Im Land der Piemont-Kirsche


Von Cuneo zum Lago Maggiore (Straße)


Inhalt
Po, Prunk und Piazzas Unendliche Weiten Lästige Erledigungen

Po, Prunk und Piazzas

Ich frühstücke am jungen Morgen in den Grundmauern eines entstehenden Einkaufszentrums und strampele auf Turin zu. Der Gegenwind, der mir konstant ins Gesicht bläßt, bremst mich in meinem Eifer sehr. Obwohl die Sonne scheint, ist es aufgrund des Windes doch recht kühl.
Schnurgerade zieht sich die vielbefahrene Straße durch die flache Landschaft. Wieder durchstreife ich die Poebene, doch macht es mir die fehlende Industrie ein wenig erträglicher als die Gegend um Mantova. Außerdem tragen zahlreiche Obstplantagen am Straßenrand zu meinem Wohlbefinden bei. In weiter Ferne sehe ich im Dunst die Alpen schimmern, markant sticht der schneebedeckte 3841m hohe Monviso hervor. So verlockend der Berg auch ruft, mein Ziel ist Turin.
Kilometer für Kilometer spulen sich ab. Dabei gelange ich durch recht urige piemontesische Städte, besonders bleibt mir da das mittelalterlicher Saluzzo mit seinen eng verwinkelten Gassen in Erinnerung. Ich gewöhne mir zudem an, statt der oft längeren Umgehungen durch die Stadtkerne zu fahren, dort sehe ich mehr und es meist kürzer und schneller.
Der rege LKW-Verkehr, der, je mehr ich mich den Toren Turins nähere, das Straßenbild beherrscht, nährt auch die unverkennbaren unzähligen dunkelhäutigen Prostituierten am Straßenrand. Mit unnatürlich roten Lippen und künstlich puppenfarbigen Gesichtern versuchen sie, auf ausrangierten Bürostühlen im Kilometerabstand an Feldwegeinfahrten und Haltebuchten sitzend, Kundschaft anzuwerben. Mich halten sie dadurch zumindest vor Verschnaufpausen ab und lassen mich schnellen Trittes das Weite suchen.
Gegen Mittag mische ich im chaotischen Straßenverkehr durch Turins Vorstädte mit. Die unzähligen scheinen nur empfehlenden Charakter zu haben, Chaos, Glück und lautstarke Hupen regeln das Verkehrsaufkommen. Ich füge mich schnell ein und bin mit meinem wendigen Gefährt allen anderen überlegen. Innerhalb den Stadtgrenzen Turins verstärken Baustellen die Situation, doch verflüchtigt sich der Verkehr bald in undurchsichtige Einbahnstraßensystemen.
Ich folge der Beschilderung ins Stadtzentrum, die in ganz Italien einheitlich gestaltet ist: Weiße Schilder mit Kreisen und einem Punkt in der Mitte, gleich einer Zielscheibe. Auf einer Straßenbahntrasse gelange ich zum toll angelegten Valentinopark am Poufer. Langsam nähere ich mich der historischen Altstadt und lege dann an einem Piazza nahe des Hauptbahnhofs eine ausgiebige Mittagspause ein.
Es herrscht eine angenehme Atmosphäre: Päärchen flanieren Eis schleckend durch die Parkanlage, ältere Menschen sitzen zufrieden auf den Bänken und Polizisten ärgern sich über Penner, die hinter dem Rücken der Ordnungshüter spitzbübisch schlafen.
Dann verblasse ich fast vor den eleganten Boutiquen und Designerläden hinter den hochgezogenen prächtigen Häuserfassaden. Turin strotzt nur so von von vornehmen Einkaufspassagen, schicken Piazzas und historischen Bauwerken. Ich muß mich auf wenige Höhepunkte beschränken. Um die Stadt wirklich kennenzulernen ist meine Zeit zu kurz, aber reichlich, um auf den Geschmack zu kommen.
In einer Verkehrslawine werde ich wieder aus der Stadt gespült und fahre weiter nach Chivasso. Dort pausiere ich nochmal in einem schönen Park, wäre doch schade, die Sonnenstrahlen dort nicht aufzusaugen. Dort unterhalte ich mich ein wenig mit einem älteren Italiener, der mir mit seinem sonderlichen Gehabe aber bald auf den Geist geht.
So rolle ich am frühen Abend durch die Fußgängerzone von Chivasso, wo noch rege Betriebssamkeit herrscht. Jung und Alt schlendern vergnügt durch die Stadt. Ich halte indes bereits Ausschau nach Baustellen zwecks Übernachtung. Leider habe ich dieses mal Pech, hier ist kaum Industrie angesiedelt, die wenigen Baustellen sind gut eingezäunt und zu belebt. Mißmutig fahre ich noch einige Kilometer weiter, bis ich weit außerhalb bei einem Maisfeld mein Biwak aufschlage.
Der klare Horizont verspricht mir eine trockene Nacht. In einer Bewässerungsanlage tue ich etwas für die Körperhygiene und wasche zudem einige Kleidungsstücke aus. Nach einem ausgiebigen Abendessen mit Nudeln als Hauptspeise und Gebäck als Dessert, schlupfe ich zufrieden in meinen Schlafsack. Bei nur 8°C verbringe ich, umgeben von naßem Tau die Nacht.

