ruhig liegt das Gefährt auf meinen Schultern und will samt Rucksack nach oben getragen werden. Jeder Tritt auf den nicht ergonomisch geformten Stufen löst innere Kämpfe in mir aus.
Ach, wäre es doch schon vorbei! Warum nehme ich das auf mich? Doch keine Menschenseele weit und breit, keiner der mich bemitleidet, mich bewundert, oder für verrückt erklärt. So ziehe ich weiter, immer weiter, um aus dem "Tragrad" wieder ein Fahrrad zu machen. Ich höre auf zu denken, ich denke nicht mal mehr an nichts. Meine Beine sind trainiert, sie funktionieren bereits selbständig ohne Gehirnsteuerung, der Geist ist und wird nicht mehr gebraucht.
In diesem Trancezustand kämpfe ich mich, keinen Gedanken an "wie lange noch?" verschwenden, nur weiter, immer weiter. Raum- und Zeitgefühl sind verloren, ich schwebe weiter. Die Wirbelsäule erinnert mich allerdings daran, daß das Schweben mit über 30kg am Rücken eine schwerfällige Angelegenheit ist.
Nach einer Verschnaufpause, bin glücklich, schieben zu dürfen - so sinken die Ansprüche. An einem Plateau erinnere ich mich sogar wieder ans Fahren. Der Höhenmesser zeigt mir 2050m an, 2208m gilt es zu überwinden. Zwar habe ich noch einiges vor mir, doch ein Ende ist wenigstens absehbar. Nach etwas Tragen darf ich wieder Schieben, was nicht sehr angenehm ist. Der Weg nennt sich seiner Bestimmung nach Wanderweg und will auch hauptsächlich dafür genutzt werden. Die sehr schmale Gehrinne erschwert das Schieben beträchtlich. Auf dem Weg muß ich leider meinem rollenden Begleiter die guten Wegstücke überlassen, da es weniger geländegängig ist als auch. Ich stolpere meist mit beiden Händen auf den Lenker gestützt nebenher und laufe am äußersten Rand der Rinne. Hin und wieder rutsche ich aus, da ich mich mehr auf das Verhaken der Räder als meiner Füße konzentrieren muß, das Vergnügen wird dadurch nicht gesteigert.
Da ist endlich das Grenzhäuschen der italienischen Gardia di Financa, der höchste zu überwindende Punkt ist in Sicht, in wenigen Minuten werde ich dort sein.
Nach eineinhalb Stunden Schinderei lasse ich meinen Fotoapparat noch ein Bild von mir mit dem Namensschild des Pfitscherjochs auslösen. Später werde ich dann erzählen, der Weg zum Pfitscherjoch sei nicht schlimm, stellenweise ein paar Felsstufen, aber im großen und ganzen fahrbar. Die wenigen Fahrstücke werde in der Erinnerung überwiegen und das Bild verfälschen. Aus eben diesem Grund steht dann auch in irgendwelchen Fachzeitschriften etwas von "harter, anspruchsvoller Auffahrt für Cracks", obwohl damit durch die Blume Tragestrecken angekündigt werden. Um gegen diese Problem bereinigenden Augenwischereien gefeit zu sein, schreibe ich mir meine eindrücke sobald als möglich nieder.
Auf einer holprig geschotterten Piste geht es Richtung Sterzing hinab. Die vereinzelten Wanderer grüßen mich schon mit "Buon Giorno". Auf langgezogene Serpentinen verwandele ich meine hart erarbeitete Lagenergie in Bewegungsenergie, wobei ich aber auch einiges an die Bremsbacken verschwenden muß.
Die letzten 14 Kilometer geht es auf ruhigem Asphalt nach Sterzing, die Räder bewegen sich fast ohne mein Zutun. In Sterzing treffe ich dann auf ein ganz verlesene deutsche Urlauber. Die meisten scheinen auf Kaffeefahrt zu sein und viele riskieren dabei das erstemal einen Auslandsaufenthalt. Unsicher schleichen sie in großen Gruppen durch das schöne Sterzing und mindern dadurch die Attraktivität der Stadt.
