Korsika - Inselform
Am Rande des Wahnsinns


MTB-Tour von Ponte Leccia nach Bonifacio: Tour de Corse


Inhalt
Reif für die Insel Da der Wille, dort der Weg Unternehmen grüne Hölle Dorniger Pfad zum Erfolg Zuviel Wille, zu wenig Weg Ausnahmsweise: Keine Probleme Einmal werden wir noch wach, dann ist der erste Ruhetag Warten auf bessere Zeiten Wo ist die Machete? Wasser findet seinen Weg - ich auch! Papstaudienz: Der Grund allen Übels Korsika ist gnädig Am Wendepunkt Kloster und Heilquellen: Balsam für Geist und Körper Der Kaktus sticht, sticht, sticht... Faul am Strand

Reif für die Insel

Es ist eine harte Nacht. Ich liege auf einem Felsbrocken, wenig unterhalb der Kaimauer, aber dafür von der patroullierenden Hafenpolizei unentdeckt. In Regenjacke und Regenhose gehüllt, will ich der einsetzenden Kälte trotzen - mit geringem Erfolg. Die Reste der Zeitung dienen als mickriges Kopfpolster.
Eingekeilt in den Felsbrocken bleiben mir kaum Liegevariationen, so daß das Einschlafen verschiedener Gliedmaßen in Kauf nehmen muß.
In dieser höchst unbequemen Lage gelingt es mir aber immerhin knapp 4,5h in 1h Etappen zu schlafen. Gegen 5°°h wird noch kälter, der Tiefpunkt scheint erreicht. Ich schlafe nicht mehr, ich halte es nicht mehr aus. Dafür versuche ich die Zeit durch planloses umherlaufen zu überbrücken.
Neidisch spitze ich durch die halboffenen Fenster der parkenden Wohnmobile, aus denen nicht laute Schnarcher dröhnen. Wie ein Verstoßener komme ich mir vor. Verheißungsvoll strahlen die Lichter der Fähre, auf die ich aber erst um 7:15 gelassen werde.
Endlich auf Deck wasche ich mich und meine Kleidung gründlich durch. Werde ich anfangs noch kritisch beäugt, finde ich dann doch bald Nachahmer. Erst als ich auch das Müsli verschlungen habe, fühle ich mich wieder als Mensch. In den gemütlichen Sesseln hole ich den versäumten Schlaf nach, wenn das auch als unfreiwilliger Zuhörer einer lautstarken italienischen Unterhaltung nicht immer einfach ist.
Als vermehrt das "Korsika, Korsika" höre, öffne ich die Augen wieder. Am Horizont, da ist sie, die wilde Insel. Korsika, du bist nicht nur nah, Korsika, du bist da! Die klare Sonne am freien Himmel, läßt das Meerwasser tiefblau glänzen. Die Fähre indes kämpft sich weiter am Cap Corse entlang nach Bastia. Eine frische Brise läßt die Hitze gut ertragen.
Wir laufen in den Hafen ein, schon bald stehe ich auf korsischem, äh französischem, Grund. Ich frage mich zum Bahnhof durch, was auf französisch gemeinerweise "la gare" heißt. Dort kaufe ich mir die Fahrkarten, wobei das Mountainbike kurioserweise das Doppelte kostet, wie ich.
Der Anschluß ist gut, ich muß nur ein halbe Stunde auf den Zug warten. Am Bahnsteig gesellt sich ein Franzose zu mir, der glücklicherweise etwas Englisch spricht. Ich erzähle ihm von meinem Vorhaben und erfahre dafür von ihm, daß er von Bonifacio nach Tunesien segeln will.
Im Zug hänge ich mein Rad in die dafür vorgesehene Halterung und sehe schweren Herzens hin und her schlagen, als der Zug lospoltert. Ich versuche mein Fahrrad mit herumliegenden Gepäckstücken ein wenig zu stabilisieren.
Die Zugfahrt ist ein echtes Erlebnis. Mit vollem Karacho scheppert der Zug über die alte eingleisige Strecke durch unzählige Tunnels, über hohe, oft zwielichte Brücken, vorbei an gefährlich drohenden Felswände und über reißende Gebirgsbäche. Leider muß ich schon in Ponte Leccia raus, denn ab hier soll die Fahrt laut Reiseführer noch wilder und aufregender werden.
Ich verabschiede mich von dem Franzosen und steige aus.
Munter fahre ich mit kräftigem Rückenwand und fantastischem Postkartenwetter, umgeben vom hinreißenden Kräuterduft der Macchia, dahin. Die leichte Steigung spüre ich kaum. Meine aufgerissenen Augen wandern über die trockenen Hügel, das kräftig grüne Buschwerk am Bachbett, die freilaufenden Kühe und verlassene Bauernhöfe.
So begeistert, so vom Glücksgefühl durchsetzt kommt es mir überhaupt nicht in den Sinn, in die Karte zu schauen. Draufgängerisch trete ich 10km immer weiter durch die ansteigende Hügellanschaft, bis ich dann doch irgendwann skeptisch werde.
Landkarten sind unbarmherzig. Unmißverstehlich entnehme ich dem Kartenwerk, daß ich leider völlig falsch gefahren bin. Nun ist es keine Katastrophe, es ist noch Nachmittag, die erste Etappe beginnt sowieso ab Ponte Leccia und Landschaft hier ist sicher auch keine Bestrafung, aber ein wenig irrsinnig ist es schon, einfach aus Freude am Fahren los zutigern.
Der vorher kräftige Rückenwind macht mir deutlich, daß er auch als kräftiger Gegenwind wirken kann, doch sonst lasse ich mir meine gute Stimmung nicht zerstören. Als ich dann ein wenig abseits der Straße, noch einen fantastischen Quartierplatz am Tartagine-Bach finde, ist wieder alles in Butter. Nach einem Bad im wilden Fluß lausche ich der Nachtmusik der Grillen.

