Am Rande des Wahnsinns
MTB-Tour von Ponte Leccia nach Bonifacio: Tour de Corse
Inhalt
Reif für die Insel
Da der Wille, dort der Weg
Unternehmen grüne Hölle
Dorniger Pfad zum Erfolg
Zuviel Wille, zu wenig Weg
Ausnahmsweise: Keine Probleme
Einmal werden wir noch wach, dann ist der erste Ruhetag
Warten auf bessere Zeiten
Wo ist die Machete?
Wasser findet seinen Weg - ich auch!
Papstaudienz: Der Grund allen Übels
Korsika ist gnädig
Am Wendepunkt
Kloster und Heilquellen: Balsam für Geist und Körper
Der Kaktus sticht, sticht, sticht...
Faul am Strand
Es ist eine harte Nacht. Ich liege auf einem Felsbrocken, wenig
unterhalb der Kaimauer, aber dafür von der patroullierenden
Hafenpolizei unentdeckt. In Regenjacke und Regenhose gehüllt,
will ich der einsetzenden Kälte trotzen - mit geringem Erfolg.
Die Reste der Zeitung dienen als mickriges Kopfpolster.
Eingekeilt in den Felsbrocken bleiben mir kaum Liegevariationen,
so daß das Einschlafen verschiedener Gliedmaßen in Kauf nehmen
muß.
In dieser höchst unbequemen Lage gelingt es mir aber immerhin
knapp 4,5h in 1h Etappen zu schlafen. Gegen 5°°h wird noch
kälter, der Tiefpunkt scheint erreicht. Ich schlafe nicht mehr,
ich halte es nicht mehr aus. Dafür versuche ich die Zeit durch
planloses umherlaufen zu überbrücken.
Neidisch spitze ich durch die halboffenen Fenster der parkenden
Wohnmobile, aus denen nicht laute Schnarcher dröhnen. Wie ein
Verstoßener komme ich mir vor. Verheißungsvoll strahlen die
Lichter der Fähre, auf die ich aber erst um 7:15 gelassen werde.
Endlich auf Deck wasche ich mich und meine Kleidung gründlich
durch. Werde ich anfangs noch kritisch beäugt, finde ich dann
doch bald Nachahmer. Erst als ich auch das Müsli verschlungen
habe, fühle ich mich wieder als Mensch. In den gemütlichen
Sesseln hole ich den versäumten Schlaf nach, wenn das auch als
unfreiwilliger Zuhörer einer lautstarken italienischen
Unterhaltung nicht immer einfach ist.
Als vermehrt das "Korsika, Korsika" höre, öffne ich die Augen
wieder. Am Horizont, da ist sie, die wilde Insel. Korsika, du
bist nicht nur nah, Korsika, du bist da! Die klare Sonne am
freien Himmel, läßt das Meerwasser tiefblau glänzen. Die Fähre
indes kämpft sich weiter am Cap Corse entlang nach Bastia. Eine
frische Brise läßt die Hitze gut ertragen.
Wir laufen in den Hafen ein, schon bald stehe ich auf
korsischem, äh französischem, Grund. Ich frage mich zum Bahnhof
durch, was auf französisch gemeinerweise "la gare" heißt. Dort
kaufe ich mir die Fahrkarten, wobei das Mountainbike
kurioserweise das Doppelte kostet, wie ich.
Der Anschluß ist gut, ich muß nur ein halbe Stunde auf den Zug
warten. Am Bahnsteig gesellt sich ein Franzose zu mir, der
glücklicherweise etwas Englisch spricht. Ich erzähle ihm von
meinem Vorhaben und erfahre dafür von ihm, daß er von Bonifacio
nach Tunesien segeln will.
Im Zug hänge ich mein Rad in die dafür vorgesehene Halterung und
sehe schweren Herzens hin und her schlagen, als der Zug
lospoltert. Ich versuche mein Fahrrad mit herumliegenden
Gepäckstücken ein wenig zu stabilisieren.
Die Zugfahrt ist ein echtes Erlebnis. Mit vollem Karacho
scheppert der Zug über die alte eingleisige Strecke durch
unzählige Tunnels, über hohe, oft zwielichte Brücken, vorbei an
gefährlich drohenden Felswände und über reißende Gebirgsbäche.
Leider muß ich schon in Ponte Leccia raus, denn ab hier soll die
Fahrt laut Reiseführer noch wilder und aufregender werden.
Ich verabschiede mich von dem Franzosen und steige aus.
Munter fahre ich mit kräftigem Rückenwand und fantastischem
Postkartenwetter, umgeben vom hinreißenden Kräuterduft der
Macchia, dahin. Die leichte Steigung spüre ich kaum. Meine
aufgerissenen Augen wandern über die trockenen Hügel, das
kräftig grüne Buschwerk am Bachbett, die freilaufenden Kühe und
verlassene Bauernhöfe.
So begeistert, so vom Glücksgefühl durchsetzt kommt es mir
überhaupt nicht in den Sinn, in die Karte zu schauen.
Draufgängerisch trete ich 10km immer weiter durch die
ansteigende Hügellanschaft, bis ich dann doch irgendwann
skeptisch werde.
Landkarten sind unbarmherzig. Unmißverstehlich entnehme ich dem
Kartenwerk, daß ich leider völlig falsch gefahren bin. Nun ist
es keine Katastrophe, es ist noch Nachmittag, die erste Etappe
beginnt sowieso ab Ponte Leccia und Landschaft hier ist sicher
auch keine Bestrafung, aber ein wenig irrsinnig ist es schon,
einfach aus Freude am Fahren los zutigern.
Der vorher kräftige Rückenwind macht mir deutlich, daß er auch
als kräftiger Gegenwind wirken kann, doch sonst lasse ich mir
meine gute Stimmung nicht zerstören. Als ich dann ein wenig
abseits der Straße, noch einen fantastischen Quartierplatz am
Tartagine-Bach finde, ist wieder alles in Butter. Nach einem Bad
im wilden Fluß lausche ich der Nachtmusik der Grillen.
Die ganze Nacht durch zucken grelle Lichtblitze am Himmel, ich
versuche, mir das Phänomen zu erklären. Meinetwegen soll es ein
UFO bei der Ladung, der Geist ist schwach. Vereinzelt fallen
Wassertropfen, etwas erschrocken stelle ich aber fest, daß es
statt Regen nur Morgentau ist.
In aller Früh läute ich den Tag mit der obligatorischen
Müsliration ein. Kurz darauf starte ich in die erste Etappe
meiner voraussichtlich neuntägigen Korsikadurchquerung. Zum
Einstieg geht es zunächst noch recht geruhsam auf einsamen
Landstraßen weiter in durch Hügellandschaften nach Olmi Capella.
Durchdringende Zirplaute stehen schwebend in der Luft, leichter
Dunst hüllt mich in die entspannte Morgenstimmung.
Steppenartige Vegetation ist scheinbar der einzige Bewuchs, der
bei dem trockenen Klima gedeihen kann. Die aufsteigenden Sonne
entfacht langsam ihre Glut, die Landschaft reflektiert das
leicht rötliche Morgenlicht. Ein wenig besorgt schaue ich auf
meine leerer werdenden Wasserflaschen. Wasser wird hier zum
kostbaren Gut. Ich möchte gerne wissen, wo die Kühe ihr Wasser
aus der staubtrockenen Gegend beziehen.
Verlassene Gehöfte, Häuserruinen und abgenagte Tierkadaver sind
stumme Zeugen der harten Lebensbedingungen. Durstig benetze ich
immer wieder meine Lippen und gehe sorgsam mit meinen
schwindenden Wasservorräten um. Nach 15km bringt mir ein
sprudelnder Brunnen Erleichterung.
Gierig schlucke ich das nasse Lebenselexier und kühle mich ab.
Bei der Weiterfahrt bemerke ich zum Glück meinen fehlenden
Fotoapparat, der noch ruhig am Brunnen liegt. Dann geht es nach
Olmi Capella hinunter. In der dortigen Post decke ich mich mit
Briefmarken für die Grüße an die Lieben in der Heimat ein.
Auf miserabler Teerstraße rolle ich weiter zum Forét de
Tartagine. Ich lasse mir Zeit bei der Abfahrt, die einmaligen
Eindrücke lassen sich kaum noch verarbeiten, geschweigedenn
beschreiben. Süßlicher Duft von trockenem Kiefernholz löst den
aromatischen Kräuterwohlgeruch der Macchia ab, die
Hügellandschaft wird durch schroffere Berge ersetzt. Am Rand ein
Talkessel werde ich an Felswänden vorbei hinunter in den lichten
Tartaginewald zum gleichnamigen Bach geführt.
Im Schatten der hohen Bäume verbringe ich die Mittagspause.
Danach geht es richtig zur Sache. Von 750 Höhenmeter geht es auf
rauhen Forstwegen in die hintersten Talkessel auf 1250m hinauf.
Im schattigen Wald werde ich von der hochstehenden Sonne etwas
geschützt, jetzt würde ich in der vorherigen Prärie Höllenqualen
erleiden.
Ich suche nach einer grünen Wegmarkierung, recht schnell finde
ich sich rechts nach einer kleinen Bachbrücke. Nach einer kurzen
Verschnaufpause fühle ich mich die folgende Tragestrecke bereit.
Guter Dinge schiebe ich zunächst noch auf dem Pfad bergwärts den
Markierungen folgend. Ein Wegweiser "Col de Tartagine" verwirrt
mich etwas, das es auf meiner Karte nur einen "Bocca de
Tartagine" gibt. Zudem führt der Pfad nun, anders als auf der
Karte verzeichnet, am Berghang entlang, statt ihn zu erklimmen.
Irritiert folge ich dem Fußweg noch ca. 1km inständig hoffend,
daß sich der Weg bald Links zum Hang hochschlängelt.
Verunsichert studiere ich mehrere Male die Landkarte und stelle
schließlich folgende These auf: Möglicherweise habe ich den
Forstweg an einer Brücke zu früh verlassen und muß nun die
fehlende Wegstrecke parallel auf dem Pfad zurücklegen, d.h. wenn
ich weiter meine Richtung beibehalte, sollte ich auf den
richtigen Weg münde, der von rechts unten links zum Paß führen
müßte. Ich fasse wieder Mut und schiebe weiter.
Trotzdem verliere ich langsam die Nerven, der Weg kommt und
kommt nicht. Ich lasse mein Hab und Gut zurück und setze zu
einem kleinen Orientierungsmarsch, ohne befriedigende Ergebnisse
zu bekommen. Wieder bei meinen Sachen zurück sehe ich dann
weiter oben mysteriös wirkende blaue Striche am Fels. Ich deute
sie als Wegmarkierung, wenngleich auf kein Weg zu sehen ist.
Statt dem beschilderten und markierten Pfad weiterzufolgen,
verfalle ich dem Wahnsinn, ohne Ortskenntnis, im Gebirge, fast
orientierungslos nur nach Kompaß-Richtung, querfeldein, mit
Mountainbike auf den Schultern den Berghang zu erklimmen.
Ich orientiere mich an meinem trockenen Bachbett. Das Gelände
ist zum Glück nur stellenweise mit etwas Buschwerk bewachsen,
ansonsten recht offen, ein Weiterkommen ist somit zwar sehr
anstrengend, aber nicht unmöglich. Immer wieder höre ich Schreie
und Rufe. Vielleicht ist jemand in der Nähe! Doch ich verwerfe
den Gedanken sogleich wieder und quäle mich weiter.
Nach einiger Zeit kommt mir, ich kann es kaum glauben, ein
korsischer Hirte mit seiner Schafherde entgegen. Sehr verwundert
betrachtet er meine Unternehmung. Ich frage ihn nach "Bocca de
Tartagine". Er möchte fast die Hände über dem Kopf
zusammenschlagen, zeigt dann aber mit der Hand auf den Bergkamm.
Lediglich mit Lateinresten aus Schulzeiten vertraut, fällt es
mir sehr schwer, seinen Ausführungen Nützliches abzugewinnen.
Ich setze meinen Weg weiter in die Richtung fort, die er mir
angezeigt hat. Nach wenigen Minuten läuft mir der Schäfer nach
und gibt mir nun unmißverständlich zu verstehen, ich müsse mich
unbedingt Rechts halten, dann käme ich wieder auf den Weg.
Tatsächlich kann ich von einem Felsblock aus dann den markierten
Wanderweg erkennen. Sehr erleichtert setze ich alles daran, den
Fußweg zu erreichen. Dabei gilt es einige Felsstücke
abzuklettern und Buschwerk zu durchdringen, aber dafür dann
wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, ist es mir allemal
wert.
Fast verärgert sehe ich dann die gelben Markierungen, die meine
anstrengende überstürzte Flucht ins offene Gelände sinnlos
erscheinen lassen. Wäre ich unten auf dem markierten Weg
geblieben, wäre ich so sicher schneller, bequemer und müheloser
hier angekommen. Erst viel später erfahre ich dann auch, daß
"Col" der französische, "Bocca" der korsische Ausdruck für
Bergpaß ist - aus Schaden wird man klug.
Bis zur Paßhöhe gilt trotz aller schon abgegoltenen Höhenmeter
immer noch 400Hm zu überwinden. Verglichen zu den vorherigen
Verirrungen, gerät das Schieben auf dem schönangelegten und
frisch markiertem Wanderweg zu einem kleinen Fest. Den
beachtlichen Höhenunterschied zum Bergkamm überlistet der Pfad
mit zahlreichen engen Serpentinen. Schon sehr ermattet nütze ich
jede Gelegenheit zum Verschnaufen. Die Zeit habe ich , den der
Paß ist heute der letzte Anstieg, wozu also die Eile?
Oben am Tartagineopaß bin ich froh, alles überstanden zu haben.
Mit 1850m Höhe ist dies bereits der höchste Punkt, den ich bei
meiner Tour auf Korsika erreiche. Aufziehender Nebel läßt mich
nicht lange verweilen. Nach etwas Suchen finde ich den Abstieg
zur 300m tiefergelegenen Piobbu-Hütte.
Selbst der bärigste Downhiller dürfte sich bei dem steilen Weg
vor einem Versinken seines Vorderrades im lockeren Geröll
fürchten und sich zum Schieben entscheiden. Wenigsten rollen die
Räder ruhig, ohne bockig über Gesteinsbrocken zu springen, der
Pfad der ist freundlicher frei von Felsbrocken, Wurzeln und
anderen Störenfrieden.
In der unteren Wegstrecke wage ich mich wieder auf die Pedale.
Über Steinplatten, kleinere Geröllstellen und niedrige
Buschpflanzen drifte ich zur Unterkunftshütte. Zwar bin ich der
einzige Moutainbiker, aber freilich nicht der einzige Deutsche
Bergfreund. Etliche GR20-Wanderer haben sich schon ausgebreitet.