Unendliche Weiten

Vom Tau pitschnaß wache ich auf. Bei kalter Witterung esse ich mein Müsli und mir zusätzlich noch etwas Milch auf dem Kocher. Der bewölkte Himmel gibt mir auch wenig Hoffnung auf wärmende Sonnenstrahlen, so daß ich etwas verfroren gegen 9:30h aufbreche.
Die Strecke ist in etwa so wie gestern: Schnurgerade Straßen durch endlose Weiten. Der Wind bläst mir auch heute wieder, wie sollte es anders sein, mitten ins Gesicht. Aber all das ist noch nicht genug, in meinem Hintern steckt auch noch der Wolf, so daß ich viel Umhergerutsche auf dem Sattel tunlichst vermeiden muß. Vorsichtig trete ich, emsig darauf bedacht, die Sitzposition ja nicht zu verändern, gleichmäßig dahin, Bodenwellen weiche ich vorausschauend aus.
Hin und wieder hellen einige nette Städtchen meine Stimmung auf. In Santhiá verliere ich etwas Zeit. Ich frage nacheinander einige Passanten nach dem Weg nach Formigliana. Soviel Leute, so viel Antworten bekomme ich. Zudem verstehe ich aus den Wasserfällen von Italienisch, die immer wieder über mir hereinbrechen, nur "sinistra", "dextra" und "sempre dritto".
So ist es fast unabdingbar, daß ich nach einer nervenden Irrfahrt auf der Straße nach Vercelli lande, fast einen Umweg von mindestens 20km nach sich zieht. Sehr verärgert trete ich auf sehr befahrener Straße einen aussichtslosen Kampf gegen den Wind an. Wieder ist der langweilige Straßenverlauf endlos weit absehbar, er verschwindet erst weit vor mir am Horizont. Nur gut, daß ich allein unterwegs bin, denke ich mir. Etwaige Begleiter wären im Moment allenfalls hilflose Opfer meines unerbärmlichen Zorns über meine eigene Blödheit, sich nicht orientieren zu können.
Verbissen versuche ich meinen Zorn in Bewegungsenergie umzusetzen und gelange nach einer halben Ewigkeit, vorbei am Spalier zahlloser Prostituierten, nach Vercelli. Dort stürze ich in den ersten Supermarkt und belohne mich mit bestem Käse, Mortadella und Schinken beim Mittagessen. Nach ausgiebiger Rast fahre ich noch ein wenig im mittelalterlichen Stadtkern umher, um dann die letzten 60km zum Lago Maggiore abzuspulen.
Auf ebener Straße, die immerhin manchmal von abwechslungsreichen Kurven entgradigt wird, komme ich rasch voran. Wie ein Bessesener strampele ich immer, mag das Sitzgestell auch noch so stöhnen, ich will weg von dieser verdammt eintönigen Landschaft mit ihren gräßlichen Prostituierten. Erst in Gattinara, ca. 50km von Vercelli, lege ich eine kurze Pause ein, will ich doch endlich wissen, was da immer vorne an die Bremse schlägt. Erschrocken erkenne ich einen Riß in der vorderen Felge. Die Bremsbacken haben sich also über die vielen Kilometer durch die weiche Aluminiumfelge gefressen! Jetzt ist gutes Rad teuer, ich kann nur hoffen, daß ich noch bis Arona durchkomme, denn in der Fahrradbegeisterten Republik gibt es dennoch nur wenig Fahrradläden.
Bei Borgomanero fordert ein steiler Anstieg nochmal etwas Kraft, dann aber geht es größtenteils auf steilen Teerstücken bergab zum Lago Maggiore hinunter. Hier gefällt es mir wieder. Der riesige See, eingebettet in wilde Hügellanschaften, in der Ferne die Berge, bunte Bars und Kneipen, vornehme Villen und Hotels, hier ist endlich wieder was geboten.
In der Touristeninformation lasse ich mir einen Campingplatz empfehlen. Dann setze ich mich erstmal ans Ufer und sauge all die neuen Eindrücke in mich auf, während das Wasser sanft ans Ufer klatscht. Die tiefstehende Sonne verbreitet eine tolle Abendstimmung.
Nach einem kleinen Einkauf begebe ich mich dann zum Campingplatz. Neben zwei englischen Interrailern spanne ich meinen Biwaksack als Windschutz auf. Feiner Griesbrei und Ananas aus der Dose sind mein heutiges Abendmahl. Dann flaniere ich noch bis in den späten Abend hinein in der eleganten Urlaubsstadt Arona.
Edle Bars, Eiscafes, schicke Pizzerias und Restaurants verleihen Arona seinen Charme. Und trotzdem ist man hier bodenständig geblieben und hat sich nicht, wie anderorts, gnadenlos dem Tourismus verschrieben. Es hat einfach noch Stil. Durch die Fußgängerzone drängen sich noch viele Leute an den geschmackvollen Schaufenstern vorbei. Die meisten sind Italiener, ich sehe nur sehr vereinzelt ein paar deutsche Touristen. Immernoch die korsischen Preise im Hinterkopf, empfinde ich das hiesige Preisniveau durchaus angemessen bis günstig. Das Publikum hier ist ebenfalls schick gekleidet und bestimmt von höherem Niveau als man es beispielsweise am Gardasee antrifft. Trotzalledem ist es noch keine abgehobene Schickeria, nur eben etwas eleganter und modischer als anderenorts.
Natürliche füge ich mich, eingekleidet mit den wenigen Habseligkeiten, die ich mit mir führe, barfuß in den schweren Bergstiefeln, unpassend dazu eine popige lange Unterhose und darüber ein, nicht mehr frisch gewaschenes T-Shirt, nicht ganz so nahtlos in die Gesellschaft ein, overdressed bin ich bestimmt nicht.
Um 23°°h ist das Reich der Träume nah.