Da der Wille, dort der Weg

Die ganze Nacht durch zucken grelle Lichtblitze am Himmel, ich versuche, mir das Phänomen zu erklären. Meinetwegen soll es ein UFO bei der Ladung, der Geist ist schwach. Vereinzelt fallen Wassertropfen, etwas erschrocken stelle ich aber fest, daß es statt Regen nur Morgentau ist.
In aller Früh läute ich den Tag mit der obligatorischen Müsliration ein. Kurz darauf starte ich in die erste Etappe meiner voraussichtlich neuntägigen Korsikadurchquerung. Zum Einstieg geht es zunächst noch recht geruhsam auf einsamen Landstraßen weiter in durch Hügellandschaften nach Olmi Capella. Durchdringende Zirplaute stehen schwebend in der Luft, leichter Dunst hüllt mich in die entspannte Morgenstimmung.
Steppenartige Vegetation ist scheinbar der einzige Bewuchs, der bei dem trockenen Klima gedeihen kann. Die aufsteigenden Sonne entfacht langsam ihre Glut, die Landschaft reflektiert das leicht rötliche Morgenlicht. Ein wenig besorgt schaue ich auf meine leerer werdenden Wasserflaschen. Wasser wird hier zum kostbaren Gut. Ich möchte gerne wissen, wo die Kühe ihr Wasser aus der staubtrockenen Gegend beziehen.
Verlassene Gehöfte, Häuserruinen und abgenagte Tierkadaver sind stumme Zeugen der harten Lebensbedingungen. Durstig benetze ich immer wieder meine Lippen und gehe sorgsam mit meinen schwindenden Wasservorräten um. Nach 15km bringt mir ein sprudelnder Brunnen Erleichterung.
Gierig schlucke ich das nasse Lebenselexier und kühle mich ab. Bei der Weiterfahrt bemerke ich zum Glück meinen fehlenden Fotoapparat, der noch ruhig am Brunnen liegt. Dann geht es nach Olmi Capella hinunter. In der dortigen Post decke ich mich mit Briefmarken für die Grüße an die Lieben in der Heimat ein.
Auf miserabler Teerstraße rolle ich weiter zum Forét de Tartagine. Ich lasse mir Zeit bei der Abfahrt, die einmaligen Eindrücke lassen sich kaum noch verarbeiten, geschweigedenn beschreiben. Süßlicher Duft von trockenem Kiefernholz löst den aromatischen Kräuterwohlgeruch der Macchia ab, die Hügellandschaft wird durch schroffere Berge ersetzt. Am Rand ein Talkessel werde ich an Felswänden vorbei hinunter in den lichten Tartaginewald zum gleichnamigen Bach geführt.
Im Schatten der hohen Bäume verbringe ich die Mittagspause. Danach geht es richtig zur Sache. Von 750 Höhenmeter geht es auf rauhen Forstwegen in die hintersten Talkessel auf 1250m hinauf. Im schattigen Wald werde ich von der hochstehenden Sonne etwas geschützt, jetzt würde ich in der vorherigen Prärie Höllenqualen erleiden.
Ich suche nach einer grünen Wegmarkierung, recht schnell finde ich sich rechts nach einer kleinen Bachbrücke. Nach einer kurzen Verschnaufpause fühle ich mich die folgende Tragestrecke bereit.
Guter Dinge schiebe ich zunächst noch auf dem Pfad bergwärts den Markierungen folgend. Ein Wegweiser "Col de Tartagine" verwirrt mich etwas, das es auf meiner Karte nur einen "Bocca de Tartagine" gibt. Zudem führt der Pfad nun, anders als auf der Karte verzeichnet, am Berghang entlang, statt ihn zu erklimmen. Irritiert folge ich dem Fußweg noch ca. 1km inständig hoffend, daß sich der Weg bald Links zum Hang hochschlängelt.
Verunsichert studiere ich mehrere Male die Landkarte und stelle schließlich folgende These auf: Möglicherweise habe ich den Forstweg an einer Brücke zu früh verlassen und muß nun die fehlende Wegstrecke parallel auf dem Pfad zurücklegen, d.h. wenn ich weiter meine Richtung beibehalte, sollte ich auf den richtigen Weg münde, der von rechts unten links zum Paß führen müßte. Ich fasse wieder Mut und schiebe weiter.
Trotzdem verliere ich langsam die Nerven, der Weg kommt und kommt nicht. Ich lasse mein Hab und Gut zurück und setze zu einem kleinen Orientierungsmarsch, ohne befriedigende Ergebnisse zu bekommen. Wieder bei meinen Sachen zurück sehe ich dann weiter oben mysteriös wirkende blaue Striche am Fels. Ich deute sie als Wegmarkierung, wenngleich auf kein Weg zu sehen ist. Statt dem beschilderten und markierten Pfad weiterzufolgen, verfalle ich dem Wahnsinn, ohne Ortskenntnis, im Gebirge, fast orientierungslos nur nach Kompaß-Richtung, querfeldein, mit Mountainbike auf den Schultern den Berghang zu erklimmen.
Ich orientiere mich an meinem trockenen Bachbett. Das Gelände ist zum Glück nur stellenweise mit etwas Buschwerk bewachsen, ansonsten recht offen, ein Weiterkommen ist somit zwar sehr anstrengend, aber nicht unmöglich. Immer wieder höre ich Schreie und Rufe. Vielleicht ist jemand in der Nähe! Doch ich verwerfe den Gedanken sogleich wieder und quäle mich weiter.
Nach einiger Zeit kommt mir, ich kann es kaum glauben, ein korsischer Hirte mit seiner Schafherde entgegen. Sehr verwundert betrachtet er meine Unternehmung. Ich frage ihn nach "Bocca de Tartagine". Er möchte fast die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, zeigt dann aber mit der Hand auf den Bergkamm. Lediglich mit Lateinresten aus Schulzeiten vertraut, fällt es mir sehr schwer, seinen Ausführungen Nützliches abzugewinnen.
Ich setze meinen Weg weiter in die Richtung fort, die er mir angezeigt hat. Nach wenigen Minuten läuft mir der Schäfer nach und gibt mir nun unmißverständlich zu verstehen, ich müsse mich unbedingt Rechts halten, dann käme ich wieder auf den Weg. Tatsächlich kann ich von einem Felsblock aus dann den markierten Wanderweg erkennen. Sehr erleichtert setze ich alles daran, den Fußweg zu erreichen. Dabei gilt es einige Felsstücke abzuklettern und Buschwerk zu durchdringen, aber dafür dann wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, ist es mir allemal wert.
Fast verärgert sehe ich dann die gelben Markierungen, die meine anstrengende überstürzte Flucht ins offene Gelände sinnlos erscheinen lassen. Wäre ich unten auf dem markierten Weg geblieben, wäre ich so sicher schneller, bequemer und müheloser hier angekommen. Erst viel später erfahre ich dann auch, daß "Col" der französische, "Bocca" der korsische Ausdruck für Bergpaß ist - aus Schaden wird man klug.
Bis zur Paßhöhe gilt trotz aller schon abgegoltenen Höhenmeter immer noch 400Hm zu überwinden. Verglichen zu den vorherigen Verirrungen, gerät das Schieben auf dem schönangelegten und frisch markiertem Wanderweg zu einem kleinen Fest. Den beachtlichen Höhenunterschied zum Bergkamm überlistet der Pfad mit zahlreichen engen Serpentinen. Schon sehr ermattet nütze ich jede Gelegenheit zum Verschnaufen. Die Zeit habe ich , den der Paß ist heute der letzte Anstieg, wozu also die Eile?
Oben am Tartagineopaß bin ich froh, alles überstanden zu haben. Mit 1850m Höhe ist dies bereits der höchste Punkt, den ich bei meiner Tour auf Korsika erreiche. Aufziehender Nebel läßt mich nicht lange verweilen. Nach etwas Suchen finde ich den Abstieg zur 300m tiefergelegenen Piobbu-Hütte.
Selbst der bärigste Downhiller dürfte sich bei dem steilen Weg vor einem Versinken seines Vorderrades im lockeren Geröll fürchten und sich zum Schieben entscheiden. Wenigsten rollen die Räder ruhig, ohne bockig über Gesteinsbrocken zu springen, der Pfad der ist freundlicher frei von Felsbrocken, Wurzeln und anderen Störenfrieden.
In der unteren Wegstrecke wage ich mich wieder auf die Pedale. Über Steinplatten, kleinere Geröllstellen und niedrige Buschpflanzen drifte ich zur Unterkunftshütte. Zwar bin ich der einzige Moutainbiker, aber freilich nicht der einzige Deutsche Bergfreund. Etliche GR20-Wanderer haben sich schon ausgebreitet. Um die Hütte gibt es einen provisorischen Campingplatz mit kalter Dusche und WC. Für symbolische 3DM kann man dort günstig zelten und zudem die Gaskocher benützen.
Ich lasse mich bei zwei niedersächsischen Wanderinnen nieder und unterhalte mich mit ihnen den Abend recht nett. Meiner alpines Gefährt erregt hier ein wenig Aufsehen. So fragt mich ein Amerikaner fast entsetzt, ob ich den wirklich vorhabe, den Fernwanderweg GR20 mit den Fahrrad zu machen. Er sei bereits 18 Tage unterwegs und er empfinde es als unheimliche anstrengend und anspruchsvoll. Ich klären ihn auf, daß ich den GR20 lediglich kreuze und sehe sichtlich die Erleichterung in seinem Gesicht.
Vor dem Schlafengehen werde ich Zeuge eines beeindruckendes Naturschauspiels. Wir sind über der dichten Wolkendecke und haben freien Himmel. Als die Abendsonne im Wolkenmeer langsam versinkt, setzen bizarren Felswände alle Kraft daran, sich anmutigem Glanz im Abendrot zu schmücken.