Um die Hütte gibt es einen provisorischen Campingplatz mit
kalter Dusche und WC. Für symbolische 3DM kann man dort günstig
zelten und zudem die Gaskocher benützen.
Ich lasse mich bei zwei niedersächsischen Wanderinnen nieder und
unterhalte mich mit ihnen den Abend recht nett. Meiner alpines
Gefährt erregt hier ein wenig Aufsehen. So fragt mich ein
Amerikaner fast entsetzt, ob ich den wirklich vorhabe, den
Fernwanderweg GR20 mit den Fahrrad zu machen. Er sei bereits 18
Tage unterwegs und er empfinde es als unheimliche anstrengend
und anspruchsvoll. Ich klären ihn auf, daß ich den GR20
lediglich kreuze und sehe sichtlich die Erleichterung in seinem
Gesicht.
Vor dem Schlafengehen werde ich Zeuge eines beeindruckendes
Naturschauspiels. Wir sind über der dichten Wolkendecke und
haben freien Himmel. Als die Abendsonne im Wolkenmeer langsam
versinkt, setzen bizarren Felswände alle Kraft daran, sich
anmutigem Glanz im Abendrot zu schmücken.
Im Gegensatz zu allen anderen Bergfans schlafe ich unter freiem
Himmel und werte somit wehrloses Opfer des dicken Morgentaus.
Dicke Tropfe schlagen sich auf meinem Schlafsack nieder, die
Daunen saugen alles auf. Meine Kleidung versuche ich im
Biwaksack vor Feuchtigkeit zu bewahren, aber wache muß ich
durchnäßt das Morgenlicht erblicken.
Die Sonne wird noch von hohen Bergspitzen gefangen gehalten,
folglich ist es noch sehr kalt. Dennoch zwinge ich mich um 7:15h
aus den Daunenfedern, um 8:45h bin ich bereit zum Aufbruch. Die
heutige Etappe wird mich zunächst wieder tief ins Tal auf 550m
hinunterbringen.
Anfangs vorsichtig schiebend, später halsbrecherisch trialend
drifte ich Richtung Tal. Die engen Serpentinen im wurzelreichen
Wald wollen Geschickt befahren werden. Der Weg hat sicher noch
nicht viel Moutainbiker gesehen, man darf sich noch als Pionier
fühlen.
Unvorstellbar lang geht es bei dem Trialmarathon über
Steinbrocken, Wurzeln und Felsstufen hinab. Gleich einem Ritt
zwischen Himmel und Hölle verschaffen einem die unzähligen
Beinahestürze den nötigen Nervenkitzel und mahne einen zu mehr
Konzentration. In sekundenschnelle gilt es, die Fahrbarkeit der
nächsten Felsstufe abzuschätzen, um im Extremfall dann doch noch
rechtzeitig abzusteigen.
Nun treffe ich in der abgelegenen Gegend doch noch auf zwei
bayerische Wanderer, die mit meiner Anwesenheit noch mehr
überrascht scheinen. Sie begrüßen mich und wünschen mir viel
Spaß, ich halte an, um sie passieren zu lassen. So soll das
Verhältnis zwischen Wanderern und Bergradlern, hier, im
jungfräulichen MTB-Revier, gibt es noch keine Vorbehalte -
hoffentlich bleibt es auch so.
Ich fahre noch ein ganzes Stück weiter auf dem wilden Pfad bis
ich schließlich auf einen nicht weniger anspruchsvollen
Karrenweg münde. Durch die dicken Steinbrocken und tief
ausgeschwemmten Rillen ist hier nicht weniger Aufmerksamkeit
erforderlich. Mein sonst treuer Freund wird immer bockiger und
versucht mich abzuwerfen. Ich versuche ihn mit angezogenen
Bremsen ein wenig in Zaum zu halten.
Doch dann passiert es, ich lasse mich vom abschüssigen Weg
herausfordern. Würde ich geradeaus weiterfahren, könnte ich mich
bereits jetzt auf einen Überschlag bereit machen. Also versuche
ich das Steile Stück durch eine leichte Schrägfahrt zu umgehen.
Da vereitelt mir ein sturer Felsbrocken meinen Plan. Er
blockiert das Vorderrad, ich kann aufgrund des großen Druckes
auch nicht mehr anheben, dafür hebt sich das Hinterrad von
selbst. Ich kippe langsam nach vorne, noch habe die Lage im
Griff, doch da bringt sich auch der schwere Rucksack ins Spiel.
Er drückt mich weiter vorn über, so daß auf meinen Armen nun ich
knapp 90kg lasten, neben meiner Wenigkeit eben auch dieser
hinterlistige Rucksack. Hätte meine Oberarmmuskulatur etwas
auftrainieren sollen, ich weiß es nicht, jedenfalls geht dann
alles sehr schnell. Butterweich knicken meine schwachen Ärmchen
ab, mein Griff vom Lenker wird gelöst und meine Finger tauchen
in den groben Schotter ein.
Als ich mühevoll aufrichte, bluten meine Fingerkuppen, einige
Nägel sind abgeknickt, sonst nichts weiter. Es sieht schlimmer
aus als es ist. Leider muß ich mit einer Hand den Fotoapparat
halten, sonst hätte ich beide Hände fotografiert!
Zähne zusammenbeißen und weiter geht's. Jetzt wird die Abfahrt
richtig zur Qual, ausgerechnet an den schmerzenden Fingern liegt
es nun, mich sicher ins Tal hinunterzubremsen. Eine tiefe
Schlucht indes versucht mich, auf ihre Grazie aufmerksam zu
machen. Immer tiefer drifte ich in den Schlund hinunter, bis
endlich einen Bach durchsteigen kann und eine Fahrstraße im
Forét de Bonifatu erreiche. Wer hätte gedacht, daß Bergabfahren
so anstrengend sein kann?
An einem großen Parkplatz treffe ich zum ersten Mal in Korsika
auf MTB'ler. Sie sind machen eine kleine Tagestour, ich empfehle
ihnen, noch bis zum Bach zu fahren, dann wird es zum hochfahren
leider zu steil.
Der "Tra Mare e Monti", ein weniger anspruchsvoller
Fernwanderweg als der GR20, bestimmt den weiteren Verlauf meiner
Tour. Zunächst läßt er sich noch ein wenig fahren, doch schon
bald bringt der Pfad auch mich zum Wandern. Bei meiner
Mittagspause zwischen einigen Felsbrocken überholen mich zwei
deutsche Rucksacktouristen.
Gestärkt kämpfe ich mich durch das immer dichter werdende
Buschwerk auf dem gut erkennbaren Fernwanderweg weiter nach
oben. Auf ein paar kurzen Fahrstücken gelingt es mir, zu den
beiden Wanderern aufzuschließen. Er sticht immer weiter nach
oben, während sich seine weniger trainierte Freundin erschöpft
weiter kämpft.
Immer wieder dreht sie sich nach mir um, wann ich sie denn
endlich überholen würde, aber ich halte mich zurück.
Schließlich wird es steiler und beschwerlicher, wo es mir sogar
schwerfällt, ihr Tempo zu halten. So mißbrauche ich sie als
Pacemaker und schleppe mich vom Stolz gepackt, nicht
zurückzufallen, bis zum Bocca di Bonassa, die beiden auch eine
Pause einlegen.
Bei einem kurzen Gespräch erfahre ich, daß sie den gesamten Tra
Mare e Monti wandern wollen und wir uns heute abend im Gite d'
Etape am Fangobach wieder sehen werden.
Nach gegenseitigem Porträtieren am Paß, schiebe ich auf der
anderen Seite ein Stück hinunter, bis mich der Pfad wieder zum
abdriften reizt. Vereinzelte Steinbrocken und einige
querliegende Baumstämme stellen mein Fahrvermögen auf ein harte
Prüfung, das dichte Buschwerk Links und Rechts des
ausgeschnittenen Weges versucht mich ehrgeizig mich Rad zu
fegen. Knapp 10km lassen diese dunkle Abfahrt im
Pflanzenwildwuchs schier endlos erscheinen. Nur zweimal auf der
ganzen Strecke ist möglich, an einer freien Stelle einen Blick
nach "draußen" zu werfen, sonst geht es, einem Tunnel ähnlich,
durchs engmaschig verstrickte Blätterwerk.
Teilweise werde ich von dem Buschwerk richtig durchgepeitscht.
Macchiabewuchs und vereinzelte Brombeersträucher lassen noch
tiefere Spuren auf meinen Ellenbogen zurück.
Insgesamt geht es nur recht flach abwärts, ich verliere also
kaum an Höhe. So schön es auch sein mag, aber mehr und mehr
empfinde ich den nie endenwollenden Dschungel als grüne Hölle.
"Und dann geht es nur noch bergab" habe ich mir oben am Bocca
di Bonassa gesagt, "nur" war vielleicht etwas zu leichtfertig.
Wenngleich die körperlichen Anstrengungen erheblich geringer
sind, als beim Raufstrampeln, so sind sie dennoch nicht zu
vernachlässigen. Ständig ist jeder Muskel in Alarmbereitschaft
zu halten, permanent muß man bereit sein, spät erkennten
Hindernissen auszuweichen, bei Felsstufen das Gewicht hinter den
Sattel zu verlagern, um ein Überschlagen zu vermeiden, oder das
Vorderrad anheben, um kleinere Hindernisse zu überwinden. Der
Beinmuskulatur wird angetragen, Bodenunebenheiten möglichst
weich abzufedern.
Nicht zu vernachlässigen ist auch die ungeheure Konzentration,
mit der man bei der Sache sein muß. Den Blick stur drei bis 4
Meter vorausschauend ausgerichtet gilt es, immer die beste
Fahrspur zu suchen und auf Gefahrenstellen entsprechend zu
reagieren. Jede noch so kleine Unachtsamkeit kann schon fatale
Stürze nach sich ziehen - wie ich heute morgen am eigenen Leib
erfahren habe.
Ich bin ein wenig vorsichtiger geworden, steige bei höhere
Felsstufen jetzt immer ab, ein Abwurf genügt. Gegen Ende hin bin
derart durchgeschüttelt, daß ich auf die Abfahrt gerne verzichte
und hinunter schiebe. Irgendwo muß ich dann noch meine Uhr
verloren haben, so daß ich das Gite d' Etape zeitlos unglücklich
erreiche.
Auch dort gibt es wieder die Möglichkeit für 10DM zu campieren.
Ich breite mich aus und hänge meine leicht feuchten Sachen zum
Trocknen auf. Daraufhin stürze ich mich in den Fango-Bach, der
mit seinen idyllischen Badegumpen und runden Felsblöcken gerade
dazu einlädt. Kristallklares Wasser schlängelt sich durch die
tiefen, in den Fels geschliffenen, Schluchten, nach der
holprigen Flucht aus der grünen Hölle ein besonderer Badegenuß.
Nachher lasse ich mich auf den bequemen Felsen noch ein wenig in
der Abendsonne braten, erst dann kommt wieder das Übliche: Essen
und Schlafen
.
Ausgeruht stehe ich auf. Die heutige Etappe ist recht kurz, doch
möchte ich dennoch früh aufbrechen, um am Nachmittag noch in der
traumhaften Bucht von Porto im Meer baden zu können.
Gegen 7:30 sitze ich wieder fest im Sattel. Leider verläuft die
heutige Etappe auf keinem bekannten Fernwanderweg, daher darf
ich weder auf Wegmarkierungen noch Wegweisern zählen. Zudem habe
ich für dieses Gebiet nur eine Straßenkarte im Maßstab 1:100.000
zur Verfügung, die hiesige Topo-Karte 1:25.000 konnte ich leider
nicht auftreiben.
Zuerst orientiere ich mich an einer wissenschaftlichen
Forschungsstation, um dann auf Schotter in den Wald hinein den
Bocca di Melza zu erklimmen. Nach 2km erreiche eine Weggabelung,
die eine Entscheidung von mir fordert. Zuerst entscheide ich
mich für Links, ich sehe aber, daß sich der Weg zu weit östlich
bewegt, also rolle ich zurück und folge der rechten Abzweigungen.
Die Piste wird immer steiniger. Als ich dann zwei Jeeps parken
sehe, bin ich doch erstaunt, was sich mit diesen Maschinen alles
bezwingen läßt. Leider sind Fahrer unauffindbar, ich hätte
sehnlichst eine Auskunft gewünscht. Auf mich alleingestellt
suche ich den weiteren Verlauf und erkenne dann die Brückenreste
am Bach, die fahrbare Strecke auch für Geländefahrzeuge beenden.
Ich trage flugs mein Gefährt durch den Bach und fahre auf der
anderen Seite auf dem noch vorhandenen Steinweg weiter. Da
seitens der Autofahrer kein Interesse mehr für dieses Wegstück
besteht, holt es sich die Natur langsam zurück. Wucherndes
Buschwerk, ausgeschwemmte Wasserrinnen, und große Steinbrocken
strapazieren die Definition von "Weg" schon sehr.
Wieder münde ich an einer Abzweigung. Zu Fuß erkunde ich beide
Möglichkeiten und entscheide mich wieder für die rechte, die
linke ist nur eine Täuschung, es handelt sich vielmehr um ein
Bachbett eines gewaltigen Sturzbaches.
Wieder macht eine weggeschwemmte Steinbrücke einen Bach schwer
passierbar. Auf der anderen Uferseite wird der Weg wieder
angenehmer, ich komme gut voran. Wo ich bin, und vor allem, ob
ich richtig bin, werden zu meinen brennenden Fragen. Da ich
sowieso niemanden fragen kann, verdränge ich die flugs diese
kranken Gedanken. Wo ein Weg, ist auch noch ein Wille!
Die zahlreichen wilden Bromsträucher halten mich mit ihren
prallen süßsaftigen Früchten bei Laune. Süchtig stürze ich mich
auf sie und räkele und strecke mich, um alles Erreichbare in die
Finger zu bekommen. Ich zwinge mich weiter.
Hohe Verschüttungen und Geröllmassen bauen sich vor mir auf. Das
kann doch nicht wahr, sein, endet hier gar der Weg? Zwei Stunden
Quälerei, um dann wieder umzukehren? Wie solle es weiter gehen?
Umdrehen? Nie!
Ruhig bleiben, ich darf nicht die Sache nicht emotional, ich muß
sie mit Vernunft angehen. Ich klettere ohne Fahrrad ein wenig
umher und kann dann wieder den weiteren Wegverlauf ausmachen.
Bevor ich aber weiterfahre, verfalle ich nochmals delikaten
Brombeeren. Teils schiebend, teils fahrend erreiche ich
schließlich den Melzapaß, wobei ich auf drei Jäger treffe.