Auf einem sonnigen Bänkchen am Marktplatz breite ich mich aus. Von zwei neugierigen deutschen Augenpaaren beaufsichtigt, esse ich mein Brot. Ich kaufe mir noch etwas Obst und nehme das Penserjoch in Angriff. Gleich zu Beginn merke ich mir die Kilometermarke 65 und erwarte von nun an jede weitere Marke sehnsüchtig. Bei 13% Steigung, immer wieder von ausgeruhten Motorradfahrern bequem überholt, mache ich mich ans Werk. 15km stetig bergauf, denke ich immer wieder entsetzt. Bei sommerlichen Temperaturen bringe ich sämtliche gespeicherten Wasservorräte an der Hautoberfläche zum Verdunsten. Ich habe meinen Rhythmus gefunden, doch daß es fast noch eine Ewigkeit so weitergehen wird, erschüttert mich.
In der Kurve hat die Natur ein schönen Ort zum Pausieren geschaffen, ich werfe mich ins Gras und verschnaufe etwas. Auf meinem Höhenmesser sehe ich, daß ich bereits 250 Höhenmeter erklommen habe. Ich nehme mir sogleich vor, den Paß in 250 Höhenmeter-Etappen zu bezwingen. Schließlich raffe ich mich wieder auf und gehe meiner Funktion als Motor nach, wobei ich peinlich genau mit den Augen den Straßenverlauf auf der Karte in der sehnsüchtigen Erwartung der ersten zwei Serpentinen, denn dort ist die zweite 250-Höhenmeter-Etappe beendet.
So schnell geht das aber dann doch nicht, nur sehr zäh fließen die Kilometermarken an mir vorbei. Noch ein Kilometer, denke ich, das sind 1000m, die Leitpfosten stehen in 25m Abständen, d.h. noch 1000 geteilt durch 25, äh, doch halt!, nicht Denken, nur durch Treten ist hier Land zu gewinnen, reiße ich mich aus meinen wirren Gedanken.
Ein Rennradfahrer überholt mich, er ist in Anbetracht meines großen Rucksackes etwas erstaunt. Ich gebe mich geschlagen und trete langsam weiter, mit dem werde ich es nicht aufnehmen können...
Endlich kann ich mir wieder Ruhe gönnen, neben dem Höhenmesser bestätigt mir noch ein Schild die aktuelle Höhe von 1500 Metern. Auf einer schönen Bank genieße ich den Ausblick auf die hohen Dolomiten. Dort könnte man, dort müßte man doch auch mal...
Ich starte wieder durch, bei 1750m will ich mir die nächste Ruhepause gönnen. Die Straße windet sich durch dichte Waldstücke, wo ich wohltemperiert meine Kraft entfalten kann. Dafür geht es ständig am Berghang entlang, ohne Auffälligkeiten im Richtungsverlauf, was mir die genaue Standortbestimmung auf der Karte erheblich erschwert.
Bei den nächsten zwei Serpentinen ist wieder eine Verschnaufpause angesagt, aber wann kommen die ausgebauten Kurven endlich? Wieder und wieder krümmt sich die Straße nach Rechts und weckt in mir die Erwartung, sie würde sich gleich in Serpentinen nach oben schlängeln, doch weicht der Asphalt dann wieder nach Links aus, um mich bei der nächsten Rechtskrümmung wieder hoffen zu lassen.
Schließlich fahre ich an den Rand, um zu pausieren. Doch mahnt mich der Höhenmesser sogleich zur Weiterfahrt, es fehlen nämlich noch 50 Höhenmeter. Ich rechne wieder, 50Hm, d.h. noch einmal ein viertel von der letzten Pause bis hier. Folgsam setze ich mich unter dem Diktat des Altimeters in Bewegung. Ich trete und trete und trete, jetzt muß es aber genug sein, wenn nicht sogar zu viel. Ich plumpse ins Gras am Seitenstreifen, gnädig zeigt die Nadel des strengen Höhenmessers auf die 1750er Markierung der Höhenskala.
In der vorletzten Etappe nun stehen die zwei Serpentinen an, auf denen ich mächtig an Höhe gewinne. Das nun schon sichtbare Penserjoch ist dennoch in weiter Ferne. Meine Augen sind meiner Position ca. 100m voraus, das dort sichtbare schlägt sich auf meinen Gemütszustand nieder, entweder läßt eine steile Biegung Böses Erahnen, läßt ein flaches Stück Erleichterung breit werden, oder die Straße macht hinter einer uneinsichtigen Kurve ein Geheimnis aus einem weiteren Verlauf. Bei Kräften sticht man dann voller Hoffnung, Erwartung und Interesse darauf zu, um dann vom abfallenden Weiterverlauf überrascht zu werden oder vor einem erneut steilen oder gar noch steilerem Anstieg ehrfürchtig zu erstarren.