Unternehmen grüne Hölle

Im Gegensatz zu allen anderen Bergfans schlafe ich unter freiem Himmel und werte somit wehrloses Opfer des dicken Morgentaus. Dicke Tropfe schlagen sich auf meinem Schlafsack nieder, die Daunen saugen alles auf. Meine Kleidung versuche ich im Biwaksack vor Feuchtigkeit zu bewahren, aber wache muß ich durchnäßt das Morgenlicht erblicken.
Die Sonne wird noch von hohen Bergspitzen gefangen gehalten, folglich ist es noch sehr kalt. Dennoch zwinge ich mich um 7:15h aus den Daunenfedern, um 8:45h bin ich bereit zum Aufbruch. Die heutige Etappe wird mich zunächst wieder tief ins Tal auf 550m hinunterbringen.
Anfangs vorsichtig schiebend, später halsbrecherisch trialend drifte ich Richtung Tal. Die engen Serpentinen im wurzelreichen Wald wollen Geschickt befahren werden. Der Weg hat sicher noch nicht viel Moutainbiker gesehen, man darf sich noch als Pionier fühlen.
Unvorstellbar lang geht es bei dem Trialmarathon über Steinbrocken, Wurzeln und Felsstufen hinab. Gleich einem Ritt zwischen Himmel und Hölle verschaffen einem die unzähligen Beinahestürze den nötigen Nervenkitzel und mahne einen zu mehr Konzentration. In sekundenschnelle gilt es, die Fahrbarkeit der nächsten Felsstufe abzuschätzen, um im Extremfall dann doch noch rechtzeitig abzusteigen.
Nun treffe ich in der abgelegenen Gegend doch noch auf zwei bayerische Wanderer, die mit meiner Anwesenheit noch mehr überrascht scheinen. Sie begrüßen mich und wünschen mir viel Spaß, ich halte an, um sie passieren zu lassen. So soll das Verhältnis zwischen Wanderern und Bergradlern, hier, im jungfräulichen MTB-Revier, gibt es noch keine Vorbehalte - hoffentlich bleibt es auch so.
Ich fahre noch ein ganzes Stück weiter auf dem wilden Pfad bis ich schließlich auf einen nicht weniger anspruchsvollen Karrenweg münde. Durch die dicken Steinbrocken und tief ausgeschwemmten Rillen ist hier nicht weniger Aufmerksamkeit erforderlich. Mein sonst treuer Freund wird immer bockiger und versucht mich abzuwerfen. Ich versuche ihn mit angezogenen Bremsen ein wenig in Zaum zu halten.
Doch dann passiert es, ich lasse mich vom abschüssigen Weg herausfordern. Würde ich geradeaus weiterfahren, könnte ich mich bereits jetzt auf einen Überschlag bereit machen. Also versuche ich das Steile Stück durch eine leichte Schrägfahrt zu umgehen. Da vereitelt mir ein sturer Felsbrocken meinen Plan. Er blockiert das Vorderrad, ich kann aufgrund des großen Druckes auch nicht mehr anheben, dafür hebt sich das Hinterrad von selbst. Ich kippe langsam nach vorne, noch habe die Lage im Griff, doch da bringt sich auch der schwere Rucksack ins Spiel. Er drückt mich weiter vorn über, so daß auf meinen Armen nun ich knapp 90kg lasten, neben meiner Wenigkeit eben auch dieser hinterlistige Rucksack. Hätte meine Oberarmmuskulatur etwas auftrainieren sollen, ich weiß es nicht, jedenfalls geht dann alles sehr schnell. Butterweich knicken meine schwachen Ärmchen ab, mein Griff vom Lenker wird gelöst und meine Finger tauchen in den groben Schotter ein.
Als ich mühevoll aufrichte, bluten meine Fingerkuppen, einige Nägel sind abgeknickt, sonst nichts weiter. Es sieht schlimmer aus als es ist. Leider muß ich mit einer Hand den Fotoapparat halten, sonst hätte ich beide Hände fotografiert!
Zähne zusammenbeißen und weiter geht's. Jetzt wird die Abfahrt richtig zur Qual, ausgerechnet an den schmerzenden Fingern liegt es nun, mich sicher ins Tal hinunterzubremsen. Eine tiefe Schlucht indes versucht mich, auf ihre Grazie aufmerksam zu machen. Immer tiefer drifte ich in den Schlund hinunter, bis endlich einen Bach durchsteigen kann und eine Fahrstraße im Forét de Bonifatu erreiche. Wer hätte gedacht, daß Bergabfahren so anstrengend sein kann?
An einem großen Parkplatz treffe ich zum ersten Mal in Korsika auf MTB'ler. Sie sind machen eine kleine Tagestour, ich empfehle ihnen, noch bis zum Bach zu fahren, dann wird es zum hochfahren leider zu steil.
Der "Tra Mare e Monti", ein weniger anspruchsvoller Fernwanderweg als der GR20, bestimmt den weiteren Verlauf meiner Tour. Zunächst läßt er sich noch ein wenig fahren, doch schon bald bringt der Pfad auch mich zum Wandern. Bei meiner Mittagspause zwischen einigen Felsbrocken überholen mich zwei deutsche Rucksacktouristen.
Gestärkt kämpfe ich mich durch das immer dichter werdende Buschwerk auf dem gut erkennbaren Fernwanderweg weiter nach oben. Auf ein paar kurzen Fahrstücken gelingt es mir, zu den beiden Wanderern aufzuschließen. Er sticht immer weiter nach oben, während sich seine weniger trainierte Freundin erschöpft weiter kämpft.
Immer wieder dreht sie sich nach mir um, wann ich sie denn endlich überholen würde, aber ich halte mich zurück. Schließlich wird es steiler und beschwerlicher, wo es mir sogar schwerfällt, ihr Tempo zu halten. So mißbrauche ich sie als Pacemaker und schleppe mich vom Stolz gepackt, nicht zurückzufallen, bis zum Bocca di Bonassa, die beiden auch eine Pause einlegen.
Bei einem kurzen Gespräch erfahre ich, daß sie den gesamten Tra Mare e Monti wandern wollen und wir uns heute abend im Gite d' Etape am Fangobach wieder sehen werden.
Nach gegenseitigem Porträtieren am Paß, schiebe ich auf der anderen Seite ein Stück hinunter, bis mich der Pfad wieder zum abdriften reizt. Vereinzelte Steinbrocken und einige querliegende Baumstämme stellen mein Fahrvermögen auf ein harte Prüfung, das dichte Buschwerk Links und Rechts des ausgeschnittenen Weges versucht mich ehrgeizig mich Rad zu fegen. Knapp 10km lassen diese dunkle Abfahrt im Pflanzenwildwuchs schier endlos erscheinen. Nur zweimal auf der ganzen Strecke ist möglich, an einer freien Stelle einen Blick nach "draußen" zu werfen, sonst geht es, einem Tunnel ähnlich, durchs engmaschig verstrickte Blätterwerk.
Teilweise werde ich von dem Buschwerk richtig durchgepeitscht. Macchiabewuchs und vereinzelte Brombeersträucher lassen noch tiefere Spuren auf meinen Ellenbogen zurück.
Insgesamt geht es nur recht flach abwärts, ich verliere also kaum an Höhe. So schön es auch sein mag, aber mehr und mehr empfinde ich den nie endenwollenden Dschungel als grüne Hölle.
"Und dann geht es nur noch bergab" habe ich mir oben am Bocca di Bonassa gesagt, "nur" war vielleicht etwas zu leichtfertig. Wenngleich die körperlichen Anstrengungen erheblich geringer sind, als beim Raufstrampeln, so sind sie dennoch nicht zu vernachlässigen. Ständig ist jeder Muskel in Alarmbereitschaft zu halten, permanent muß man bereit sein, spät erkennten Hindernissen auszuweichen, bei Felsstufen das Gewicht hinter den Sattel zu verlagern, um ein Überschlagen zu vermeiden, oder das Vorderrad anheben, um kleinere Hindernisse zu überwinden. Der Beinmuskulatur wird angetragen, Bodenunebenheiten möglichst weich abzufedern.
Nicht zu vernachlässigen ist auch die ungeheure Konzentration, mit der man bei der Sache sein muß. Den Blick stur drei bis 4 Meter vorausschauend ausgerichtet gilt es, immer die beste Fahrspur zu suchen und auf Gefahrenstellen entsprechend zu reagieren. Jede noch so kleine Unachtsamkeit kann schon fatale Stürze nach sich ziehen - wie ich heute morgen am eigenen Leib erfahren habe.
Ich bin ein wenig vorsichtiger geworden, steige bei höhere Felsstufen jetzt immer ab, ein Abwurf genügt. Gegen Ende hin bin derart durchgeschüttelt, daß ich auf die Abfahrt gerne verzichte und hinunter schiebe. Irgendwo muß ich dann noch meine Uhr verloren haben, so daß ich das Gite d' Etape zeitlos unglücklich erreiche.
Auch dort gibt es wieder die Möglichkeit für 10DM zu campieren. Ich breite mich aus und hänge meine leicht feuchten Sachen zum Trocknen auf. Daraufhin stürze ich mich in den Fango-Bach, der mit seinen idyllischen Badegumpen und runden Felsblöcken gerade dazu einlädt. Kristallklares Wasser schlängelt sich durch die tiefen, in den Fels geschliffenen, Schluchten, nach der holprigen Flucht aus der grünen Hölle ein besonderer Badegenuß.
Nachher lasse ich mich auf den bequemen Felsen noch ein wenig in der Abendsonne braten, erst dann kommt wieder das Übliche: Essen und Schlafen
.