Einige Italienisch-, Französisch- und Korsischbrocken fliegen
durch die Luft, sie bilden die Gesprächsgrundlage. Die drei
meinen, ich hätte viel "Courage".
Daß ich aber richtig verrückt sein muß, erkenne ich erst auf der
anderen Seite des Passes beim Abstieg. Kaum sichtbare Wegspuren
ziehen sich durch die dornige Macchia. Ich muß das Rad vor mir
auf dem Hinterrad schieben, denn aufgrund des dichten Buschwerks
ist kein für mich und Rad nebeneinander.
Mit schmerzverzogenem Gesicht kämpfe ich mich unter hin-und
wieder lauten Aufschreien durch die herzlose Stachelwelt.
Ständig hängen sich überhängende Brombeersträucher in meinen
Armen fest und reißen blutige Furchen hinein. Es hilft nichts,
ich muß weiter. Ein anderes Mal verkeilt sich das Hinterrad und
es gibt kein vor- und zurück mehr, es ist zum ausrasten.
Wenigstens ist der Steig mit einigermaßen sichtbaren Steinhaufen
markiert. Wenn sich nur ein paar Freiwillige finden würden, die
ein bißchen mit der Heckenschere zu Werke gehen würden, oder
jährlich sich hunderte von verrückten Mountainbikern durchbeißen
würden, wäre es um vieles angenehmer. Aber das sind ja nichts
als kranke Gedanken, die einen gerade in solchen Situationen
befallen.
Fast eineinhalb Stunden lasse ich mich von der Natur
massakrieren, die reizvollen ausblicke aufs ferne Meer
entschädigen dabei nur spärlich. Zum Ende der heutigen Etappe
versucht mich noch ein anspruchsvoller zu entschädigen. Zur
Mittagszeit ist dann der Alptraum endlich beendet und ich miete
mich im Gite d' Etape in Serierra ein, Camping ist hier leider
nicht möglich. Dafür kriege ich für 20DM ein Bett in einem
Vierbettzimmer mit Terasse und Bad.
Ich nutze sogleich die Gelegenheit meine verschwitzen Sachen vom
Schmutz und einhergehenden Mief zu befreien.
Dann mache ich mich auf zum Golf von Porto. Unterwegs versuche
ich noch vergebens bei zwei Tankstellen, Kraftstoff für den
Benzinkocher zu bekommen: verkauft wird erst ab fünf Litern. Am
Strand gibt mir dann aber ein netter Traunsteiner etwas aus
seinem Reservekanister ab.
In der traumhaften Bucht, eingerahmt von zerklüfteten
Felswänden, sind kaum noch Touristen, das Wasser ist warm, was
will man Meer?
Gegen 18°° fahre ich zum Gite zurück und drücke dabei noch
vergeblich die Klinken verschlossener Supermarkttüren. Lediglich
in der Boulangerie, Bäckerei, kaufe ich ein wenig Baguette und
korsische Kekse.
Zurück auf meinem Zimmer hat sich nun auch ein englisches
Ehepaar eingefunden. Mit ihnen wird es noch ein lustiger abend,
und ich habe endlich mal Gelegenheit meine Englischkenntnisse
auf Tauglichkeit zu überprüfen. Er ist pensionierter Professor
und meint hämisch, er gehöre noch zur "lucky generation" und
könne mit guter Pension seine Reisen finanzieren, wenn ich
erstmal in seinem Alter wäre, sähe das anders aus. Ich muß ihm
leider Recht geben. Seine Fra und er wandern den "Tra Mare e
Monti" entlang, worüber sie als Reisejournalistin einen Bericht
für die HIGH schreiben wird.
Die heiße Dusche auf dem Zimmer krönt schließlich den
ereignisreichen Tag.
Mit den Engländern stehe ich recht früh auf. Mein Frühstück wird
recht karg: mein Müsli ist ausgegangen, ich trinke also nur Tee.
Um 7:30h etwa trete ich zum Bocca Vergiolu. Es ist richtig
angenehm, endlich einen Berg ohne Tragen und Schieben erklimmen
zu können.
Mit der Morgensonne ergeben bemerkenswerte Lichterspiele an den
Felswänden, einige will ich meinem gierigen Diafilm nicht
vorenthalten. Nach teilweise extremen Anstiegen, die aber
ausbetoniert keinen Anlaß zum Schieben geben, erreiche ich gegen
10°°h die Paßhöhe auf 913m. Ich esse etwas trockenes Flit und
rolle dann in den Forét de L'Onca hinunter.
Nach einer Brücke geht es wieder bergwärts. Der Belag ist mir
bald zu lose, ich schiebe. Da glaubt man sich nun abseits von
Gut und Böse, bis man dann auf einen verrostetes Autowrack -
soviel zum korsischen Umweltverständnis. An einer Kurve endet
die Straße für Vierräder, ich benütze die noch vorhandene rechte
Fahrrille, die linke Weghälfte haben Wassermassen fortgerissen.
An der gleichfolgende Abzweigung entscheide ich mich für den
rechten Weg, die Richtung scheint mir günstig. Etwa 2km fahre
ich weiter bergauf, bis es dann unerwartet bergab geht. Ich
mache mir keinen Kopf und rolle, noch mit der Welt zufrieden, an
gelangweilten Kühen vorbei, zwischendurch kann ich an einigen
lichten Stellen schöne Panoramablicke erhaschen.
Als der Fahrweg völlig unmotiviert im Wald endet, endet auch
meine gute Laune. Verzweifelt suche ich eine Holzfällerhütte als
Orientierungspunkt, oder sollen das etwa die Fundamentreste da
sein?
In solchen Situation versucht man jeden noch so kleinen Hinweis
zu verwenden, und interpretiert die vorliegenden Indizes so, wie
man es so braucht. Nur so ist es zu erklären, daß ich mich
tatsächlich auf da Gedankenspiel einlasse, diese wahnwitzigen
Überreste sollten ein Holzfällerhütte darstellen. Doch spielt
die Natur diesen Unsinn nicht mit. Der Steigspuren, denen ich
anfangs folge enden im Nichts, die Steigspuren, denen ich
geradeaus folge enden ebenso dort, im Nichts.
Zudem ist fraglich, ob beide Irrwege überhaupt Steigspuren sind,
ebenso können Pfade von Wildschweinen oder Kühen sein. Ohne
Gepäck klettere an einer Felswand hoch, um mir aus dem Dickicht
ein wenig Überblick zu verschaffen. Doch läßt sich das
Landschaftsrelief nur schwer im Kartenbild der Straßenkarte
finden.
Vor solchen Situationen habe ich mich schon daheim gefürchtet:
Irgendwo ohne Plan in Korsika. Ich nutze die Zeit, mein
Mittagsessen einzunehmen. Da mir das trockene Baguette zu
kärglich erscheint, greife ich nun erstmal zu meiner
Notverpflegung: Getrocknete Feigen und Sonnenblumenkerne,
unbegrenzt haltbar und sättigend. Beim Essen stelle ich, von
Kompaß und Karte ein wenig unterstützt, verschiedene Hypothesen
auf, wo ich mich befinde, und wo und wie mich dann
weiterzuorientieren hätte. Mir gelingt es mehr oder weniger alle
Annahmen zu verwerfen, bis auf die, daß ich hier in einer
Sackgasse sein muß.
Schließlich greife ich zu der Maßnahme, zu der ich nur sehr
selten greife: Ich kehre um.
Zurück an der Weggabelung nehme ich nun die linke Abzweigung.
Nach etwas Fahrt erreiche ich tatsächlich eine Holzfällerhütte,
meine Stimmung steigt. Trotzdem gilt es immer noch, den
vermaledeiten Weg zum Col de Cuccavera zu finden. Zu Fuß erkunde
ich ein wenig die Gegend. Verzweifelt suche ich nach einem
rechten Abzweig, außer dubiosen Trampelspuren, die sich bald
verlieren, finde ich nichts. So bleibe ich auf dem Fahrweg und
folge einige Serpentinen, von der Richtung her könnte es stimmen.
Leider verliert Weg aber dann weiter oben die Lust
weiterzuführen, ganz plötzlich endet der Forstweg, d.h. keine
Fußspuren, keine Trampelspuren, nichts, auf 1000m einfach
Schluß, einfach so.
Ich tue es weitere Verirrung ab und lasse mich ein wenig
demoralisiert zur Holzfällerhütte zurückrollen. Vom
Erfolgswillen getrieben inspiziere ich nochmals die nahe
Umgebung und lasse mich von alten Schlepperspuren verführen,
vielleicht führe sie mich zum Ziel. Voller Hoffnung klammere ich
mich an die neue Chance. Etwas mitgenommen schon quäle ich mich
auf vermeintlichen Pfadspuren zu einem trockenen Bachbett. Bei
der undurchsichtigen Wegverzweigung, führen beide Möglichkeiten
in unwegsames Gelände.
Ich könnte ausflippen, könnte schreien, vor Wut im Boden
versinken, doch wem nützte dies? Sehr schnell rufe ich mich
wieder zur Räson, um mit Verstand weiterzuarbeiten. Da ich
niemanden anpflaumen kann, ich von niemanden bedauert werde,
kann ich mir die Energie für sinnlose Gefühlsausbrüche sparen.
Schweren Herzen fasse ich vorsichtig den Entschluß, vollständig
zum Rückzug anzutreten, wengleich mich dieser Gedanke, einer
schwerer Verstoß gegen meine Prinzipien, höchst unglücklich
macht. Es ist bereits 14:30h viel Zeit darf ich sowieso nicht
mehr verlieren.
Schon auf dem Rückweg nehme ich immer noch jeden Baum, jeden
Strauch, jeden Stein genau in Augenschein, um desillusioniert
nach verwertbaren Zeichen zu suchen. Tatsächlich stehen mir dann
verheißungsvolle Markierungen wie 6A und 6B ins Auge. Über die
Aussagekraft mache ich mir keinen Kopf, schon allein der Pfad,
der zwischen den Bäumen schwer erkennbar verläuft überzeugt mich
restlos.
Ich verwerfe eilens meine Rückzugspläne und stürze mich erneut
ins Abenteuer, um vielleicht doch noch den verhexten Paß zu
Gesicht zu bekommen. Zwar spielen mir auch hier
Brombeersträucher wieder übel mit, doch ich setze wie benommen
meinen Weg fort. Der Pfad wird zunehmend besser, ich kann es
kaum fassen. Erstaunt bin ich dann erst recht, als ich dann auch
noch auf einen Jäger treffe. Zuerst deprimiert er mich mit
"fine", auf eine weitere Frage hin, bejaht er dann aber meine
Richtung zum Col de Cuccavera.
Ich merke mir die letzte Antwort und ziehe weiter. Doch schon an
den nächsten Verzweigungen das bekannte Spiel: Folge der ersten
Möglichkeit, drehe um , probiere die zweite Möglichkeit, gehe
zur nächsten Verzweigung, sonst kehre um.
Im sogenannten Backtracking-Verfahren also spiele ich alle
Varianten, um ständig Tiefschläge einzustecken. Völlig am Boden
zerstört verschließe ich mich sämtlichen Pfadspuren und setze
nun wirklich zum Rückzug an, besser ich wäre heute morgen
überhaupt nicht gestartet. Des Spottes noch nicht genug, erklärt
mich ein Rudel verwilderter Hausschweine zum Leittier und folgt
mir eine ganze Zeitlang unablässig. Bleibe ich stehen, weichen
meine Untertanen ehrfürchtig vor mir zurück. erst auf dem
Fahrweg an der Holzfällerhütte kann ich mich meine treublöden
Begleiter abhängen.
An der ersten Abzweigung, bei der Fahrweg für Autos endet, sitzt
nun ein Korse neben seinem Jeep. Wir starten den Versuch, etwas
zur Völkerverständigung beizutragen. Er fragt mich etwas in
seinen Bart nuschelnd, ich verstehe ihn nicht. Daraufhin fragt
er wieder, seine Stimme noch mehr in seinen Schnauzer gerichtet.
Schließlich ergießt er sich in einen Wortschwall, in dem sein
dicker Schnurrbart fast zu versinken droht, und gestikuliert
wild. Ich rette mich vor seinem Kauderwelsch dadurch, indem ich
zu reden beginne, ihm einfach meine bisherigen Reisestationen
nenne und natürlich meine Herkunft mit "Alemagne" erkläre.
Scheinbar war es genau das, was er wissen wollte, er nickt
zufrieden. Da keinen Sinn mehr in dem "Gespräch" sehe, suche ich
wieder die Nähe des Bocca au Vergiolu, wo ich bereits heute
morgen gewesen bin.
Meine Wut reagiert beim Treten ab, so daß ich in Windeseile die
Paßhöhe erreiche und dann nach Serierra hinunterbremse. Von dort
fahre ich auf der Straße weiter nach Porto. Die bucht
interessiert mich heute überhaupt nicht, vielmehr überfalle ich
sehnsüchtig den geöffnete Supermarché.
Nun begleiten mich also neben Müsli, Milchpulver und
Kartoffelpüree, Nudeln und als Luxusgut korsische Waffeln auf
dem nach langen Weg nach Marignana. Mit Guaranalimo gedopt rase
ich fast wie Wahnsinniger die Teerstraße zum dem Bergdörfchen.
Meine Müdigkeit und schlaffen Muskeln scheinen fast vergessen.
Angespornt von der Sehnsucht nach einem Quartier und raschem
Tagesetappenende, lasse ich mich durch nichts aufhalten.
Als dann gegen 20°°h, knapp der einsetzenden Dunkelheit
entronnen, das Gite erreiche, folge ich dem Patron, der mir mein
Zimmer zeigt, das ich mit zwei verrückten Hamburgern teile. Er
in Birkenstock, sie mit Wildlederrucksack und Strandmatte,
wandern sie den "Tra Mare e Monti".
Ich gehe in die Küche und fühle mich im Angesicht der vollen
Schränke ins Paradies versetzt. Ohne meine Essensvorräte
anzutasten bereite ich mir eine sättigendes Abendessen und falle
dann mit prallem Bauch ins Bett.
Am nächsten bin ich sehr müde, erst um 6:45 kann ich mich
aufraffen. Ich frühstücke fröhlich die Müsli- und
Cornflakesreste. Heute soll es größtenteils auf asphaltierten
Straßen dahingehen, nach dem gestrigen Wahnwitz solle es ein
wenig geruhsamer werden.
Um 8°°h starte ich zum Col de Sevi. Relativ einsam erklimme ich
auf mäßig steilem Teer die Scheitelhöhe und freue mich dann auf
eine 10km lange flotte Abfahrt nach. In Vico bitte ich an der
Post um etwas Geld.