In meinem Fall entschließe ich mich an der nächsten Weginformation verbergenden Kurve, zu pausieren; nur noch bis zur nächsten Kurve, nur noch bis zur nächsten Kurve, nicht mehr weiter, dann reicht's - diese Phrasen verstopfen mein Gehirn auf den letzten Metern zum vorläufigen Ziel.
Endlich dort treibt mich eisiger Wind recht schnell wieder weiter. Letzte Etappe, schon sehr angeschlagen treibe ich mich weiter, das Joch zu erreichen. Das Straße läuft nun fast im Halbkreis am Rand des Kessels entlang, d.h. die ganze Wahrheit ist sichtbar, keine Kurven mit Geheimnissen mehr. Zwei entgegenkommende Radler erklären mir, ich hätte es gleich geschafft. Doch was heißt gleich? Schon Einstein behauptete in seiner Relativitätstheorie, daß ein Ereignis immer auch vom Standpunkt des Betrachters abhängt, also relativ ist. In meiner Situation erkenne ich nun einen weiteren Beleg für Einsteins Theorie. Ich bin höchstens "relativ gleich" oben am Joch. Zumindest kann ich aber dem zustimmen, daß man vom Joch bergab gleich hier ist.
Ich strapaziere das Wort "gleich" noch ein wenig, in dem bei 2150m eine Zwischenpause einlege, also die letzte Etappe nochmals unterteile. Es ist einfach notwendig.
Gebannt starre ich auf einen Schilderbaum und mache ihn als höchsten Punkt aus. Schweren Trittes bewege ich mich müde auf ihn zu. Ich kurbele immer langsamer, aber soll ich der Schmach erliegen auf sauberem Teer im ersten zu Fahren? Der Daumen am Schalthebel lächelt müde, die Oberschenkel und Waden ächzen unter den schwerfälligen Drehbewegungen.
Doch dann endlich auf 2211m Seehöhe, oben auf dem Paß, ernte ich sogar ein Bewunderung der Motorradfahrer, die mich schon vor längerer Zeit überholt haben.
bei meiner kurzen Untätigkeit hier oben muß ich mich sofort mit meiner Windjacke gegen den kalten Wind schützen. Nach kurzem Besuch eines Aussichtspunktes bitte ich noch einen Autofahrer, mit meinem Fotoapparat visuelles Beweismaterial von mir hier oben anzufertigen.
Dann mache ich für den Abfahrtslauf bereit. Volles Rohr schieße ich nach unten, die Adrenalin drüsen sind nun gefordert, mich dem Geschwindigkeitsrausch verfallen zu lassen.
Aus den Augenwinkeln nehme ich schemenhaft die Schmierereien auf dem Straßenbelag wahr, die wohl von früheren Radrennen hier herauf zeugen. Mir jedenfalls hat es gereicht überhaupt hier hochzukommen Wettstreit.
Die Straße ist gut ausgebaut, was zur Folge hat, daß ich trotz meiner hohen Geschwindigkeit, kaum Autos überholen kann, diese sind einfach zu schnell auf der Ausbaustrecke hier. Lediglich drei motorisierte Vierräder kann ich auf meinem Konto verbuchen.
In Pens lege ich eine kleine Pause ein, um mich zu Orientieren und den verblasenen Augen etwas ruhe zu gönnen Bis Astfeld habe ich noch 500Hm gut, die gilt es in Geschwindigkeit umzuwandeln, ich rolle weiter.
Nach über 20km Abfahrt suche ich nach einem Plätzchen für die Nacht. Eine Art Park kommt mir sehr gelegen, ein kleines Klohäuschen könnte mir hier zur Not als Regenschutz dienen. Ein vorbeifließender sauberer Bach erklärt sich für die Wasserversorgung zuständig. Ich fahre noch ins nahegelegene Astfeld und kaufe noch etwas ein. Zurück am Quartierplatz kochen die Nudeln schnell, ich mache mir mein Lager zurecht.
Ein letzter Blick nach oben, es schaut nicht nach Regen aus. Aber das hatten wir ja schon mal. Jedenfalls mache ich alles für einen kurzfristigen Umzug ins Klohäuschen bereit...