Dorniger Pfad zum Erfolg

Ausgeruht stehe ich auf. Die heutige Etappe ist recht kurz, doch möchte ich dennoch früh aufbrechen, um am Nachmittag noch in der traumhaften Bucht von Porto im Meer baden zu können.
Gegen 7:30 sitze ich wieder fest im Sattel. Leider verläuft die heutige Etappe auf keinem bekannten Fernwanderweg, daher darf ich weder auf Wegmarkierungen noch Wegweisern zählen. Zudem habe ich für dieses Gebiet nur eine Straßenkarte im Maßstab 1:100.000 zur Verfügung, die hiesige Topo-Karte 1:25.000 konnte ich leider nicht auftreiben.
Zuerst orientiere ich mich an einer wissenschaftlichen Forschungsstation, um dann auf Schotter in den Wald hinein den Bocca di Melza zu erklimmen. Nach 2km erreiche eine Weggabelung, die eine Entscheidung von mir fordert. Zuerst entscheide ich mich für Links, ich sehe aber, daß sich der Weg zu weit östlich bewegt, also rolle ich zurück und folge der rechten Abzweigungen.
Die Piste wird immer steiniger. Als ich dann zwei Jeeps parken sehe, bin ich doch erstaunt, was sich mit diesen Maschinen alles bezwingen läßt. Leider sind Fahrer unauffindbar, ich hätte sehnlichst eine Auskunft gewünscht. Auf mich alleingestellt suche ich den weiteren Verlauf und erkenne dann die Brückenreste am Bach, die fahrbare Strecke auch für Geländefahrzeuge beenden.
Ich trage flugs mein Gefährt durch den Bach und fahre auf der anderen Seite auf dem noch vorhandenen Steinweg weiter. Da seitens der Autofahrer kein Interesse mehr für dieses Wegstück besteht, holt es sich die Natur langsam zurück. Wucherndes Buschwerk, ausgeschwemmte Wasserrinnen, und große Steinbrocken strapazieren die Definition von "Weg" schon sehr.
Wieder münde ich an einer Abzweigung. Zu Fuß erkunde ich beide Möglichkeiten und entscheide mich wieder für die rechte, die linke ist nur eine Täuschung, es handelt sich vielmehr um ein Bachbett eines gewaltigen Sturzbaches.
Wieder macht eine weggeschwemmte Steinbrücke einen Bach schwer passierbar. Auf der anderen Uferseite wird der Weg wieder angenehmer, ich komme gut voran. Wo ich bin, und vor allem, ob ich richtig bin, werden zu meinen brennenden Fragen. Da ich sowieso niemanden fragen kann, verdränge ich die flugs diese kranken Gedanken. Wo ein Weg, ist auch noch ein Wille!
Die zahlreichen wilden Bromsträucher halten mich mit ihren prallen süßsaftigen Früchten bei Laune. Süchtig stürze ich mich auf sie und räkele und strecke mich, um alles Erreichbare in die Finger zu bekommen. Ich zwinge mich weiter.
Hohe Verschüttungen und Geröllmassen bauen sich vor mir auf. Das kann doch nicht wahr, sein, endet hier gar der Weg? Zwei Stunden Quälerei, um dann wieder umzukehren? Wie solle es weiter gehen? Umdrehen? Nie!
Ruhig bleiben, ich darf nicht die Sache nicht emotional, ich muß sie mit Vernunft angehen. Ich klettere ohne Fahrrad ein wenig umher und kann dann wieder den weiteren Wegverlauf ausmachen. Bevor ich aber weiterfahre, verfalle ich nochmals delikaten Brombeeren. Teils schiebend, teils fahrend erreiche ich schließlich den Melzapaß, wobei ich auf drei Jäger treffe.
Einige Italienisch-, Französisch- und Korsischbrocken fliegen durch die Luft, sie bilden die Gesprächsgrundlage. Die drei meinen, ich hätte viel "Courage".
Daß ich aber richtig verrückt sein muß, erkenne ich erst auf der anderen Seite des Passes beim Abstieg. Kaum sichtbare Wegspuren ziehen sich durch die dornige Macchia. Ich muß das Rad vor mir auf dem Hinterrad schieben, denn aufgrund des dichten Buschwerks ist kein für mich und Rad nebeneinander.
Mit schmerzverzogenem Gesicht kämpfe ich mich unter hin-und wieder lauten Aufschreien durch die herzlose Stachelwelt. Ständig hängen sich überhängende Brombeersträucher in meinen Armen fest und reißen blutige Furchen hinein. Es hilft nichts, ich muß weiter. Ein anderes Mal verkeilt sich das Hinterrad und es gibt kein vor- und zurück mehr, es ist zum ausrasten.
Wenigstens ist der Steig mit einigermaßen sichtbaren Steinhaufen markiert. Wenn sich nur ein paar Freiwillige finden würden, die ein bißchen mit der Heckenschere zu Werke gehen würden, oder jährlich sich hunderte von verrückten Mountainbikern durchbeißen würden, wäre es um vieles angenehmer. Aber das sind ja nichts als kranke Gedanken, die einen gerade in solchen Situationen befallen.
Fast eineinhalb Stunden lasse ich mich von der Natur massakrieren, die reizvollen ausblicke aufs ferne Meer entschädigen dabei nur spärlich. Zum Ende der heutigen Etappe versucht mich noch ein anspruchsvoller zu entschädigen. Zur Mittagszeit ist dann der Alptraum endlich beendet und ich miete mich im Gite d' Etape in Serierra ein, Camping ist hier leider nicht möglich. Dafür kriege ich für 20DM ein Bett in einem Vierbettzimmer mit Terasse und Bad.
Ich nutze sogleich die Gelegenheit meine verschwitzen Sachen vom Schmutz und einhergehenden Mief zu befreien.
Dann mache ich mich auf zum Golf von Porto. Unterwegs versuche ich noch vergebens bei zwei Tankstellen, Kraftstoff für den Benzinkocher zu bekommen: verkauft wird erst ab fünf Litern. Am Strand gibt mir dann aber ein netter Traunsteiner etwas aus seinem Reservekanister ab.
In der traumhaften Bucht, eingerahmt von zerklüfteten Felswänden, sind kaum noch Touristen, das Wasser ist warm, was will man Meer?
Gegen 18°° fahre ich zum Gite zurück und drücke dabei noch vergeblich die Klinken verschlossener Supermarkttüren. Lediglich in der Boulangerie, Bäckerei, kaufe ich ein wenig Baguette und korsische Kekse.
Zurück auf meinem Zimmer hat sich nun auch ein englisches Ehepaar eingefunden. Mit ihnen wird es noch ein lustiger abend, und ich habe endlich mal Gelegenheit meine Englischkenntnisse auf Tauglichkeit zu überprüfen. Er ist pensionierter Professor und meint hämisch, er gehöre noch zur "lucky generation" und könne mit guter Pension seine Reisen finanzieren, wenn ich erstmal in seinem Alter wäre, sähe das anders aus. Ich muß ihm leider Recht geben. Seine Fra und er wandern den "Tra Mare e Monti" entlang, worüber sie als Reisejournalistin einen Bericht für die HIGH schreiben wird.
Die heiße Dusche auf dem Zimmer krönt schließlich den ereignisreichen Tag.