Auf einer sehr einsamen Landstraße durchstreife ich fantastische
Landschaften. Hoch über dem Tal klebt die schmale Straße am
Berg, in der Ferne wird mir auch das tiefblaue Meer nicht
vorenthalten, der klare Himmel rückt die Szenerie ins rechte
Licht. Mein Gemüt paßt sich der grandiosen Natur gut an.
Bei Muna lege ich dann im kühlen Schatten eines Baumes eine
notwendige Verschnaufpause ein, die Sonne brennt. Nur
widerwillig kann ich mich wieder aufrappeln und zur Bergfahrt in
der heißen Sonne zwingen. Schattige und heiße Streckenabschnitte
gleichen Zuckerbrot und Peitsche.
Mit viel Schweiß auf der Stirn lasse ich mich ausgeglichen von
den bewachsen, langgezogenen Bergrücken, lebendigen Tälern und
funkelnden Bächen inspirieren. Meine Mittagspause lege ich
gleich an der Straße, an einer Steinbrücke im Halbschatten ein.
Der erste Autofahrer hält gleich an und fragt mich hilfsbereit,
ob ich technische Probleme habe. Von der freundlichen
überrascht, deute auf mein Weißbrot und schüttle den Kopf.
Schon bald pfeift mir der Fahrtwind bei einem entspannenden
abschüssigen Straßenstück um die Ohren, die Reifen summen ihr
Lied, die Welt huscht untertänig an mir vorüber. Bei der langen
Auffahrt zum Bocca di Tartavellu ändert verlangsamt sich die
Fahrt beträchtlich, hier muß ich wieder mit Muskelkraft mein
Weiterkommen bestreiten. Alle 100 Höhenmeter habe ich kleine
Verschnaufpausen reserviert. Auch hier bin ich der einzige
Nutznießer der Straße. Nach zähem Ringen mit den langgezogenen
Serpentinen, besiege ich endliche die lange Auffahrt zum 900m
hohen Paß.
Mit Affenzahn rase ich ins breite Gravone-Tal hinunter, die
anstrengende Vorarbeit gerät dabei schnell in Vergessenheit. Wie
motorisierten Zweiradkollegen schneide ich majestätisch die
einsichtigen Kehren. Ein Feigenbaum mit reifen blauen Früchten
lädt mich zu einer wohlmundenden Zwischenmahlzeit ein.
Unten im Tal der breiten Gravone muß ich ein paar Kilometer auf
der N197, Rennstrecke der Korsen und Urlauber, hinter mich
bringen, bis ich an der sehnlichst erwarteten Abzweigung auf
eine ruhigere Nebenstraße nach Ucciani fliehen kann. Völlig
ausgelaugt ertappe ich mich dabei, wie auf der flachen Straße zu
schieben beginne. Schnell rufe ich meinen inneren Schweinehund
zur Ordnung und trete schwerfällig weiter.
Eigentlich sollte Ucciani das Endziel des heutigen Tages sein,
doch hält man es in diesem Kaff für ausreichend Bars zu
betreiben, es sind keinerlei Übernachtungskapazitäten
vorhanden. "Und dann schlage ich in Ucciani mein Nachtlager auf"
ist leider falsch. Völlig am Ende muß ich mir neben einem
geeigneten Schlafplatz zudem noch lebenswichtiges Trinkwasser
besorgen.
Mißmutig fahre ich weiter nach Carbuccia. Auf dem Weg dorthin,
bietet das abfallende buschige Gelände keine sympathischen
Nachtlagermöglichkeiten. Wenigstens besorgt mir eine
Spaziergängerin von ihrer Freundin Trinkwasser. Der Weiler
Carbuccia ist auf dem selben touristischen Niveau wie Ucciani,
ebenfalls keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wenigstens nimmt die
Hanglandschaft ab hier flachere Züge an, so daß meine Chancen
steigen ein ruhiges Plätzchen zu finden. Ich folge gleich nach
dem Ortsausgang Links einem Feldweg, biege dann rechts auf einen
verwachsenen Karrenweg ab und lasse mich dann auf dem immer
enger werdenden Pfad von einem Brombeestrauch geschützt, nieder.
Der klare Himmel, die absolut ruhige Lage, in der Einsamkeit vor
unliebsamen Entdeckern verborgen, schaue ich entspannt noch ein
wenig der untergehenden Sonne nach. Meinen Gaumen erfreue ich
dann mit sättigendem Grießbrei, den ich mit frischgepflückten
Brombeeren garniere.
Bei leicht bewölktem Himmel starte ich in den Tag. Das mäßige
Auf und Ab fordert nur wenig Kraft. Mein Weg führt mich durch
einsame Bergdörfer, am frühen Morgen rührt sich noch wenig. Die
beruhigende Morgenstimmung strahlt auch auf mein inneres ab,
ausgeglichen trete ich immer weiter und weiter.
Schon will ich mich auf der steil abfallenden Straße ins Tal
bringen lassen, als sich zum Glück mein Verstand mit
einschaltet. Im Höhenprofil ist keine lange Abfahrt vorgesehen,
die Landkarte verneint ebenfalls den rasanten Talritt. Zurück im
Dorf hilft mir ein Englisch sprechender Franzose bei der
Kommunikation mit einem Korsen, der mir bereitwillig Auskunft
gibt. Den Anweisungen folgend passiere ich mit etwas ungutem
Gefühl bedrohlich kläffende Hunde, den trennenden Zäunen schenke
ich nur wenig Vertrauen.
Auf einem ausgespültem Erdweg heize ich durch großzügig
angelegte Weinbaugebiete ins Tal der Prunelli hinunter. Zur
Orientierung dienen mir dient mir die im Landschaftsbild
störende Hochspannungsleitung. Auf die bisher recht geruhsame
Strecke folgt nun der anspruchsvollere Teil, der Höhepunkt des
Tages, im wahrsten Sinne des Wortes: Auf geteerter Straße gilt
es 600Hm zum Col de Mercuju zu bezwingen. Da die heutige Etappe
sowieso sehr kurz ist lasse ich mir bei der Auffahrt Zeit, viele
kurze Pausen unterbrechen die um Höhenmeter ringende
Muskelarbeit.
Hat mir vor wenigen Minuten noch vor der schweißtreibenden
Strampelarbeit zur Straße hoch über mir gegraut, genieße ich nun
von oben den Ausblick auf den Verlauf der Prunelli, die sich von
hier oben ins Tal hinunter stürzt und dabei viel Energie an das
Wasserkraftwerk bei Ocana abgibt.
Ganz in der Ferne deutet leichtes Blitzen und unscharfe
Gebäudekonturen am Meeresufer auf Ajaccio hin. Hier oben gönne
ich mir den Luxus pur: Ich esse ein fantastisches Menü im
Restaurant auf der Paßhöhe. Für 30DM schlemme ich einen auf
korsische Art würzig zubereiteten Hasenbraten. Dieses
Prachtessen degradiert meine sonst üblichen Weißbrotmahlzeiten
auf Bettlerniveau. Von dem kulinarischen Hochgenuß bin ich in
jedem Fall begeistert.
Wohl gespeist fahre ich noch zu einer nahegelegenen
Aussichtsplattform. Von dort werfe ich einen Blick auf die
gewaltige Staumauer, die Wassermassen des Lac du Tolla in Zaum
hält und so die Trinkwasserversorgung von Ajaccio im Sommer
aufrecht erhält. Auf die schwere Auffahrt als Pflicht, folgt nun
eine kurze Abfahrt in das Bergdörfchen Tolla als Kür. Außer ein
paar Bars ist in diesem Örtchen nichts zu finden.
Ich erkundige mich nach einem Campingplatz. Einem bärtigen
Trinker auf einer Barterasse erkläre ich mein Anliegen mit der
vorgefertigten Phrase aus meinem Reiseführer: "Je cherche
terrain de la camping.". Worauf er mir irritiert antwortet: "Je
ne compri pas. What language do you speak?" Etwas erstaunt
antworte ich, der ich doch fest mit einem gebürtigen Korsen
gerechnet habe "Alemagne". Daraufhin ergießt sich mein Gegenüber
im waschechtem Ruhrpott: "Na dann is' ja alled ganz einfach,
isch bin auch Deutscher...".
Geschichten die das Leben schreibt.
Ich breite mich dann auf dem Campingplatz aus. Nicht ganz zu
unrecht ist dieser Campingplatz im Reiseführer lediglich als
"Campingwiese" beschrieben. Terrassenartig angelegte Rasenfelder
stellen die Campingfläche dar. Provisorisch aufgestellte
Holzbuden verbergen die Sanitäranlagen. Freilaufende Hunde und
sogar ausgewachsene Pferde vervollständigen das etwas chaotische
Bild.
Etwas unwohl überlasse ich mein Hab und Gut den freilaufenden
Tieren und verbringe den restlichen Nachmittag am Ufer des
Tolla-Stausees mit der malerischen Kulisse des gleichnamigen
Bergdörfchens, das einsam über dem funkelnden Wasserblau wacht.
Allein in der Sonne liegend schätze ich mich glücklich. Später
dann lasse ich mich von herrenlosen Tretbooten zu einer
Erkundungsfahrt einladen, treten ist ja im Moment mein Hand-,
besser Fußwerk...
Erst als die Sonne im Renosomassiv, das den See bettet,
verschwindet, gehe ich zum Campingplatz zurück. Die Pferde und
Hunde habe sich zurückgezogen, dafür treffe ich endlich wieder
auf Gleichgesinnte.
Drei, etwa gleichaltrige, Thüringer sind die anderen Gäste auf
dem Campingplatz. Sie sind eben erst von einem kleinen Biketrip
zurückgekehrt. Aufgrund unsere gleichen Interessen kommen wir
schnell ins Gespräch. Die Zeit vergeht dabei sehr schnell, erst
um 1°° widmen wir uns dem Schlafe. Für Morgen habe ich eine
Ruhetag am idyllischen See eingeplant.
Leider werde ich gegen 8°°h von unerbärmlichen Regentropfen
geweckt. Ich spule mein mittlerweile antrainiertes
Evakuierungsprogramm ab und bringe meine Habseligkeiten unter
ein schützende Dach bei den Sanitäranlagen.
Auch Dirk, einer der drei Mountainbiker, will nicht mehr
schlafen. Seinem Zelt nicht ganz trauend gesellt er sich zu mir
in die überdachte Dusche. Vorsichtig spitzen wir immer wieder
hinter der Tür hervor und stellen Wetterprognosen. Dirk hat zum
Glück, es hört wieder auf zu Regnen. Die drei Thüringer nutzen
die Zeit um zu packen. Sie zieht es mit ihrem vollbepackten Fiat
weiter nach Corte.
Etwas unglücklich halte ich bei dem unsicheren Wetter weiter die
Stellung. Dunkle Regenwolken verdunkeln den Himmel in wenigen
Minuten. Lautes Grollen und kräftiges Donnern kündigen ein
großes Unwetter an. Ich flüchte ins Restaurant, das ebenfalls
zum Campingplatz gehört.
Erst nach dem auf einigen Postkarten meine mißliche Lage und die
Wetterlage mit "leichtem" Regen beschrieben habe, stürzen
Wassermassen in Form von Platzregen herab. Es blitzt und stürmt.
Es wird dunkel, als der Himmel die Sonne nie gesehen. Nicht
einmal im Restaurant bin ich völlig sicher, an den Wänden läuft
Wasser herunter, von der Decke tropft, der Wirt holt eilends
Eimer herbei. Deprimiert verfolge ich das Untreiben vom Fenster
aus. Als Trost bleibt mir die Gnade des Restaurantdaches und die
Entscheidung, heute zu paussieren. Draußen wäre ich verloren.
Eigentlich sollte der heutige Tag eine Art Oase der Ruhe sein,
meinen Körper für die vergangenen Anstrengungen entlohnen. Doch
meiner jetzigen Situation kann ich nur wenig Entspannendes
abgewinnen. Während sich diese bedrückenden Gedanken durch
meinen Kopf winden, stürzen draußen Wassermassen die Straße
hinunter, die Wasserabläufe sind diesem Ansturm nicht mehr
gewachsen. Was mir allein bleibt ist die Hoffnung, die Hoffnung
auf Wetterbesserung. Der Platzregen wandelt sich zu normalem
Regen, für kurze Zeit hört es sogar ganz auf und die Sonne kommt
zum Vorschein.
Diese kurze Episode nutze ich, um meine Sachen ein wenig zu
trocknen. Doch schon sehr bald nieselt, regnet und gewittert es
wieder. Wenigstens erbarmt sich der Campinplatzbesitzer mit mir
und überläßt mir großzügig seine Schlafhütte. Ausgestattet mit
elektrischem Licht und Heizlüfter und einem sicheren Dach über
dem Kopf geht zumindest in meinem Gesicht wieder die Sonne auf.
Begeistert beziehe ich meine neue Bleibe. Ich koche mir ein
wenig Kartoffelpüree, schon höre ich wieder schwere Regentropfen
hernieder prasseln. es ist ein Jammer, morgen will ich weiter!
Der Wecker piepst, es ist 6°°h. Der Heizlüfter in der Hütte
sorgt sich um mein Wohlbefinden. Heute steht mir die längste
Etappe bevor, darum veredele ich mein Müsli mit zwei frisch
geklauten Äpfeln. Ich werde viel Energie brauchen.
Als ich auch noch die Reifen nachgepumpt habe, steht der Abfahrt
zur Staumauer nichts mehr im Wege. Meine Bremsen ziehen nun viel
besser, nachdem ich sie gestern justiert habe. Nach der
Staumauer geht es auf einem Erdweg aufwärts. Das Fahrrad scheint
mir fast schwerelos, mit Leichtigkeit erklimme ich eifrig auf
den Serpentinen den Anstieg. Der ruhige Stausee indes bleibt
ungerührt zurück. Das tiefblau schimmernde Wasser sieht mir
anmutig nach. Der See verschwindet aus meinem Blickfeld und ich
erreiche eine Paßhöhe.
Bis hier kenne ich den Weg aus Erzählungen von den Thüringern
gestern abend. Sie mußten dann aber umkehren, da ihnen korsische
Jäger die Weiterfahrt verweigerten. Ich hoffe mehr Glück zu
haben und setzte meinen Weg an einem Gatter links auf einem
verwachsenen Karrenweg fort. Die wildwuchendernde Pflanzenwelt
sucht hier, den Weg zurückzuholen, indem sie ihn mit Büschen und
Brombeersträuchern zu ersticken versucht. Ich erreiche dann
wieder freies Gelände.