Wasser findet seinen Weg

Heute früh lasse ich mir etwas Zeit und starte nach Müsli- und Tee-Zuführung erst gegen 8:45. Zunächst geht es recht geruhsam auf leicht ansteigendem Asphalt in Richtung Reinswald. Nach wenigen Kilometern, weit vor Reinswald, biege ich dann vor einer kleinen Brücke auf eine steile asphaltierte Abkürzung ab, rechts auf der Schotterpiste Richtung Planewies-Alm wird dann anspruchsvoller. Immer tiefer in dichten Wald hinein, geht es bald in luftige Höhe. Völlig alleingelassen von Wegbeschilderungen oder Markierungen verlasse ich mich auf meinen Instinkt: Auf 2050m Höhe endet der Wirtschaftsweg, ich bin platt, das darf nicht sein! Verzweifelt halte ich nach irgendwelchen weiterführenden Pfadspuren Ausschau - zwecklos.
Schließlich rolle ich wieder ein gutes Stück zurück und sehe recht unscheinbar eine Wegmarkierung "Nr. 6". Meine hier etwas ungenaue Landkarte aus dem Kompaßverlag hat auch einen Weg mit der Nummer sechs verzeichnet, ich bin also richtig. Der Wegverlauf auf der Karte ist aber leider sehr sporadisch, in meinen Augen sogar falsch, eingezeichnet.
Was anfangs nur wie die Spuren eines verirrten Traktors aussieht, entpuppt sich später zu einem Fahrweg der übelsten Sorte. Die Silbe "Fahr" sollte man eigentlich aus dem Namen streichen, denn wer soll da fahren? Ich schiebe weiter nach oben. Nach einiger Zeit verengt sich dann der unfahrbare "Fahrweg" zum Fußweg.
Über Steinplatten quäle ich mich langsam dahin. Bei einer kurzen Verschnaufpause überholt mich eine Wanderfamilie. Wenn die Schieberei auch anstrengend ist, so ist das Alles doch nichts gegen die gestrige Plagerei am Pfitscher Joch - denke ich anfangs. Denn schon bald folgt ein großes Blockfeld, in das mir die Laune der Natur in jahrtausend langer Arbeit große unförmige Steinbrocken in den Weg gelegt hat. Während ich nach Luft japsend über die Schikanen klettere, schaukelt mein fahrbarer Untersatz hämisch auf meinen Schultern im Takt meiner Schrittbewegungen. Zahlreiche Verschnaufpausen unterbrechen das kräftezehrende Schauspiel. Als ich endlich wieder schieben kann betrachte ich das als Geschenk der Natur.
Dabei münde ich auf einen Weg, der von Reinswald zum schwarzen See führt. Ich begreife schnell, daß mir auf diesem Weg von Reinswald aus die Tragerei erspart geblieben wäre, was aber leider auch im Nachhinein auf der Kompaßkarte nicht nachvollziehbar ist.
Auf dem Sattel vor dem schwarzen See treffe ich wieder auf die Wanderfamilie. Im gegenseitigen Einvernehmen bannen wir uns wechselseitig auf Filmmaterial. Nach obligatorischer Unterhaltung über die jeweiligen Wander- bzw. Fahrziele, ziehe ich weiter.
Über einen aus Steinplatten gelegten Maultierweg gelange ich nach kürzerem Ab und längerem Auf zu einer Alm. Ich pflanze mich auf eine warmen Stein und läute dort die Mittagspause ein. Da kommt der urige Bergbauer aus der benachbarten Alm zu mir hoch. Mit einem Fernglas schaut er auf die fernen Berggipfel.
Wir unterhalten uns ein wenig. Ich erzähle ihm von meiner Bergunternehmung. Interessiert folge ich dann seinen Ausführungen über alte Bergstollen in diesem Gebiet, wo in früheren Zeiten erst ein wenig Gold, dann Silber und schließlich Kupfer abgebaut worden ist. Zudem klärt er mich über die Namensgebung der Kapelle "Am Toten" auf.
Im 16.Jh.., erzählt er mir in südtiroler Dialekt, herrschte hier überall die Pest, nur das damals noch von der Außenwelt abgeschlossene Sarntal blieb vor dem Unheil verschont. Hier war einer der wenigen Zugänge zum Sarntal. Ein Knecht, der "...die Pescht drinnen g'kopt hout...", wollte hier ins Sarntal und fiel dann oben am Sattel, wo jetzt die Kapelle steht tot um. So hat entweder der liebe Gott oder schreckliche Krankheit den Knecht dahingerafft und das Sarntal vor dem Unheil verschont.