Zuviel Wille, zu wenig Weg

Mit den Engländern stehe ich recht früh auf. Mein Frühstück wird recht karg: mein Müsli ist ausgegangen, ich trinke also nur Tee. Um 7:30h etwa trete ich zum Bocca Vergiolu. Es ist richtig angenehm, endlich einen Berg ohne Tragen und Schieben erklimmen zu können.
Mit der Morgensonne ergeben bemerkenswerte Lichterspiele an den Felswänden, einige will ich meinem gierigen Diafilm nicht vorenthalten. Nach teilweise extremen Anstiegen, die aber ausbetoniert keinen Anlaß zum Schieben geben, erreiche ich gegen 10°°h die Paßhöhe auf 913m. Ich esse etwas trockenes Flit und rolle dann in den Forét de L'Onca hinunter.
Nach einer Brücke geht es wieder bergwärts. Der Belag ist mir bald zu lose, ich schiebe. Da glaubt man sich nun abseits von Gut und Böse, bis man dann auf einen verrostetes Autowrack - soviel zum korsischen Umweltverständnis. An einer Kurve endet die Straße für Vierräder, ich benütze die noch vorhandene rechte Fahrrille, die linke Weghälfte haben Wassermassen fortgerissen.
An der gleichfolgende Abzweigung entscheide ich mich für den rechten Weg, die Richtung scheint mir günstig. Etwa 2km fahre ich weiter bergauf, bis es dann unerwartet bergab geht. Ich mache mir keinen Kopf und rolle, noch mit der Welt zufrieden, an gelangweilten Kühen vorbei, zwischendurch kann ich an einigen lichten Stellen schöne Panoramablicke erhaschen.
Als der Fahrweg völlig unmotiviert im Wald endet, endet auch meine gute Laune. Verzweifelt suche ich eine Holzfällerhütte als Orientierungspunkt, oder sollen das etwa die Fundamentreste da sein?
In solchen Situation versucht man jeden noch so kleinen Hinweis zu verwenden, und interpretiert die vorliegenden Indizes so, wie man es so braucht. Nur so ist es zu erklären, daß ich mich tatsächlich auf da Gedankenspiel einlasse, diese wahnwitzigen Überreste sollten ein Holzfällerhütte darstellen. Doch spielt die Natur diesen Unsinn nicht mit. Der Steigspuren, denen ich anfangs folge enden im Nichts, die Steigspuren, denen ich geradeaus folge enden ebenso dort, im Nichts.
Zudem ist fraglich, ob beide Irrwege überhaupt Steigspuren sind, ebenso können Pfade von Wildschweinen oder Kühen sein. Ohne Gepäck klettere an einer Felswand hoch, um mir aus dem Dickicht ein wenig Überblick zu verschaffen. Doch läßt sich das Landschaftsrelief nur schwer im Kartenbild der Straßenkarte finden.
Vor solchen Situationen habe ich mich schon daheim gefürchtet: Irgendwo ohne Plan in Korsika. Ich nutze die Zeit, mein Mittagsessen einzunehmen. Da mir das trockene Baguette zu kärglich erscheint, greife ich nun erstmal zu meiner Notverpflegung: Getrocknete Feigen und Sonnenblumenkerne, unbegrenzt haltbar und sättigend. Beim Essen stelle ich, von Kompaß und Karte ein wenig unterstützt, verschiedene Hypothesen auf, wo ich mich befinde, und wo und wie mich dann weiterzuorientieren hätte. Mir gelingt es mehr oder weniger alle Annahmen zu verwerfen, bis auf die, daß ich hier in einer Sackgasse sein muß.
Schließlich greife ich zu der Maßnahme, zu der ich nur sehr selten greife: Ich kehre um.
Zurück an der Weggabelung nehme ich nun die linke Abzweigung. Nach etwas Fahrt erreiche ich tatsächlich eine Holzfällerhütte, meine Stimmung steigt. Trotzdem gilt es immer noch, den vermaledeiten Weg zum Col de Cuccavera zu finden. Zu Fuß erkunde ich ein wenig die Gegend. Verzweifelt suche ich nach einem rechten Abzweig, außer dubiosen Trampelspuren, die sich bald verlieren, finde ich nichts. So bleibe ich auf dem Fahrweg und folge einige Serpentinen, von der Richtung her könnte es stimmen.
Leider verliert Weg aber dann weiter oben die Lust weiterzuführen, ganz plötzlich endet der Forstweg, d.h. keine Fußspuren, keine Trampelspuren, nichts, auf 1000m einfach Schluß, einfach so.
Ich tue es weitere Verirrung ab und lasse mich ein wenig demoralisiert zur Holzfällerhütte zurückrollen. Vom Erfolgswillen getrieben inspiziere ich nochmals die nahe Umgebung und lasse mich von alten Schlepperspuren verführen, vielleicht führe sie mich zum Ziel. Voller Hoffnung klammere ich mich an die neue Chance. Etwas mitgenommen schon quäle ich mich auf vermeintlichen Pfadspuren zu einem trockenen Bachbett. Bei der undurchsichtigen Wegverzweigung, führen beide Möglichkeiten in unwegsames Gelände.
Ich könnte ausflippen, könnte schreien, vor Wut im Boden versinken, doch wem nützte dies? Sehr schnell rufe ich mich wieder zur Räson, um mit Verstand weiterzuarbeiten. Da ich niemanden anpflaumen kann, ich von niemanden bedauert werde, kann ich mir die Energie für sinnlose Gefühlsausbrüche sparen.
Schweren Herzen fasse ich vorsichtig den Entschluß, vollständig zum Rückzug anzutreten, wengleich mich dieser Gedanke, einer schwerer Verstoß gegen meine Prinzipien, höchst unglücklich macht. Es ist bereits 14:30h viel Zeit darf ich sowieso nicht mehr verlieren.
Schon auf dem Rückweg nehme ich immer noch jeden Baum, jeden Strauch, jeden Stein genau in Augenschein, um desillusioniert nach verwertbaren Zeichen zu suchen. Tatsächlich stehen mir dann verheißungsvolle Markierungen wie 6A und 6B ins Auge. Über die Aussagekraft mache ich mir keinen Kopf, schon allein der Pfad, der zwischen den Bäumen schwer erkennbar verläuft überzeugt mich restlos.
Ich verwerfe eilens meine Rückzugspläne und stürze mich erneut ins Abenteuer, um vielleicht doch noch den verhexten Paß zu Gesicht zu bekommen. Zwar spielen mir auch hier Brombeersträucher wieder übel mit, doch ich setze wie benommen meinen Weg fort. Der Pfad wird zunehmend besser, ich kann es kaum fassen. Erstaunt bin ich dann erst recht, als ich dann auch noch auf einen Jäger treffe. Zuerst deprimiert er mich mit "fine", auf eine weitere Frage hin, bejaht er dann aber meine Richtung zum Col de Cuccavera.
Ich merke mir die letzte Antwort und ziehe weiter. Doch schon an den nächsten Verzweigungen das bekannte Spiel: Folge der ersten Möglichkeit, drehe um , probiere die zweite Möglichkeit, gehe zur nächsten Verzweigung, sonst kehre um.
Im sogenannten Backtracking-Verfahren also spiele ich alle Varianten, um ständig Tiefschläge einzustecken. Völlig am Boden zerstört verschließe ich mich sämtlichen Pfadspuren und setze nun wirklich zum Rückzug an, besser ich wäre heute morgen überhaupt nicht gestartet. Des Spottes noch nicht genug, erklärt mich ein Rudel verwilderter Hausschweine zum Leittier und folgt mir eine ganze Zeitlang unablässig. Bleibe ich stehen, weichen meine Untertanen ehrfürchtig vor mir zurück. erst auf dem Fahrweg an der Holzfällerhütte kann ich mich meine treublöden Begleiter abhängen.
An der ersten Abzweigung, bei der Fahrweg für Autos endet, sitzt nun ein Korse neben seinem Jeep. Wir starten den Versuch, etwas zur Völkerverständigung beizutragen. Er fragt mich etwas in seinen Bart nuschelnd, ich verstehe ihn nicht. Daraufhin fragt er wieder, seine Stimme noch mehr in seinen Schnauzer gerichtet. Schließlich ergießt er sich in einen Wortschwall, in dem sein dicker Schnurrbart fast zu versinken droht, und gestikuliert wild. Ich rette mich vor seinem Kauderwelsch dadurch, indem ich zu reden beginne, ihm einfach meine bisherigen Reisestationen nenne und natürlich meine Herkunft mit "Alemagne" erkläre.
Scheinbar war es genau das, was er wissen wollte, er nickt zufrieden. Da keinen Sinn mehr in dem "Gespräch" sehe, suche ich wieder die Nähe des Bocca au Vergiolu, wo ich bereits heute morgen gewesen bin.
Meine Wut reagiert beim Treten ab, so daß ich in Windeseile die Paßhöhe erreiche und dann nach Serierra hinunterbremse. Von dort fahre ich auf der Straße weiter nach Porto. Die bucht interessiert mich heute überhaupt nicht, vielmehr überfalle ich sehnsüchtig den geöffnete Supermarché.
Nun begleiten mich also neben Müsli, Milchpulver und Kartoffelpüree, Nudeln und als Luxusgut korsische Waffeln auf dem nach langen Weg nach Marignana. Mit Guaranalimo gedopt rase ich fast wie Wahnsinniger die Teerstraße zum dem Bergdörfchen. Meine Müdigkeit und schlaffen Muskeln scheinen fast vergessen. Angespornt von der Sehnsucht nach einem Quartier und raschem Tagesetappenende, lasse ich mich durch nichts aufhalten.
Als dann gegen 20°°h, knapp der einsetzenden Dunkelheit entronnen, das Gite erreiche, folge ich dem Patron, der mir mein Zimmer zeigt, das ich mit zwei verrückten Hamburgern teile. Er in Birkenstock, sie mit Wildlederrucksack und Strandmatte, wandern sie den "Tra Mare e Monti".
Ich gehe in die Küche und fühle mich im Angesicht der vollen Schränke ins Paradies versetzt. Ohne meine Essensvorräte anzutasten bereite ich mir eine sättigendes Abendessen und falle dann mit prallem Bauch ins Bett.