Dort irre ich ein wenig umher, um den weiteren Verlauf eines
Weges auszumachen. Immer wieder falle ich auf Spuren herein, die
aber schon nach wenigen Metern im Nichts enden. Jetzt ist genau
das gefragt, was man nach erfolgreicher Beendigung der Odyssee
Pioniergeist nennt. Schließlich probiere ich mein Glück nördlich
und folge der Grasnabe ein wenig hinab, bis sich mir das
kommenden Buschwerk einen wenig gebrauchten Steig offenbart.
Mein polternder Begleiter macht die Wegbeschaffenheit hörbar.
Auf flutschigen Steinstufen stolpere ich tiefer in den Wald
hinunter. Schließlich erreiche ich eine frischgeschlagene
Waldschneise, die nicht in der Karte verzeichnet ist. Ich
verlasse meinen Pfad und halte mich auf der geradeaus nach unten
führenden Schneise. Die zwei tiefen Spurrillen lassen auf die
große Maschine schließen, die hier das Holz aus dem Weg geräumt
hat.
Es ist so steil, daß jeder Fahrversuch in wilden Purzelbäumen
enden würde. Auf dem weichen Untergrund, in den meine Füße
sinken finde ich guten Halt. Ich verliere schnell an Höhe. Doch
dann möchte ich fast zu Stein erstarren, die Bresche endet
urplötzlich. Eine dichte scheinbar undurchdringbare Wand aus
dichtem Baum- und Buschgeflecht mahnt mich zur Umkehr.
Aber eine Zurück gibt es nicht. Mit meiner ganzen Ausrüstung
scheint es mir unmöglich die steilen Bulldozerspuren
emporzuklettern. In meiner Naivität bin ich davon ausgegangen,
daß die Waldarbeiter die Bresche von unten rauf geschlagen
haben. Was macht es auch für einen Sinn, eine Schneise von oben
hinunterzuschlagen, um sie dann mitten im undurchdringbaren
Gelände enden zu lassen, möchte ich das Buschwerk fast
anschreien.
Ich finde einen Einstieg ins Ungewisse und folge auf alten
Spuren, seien es Wildwechsel oder Pfadreste, im steilen Gelände
nach unten. Ich nur nach unten, raus hier, egal wohin, nur
zurück auf irgendeinen Weg. Es ist eine Tortur, ständig verfängt
sich Gestrüpp in den Speichen, im Rahmen an den Pedalen und mich
ziehen elastische Äste am Rucksack zurück. Es wird dunkel, so
dicht ist der Bewuchs. Bei jedem Zurückschnalzen entladen sich
Wassertropfen, Relikte der heftigen Regenströme von gestern, auf
mich. Laut Höhenmesser sollte ich bereits in Vignola sein, doch
wer weiß wo ich wirklich draufzusteuere?
Fernes Rauschen eines Baches dringt in mein Ohr. Ich weiß nicht
warum, ich halte das Erreichen des Baches für die Lösung meines
Problems. Noch mehr Strauchwirrwarr hindert mich am
Weiterkommen. Rucksack und Rad bieten zu viel Angriffsfläche,
ich komme nicht mehr weiter. Das zähe Weiterkommen, der Kampf um
jeden Meter, treiben mich zur Weißglut. Ich werde zornig, könnte
vor Wut und Verzweiflung schreien. Und genau an diesem Punkt
werde ich wieder vernunftgesteuert, sehe ein, daß niemand, nicht
mal ich, weiß, wo ich bin, mich nicht mal wer hört. Vielleicht
bin ich sogar der erste Mensch, der hier diesen Grund betritt.
Ein kleiner Schritt mich, ein großer für Menschheit?
Von wegen, nichts geht mehr! Verbittert lege ich meinen Rucksack
ab und lasse ich mein Zweirad zurück. Dem Bachrauschen folgend
schlüpfe ich unter dichten Ästen und nassem Blätterwerk
hindurch. Unten am breiten Bach muß ich einsehen, daß er zum
einen unpassierbar, zum anderen die gegenüberliegende Uferseite
sich kaum von der hiesigen unterscheidet. Ich kehre wieder um
und möchte zu meinen Habseligkeiten zurück. Doch ist davon vor
lauter Grün nichts zu sehen, ich habe die Orientierung verloren,
mich überkommt Panik, ich drehe fast durch. Wieder möchte ich
schreien, doch würde mich mein Rucksack hören? Der Zufall bringt
aber dann zu meinen Sachen zurück, ich bin wieder etwas
erleichtert! Doch darf ich nicht vergessen, daß meine Lage
trotzdem immer noch fast aussichtslos ist. Auf gut Glück halte
ich mich nun etwas Rechts und setzte zum zweiten
Erkundungsmarsch an. Marsch ist übertrieben, gebückt, mit dem
Helm durchs Unterholz rammend, versuche ich, gegen den
widerspenstigen Wildwuchs zu bestehen.
Es wird heller und heller. Mein Instinkt, viel Glück und wenig
Verstand führen mich schließlich auf einen Fahrweg.
Triumphierend nehme ich das Licht war.
Mein Glück noch gar nicht ganz fassend eile ich sogleich wieder
zurück ins Dickicht. Dabei breche ich mir auch gleich unter
teils größter Kraftaufwendung mit den Händen einen Tunnel durchs
wilde Naßgrün. An eine Machete habe ich meiner Ausrüstung leider
nicht gedacht. Diesmal finde ich zu meinen Sachen gleich zurück.
Ich hole tief Luft stürze mich in den Kampf. Die vorher
geschaffene Schneise habe ich aber schon wieder aus den Augen
verloren, so daß ich erneut meine Kraft mit dem störrischen Holz
messen kann. Teils mit Millimeterarbeit, teils aber auch
frustriert kämpfe ich mich mit Gewalt Meter für Meter voran,
sehnsüchtig lechze ich nach Licht. Es ist schon ein Kunststück,
Fahrrad und Rucksack dadurch zu manövrieren, wo man nur auf
allen Vieren weiterkommt. Dann treffe ich doch auf meine
handgefertigte Bresche und komme besser voran. Kurz vor dem
Ausgang ins Tageslicht, muß ich mich noch unter einem mächtig
dornigen Brombeerstrauchausläufer wie ein Schlangenmensch
durchmogeln.
Dann will ich meine wiedergewonnene Freiheit genießen und die
dürftigen Sonnenstrahlen erheischen. Dann sehe ich, daß meine
Regenjacke und Weißbrot fehlen. Das darf nicht wahr sein!
Der Busch hat sich das Zeug geholt, das lasse ich mir nicht
gefallen.
Zielstrebig stolpere ich zurück in den Busch, gehe meine
Schneise zurück und irre dann weiter nach oben, wo ich glaube
hergekommen zu sein. Akribisch suche ich alles ab, denn ohne die
Regenjacke, sei sie auch noch so undicht, bin ich
aufgeschmissen. Dann werden meine Mühen belohnt. Unschuldig
baumelt die blaue Regenhaut an einem Ast, gleich daneben liegt
meine nicht minder wichtige Wegzehrung.
Endgültig der dunklen Buschwelt entronnen entschließe ich mich,
dem Fahrweg nach Links zu folgen. Es geht ein wenig bergaub. Der
Höhenmesser zeigt mir eine mickrige Höhe von 400m an. Eigentlich
sollte ich auf Vignola bei 600m stoßen, was vielleicht dann der
Fall gewesen wäre, wenn ich dem Pfad und nicht den
Bulldozerspuren gefolgt wäre. Zumindest führt mich meine
jetziger Weg auf die Straße. Nach einiger Zeit durchfahre ich
dann Vignola.
Der unfreundliche Horizont, die verstrichene Zeit, es ist
bereits Mittag, machen mir die Bewältigung der heutigen Etappe
unmöglich. Bei einem Forsthaus lege ich die Mittagspause ein.
Dort lege ich ab und fange die Sonnenstrahlen, die durch einige
Wolkenlöcher den Weg zu mir hinunterfinden, begierig auf.
Von hier sehe ich auch das Val d' Esé, über dem mir dunkle
Regenwolken vor der Weiterfahrt warnen. Ich entschließe mich, in
Bastellica zu übernachten. Der herannahende Förster sagt mir,
daß es bis dorthin etwa 8km wären. Doch fühle ich mich
trotzallem zu fit, um dorthin auf langweiligen Asphalt zu
gelangen.
Wie geplant fahre ich auf einem Forstweg am Esébach entlang. Die
traumhafte Piste durch den einsamen Wald am rauschenden
Gebirgsbach entlang läßt alle Sorgen vergessen. Als ich
schließlich an der Abzweigung nach Bastellica vorbeikomme nehme
ich in meinem Übereifer doch weiter Kurs auf das Eséplateau.
Die dunklen Regenwolken haben sich wieder ein wenig
verflüchtigt, unaufhaltsam lasse ich mir den Fahrspaß von nichts
und niemandem nehmen. Zwar halte ich ständig Ausschau nach einer
passablen Unterkunftsmöglichkeit, doch finde nichts brauchbares.
So beschließe ich die Nacht auf einer Schutzhütte zu verbringen,
die in der Karte verzeichnet ist. Mit diesem Ziel vor Augen
trete ich ehrgeizig weiter.
Noch trennen mich über zweihundert Höhenmeter von dem Quartier.
Ständig kontrolliere ich meine Position am Höhenmesser. Dank der
guten Topokarte kann ich meinen jeweiligen Standort ganz gut
bestimmen. Auf holprigen ausgedienten Wirtschaftswegen
durchstreife ich wunderbar einsame Gebiete. Links, auf der
anderen Talseite sehe ich die mit viel Aufwand in den Fels
gesprengte Fahrstraße zum Skigebiet am Eséplateau.
Erst auf 1600m kommt die ersehnte Abzweigung Richtung
Schutzhütte. In der Ferne sehe ich ein Schild. Schnell fahre ich
drauf zu, um mir Gewißheit zu verschaffen. Doch möchte ich dann
fast vor Zorn auf den Schildaufsteller in den Boden versinken.
Da fällt den Leuten vom Nationalpark doch nichts besseres ein,
als in dieser gottverlassenen Gegend ein Schild mit der
Aufschrift "Reserve Biologies" in den Boden zu rammen. Ich
verlasse mich also auf die Karte und fahre etwa 2km auf
miserablen grobschottrigen Steinweg 200 Höhenmeter ab.
Es ist bereits 17°°h, die Dämmerung setzt ein. Ich verstecke
mein Fahrrad und die Räder getrennt unter Büschen und will den
letzten unwegsamen Kilometer zu Fuß zurücklegen. Wieder dasselbe
Spiel, wie fast überall in Korsika:
Kein Schild, keine Markierung, kein Wegweiser weit und breit.
So folge ich dubiosen Pfadspuren am Hang entlang. Am Höhenmesser
merke ich, daß ich an Höhe verliere. Wahrscheinlich bin auch auf
irgendwelche Kuhspuren reingefallen. Egal - selbstmitleidig
klettere ich auf allen Vieren nach oben bis ich auf freies
Gelände kommen.
Zu allem Überfluß zieht nun auch noch dichter Nebel auf, die
Sicht bleibt auf wenige Meter begrenzt, mir bleibt auch nichts
erspart.
Weit kann die Hütte nun nicht mehr sein. Man müßte nur wissen
wo. Laut Karte sollen sich über mir Pfadspuren zur Hütte führen.
Planlos tapse ich also querfeldein durchs Gelände weiter nach
oben.
Tatsächlich treffe ich auf Steinmännchen, ich schätze daß sie
zur Hütte weisen. Zwar gibt es keinen Weg, der zwischen diesen
Markierungen verläuft, doch kommt man hier gut voran. Die
Steinmännchen sind gerade so groß und in so weitem Abstand
aufgestellt, daß man sich mit etwas Glück zum jeweils nächsten
vortasten kann. Was für eine Wonne ist es dann, als ich im Nebel
ganz verschwommen einen Dachgiebel sehe. Es ist die Schutzhütte!
Ich habe es wirklich verdient, ich bin überglücklich. In der
Hütte sind Matrazenlager, Tisch, offener Kamin, Feuerholz,
Konserven und Müll von anderen Wanderern. Ich schnappe mir
sogleich ein paar leere Plastikflaschen und mache mich nur
nahegelegen Quelle auf, d.h. nahe ist die Quelle auch nur, wenn
man sie gleich findet...
Dann schüre ich den Kamin, setze Tee auf und schaufle
Kartoffelpüree in mich hinein. Nachdenklich starre ich noch
einige Zeit in die lodernden Flammen, wärmend meine Hand in
einer Chipstüte wühlt. Über dieses Ende überglücklich schlafe
zufrieden ein.
Schon um 7°°h lasse ich den Tag beginnen. Da ich kein Müsli mehr
habe, bereite ich mir Grießbrei, den mit kleingeschnippelten
Äpfeln und getrockneten Feigen esse. Ich packe meine Sachen und
sage der rettenden Schutzhütte lebe wohl.
Auf dem Fußmarsch zurück zum Fahrrad irre ich wieder durch den
Wald und sehe endgültig ein, daß zu der Hütte kein Weg führt.
Ich finde mein Gefährt so, wie ich es gestern zurückgelassen
habe, wer sollte es mir auch nehmen?
Auf meinem Weg zur Skistation fühle ich mich glücklich und frei.
Der blaue Himmel und die noch tiefstehende Morgensonne spenden
hervorragendes Licht für gute Fotoaufnahmen. Es geht ziemlich
flach dahin, so daß ich die Morgenstimmung in vollen Zügen
genießen kann.
Der Untergrund wechselt vom Schotterweg zur beschaulichen
Almwiese. Ab der Skistation folge ich unscheinbaren Spuren über
abgegraste Wiesen. Im nur flachansteigenden Gelände schiebe ich
bis auf 1762m weiter.
Der d' Esébach hat hier oben seinen Ursprung, wenngleich er hier
erst als kleines Rinnsal die Landschaft schüchtern mit Wasser
versorgt.
Richtig freuen kann ich mich auch über die zahlreichen
Steinhäufchen, die mir unmißverständlich den Weg weisen. So
erreiche ich das Esé-Plateau störe mit meinem auftreten die
paradiesische Ruhe der großen Schafherde, die unter erfülltem
Gebimmel vor mir reiß aus nimmt. Doch bald herrscht wieder
Stille.
Im Gras in der Sonne liegend bestreite ich mein kärgliches
Mittagsmahl: Sonnenblumenkerne und getrocknete Feigen.
Ich versuche Kraft zu sammeln, denn mir graut vor dem folgenden
Abstieg. Gänzlich ohne Weg muß ich mich talwärts zum GR 20
hinuntermogeln. Als beste Möglichkeit scheint es mir, mich am
Talbach zu orientieren.