Schließlich erfahre ich weiter von dem Bergbauern in der tiefblauen Schürze, daß er alles selbst hochtragen oder mit dem Pferd hier hochschaffen müsse, da kein Wirtschaftsweg hier hoch führt, wie er schimpft. Er wohnt den ganzen Sommer über mit seinen Schafen und Ziegen allein hier oben. Ich möchte mich noch gerne weiter mit ihm unterhalten, da er viel altes Wissen in sich tragen zu scheint, aber er muß wieder hinunter zu seiner Alm und seinem Vieh.
Ich schiebe das letze Stück zum "Toten". Auf der anderen Seite des Sattels existiert ein ganz gutes Wirtschaftswegenetz.
Einsetzende Graupelschauer treiben mich eilends zur Abfahrt, die zahlreichen Wanderer indes drängen sich in die kleine Kapelle, um dort Schutz zu suchen. Glücklicherweise hält diese Wetterlaune nicht lange an und ich kann die Landschaft ungetrübt begutachten. Ich fahre auf einer flach abfallenden Hochebene hinunter. Niedriges Buschwerk und ockerbrauner Untergrund beherrschen hier die Szenerie. Das Gelände ist recht einsichtig und gut überschaubar.
Gute Erdwege machen das Gebiet zu einem wahren Mountainbike-Eldorado. Hat man erst einmal das Plateau von ca. 2000m Höhe erklommen, steht dem Genießen der, ab hier nur noch mäßig steilen, Erhebungen nichts mehr im Wege.
Die zahlreichen Spuren von grobstolligen Fahrradreifen sind stille Zeugen, daß ich nicht als Erster das fantastische Terrain auf zwei Rädern erkunde. Weiter geht es auf ein paar flache Serpentinen zum Rittner Horn. Ich genieße die weiten Rundblicke in dem offenen Gelände. Es wäre absolut paradiesisch hier, wenn der Himmel nicht so böse dreinblicken würde. Trotzalledem bin ich von dem Revier hier begeistert, das von Ritten aus auch gut mit kleinen Tagestouren erforscht werden kann. Ich umfahre das Rittner Horn westlich, ca. 100m unterhalb des Gipfels, als ich plötzlich Opfer heftig einsetzender Graupelschauer werde, die zeitweise sogar in Hagel übergehen. Der goldgelbe Fahrweg ist in sekundenschnelle mit Eiskörnern übersähet, die schon bald zu schmilzen beginnen. Es wird schmierig.
Schnell ziehe ich mir meine Regenjacke über und höre schon die Himmelsgeschoße auf meinen Helm prasseln. Das noch vor Minuten so geschätzte offene Gelände, offenbart sich mir nun als unentrinnbare Falle. Schutzlos, fernab von Scheune, Bäumen, Felsen oder sonstigen Erhebungen, bin ich dem Treiben hilflos ausgeliefert. Ohne Unterlaß hämmern mir die harten Eiskugeln ins Gesicht. Ich beschleunige mein Tempo etwas, zum Glück geht es dann bergab, nichts wie weg von hier. Unten ist auch schon eine Hütte in Sicht.
Der Wirt winkt mich mit dem Fahrrad in die sichere Garage. In der Gaststube wärme ich mich mit etwas Tee wieder auf und warte das Wetter ab. Es hat keinen Sinn mehr, es regnet ohne Unterlaß. Als auch viele andere Mountainbikerkollegen ins kalte Naß gehen, zwinge auch ich mich nach draußen. Ich packe mich soweit es geht ein und mache mich daran, von 2045m auf rase 262m hinunterzurasen.
Es ist kalt, 5°C, Wasser spritz mir ins Gesicht. Regen und Spritzwasser des grobstolligen Vorderreifens teilen sich dabei die Arbeit. Schon spüre ich die ersten Wassertropfen meine Regenjacke und Regenhose durcharbeiten, obwohl das Laminat laut Hersteller "winddicht, wasserdicht und atmungsaktiv" sein soll, Wasser findet leider seinen Weg. Meine Wanderstiefel, die mit demgleichen Material abgedichtet sind, scheinen besser verarbeitet zu sein, doch hilft mir das leider auch recht wenig: Die Wasserdichtigkeit kommt dadurch zum Ausdruck, daß das von oben in den Schaft eingedrungene Wasser aus dem Fußbett nicht mehr abläuft.