Ausnahmsweise: Keine Probleme

Am nächsten bin ich sehr müde, erst um 6:45 kann ich mich aufraffen. Ich frühstücke fröhlich die Müsli- und Cornflakesreste. Heute soll es größtenteils auf asphaltierten Straßen dahingehen, nach dem gestrigen Wahnwitz solle es ein wenig geruhsamer werden.
Um 8°°h starte ich zum Col de Sevi. Relativ einsam erklimme ich auf mäßig steilem Teer die Scheitelhöhe und freue mich dann auf eine 10km lange flotte Abfahrt nach. In Vico bitte ich an der Post um etwas Geld.
Auf einer sehr einsamen Landstraße durchstreife ich fantastische Landschaften. Hoch über dem Tal klebt die schmale Straße am Berg, in der Ferne wird mir auch das tiefblaue Meer nicht vorenthalten, der klare Himmel rückt die Szenerie ins rechte Licht. Mein Gemüt paßt sich der grandiosen Natur gut an.
Bei Muna lege ich dann im kühlen Schatten eines Baumes eine notwendige Verschnaufpause ein, die Sonne brennt. Nur widerwillig kann ich mich wieder aufrappeln und zur Bergfahrt in der heißen Sonne zwingen. Schattige und heiße Streckenabschnitte gleichen Zuckerbrot und Peitsche.
Mit viel Schweiß auf der Stirn lasse ich mich ausgeglichen von den bewachsen, langgezogenen Bergrücken, lebendigen Tälern und funkelnden Bächen inspirieren. Meine Mittagspause lege ich gleich an der Straße, an einer Steinbrücke im Halbschatten ein. Der erste Autofahrer hält gleich an und fragt mich hilfsbereit, ob ich technische Probleme habe. Von der freundlichen überrascht, deute auf mein Weißbrot und schüttle den Kopf.
Schon bald pfeift mir der Fahrtwind bei einem entspannenden abschüssigen Straßenstück um die Ohren, die Reifen summen ihr Lied, die Welt huscht untertänig an mir vorüber. Bei der langen Auffahrt zum Bocca di Tartavellu ändert verlangsamt sich die Fahrt beträchtlich, hier muß ich wieder mit Muskelkraft mein Weiterkommen bestreiten. Alle 100 Höhenmeter habe ich kleine Verschnaufpausen reserviert. Auch hier bin ich der einzige Nutznießer der Straße. Nach zähem Ringen mit den langgezogenen Serpentinen, besiege ich endliche die lange Auffahrt zum 900m hohen Paß.
Mit Affenzahn rase ich ins breite Gravone-Tal hinunter, die anstrengende Vorarbeit gerät dabei schnell in Vergessenheit. Wie motorisierten Zweiradkollegen schneide ich majestätisch die einsichtigen Kehren. Ein Feigenbaum mit reifen blauen Früchten lädt mich zu einer wohlmundenden Zwischenmahlzeit ein.
Unten im Tal der breiten Gravone muß ich ein paar Kilometer auf der N197, Rennstrecke der Korsen und Urlauber, hinter mich bringen, bis ich an der sehnlichst erwarteten Abzweigung auf eine ruhigere Nebenstraße nach Ucciani fliehen kann. Völlig ausgelaugt ertappe ich mich dabei, wie auf der flachen Straße zu schieben beginne. Schnell rufe ich meinen inneren Schweinehund zur Ordnung und trete schwerfällig weiter.
Eigentlich sollte Ucciani das Endziel des heutigen Tages sein, doch hält man es in diesem Kaff für ausreichend Bars zu betreiben, es sind keinerlei Übernachtungskapazitäten vorhanden. "Und dann schlage ich in Ucciani mein Nachtlager auf" ist leider falsch. Völlig am Ende muß ich mir neben einem geeigneten Schlafplatz zudem noch lebenswichtiges Trinkwasser besorgen.
Mißmutig fahre ich weiter nach Carbuccia. Auf dem Weg dorthin, bietet das abfallende buschige Gelände keine sympathischen Nachtlagermöglichkeiten. Wenigstens besorgt mir eine Spaziergängerin von ihrer Freundin Trinkwasser. Der Weiler Carbuccia ist auf dem selben touristischen Niveau wie Ucciani, ebenfalls keine Übernachtungsmöglichkeiten. Wenigstens nimmt die Hanglandschaft ab hier flachere Züge an, so daß meine Chancen steigen ein ruhiges Plätzchen zu finden. Ich folge gleich nach dem Ortsausgang Links einem Feldweg, biege dann rechts auf einen verwachsenen Karrenweg ab und lasse mich dann auf dem immer enger werdenden Pfad von einem Brombeestrauch geschützt, nieder.
Der klare Himmel, die absolut ruhige Lage, in der Einsamkeit vor unliebsamen Entdeckern verborgen, schaue ich entspannt noch ein wenig der untergehenden Sonne nach. Meinen Gaumen erfreue ich dann mit sättigendem Grießbrei, den ich mit frischgepflückten Brombeeren garniere.