Mit Rad und Rucksack auf den Schultern bekommt das sonst so
lustige springen von Stein zu Stein ein wenig Brisanz. Zwar ist
es anstrengend, doch andererseits es irgendwie auch ein irres
Gefühl, frei von Weg Vorgaben, begleitet von rauschenden Bächen
im hellen Sonnen sein Ziel zu suchen.
Zwischendurch wechsele ich auf vom Bach auf schlecht markierte
Steigspuren, doch gefällt es mir am Bach besten. Laut Karte soll
der GR20 den Bach auf 1390m Höhe mit einer Hängebrücke schneiden.
Spannend wird es an einem Wasserfall. Während sich das Wasser
unbekümmert in die Tiefe stürzt wird von mir etwas mehr
Kreativität verlangt. Ich verlasse das Bachbett und versuche,
von Baum zu Baum hangelnd und rutschend dem rettenden Grund in
der Tiefe näherzukommen.
Nun muß ich im Balanceakt unförmige Felsbrocken übersteigend die
andere Uferseite erreichen. Als die Nadel des Höhenmesser auf
1390m zeigt und mir zugleich die Hängebrücke ins Gesicht schreit
habe ich es geschafft, wenigstens ist auf den Höhenmesser in
Korsika verlaß!
Auf dem GR20 schiebe ich noch ein gutes Stück hoch, bis ich dann
zum Col de Verde hinunterbreschen kann. Dort lasse ich mich, vom
Hunger gepeinigt, bei einer Bar wegen ein paar Süßigkeiten
ausnehmen. Nach kurzer Rast fahre ich den Wald von St. Antone.
Eine gute Schotterpiste führt mich durch den Buchenwald.
Zwei Abzweigungen, die in der Karte nicht verzeichnet sind,
bringen mich in Verlegenheit. Ich folge einem blauen Pfeil unter
den "V.T.T.", das französische Kürzel für Mountainbike, gesprüht
ist: Etwas genervt kehre ich von dem Abstecher zurück!
Die Orientierung im Wald ist sehr anstrengend und fordert
genaues Kartenlesen und Interpretieren. Ich habe heute genug
erlebt und mein größter Wunsch ist es, ohne weitere Irrwege ans
Ziel zu kommen. Doch meine Wünsche bleiben ungehört.
Wieder falle ich auf einen Weg herein, der mich verlockender
Abfahrt einlädt. Nach 2km wilder Fahrt bin ich auf dem Holzweg,
d.h. alles wiederzurück und alles in allem vier Bonuskilometer!
Meine Fahrt geht weiter durch den Wald. Jäger und Beschilderung
weisen mir sicher den Weg nach Cozzano. Auf neuangelegter
Schotterpiste rase ich talwärts. Die Piste scheint ganz neu zu
sein, auf der Karte ist nur ein Muliweg verzeichnet, der die
Serpentinen immer wieder kreuzt. Nach 25km Fahrt im fremden
Wald, ständig in der Angst auf dem Holzweg zu sein, rolle ich
durch das gepflegte Natursteindorf Cozzano.
Nach weiteren 3km Asphalt finde ich Zicavo im dortigen Gite d'
Etape meine nächste Bleibe. Im 260 Seelendorf zeugen Hotels und
Bars von touristischem Interesse. Nach einem kleinen Einkauf
bereite ich mir auf der Terasse des Gites mein Abendessen.
Tomaten aus dem Garten des Herbergvaters garantieren die
Vitaminversorgung. Dann schlafe ich gut im Stockbett ein.
Um 6:30 reiße ich mich aus den Träumen. Es ist noch kalt. Die
kalte Milch zum Müsli verstärkt das Kältegefühl. Heute
verfeinere ich mein Müsli neben Äpfeln noch mit herzhaften
Weintrauben. Die Zubereitung nimmt einige Zeit in Anspruch, so
daß ich erst gegen 8:45 starte.
Auf dem Fahrrad spüre ich die Kälte noch mehr, richtig eisig ist
es. Leider verläuft die Straße im Schatten eines hohen
Bergkammes, auf die Sonne kann ich noch etwas warten. Ich fahre
in sehr niedrigem Gang, um mich durch schnellen Tretbewegungen
aufzuwärmen. Als ich in der Ferne Sonnenstrahlen auf die Straße
fallen sehe, rase ich wie benommen darauf zu.
Von nun an kann ich schwache Sonnenstahlen spüren, die aber noch
nicht den gewünschten Temperaturschub leisten. Als ich dann die
D69 verlasse und auf die sich steilerhebende D428 abzweige
schwitze ich bald. Teilweise komme ich auf der asphaltierten
Straße nur im ersten Gang weiter. Die Mühen werden aber mit
umwerfenden Panoramablicken belohnt.
Schroffe Felsen leuchten mir in der Morgensonne entgegen und
verheißen mir, daß meine Anstrengungen einen Wert haben.
Langsam wir es flacher, ich erreiche wieder eine Hochebene. Ich
finde Hochebenen fantastisch. Erst geht endloslange bergauf und
man glaubt sich bald auf einem kleinen Gipfel zu finden, bis man
dann von flachem, sich weit erschließendem Gelände überrascht
wird.
An der San Petru Kapelle endet die Straße. Ratlos gebe ich mich
dem Kartenstudium hin, doch werde ich daraus nicht schlau, da
ich mich wieder mit dem fast sinnlos erscheinendem Maßstab
1:100000 abgeben muß. Zum Glück schickt mir in diesem Moment der
Himmel einen ortskundigen Korsen. Die Verständigung mit Händen
und Füßen macht das Verstehen seiner Ausführungen sehr schwer.
Schließlich sehe ich ein, daß ich etwa 300m zurückfahren muß, um
dann rechts abzubiegen. Es ist schon gemein, daß hier die
Hauptstraße geschottert, die Abzweigung ins Nichts geteert ist.
Ohne die Hilfe des Korsen hätte ich mir hoffnungslos verfranzt.
Auf einer gut präparierten Schotterpiste fahre ich dem Plateau
unterhalb des Monte Inducine entgegen. Zwischendurch frage ich
nochmals bei einem Bergbauern nach dem Weg nach Quenza. Er
zeichnet mir den Weg in den Sand, so daß es keine
Verständigungsprobleme gibt. Auf steinigem Belag schiebe ich der
Sonne entgegen.
Von der offenen Berglandschaft bin ich beeindruckt, wie
vielseitig Korsika doch ist! Einerseits die undurchdringbare
Macchia und andererseits offene Hochebenen, die einem Gefühl
vermitteln, in der Wüste zu sein. Die Höhenlage von ca. 1000m
macht auch die Hitze erträglich.
Zwei Wanderer und ein später ein Angler, ja wirklich!, sind
meine einzigen Weggefährten hier oben. Auf Beschilderung wurde
hier ebenfalls großzügig verzichtet. So bin um die teuren
Wegweisungen der drei sehr dankbar.
Nachdem ich die Ebene am höchsten Punkt durchquert habe, begegne
ich lärmenden Naturfreunden: Moto-Cross-Fahrer. Dann darf ich
mich auf eine lange Abfahrt freuen.
Kühn die Kurven schneidend gelange ich sehr schnell auf den
einsichtigen Serpentinen nach Quenza hinunter.
Auf einer sonnigen Bank lege ich dort im verschlafenen Dorf eine
Mittagspause ein. Hier unten brennt die Sonne um einiges mehr
als oben auf dem Plateau. Mit freiem Oberkörper bete ich die
Sonne an.
Erst nach eineinhalb Stunden Nichtstun kann ich mich zur
Weiterfahrt überreden. Auf breiter Schotterpiste fahre ich den
Mini-Dolomiten entgegen: die Bavellatürme. Von den zackigen
Bergspitzen überwältigt, lasse ich mich mit ihnen im Hintergrund
von Fußgängern fotografieren.
In Prugna frage ich mich zum Asiano-Tal durch. Der
auskunftswillige Korse deutet mir gehobener Hand an, daß der Weg
dorthin steil werde. Im Schatten trockener Kiefern folge ich dem
Waldweg ins Asiano-Tal hinein. Vereinzelt stehen Autos in
geeigneten Haltebuchten am Wegrand, Schüsse zerreißen immer
wieder die friedliche Atmosphäre, die Jagdsaison ist in vollem
Gange und Jagen ist korsischer Volkssport.
Bald endet die Schotterstraße an einer betonierten Staustufe.
Ich schaue mich ein wenig, rege mich nicht auf, sondern erfreue
am sauberen Asianobach, dem ruhigen Wald und den bizarren
Felsformationen - reiner Zweckoptimismus.
Schließlich erinnere ich mich an eine Abzweigung, die ich vor
wenigen Minuten passiert habe, dorthin rolle ich zurück und
biege ab. Tatsächlich gelange ich so auf die andere Seite des
Baches, ich habe zumindest das Gefühl, richtig zu sein. Zwar
sind Gefühle oft eine unsichere Angelegenheit, doch in
Anbetracht meiner groben Landkarte das einzige, was mich
beruhigt. Einige Kilometer lang darf mir dann meine vorherigen
Mühen in Form berauschender Abfahrten auszahlen lassen, Gedanken
über Richtig und Falsch verlieren dabei ihre Bedeutung, es zählt
nur der Fahrspaß.
Doch wo es runter geht, geht es auch wieder rauf. So ist es auch
in meinem Fall. Bei den vielen Abzweigungen orientiere ich mich
am Verlauf einer Telegrafenleitung und hoffe durch sie in die
Zivilisation zurückzugelangen.
Auf den steilen Serpentinen im Wald werde ich plötzlich von
einem Motocross-Fahrer überholt, noch lange höre ich den
Motorenlärm im Walde verschallen und versuche so auf den
weiteren Wegverlauf zu schließen. Mit 50 Sachen, schätze ich,
nimmt motorangetriebene Zweiradfreund die ca. 20% Steigung. So
bleiben ihm die körperlichen Anstrengungen fremd, denen ich
gerade zu unterliegen drohe.
Ausgemergelt erreiche ich eine Straße. Hier treffe ich auf drei
Mountainbiker. Natürlich interessieren wir uns aufgrund unseres
offensichtlich gleichen Hobbys für einander. Mit Händen, Füßen,
Landkarten, ein paar Brocken Französisch und italienischen
Wortexperimenten beschreibe ich den dreien meinen bisherigen
Tourenverlauf. Als Gegenleistung bekomme ich einen Kaffee und
Kekse.
Einer der drei scheint sich gut auszukennen, bei fast allen
Stationen meiner Odyssee nickt er zustimmend. Schließlich gibt
er zu Francois, Korsikas MTB-Papst, zu sein. Er erzählt mir, daß
die Routen des alljährlich stattfinden "Korsikabike"-Rennens
aussucht. Somit ist er auch an meiner Tour schuld, die sich an
den Routen vergangener Korsikabike-Rennen orientiert.
Respekterweisend prüft er das Gewicht meines 40 Liter Rucksacks.
Dann ziehen es ihn und seine Begleiter genauso weiter wie mich.
Nach der bereichernden Unterhaltung schütteln wir uns die Hände,
Francois gibt mir noch etwas Weißbrot mit, und fahren unserer
Wege.
Auf der Fahrstraße nehme ich mir die letzten 4km Kilometer zum
Bavella-Paß vor. Nach etwas Mühe erreiche ich die Paßhöhe. Die
Berge erscheinen von hier aus nun zum Greifen nahe. Uralte
Lariciokiefern mit zerzausten Kronen bilden grüne Farbkontraste.
Direkt am Paß steht das Gite d' Etappe, in dem ich heute
nächtigen will. Unterhalb des Gite's ist das Natusteindorf Col
de Bavella, eine eigenwillige Ansammlung von Wellblechhütten,
Bergerien und Wochenendhäusern. Nach kurzem Einkauf bastele ich
mir in der Küche der Herberge mein Abendessen. Zudem bieten mir
Fahrradfahrer noch Reste ihres Abendmahles an, ich sage
natürlich nicht nein. Dann freue ich mich aufs Bett.
Gemeinerweise gibt es im Gite ab 22°°h kein Licht, es herrscht
absolute Finsternis, da im Keller gelegen, trifft nicht einmal
Mondlicht ein. Noch gemeinererweise aber begibt es sich nun, daß
mich drohender Durchfall zu Eile treibt. Mit der einen Hand an
der Wand entlang tastend, mit der anderen den Körperzustand
prüfend arbeite ich mich in die vermutete Richtung zum Klo vor.
Allergemeinsterweise ist aber doch die Inkubationszeit des
Durchfalls kürzer als die trotz unter höchster Konzentration und
Anspannung durchgeführte Lokalisierung des Ortes, der für
derartige Belange bestimmt ist.
Mit anderen Worten: die Situation eskaliert, das Unternehmen
geht buchstäblich in die Hose! In einem Zustand höchsten
Unwohlseins versuche ich die Situation dahingehend zu beruhigen,
in dem ich die Schüssel doch noch, wenngleich auch ein wenig zu
spät, wärme, bis ich mich dann, so wie mich Gott schuf, in mein
Zimmer zurücktaste und dort Kerze und Ersatzbekleidung hole. Mit
den Utensilien bewaffnet kehrt der Täter dann wieder zum Tatort
zurück, um der Spurenbeseitigung nachzugehen. Die Lage ist
gerade zu dem Zeitpunkt normalisiert, als eine andere nächtliche
Besucherin, in wesentlich entspannterer Verfassung allerdings,
denselben Ort aufsucht, mein Malheur bleibt unentdeckt und doch
liegt noch etwas Unwohlsein in der Luft!
Nun endlich kann ich mich wieder in den Schlafsack legen und
entspannt dem frühen Morgen entgegen Träumen.
Am nächsten Morgen verlasse ich den unheilvollen Ort zusammen
mit bösen Erinnerungen in aller Frühe und rolle die Paßstraße
Richtung Zonza hinunter. Nach einigen Fehlschlägen finde ich die
Forststraße, die mich am Massif de Zonza entlang führt.
Irgendwie fehlt mir heute die Ausgeglichenheit, um eins zu
werden mit der gelassenen Stille des trockenen Waldes. Viel zu
viel bin ich damit beschäftigt, mich vor Irrwegen zu bewahren.
Als ich dann auf die Fahrstraße zum Ospedale See münde, atme ich
erleichtert auf. Da ich nun wieder Gewissheit über meine
Position habe, kann ich die eindrucksvolle Landschaft auf mich
wirken lassen.
Die Natur bietet hier wieder völlig neue Felsformationen feil.
Wie von Riesenhänden aus kleinen Einzelteilen zusammengefügt
wirken die kantigen Bergrücken in der rötlichen Morgensonne auf
mich. Ruhig und gelassen windet sich indes die kaum befahrene
Straße Richtung Stausee.