Lästige Erledigungen

Nachts wache in zwei Stunden Intervallen auf und werfe immer wieder einen sorgevollen Blick auf das Wolkenmeer über mir; doch am Morgen sehe ich dann erleichtert die Sonne am klaren Himmel aufsteigen. Ich frühstücke gemütlich, döse dann aber noch bis 10°°h weiter, als dann die Sonnenstrahlen auch mein Gesicht streicheln.
Den heutigen Tag, eigentlich als Ruhetag geplant, werde ich wohl aufwenden müssen, um eine neue Felge heranzuschaffen. Doch vorher gilt es wieder an Bares zu kommen. Dafür scheint es unausweichlich, sich in eine lange Warteschlange am Postschalter einzureihen und dort italienische Verhältnisse zu studieren. Nach geduldigem Warten bin ich endlich an der Reihe und werde zu allem Überfluß an einen anderen Schalter geschickt. Für diesen wiederum füllt sich für einige Zeit überhaupt niemand zuständig.
Nach einer Viertelstunde erbarmt sich endlich jemand, die beiden Damen vor mir zu bedienen. Als ich dran bin, möchte man mich am liebsten wieder an den vorherigen Schalter abschieben, aber jetzt bleibe ich hartnäckig. Nach insgesamt einer halben Stunde Aufenthalt in der Post bin ich wieder flüssig.
Jetzt mache ich mich auf die Suche nach einem Fahrradhändler. In ganz Arona gibt es nur einen einzigen, und den gilt es zu finden. Mit einem Stadtplan vom Touristenbüro werde ich schließlich fündig. Was für ein Laden! Unter Fahrrad versteht der geschäftstreibende Händler anscheinend alles, was auf zwei Rädern steht und noch nicht von selbst auseinander gefallen ist. Vom verrosteten Hollandrad über Rennräder mit defekten Bremsen bishin zu platten Mountainbikes erstreckt sich die exklusive Warenpalette. Neues Material scheint verpönt. Gespannt lege ich dann einem Monteur mein Anliegen dar. In seinem Sortiment führt er nur Edelstahlfelgen, in die er mir anbietet, meine DX-Nabe einzuspeichen. Ich solle nochmal gegen halb drei kommen, dann könne mir sein Chef auch den Preis nennen.
Ich nutze die verbleibende Zeit, um durch die Stadt zu schlendern, wo ich in einem Restaurant eine gute Pizza serviert bekomme. Dann setze ich mich an der Uferpromenade ein wenig der Sonne aus, um dann wieder die Fahrradwerkstatt aufzusuchen. Jetzt ist auch der Chef, oder besser die Chefin, da. Für 35DM bekäme ich meine Nabe eingespeicht, erstaunt über das günstige Angebot, willige ich natürlich sofort ein. Einige Zeit später kommt noch ein kleines Problem hinzu: Meine Nabe hat 32 Loch, die italienische Felge 36, folgich passen die beiden nicht zusammen. Der eigentliche Hammer kommt nun, als mir der Monteur anbiete, ohne Aufpreis eine italienische Nabe einzuspeichen. So bekomme ich für 35DM also ein komplettes Vorderrad, an dem der Monteur fast eineinhalb Stunden beschäftigt ist.
Um 17°°h halte ich mein neues Rad in Händen und nehme meine alte Nabe mit, um sie zu Hause selbst in eine Alu-Felge einzuspeichen. Im nahegelegenen Supermarkt decke ich mich wieder mit Lebensmitteln ein. Bei einem Copy-Shop lasse ich mir noch einige Blattpapier geben, meine Schreibvorräte sind mittlerweile versiegt. Zurück am Campingplatz bin ich dann noch einige Zeit mit dem lästigen Bremsen Justieren aufs neue Rad beschäftigt.
Meine englischen Zeltnachbaren verabschieden sich und schenken mir noch etwas Butter und eine Kerze. Im romantischen Schein des Grablichtes koche ich mir Nudeln und sinniere zufrieden über den Tag. Mit behobenen Schaden kann ich also morgen wieder unbekümmert aufbrechen.

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(C) by Florian Michahelles 1997