Einmal werden wir noch wach, dann ist der erste Ruhetag

Bei leicht bewölktem Himmel starte ich in den Tag. Das mäßige Auf und Ab fordert nur wenig Kraft. Mein Weg führt mich durch einsame Bergdörfer, am frühen Morgen rührt sich noch wenig. Die beruhigende Morgenstimmung strahlt auch auf mein inneres ab, ausgeglichen trete ich immer weiter und weiter.
Schon will ich mich auf der steil abfallenden Straße ins Tal bringen lassen, als sich zum Glück mein Verstand mit einschaltet. Im Höhenprofil ist keine lange Abfahrt vorgesehen, die Landkarte verneint ebenfalls den rasanten Talritt. Zurück im Dorf hilft mir ein Englisch sprechender Franzose bei der Kommunikation mit einem Korsen, der mir bereitwillig Auskunft gibt. Den Anweisungen folgend passiere ich mit etwas ungutem Gefühl bedrohlich kläffende Hunde, den trennenden Zäunen schenke ich nur wenig Vertrauen.
Auf einem ausgespültem Erdweg heize ich durch großzügig angelegte Weinbaugebiete ins Tal der Prunelli hinunter. Zur Orientierung dienen mir dient mir die im Landschaftsbild störende Hochspannungsleitung. Auf die bisher recht geruhsame Strecke folgt nun der anspruchsvollere Teil, der Höhepunkt des Tages, im wahrsten Sinne des Wortes: Auf geteerter Straße gilt es 600Hm zum Col de Mercuju zu bezwingen. Da die heutige Etappe sowieso sehr kurz ist lasse ich mir bei der Auffahrt Zeit, viele kurze Pausen unterbrechen die um Höhenmeter ringende Muskelarbeit.
Hat mir vor wenigen Minuten noch vor der schweißtreibenden Strampelarbeit zur Straße hoch über mir gegraut, genieße ich nun von oben den Ausblick auf den Verlauf der Prunelli, die sich von hier oben ins Tal hinunter stürzt und dabei viel Energie an das Wasserkraftwerk bei Ocana abgibt.
Ganz in der Ferne deutet leichtes Blitzen und unscharfe Gebäudekonturen am Meeresufer auf Ajaccio hin. Hier oben gönne ich mir den Luxus pur: Ich esse ein fantastisches Menü im Restaurant auf der Paßhöhe. Für 30DM schlemme ich einen auf korsische Art würzig zubereiteten Hasenbraten. Dieses Prachtessen degradiert meine sonst üblichen Weißbrotmahlzeiten auf Bettlerniveau. Von dem kulinarischen Hochgenuß bin ich in jedem Fall begeistert.
Wohl gespeist fahre ich noch zu einer nahegelegenen Aussichtsplattform. Von dort werfe ich einen Blick auf die gewaltige Staumauer, die Wassermassen des Lac du Tolla in Zaum hält und so die Trinkwasserversorgung von Ajaccio im Sommer aufrecht erhält. Auf die schwere Auffahrt als Pflicht, folgt nun eine kurze Abfahrt in das Bergdörfchen Tolla als Kür. Außer ein paar Bars ist in diesem Örtchen nichts zu finden.
Ich erkundige mich nach einem Campingplatz. Einem bärtigen Trinker auf einer Barterasse erkläre ich mein Anliegen mit der vorgefertigten Phrase aus meinem Reiseführer: "Je cherche terrain de la camping.". Worauf er mir irritiert antwortet: "Je ne compri pas. What language do you speak?" Etwas erstaunt antworte ich, der ich doch fest mit einem gebürtigen Korsen gerechnet habe "Alemagne". Daraufhin ergießt sich mein Gegenüber im waschechtem Ruhrpott: "Na dann is' ja alled ganz einfach, isch bin auch Deutscher...".
Geschichten die das Leben schreibt.
Ich breite mich dann auf dem Campingplatz aus. Nicht ganz zu unrecht ist dieser Campingplatz im Reiseführer lediglich als "Campingwiese" beschrieben. Terrassenartig angelegte Rasenfelder stellen die Campingfläche dar. Provisorisch aufgestellte Holzbuden verbergen die Sanitäranlagen. Freilaufende Hunde und sogar ausgewachsene Pferde vervollständigen das etwas chaotische Bild.
Etwas unwohl überlasse ich mein Hab und Gut den freilaufenden Tieren und verbringe den restlichen Nachmittag am Ufer des Tolla-Stausees mit der malerischen Kulisse des gleichnamigen Bergdörfchens, das einsam über dem funkelnden Wasserblau wacht. Allein in der Sonne liegend schätze ich mich glücklich. Später dann lasse ich mich von herrenlosen Tretbooten zu einer Erkundungsfahrt einladen, treten ist ja im Moment mein Hand-, besser Fußwerk...
Erst als die Sonne im Renosomassiv, das den See bettet, verschwindet, gehe ich zum Campingplatz zurück. Die Pferde und Hunde habe sich zurückgezogen, dafür treffe ich endlich wieder auf Gleichgesinnte.
Drei, etwa gleichaltrige, Thüringer sind die anderen Gäste auf dem Campingplatz. Sie sind eben erst von einem kleinen Biketrip zurückgekehrt. Aufgrund unsere gleichen Interessen kommen wir schnell ins Gespräch. Die Zeit vergeht dabei sehr schnell, erst um 1°° widmen wir uns dem Schlafe. Für Morgen habe ich eine Ruhetag am idyllischen See eingeplant.

Warten auf bessere Zeiten

Leider werde ich gegen 8°°h von unerbärmlichen Regentropfen geweckt. Ich spule mein mittlerweile antrainiertes Evakuierungsprogramm ab und bringe meine Habseligkeiten unter ein schützende Dach bei den Sanitäranlagen.
Auch Dirk, einer der drei Mountainbiker, will nicht mehr schlafen. Seinem Zelt nicht ganz trauend gesellt er sich zu mir in die überdachte Dusche. Vorsichtig spitzen wir immer wieder hinter der Tür hervor und stellen Wetterprognosen. Dirk hat zum Glück, es hört wieder auf zu Regnen. Die drei Thüringer nutzen die Zeit um zu packen. Sie zieht es mit ihrem vollbepackten Fiat weiter nach Corte.
Etwas unglücklich halte ich bei dem unsicheren Wetter weiter die Stellung. Dunkle Regenwolken verdunkeln den Himmel in wenigen Minuten. Lautes Grollen und kräftiges Donnern kündigen ein großes Unwetter an. Ich flüchte ins Restaurant, das ebenfalls zum Campingplatz gehört.
Erst nach dem auf einigen Postkarten meine mißliche Lage und die Wetterlage mit "leichtem" Regen beschrieben habe, stürzen Wassermassen in Form von Platzregen herab. Es blitzt und stürmt. Es wird dunkel, als der Himmel die Sonne nie gesehen. Nicht einmal im Restaurant bin ich völlig sicher, an den Wänden läuft Wasser herunter, von der Decke tropft, der Wirt holt eilends Eimer herbei. Deprimiert verfolge ich das Untreiben vom Fenster aus. Als Trost bleibt mir die Gnade des Restaurantdaches und die Entscheidung, heute zu paussieren. Draußen wäre ich verloren.
Eigentlich sollte der heutige Tag eine Art Oase der Ruhe sein, meinen Körper für die vergangenen Anstrengungen entlohnen. Doch meiner jetzigen Situation kann ich nur wenig Entspannendes abgewinnen. Während sich diese bedrückenden Gedanken durch meinen Kopf winden, stürzen draußen Wassermassen die Straße hinunter, die Wasserabläufe sind diesem Ansturm nicht mehr gewachsen. Was mir allein bleibt ist die Hoffnung, die Hoffnung auf Wetterbesserung. Der Platzregen wandelt sich zu normalem Regen, für kurze Zeit hört es sogar ganz auf und die Sonne kommt zum Vorschein.
Diese kurze Episode nutze ich, um meine Sachen ein wenig zu trocknen. Doch schon sehr bald nieselt, regnet und gewittert es wieder. Wenigstens erbarmt sich der Campinplatzbesitzer mit mir und überläßt mir großzügig seine Schlafhütte. Ausgestattet mit elektrischem Licht und Heizlüfter und einem sicheren Dach über dem Kopf geht zumindest in meinem Gesicht wieder die Sonne auf. Begeistert beziehe ich meine neue Bleibe. Ich koche mir ein wenig Kartoffelpüree, schon höre ich wieder schwere Regentropfen hernieder prasseln. es ist ein Jammer, morgen will ich weiter!

Wo ist die Machete?