In Lethargie versunken überholt mich ein Rennradfahrer, ich will
ihn gerne dahinziehenlassen und mein eher gemächliches Tempo
beibehalten. Doch der korsische Sportsfreund bittet mich, ihm
ein wenig Gesellschaft zu leisten. Ich willige ein und wir
rollen im Zweiergespann bei schwerfälliger Unterhaltung dahin.
Natürlich spekuliere ich auf die Ortskundigkeit meines Gefährten
und fragen ihn nach dem weg nach Carbini. Erst schüttelt er ein
wenig ungläubig den Kopf, doch dann verspricht er mir, den Weg
zu zeigen.
Während ich von ihm erfahre, daß er bereits um die Sechzig ist,
verwundert es mich ein wenig, als wir den Ospedale See
passieren. Laut Karte sollte ich bereits vor dem See rechts
abbiegen. Doch ich vertraue dem Korsen und wende mich wieder der
Unterhaltung zu.
Schließlich trenne sich unsere Wege. Mein freundlicher Kumpane
beschreibt mir mit unzähligen "a droite" und "a gouche"
unterstützt von wilder Artikulation den Weg, ich tue mich
schwer, den Überblick nicht zu verlieren. Zudem deutet er noch
an, ich müßte, ganz gegensätzlich zu meinen Vorstellungen aus
der Karte, einen hohen Sattel überwinden.
Er verabschiedet sich und ich folge seinem beschriebenen Weg -
jedoch nur kurze Zeit. Ich habe keine Lust mehr auf kühne
Experimente, um dann irgendwo in den Pampas zu versumpfen. So
rolle ich schon bald wieder am Stausee. Akribisch richte ich
mein Augenmerk nach Links, um den Weg nach Carbini zu finden.
An einer etwas unscheinbaren Einmündung halte ich inne und suche
nach Anzeichen, die auf einen Weg hindeuten könnten. Als ich
blaue Sprühmarkierungen erinnere ich mich sofort wieder an den
Bikepapst von Gestern, der mich auf die blauen Markierungen von
den Korsikabike-Rennen hingewiesen hat.
Tatsächlich weitet sich die zunächst unscheinbare Einmündung zu
einer breiten Schotterpiste. Ich lasse mich von der abfallenden
Straße zu einer rasanten Abfahrt einladen, wobei mir immer
einige Querrillen zu schaffen machen. Wellig wie Waschbretter
bringen sie mein Rad zu wilden vibrieren. Ein Rüttler ist dann
aber doch zu viel: Meine Sattel reißt aus der Halterung und
fällt müde zu Boden.
Von nun an drückt sie als zusätzlicher Ballast am Rucksack auf
meinen Rücken. Von Carbini gelange ich auf asphaltierter Straße
zum Col De Bacinu.
Während die Mittagssonne brennt, höre ich
meinen Körper nach Pause schreien. Kurz hinter der Paßhöhe lädt
mich ein Rastplatz am Straßenrand zum Verweilen. Ich muß mich
heute mit einem eher ungewöhnlichen Mittagsmahl anfreunden:
Zwieback mit Marmelade. Ich bilde mir ein satt geworden zu sein
und rase die Paßstraße südwärts hinunter, bis mir die steile
Auffahrt auf sandigem Untergrund hoch ins verlassene Bitalza den
Schweiß aus allen Poren treibt. Bald 5km muß meine Oberschenkel-
und Wadenmuskulatur schwerfällig die Tretkurbel in Bewegung
halten.
Auf 1200m erreiche ich dann das verlassene Bergdörfchen
Bitalza. Wie ausgestorben wirken die verschlossenen und
teilweise schon verfallenen Natursteinhäuser, friedlich
eingebettet in sanfte Graslandschaft. Ein leuchtend weiße
Madonnenfigur wacht unbeirrt inmitten der zurückgelassenen
Gemäuer. Die Stille wirkt aufgesetzt und unheimlich.
Da sehe ich
Bewegung in dem regungslosen Gelände. Erwartungsvoll steige ich
vom Fahrrad und hoffe auf einen Menschen zu treffen, der mir
vielleicht wertvolle Wegauskunft geben kann. Stattdessen aber
höre ich lautes Gebell, das sich mir bedrohlich nähert, immer
lauter und gefährlicher klingt. Ich kehre auf der Stelle um,
renne zu meinem Fahrrad und flüchte, auf Karte, Kompaß und
Instinkt vertrauend, einen Erdweg hinunter.
Leider endet dieser
nach korsischer Manier in der wildesten Macchia. Solchen
Situationen nicht mehr ganz fremd, stelle ich zu Fuß Erkundungen
an, die aber in allen Richtungen ergebnislos bleiben. Immer
wieder zeigt sich mir dasselbe deprimierende Bild: Die Macchia -
endlose Weite, wo noch keine Menschenseele zuvor gewesen...
Resigniert und jeden Optimismuses beraubt trete ich den Rückzug
an. In Unmut versunken schiebe ich schweren Schrittes den Erdweg
zurück. Doch schon an der ersten Linkskehre fühle ich mich vom
Glück geblendet, als eine Wegabzweigung in mein Blickfeld rückt.
Es ist wirklich ein Weg, kein verwachsener Pfad! Tückischerweise
blieb mir diese rettenden Abzweigung auf dem Herweg von einem
umgestürzten Baum verborgen, erst beim langsamen Zurückschieben
habe mein Augenmerk verschärft auf den Wegrand gerichtet. Eine
geschlagene Stunde verbringe ich dann auf dem gut
ausgeschnittenen Pfad. Ach was ist Korsika heute gnädig!
Wieder
auf der Straße fahre ich aus Faulheit zunächst Links hinunter
bis mir dann ein Autofahrer auf Anfrage zur Umkehr rät. Auf der
leicht ansteigenden Straße an Vacca vorbei, verliere ich langsam
an Kraft und Geduld. Weniger die Anstrengungen als vielmehr die
ständige Unsicherheit und Angst vor sinnlos verschenkten
Verirrungskilometern drücken mir aufs Gemüt. Auf weitgezogener
Schotterpiste durchkurve ich die hügelige Landschaft.
Da ist die
Freude groß als ich mit einem grandiosen Panoramablick
entschädigt werde. Neben dem Augenschmaus, den mir das blaßblaue
Meer am Horizont und das von Nutzland schachbrettartig geordnete
Flachland bereiten, gewinne meinen Eifer zurück, wie ich das
klare Landschaftsrelief aus der Vogelperspektive mit dem
Kartenbild in Einklang bringen kann. Der Flughafen von Figari
räumt endgültig jeden Zweifel aus: ich bin richtig!
Meinen
Aussichtspunkt lasse ich schließlich über mir zurück und lasse
mich von temperamentvollen Serpentinen ins Tal tragen, wo mich
die stehende Hitze fast zum Glühen bringt. Meine letzten
Wasservorräte sind schnell verbraucht, ein zwingend folgender
physischer Einbruch läßt nicht lange auf sich warten. Vor einem
flachen Anstieg sinke ich erschöpft und ausgelaugt von meiner
rollenden Folterbank. Im Schatten erstarren meine langsamen
apathischen Regungen völlig und ich lasse die Welt passieren...
Zwar verschnaufe ich ein wenig doch plagt mich der Durst immer
unerbärmlicher. Langsam steige ich auf krieche die Anhöhe nach
Frauletto hoch. Bei einem Wohnhaus bitte ich mit meiner Flasche
winkend um Wasser. Die nette Familie übertrifft meine
Erwartungen bei weitem. Neben dem Leben spendendem Naß werde ich
mit saftigen Aprikosen, frisch aus dem Garten, reich beschenkt.
Zudem raten Sie mir auf der Straße nach Figari zu fahren, da
mein Plan von hier nach Sta. Lucia zu gelangen, undurchführbar.
An Abenteuern wenig interessiert nehme ich den Rat an und rolle
zur D853 zurück und fahre Richtung Figari. Nach einigen
Kilometern schlage ich mich bei der erst besten Gelegenheit ins
Gebüsch und baue mein Biwak unter idyllischen Korkeichen.
Während mich die letzten Sonnenstrahlen wohl temperieren,
verschwende ich keinen Gedanken mehr daran, daß ich ursprünglich
heute noch in Bonifacio meine Mountainbiketour quer durch die
wilde Insel beenden wollte. Doch was spielt das jetzt für eine
Rolle...
Nach dem Essen stürze ich mich auf die letzten
Wasservorräte und erwarte eine trockene Nacht.
Die Nacht wird ein wahrer Horror. Stechmücken drängen mich
einerseits restlos in den viel zu warmen Schlafsack, wo mir die
Hitze das letzte Wasser aus dem Körper saugt. Durstend und
verstochen vegetiere ich durch die Nacht. Die saftigen Aprikosen
sind meine letzten Flüssigkeitsreservoirs, zu schnell
verschlinge ich sie.
Ständig werde ich von Alpträumen geweckt,
die alle um dasselbe Thema kreisen: Ich stehe durstend vor einem
großen Wasserfall, das Wasser fließt in Massen. Aber immer
bleibt es aus unerfindlichen Gründen für mich unerreichbar. In
diesem Moment wache ich meist durstend auf und werde mit dem
Ernst der Lage konfrontiert und verfalle dann dem nächsten
Hirngespinst im Schlafe.
Am nächsten morgen stärke ich mich mit
trockenem Zwieback und Marmelade, das Durstgefühl ist
glücklicherweise unterdrückt. Ich packe zusammen und bin bald
wieder auf der Hauptstraße, die ich dann verlasse und an einen
Stausee gelange. Nach der heißen Auffahrt auf verkehrsarmer
Straße, rolle ich auf Schotter zum künstlich geschaffenen
Wasserarsenal, das es laut Karte überhaupt nicht geben dürfte,
was mich wieder etwas verunsichert.
Zunächst fahre ich am
beschaulichen Ufer entlang, bis ich dann der Schotterpiste in
trockene Hügellandschaft folge. Ich steuere nun geradewegs auf
den Golf von Ventilegne zu. Die Gegend wird flacher, der heiße
staubige Sand vermittelt einem das Gefühl von Wüste.
Schnurgerade führt mich die Nutzstraße bei leichtem Auf und Ab
zur N196 in der nähe des Golfes.
Auf der N196, eine der großen
Hauptverkehrsadern Korsikas, habe ich die letzen Kilometer nach
Bonifacio zu bestreiten. Und trotzdem, oder gerade deshalb?,
zwingt mich die lange Auffahrt am Bocca d'Arbia in der prallen
Sonnenglut zu Höchstleistungen. Ich komme ohne Pause durch und
kann den eher unangenehmen Streckenabschnitt schnell hinter mir
lassen. Am Scheitel begegnen mir zwei Fahrradfahrer, die
ebenfalls abgekämpft wirken.
An einem Campingplatz fülle ich nun
endlich meine Fahrradflaschen mit Wasser auf, leider schmeckt es
nicht sehr gut, dafür ist es naß. Nach einem langgezogenen Hügel
rückt Bonifacio in greifbare Nähe. Die letzten Kilometer besorgt
die Schwerkraft, es geht leicht bergab zur Hafenstadt. Mich
überkommt ein überwältigendes Glücksgefühl: Ich habe es
geschafft, die Macchia und all die anderen Unannehmlichkeiten
besiegt! Ich singe und schreie vor Freude.
Ein Campingplatz im
herzen der Stadt kommt mir sehr gelegen ich beziehe dort
sogleich Quartier um die Mittagszeit. Nach einem stärkendem Mahl
schlendere ich unbeschwert durch die südlichste Stadt Korsikas.
Am Hafen herrscht buntes Treiben. Zahllose Jachten und
Ausflugsschiffe liegen vor Anker. Aufgeregt versuchen die
Bootsbesitzer Touristen zu Grottenfahrten zu ermuntern.
Obwohl
ich diesem Tourismus eher abgeneigt bin, sitze ich zuletzt doch
auf einem der Boote, überzeugt hat mich ein Schlepper mit einem
gnadenlos günstigen "Studentenpreis" von 30FF, die Hälfte des
Normalpreises.
Wir brausen aus dem Naturhafen heraus. Die
Festungsstadt wird von drei Seiten vom Meer umspült. Die Bucht,
die von einer hohen Landzunge, auf der die Stadt liegt,
geschützt wird, bildet in idealerweise den Naturhafen. Vorbei an
romantischen Buchten, die über die Zeit in den reinen
Kreidefelsen gespült worden sind, gelangen wir aufs Meer hinaus.
Ich habe einen guten Sitzplatz ergattert und kann, im Gegensatz
zu vielen Mitreisenden, die Fahrt ohne aufwendige Verrenkungen
genießen.
In der ersten Grotte setzt dann ein großes
Blitzgewitter an, wenngleich die mickrigen Blitze der
Kompaktkameras, die Dunkelheit nicht ausleuchten können. Die
große ist von den Wogen des Meeres ausgespült worden und nach
oben offen. Die Öffnung erinnert mit ihrer Form an die Umrisse
Korsikas.
Der Kapitän jagt uns weiter in die Napoleongrotte, in
der die Hutform Napoleons zu bewundern ist. Dann flitzen wir
auch dieser Grotte wieder heraus und bekommen bei spritziger
Fahrt einen Blick auf die Stadt auf dem Kreidefelsen
präsentiert. Gut 60m hoch über dem Meer verlängern
abenteuerliche Häuser in kühner Architektur die Felsklippen.
Sehr deutlich kann ich auch die 184 Stufen des Königs von Aragon
erkenne, die er laut Legende in einer Nacht in den Fels schlagen
ließ, um die Festungsstadt endlich zu erobern. Das makellose
Weiß der Kreidefelsen ist wirklich einzigartig und bietet eine
schönen Kontrast zum Tiefblau des Meeres. Die reizvolle Lage
prädestiniert Bonifacio geradezu zur schönsten Stadt Korsikas.
Etwas erstaunt bin über die beschauliche Einwohnerzahl von
gerademal 3500. Die Bedeutung der Stadt ist allein in der
Attraktivität für den Tourismus begründet.
Nach der
eindrucksvollen Bootsfahrt erkunde ich weiter die Stadt und
finde mich dann in den verwinkelnden Gassen der Oberstadt
wieder. Von hieraus sind bereits Konturen von Sardinien zu
sehen, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Sardinien wäre
auch mal eine Reise wert...
Nach dem Stadtrundgang gehe ich auch
noch an den Festungsanlagen vorbei, der auch heute noch eine
französische Garnison zugeteilt ist. Wuchtige Bastionen schützen
so die Landseite.
Ich gönne mir noch ein knuspriges Crepés und
komme dann mit Schätzen aus dem Supermarkt zum Campingplatz
zurück. Dort koche ich mir dann Nudeln. Für Brennstoff habe ich
auch wieder gesorgt, indem ich eine Autofahrerin gebittet habe,
mir ein wenig Sprit abzugeben.