Meine Finger werden eisig kalt, doch messe ich ihnen momentan die größte Bedeutung zu, sie stellen eine Art Lebensversicherung auf der steilen Abfahrt dar. Ihre alleinige Aufgabe ist es, Maximalkraft auf die nassen Bremsklötze zu bringen. Die unruhige Abfahrt schüttelt mich durch, mit letzter Kraft klammere ich mich an den nassen Lenker und die kalten Bremshebel. Die Versuchung, die Bremszüge zu entspannen, ist groß, doch werde ich dann fast von den Pedalen katapultiert.
Vom aufgeweichten Schotter geht es endlich auf Teerbelag weiter, die Bremsen ziehen kaum noch. Mir graut es vor jeder Kurve. Mittlere bringe ich schon eine Schuhsole mit auf die Straße, um die Bremswirkung zu erhöhen. Trotzdem fällt es mir schwer, nicht über die Mittellinie hinauszuschießen. Entgegen meiner Erwartung nimmt die Kälte mit geringere Höhenlage nicht ab. Der feine Nieselregen, der auf mich mit meiner hohen Geschwindigkeit wie Platzregen einwirkt, weicht mich vollends durch.
Noch 12km bis Bozen, kündigt mir ein Schild teilnahmslos an. Nach kurzem Treten, wobei ich auch keine Körperwärme produzieren kann, geht es weiter bergab. Viele Autos fahren an mir vorbei und schenken ihren Insassen Wärme und Geborgenheit. Ich hoffe, daß wenigstens einige Mitleid mit mir haben.
Währenddessen rase ich weiter auf der von kleinen Bächen überzogenen Asphaltdecke weiter. Nur raus aus den Fahrrinnen, sie kanalisieren das abfließende Wasser geradezu. Hoffentlich bin ich bald in Bozen, denke ich, träume von Wärme.
Aargh, wieder so eine enge Kehre! Ich bin zu schnell, kann mich nicht mehr auf der rechten Fahrbahnseite halten, die Fliehkraft drückt mich auf die Gegenfahrbahn, die Bremsen sind auf Anschlag gespannt, ich bremse zusätzlich mit dem rechten Fuß. Genau in diesem Moment kommt aus der uneinsichtigen Straßenbiegung Gegenverkehr, mein Herz pocht, um Haaresbreite schlittere ich am Kotflügel vorbei. Der guten Reaktion des Autofahrers und viel Glück ist der glimpfliche Ausgang der Situation zu verdanken.
Das Adrenalin in meinem Körper hält mich von nun an wach, die letzten sechs Kehren gehe ich etwas aufmerksamer an. Als ich endlich in Bozen einrolle, steht die eigentliche Hauptaufgabe vor mir, die Quartiersuche. Tatsächlich ist das schwieriger als ich befürchte habe.
Zwar sehe ich genügend Schilder mit der Aufschrift "Zimmer", doch sind die Pensionen und Gasthöfe entweder geschlossen, oder man will mir ab 50DM Doppel- oder gar Dreibettzimmer anbieten. Genervt irre ich weiter durch Bozen, um das Touristenbüro zu finden.
Nach naßkalter Odyssee finde ich die Zimmervermittlung, doch ist man hier der Meinung, daß der Service am Sonntag nicht notwendig sei. Man scheint mich hier nicht haben zu wollen. So schnell als möglich verlasse ich die Stadt. Nach Bozen falle ich nochmals auf ein "Zimmer"-Schild herein. In einer Wohnsiedlung vermietet eine Familie Fremdenzimmer. Für 40DM könnte ich in einem Dreibett-Zimmer übernachten. Zudem hätte ich eine warme Dusche im Zimmer. Als der Vermieterin das Wort warm über die Zungen geht, möchte ich schon fast einwilligen, versuche aber dann noch etwas zu handeln. Es ist nichts zu machen, sie bleibt stur, ich bleibe es auch.
Wieder klebe ich auf meinem nassen Sattel und fahre weiter in die Ungewißheit. Doch was sehen da meine freudig erregten Augen, ein Parkhausrohbau? Halte durch, Rettung naht. Zwischen mehreren Stapeln Styroporplatten richte ich mich ein. Nachdem ich meine nasse Bekleidung aufgehängt habe, bringt warmes Kartoffelpüree wieder etwas Lebensqualität.
Die Wasserversorgung ist Dank herumstehender Mineralwasser- und Limokästen abgedeckt.
Etwas bange ich vor den Hausmeistern, die in den fertiggestellten Gebäudeabschnitten bereits wohnen und ständig umherschleichen. Bisher bin unentdeckt geblieben, ein wenig beunruhigt schlafe ich ein.


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(C) by Florian Michahelles 1996

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