Nach dem Essen gehe ich noch vor
in die Bar und lasse den Tag mit ruhiger korsischer Musik Revue
passieren. Ich bin fast ein wenig traurig, und mich überkommt
ein Gefühl von Urlaubsende. Obwohl gerade erst die Hälfte vorbei
ist, befinde ich mich ab Morgen auf dem Rückweg der mit
Sicherheit auch sehr eindrucksvoll und spannend werden wird.
Doch trotzdem: Es ist der Rückweg, der Anfang vom Ende...
Mein allmorgendlicher Durchfall bringt mich wieder früh auf die
Beine. Doch heute der Zwang, früh aufstehen zu müssen, etwas
Gutes: Wachen Geistes schaffe ich in Windeseile mein Hab und Gut
unter das Dach der Sanitäranlagen. Als ich alles verstaut habe
setzt ein gnadenloser Wolkenbruch ein.
Sicher vor dem
Wohlbefinden zerstörendem Naß nehme ich mein Frühstück etwas
ungemütlich vor einer Waschmaschine stehend ein. Nach und nach
retten sich auch andere Camper unter trockene Dach und
beobachten mißmutig die prasselnden Regentropfen.
Dabei komme
ich mit zwei Tourenradlern aus Kulmbach ins Gespräch. Sie touren
seit ein Woche auf einsamen Landstraßen durch die Insel. Nachdem
wir uns die ungemütliche Lage genügend bedauert haben, zwinge
ich mich trotz beständigen Nieselregens zum Aufbruch.
Bis zum
Golf von Ventilegne ist mir die Strecke von gestern bekannt,
doch bleibe ich dann auf der N196 nach Sarténe. Das Wasser fällt
indes hartnäckig weiter vom Himmel herab. Durch meine verspritze
Radbrille nehme ich meine Umwelt nur noch schemenhaft war. Mein
Blick ist einzig und allein auf die Kilometersteine am
Straßenrand fixiert. Die trübe Wetterlage raubt der Insel den
ganzen Zauber. Nüchtern und ohne jeden Reiz klatschen die Wellen
des Meeres ans Ufer. Der fantastische Macchiaduft geht im
Gestank nassen Asphalts völlig unter.
Flache, aber endlos lange
Anstiege lassen mich in Trance versinken. Unaufhörlich trete ich
weiter, nur so sind kühlen Temperaturen erträglich. Doch
trotzdem treffe ich heute auf zahlreiche Fahrradfahrer, die sich
von dem unfreundlichen Wetter ebenfalls nicht abhalten lassen.
Mein stetiges Weitertreten wird schließlich mit einer frühen
Ankunft in Sarténe belohnt. Zur Mittagszeit mache ich inmitten
der mittelalterlich malerischen Gassen der Altstadt Rast. Doch
zieht der Himmel bald wieder zu und verdrängt mich zu einem
trockenen Torbogen. Dort harre ich frierend aus und warte auf
Sonnenstrahlen. Ich wage mich wieder nach draußen und schöpfe
dann bei der Post wieder etwas Bargeld ab, um mich dann zum
Franziskanerkloster St. Damien aufzumachen.
Etwas zögerlich
verspricht mir dann der Oberklostermann ein Nachtquartier. Mein
Gepäck lasse ich gleich dort, um so unbeschwerter zu den Bains
de Caldane, 37°C heiße schwefelhaltige Quellen, aufzubrechen.
Hirnlos folge ich der D65 über einen 700m hohen Sattel und fange
erst nach der Abfahrt auf der anderen Seite zum Denken an, und
entnehme der Karte unmißverständlich, daß ich eigentlich die D69
hätte fahren müssen, aargh!
Nach 600 Bonushöhenmetern bin ich
dann auf dem richtigen Weg. Ohne Rucksack fühle ich mich ganz
unbeschwert, frei von zähem Drücken und trägem Ziehen der Last
am Rücken. Auf der langen Abfahrt zu den Quellen denke schon hin
und wieder etwas sorgenvoll an die lange Rückfahrt, doch
überwiegt insgesamt das Gefühl vom Geschwindigkeitsrausch.
Leicht händig steuere ich mein Gefährt über die kurvenreiche
einsame Strecke. Die sanfte Hügellandschaft ist, abgesehen von
kleinen Weilern, nur dünn besiedelt.
Dann erreiche ich die
heißen Quellen. Ich löhne 20FF an den Besitzer und lasse mich
dann vom gesunden Wasser umperlen. Als einziger Besucher habe
ich das mit Naturstein gemauert Becken ganz für mich. Eckige
Steine liegen als Hocker im Wasser. Im wohltemperierten Wasser
steigen friedlich blubbernde Blasen aus dem Boden auf. Nach dem
ausgiebigen Bad lebt meine Haut wieder auf und verlasse den Ort
der Ruhe.
Bevor ich die Rückfahrt antrete genieße ich in der Bar
noch etwas und genieße das Prickeln im Körper. Wieder im Sattel
ist die Fahrt überhaupt kein Problem. Mit Leichtigkeit erklimme
ich den Anstieg nach Sarténe. Sind in den Heilquellen doch
geheime Kräfte verborgen?
In Sarténe zurück betrachte ich noch
etwas das pulsierende Treiben der alten und jungen Menschen, die
Straßen beleben. Im Gegensatz zu vielen anderen korsischen Orten
sind hier erstaunlich viele Kinder und Jugendliche vertreten,
die Stadt vor Überalterung und Aussterben bewahren. Natürlich
sehe ich auch noch einige Touristen die sich vom Flair der
korsischsten aller Städte ebenfalls angezogen fühlen.
Ich
verdrücke noch eine Pizza an einem Stand und kehre zum Kloster
zurück. Dort finde ich mich in einem häßlichen Schlafraum
wieder, was aber angesichts der warmen Dusche zur
Bedeutungslosigkeit gerät.
Mit einem belgischen Motorradfahrer
teile ich dann mein Zimmer. Die Übernachtung im Kloster ist
wirklich ein Geheimtip.
Gegen halb sieben frühstücke ich ungemütlich an einem kargen
Tisch, hart ist das Mönchsleben. Um 7:45h verlasse ich dann den
heiligen Ort der Besinnung. Die ersten Kilometer sind geschenkt,
gerade richtig zum Aufwachen geht es bergab. So komme ich ohne
große Beinarbeit in Propriano an. Dort erkundige ich mich Hafen
nach Verbindungen nach Nizza: Meine Informationen sind richtig,
die nächste geht in zwei Tage ab Ajaccio.
Ich verlasse das
ehemalige Fischerdorf, das sich heute zu einem gefragten
Touristenstädtchen gemausert hat, und fahre am langen Jachthafen
entlang und dann das eigenwillige Einbahnstraßensystem
mißachtend nordwärts hinaus. Ab jetzt geht es wieder bergauf,
ich lasse den lieblich breiten Golf von Valinco unter mir. Die
aufsteigend Sonne entfacht indes ihr Feuer. Als ich die
Taravomündung passiere finde ich wieder eine ganz andere
Szenerie. Ich fühle mich wie nach Friesland versetzt. Auf
saftigen Weiden grasen gut genährte Milchkühe. In der flachen
Ebene wird zudem intensiver Ackerbau betrieben.
Hier verlasse
ich die Hauptroute, um einen Abstecher in die größte
prähistorische Fundstätte Korsikas, Filitosa, zu unternehmen.
Doch bis ich dort bin, muß ich noch viel Schweiß bei heißen
Auffahrt im schattenlosen Gelände fließen lassen.
Noch früh am
Morgen bin ich dann einer der ersten Besucher. Neben Resten
toreanischer Wehranlagen sind die 5000 Jahre alten in Granit
geschlagenen Steinfiguren die Schätze des Freilichtmuseums. Die
toreanischen Funde und Steinmegalithe zählen zu den
Hauptattraktionen Korsikas. In der Hochsaison werden die
Touristen busseweise hergekarrt, wovon ich glücklicherweise
nicht zu spüren bekomme.
Mal zornig, mal verschlafen blicken
mich die mannshohe Menhirstatuen mit ausgearbeiteten
Gesichtszügen und angedeuteten Schwertern an. Ein sehr
verwaschener Skulpturenblock wirkt auf mich wie ein riesiges
Phallussymbol, natürlich darf ein obligatorisches Foto, auf dem
ich beinumschlugen vor dem Steinblock sitze, nicht fehlen.
Unter
einem 100 Jahre alten Olivenbaum, um den fünf Steinmegalithe wie
ein Rat der "5 Weisen" aufgestellt sind, lasse ich in Ruhe meine
Phantasie über das Leben vor 5000 Jahre spielen.
Von der
Fundstätte tief beeindruckt rolle ich mit einem Eis in der Hand
zur Hauptroute zurück. Wieder fahre ich hirnlos, von routiniert
ausgeführter stupider Beinarbeit getrieben, draufzu und muß,
weil ich nicht mehr umkehren will, dafür zur Strafe, auf einer
einsamen Straße einen höheren Paß überwinden. Dafür bin ich fern
vom Autoverkehr und genieße einen wunderbaren Ausblick aufs
Meer, das freundlich in schillerndem Blau zu mir hoch lächelt.
Schließlich kehre ich auf die D55 zurück und fahre in sengender
Hitze im steten Auf und Ab hoch über dem Meeresufer entlang.
Erwartungsvoll fahre ich auf die nächste Kurve zu, um dann den
weiteren Straßenverlauf - bergauf - präsentiert zu bekommen, das
alte "geheimnisvolle Kurven"-Spiel.
Bei einer großen
Kakteenansammlung mache im Schatten eines hohen Baumes eine
kleine Rast. Ungeachtet der vielen Warnungen greife ich mir
unbeschwert eine scheinbar stachellose Frucht und schon spüre
ich die feinen Stacheln, dünnen Härchen gleich, durch die Hand
piksen. Vorsichtig schäle ich nun die Frucht und schlappere das
saftig süße orangefarbene Fruchtfleisch aus. Es schmeckt
wirklich lecker, nur macht es einem die Natur schwer, das
Wüstengold zu erlangen.
Ich knacke schließlich noch zwei weitere
Früchte, um mir dann in geduldsamer verzweifelter Mühe die
verbliebenen Stacheln aus der Hand zu ziehen. Die
Fahrradhandschuhe brauche ich vorerst auch nicht mehr
überzustreifen, auch sie sind von den Stacheln verseucht.
Als
ich weiter spüre ich die hinterfotzigen Nadeln sogar in den
Beinen, ich habe mir die Hände wohl an der Hose abgeschmiert.
Nach erreichen der Paßhöhe bekomme ich meine schweißtreibend
Arbeit in Form kühlenden Abfahrt vergütet. Bis Chiavari darf ich
dann meine Muskeln wieder spielen lassen. Damit sind die
ausgelassenen Bergfahrten aber auch beendet und einer rasanten
Abfahrt hinunter zum Meeresufer an den Strand steht nichts mehr
im Wege. Dort stürze ich mich dann auch sogleich in die Fluten
und schwimme freudig umher.
In einem benachbarten Campingplatz
befreie ich mich unter einer Dusche von dem Meersalz und fahre
auf der Küstenstraße weiter nach Porticcio. Ajaccio ist am
gegenüberliegenden Ufer bereits zu sehen. Meine Fähre geht aber
erst übermorgen, wozu also Eile?
Mit Nachschub aus dem Supermarkt suche ich dann den
Nobelcampingplatz Beniste auf. Zur Saison wird hier richtige
Animation angeboten und einem das Frühstück ans Zelt serviert.
Mit solchen Leistungen habe ich allerdings nichts am Hut. Der
dunkle Horizont weckt zurecht mein Mißtrauen. Gegen Abend setzt
der Regen ein, wieder habe ich Glück und finde Unterschlupf in
einer Abstellkammer bei den Sanitäranlagen. Unromantischen in
muffiger, aber überdachter Behausung verbringe ich die Nacht.
Der Nachtregen stellt das Dach meiner Behausung auf eine harte
Probe, aber das Dach hält den Wassermassen stand. Als ich am
nächsten Morgen gegen 7°°h frühstücke kündigt der klare Himmel
einen schönen Tag an. Beruhigt wage ich mich nach draußen und
fahre die wenigen Kilometer nach Ajaccio.
Hell und freundlich präsentiert sich mir die Hauptstadt des
südlichen Departements Korsikas. Die vielen Hochhäuser heben
sich leuchtend vom Hang. Großzügige Plätze mit Palmen, die
fotogene Altstadt, elegante Boutiquen, bunter Markt und
flanierende Menschen am Jachthafen zieren das Stadtbild.
Ich kümmere mich jedoch als erstes um die Fährticktes für morgen
nach Nizza. Dann steuere ich auf Anraten des Fremdenverkehrbüros
einen Campingplatz auf der nördlichen Landzuge Richtung "Illes
Sanguinaires" an. Dort miete ich mir für 51FF den teuersten
Stellplatz, den ich bisher in Korsika hatte. Dafür schenkt mir
ein Motorradfahrer seine kaputten Gepäckkoffer, die sich für
hervorragend als Mobiliar eignen.
Schließlich lasse ich mich vom Rauschen des Meeres anziehen und
gehe an den feinen Sandstrand. Meterhohe Wellen klatschen ans
Ufer. Ich stürze mich sogleich in die Fluten und lasse mich von
der Wellenwucht umherwirbeln. die Wellen sind so stark, daß sie
auch einige Wellensurver in die Brandung locken.
Am verlassenen Strand lasse ich dann das Tun sein. Mit dem
Rauschen des Meeres in den Ohren träume ich vor mich hin. Nach
einiger Zeit öffnet mir ein rhythmisches, staccatoartiges
Klappern die Augen: Ein Pärchen spielt Strandtennis. Klapp,
klapp... fliegt der Ball hin und her, ich schließe wieder die
Augen...
Die Stadtbesichtigung Ajaccios werde ich auf Morgen verlegen.
Nichts ist es wert, den paradiesischen Ort zu verlassen. Die
Zeit vergeht von mir unbeachtet - erst als die Sonne hinter
einer aufziehenden Wolkendecke verschwindet wird es kühler und
ich gehe zum Campingplatz zurück. Es wird doch nicht wieder
regnen? Die alt bekannte Frage, deren negative Antwort einem die
Stimmung so vermiesen kann steht wieder im Raum. Ja Raum, hätte
ich nur einen Raum. Ich baue mir aus dem Biwaksack und den
Alukoffern einen Regenschutz. Gespannt schlafe ich ein, es ist
meine letzte Nacht auf Korsika.
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(C) by Florian Michahelles 1996