Der Wecker piepst, es ist 6°°h. Der Heizlüfter in der Hütte sorgt sich um mein Wohlbefinden. Heute steht mir die längste Etappe bevor, darum veredele ich mein Müsli mit zwei frisch geklauten Äpfeln. Ich werde viel Energie brauchen.
Als ich auch noch die Reifen nachgepumpt habe, steht der Abfahrt zur Staumauer nichts mehr im Wege. Meine Bremsen ziehen nun viel besser, nachdem ich sie gestern justiert habe. Nach der Staumauer geht es auf einem Erdweg aufwärts. Das Fahrrad scheint mir fast schwerelos, mit Leichtigkeit erklimme ich eifrig auf den Serpentinen den Anstieg. Der ruhige Stausee indes bleibt ungerührt zurück. Das tiefblau schimmernde Wasser sieht mir anmutig nach. Der See verschwindet aus meinem Blickfeld und ich erreiche eine Paßhöhe.
Bis hier kenne ich den Weg aus Erzählungen von den Thüringern gestern abend. Sie mußten dann aber umkehren, da ihnen korsische Jäger die Weiterfahrt verweigerten. Ich hoffe mehr Glück zu haben und setzte meinen Weg an einem Gatter links auf einem verwachsenen Karrenweg fort. Die wildwuchendernde Pflanzenwelt sucht hier, den Weg zurückzuholen, indem sie ihn mit Büschen und Brombeersträuchern zu ersticken versucht. Ich erreiche dann wieder freies Gelände.
Dort irre ich ein wenig umher, um den weiteren Verlauf eines Weges auszumachen. Immer wieder falle ich auf Spuren herein, die aber schon nach wenigen Metern im Nichts enden. Jetzt ist genau das gefragt, was man nach erfolgreicher Beendigung der Odyssee Pioniergeist nennt. Schließlich probiere ich mein Glück nördlich und folge der Grasnabe ein wenig hinab, bis sich mir das kommenden Buschwerk einen wenig gebrauchten Steig offenbart. Mein polternder Begleiter macht die Wegbeschaffenheit hörbar.
Auf flutschigen Steinstufen stolpere ich tiefer in den Wald hinunter. Schließlich erreiche ich eine frischgeschlagene Waldschneise, die nicht in der Karte verzeichnet ist. Ich verlasse meinen Pfad und halte mich auf der geradeaus nach unten führenden Schneise. Die zwei tiefen Spurrillen lassen auf die große Maschine schließen, die hier das Holz aus dem Weg geräumt hat.
Es ist so steil, daß jeder Fahrversuch in wilden Purzelbäumen enden würde. Auf dem weichen Untergrund, in den meine Füße sinken finde ich guten Halt. Ich verliere schnell an Höhe. Doch dann möchte ich fast zu Stein erstarren, die Bresche endet urplötzlich. Eine dichte scheinbar undurchdringbare Wand aus dichtem Baum- und Buschgeflecht mahnt mich zur Umkehr.
Aber eine Zurück gibt es nicht. Mit meiner ganzen Ausrüstung scheint es mir unmöglich die steilen Bulldozerspuren emporzuklettern. In meiner Naivität bin ich davon ausgegangen, daß die Waldarbeiter die Bresche von unten rauf geschlagen haben. Was macht es auch für einen Sinn, eine Schneise von oben hinunterzuschlagen, um sie dann mitten im undurchdringbaren Gelände enden zu lassen, möchte ich das Buschwerk fast anschreien.
Ich finde einen Einstieg ins Ungewisse und folge auf alten Spuren, seien es Wildwechsel oder Pfadreste, im steilen Gelände nach unten. Ich nur nach unten, raus hier, egal wohin, nur zurück auf irgendeinen Weg. Es ist eine Tortur, ständig verfängt sich Gestrüpp in den Speichen, im Rahmen an den Pedalen und mich ziehen elastische Äste am Rucksack zurück. Es wird dunkel, so dicht ist der Bewuchs. Bei jedem Zurückschnalzen entladen sich Wassertropfen, Relikte der heftigen Regenströme von gestern, auf mich. Laut Höhenmesser sollte ich bereits in Vignola sein, doch wer weiß wo ich wirklich draufzusteuere?
Fernes Rauschen eines Baches dringt in mein Ohr. Ich weiß nicht warum, ich halte das Erreichen des Baches für die Lösung meines Problems. Noch mehr Strauchwirrwarr hindert mich am Weiterkommen. Rucksack und Rad bieten zu viel Angriffsfläche, ich komme nicht mehr weiter. Das zähe Weiterkommen, der Kampf um jeden Meter, treiben mich zur Weißglut. Ich werde zornig, könnte vor Wut und Verzweiflung schreien. Und genau an diesem Punkt werde ich wieder vernunftgesteuert, sehe ein, daß niemand, nicht mal ich, weiß, wo ich bin, mich nicht mal wer hört. Vielleicht bin ich sogar der erste Mensch, der hier diesen Grund betritt. Ein kleiner Schritt mich, ein großer für Menschheit?
Von wegen, nichts geht mehr! Verbittert lege ich meinen Rucksack ab und lasse ich mein Zweirad zurück. Dem Bachrauschen folgend schlüpfe ich unter dichten Ästen und nassem Blätterwerk hindurch. Unten am breiten Bach muß ich einsehen, daß er zum einen unpassierbar, zum anderen die gegenüberliegende Uferseite sich kaum von der hiesigen unterscheidet. Ich kehre wieder um und möchte zu meinen Habseligkeiten zurück. Doch ist davon vor lauter Grün nichts zu sehen, ich habe die Orientierung verloren, mich überkommt Panik, ich drehe fast durch. Wieder möchte ich schreien, doch würde mich mein Rucksack hören? Der Zufall bringt aber dann zu meinen Sachen zurück, ich bin wieder etwas erleichtert! Doch darf ich nicht vergessen, daß meine Lage trotzdem immer noch fast aussichtslos ist. Auf gut Glück halte ich mich nun etwas Rechts und setzte zum zweiten Erkundungsmarsch an. Marsch ist übertrieben, gebückt, mit dem Helm durchs Unterholz rammend, versuche ich, gegen den widerspenstigen Wildwuchs zu bestehen.
Es wird heller und heller. Mein Instinkt, viel Glück und wenig Verstand führen mich schließlich auf einen Fahrweg. Triumphierend nehme ich das Licht war.
Mein Glück noch gar nicht ganz fassend eile ich sogleich wieder zurück ins Dickicht. Dabei breche ich mir auch gleich unter teils größter Kraftaufwendung mit den Händen einen Tunnel durchs wilde Naßgrün. An eine Machete habe ich meiner Ausrüstung leider nicht gedacht. Diesmal finde ich zu meinen Sachen gleich zurück.
Ich hole tief Luft stürze mich in den Kampf. Die vorher geschaffene Schneise habe ich aber schon wieder aus den Augen verloren, so daß ich erneut meine Kraft mit dem störrischen Holz messen kann. Teils mit Millimeterarbeit, teils aber auch frustriert kämpfe ich mich mit Gewalt Meter für Meter voran, sehnsüchtig lechze ich nach Licht. Es ist schon ein Kunststück, Fahrrad und Rucksack dadurch zu manövrieren, wo man nur auf allen Vieren weiterkommt. Dann treffe ich doch auf meine handgefertigte Bresche und komme besser voran. Kurz vor dem Ausgang ins Tageslicht, muß ich mich noch unter einem mächtig dornigen Brombeerstrauchausläufer wie ein Schlangenmensch durchmogeln.
Dann will ich meine wiedergewonnene Freiheit genießen und die dürftigen Sonnenstrahlen erheischen. Dann sehe ich, daß meine Regenjacke und Weißbrot fehlen. Das darf nicht wahr sein!
Der Busch hat sich das Zeug geholt, das lasse ich mir nicht gefallen.
Zielstrebig stolpere ich zurück in den Busch, gehe meine Schneise zurück und irre dann weiter nach oben, wo ich glaube hergekommen zu sein. Akribisch suche ich alles ab, denn ohne die Regenjacke, sei sie auch noch so undicht, bin ich aufgeschmissen. Dann werden meine Mühen belohnt. Unschuldig baumelt die blaue Regenhaut an einem Ast, gleich daneben liegt meine nicht minder wichtige Wegzehrung.
Endgültig der dunklen Buschwelt entronnen entschließe ich mich, dem Fahrweg nach Links zu folgen. Es geht ein wenig bergaub. Der Höhenmesser zeigt mir eine mickrige Höhe von 400m an. Eigentlich sollte ich auf Vignola bei 600m stoßen, was vielleicht dann der Fall gewesen wäre, wenn ich dem Pfad und nicht den Bulldozerspuren gefolgt wäre. Zumindest führt mich meine jetziger Weg auf die Straße. Nach einiger Zeit durchfahre ich dann Vignola.
Der unfreundliche Horizont, die verstrichene Zeit, es ist bereits Mittag, machen mir die Bewältigung der heutigen Etappe unmöglich. Bei einem Forsthaus lege ich die Mittagspause ein. Dort lege ich ab und fange die Sonnenstrahlen, die durch einige Wolkenlöcher den Weg zu mir hinunterfinden, begierig auf.
Von hier sehe ich auch das Val d' Esé, über dem mir dunkle Regenwolken vor der Weiterfahrt warnen. Ich entschließe mich, in Bastellica zu übernachten. Der herannahende Förster sagt mir, daß es bis dorthin etwa 8km wären. Doch fühle ich mich trotzallem zu fit, um dorthin auf langweiligen Asphalt zu gelangen.
Wie geplant fahre ich auf einem Forstweg am Esébach entlang. Die traumhafte Piste durch den einsamen Wald am rauschenden Gebirgsbach entlang läßt alle Sorgen vergessen. Als ich schließlich an der Abzweigung nach Bastellica vorbeikomme nehme ich in meinem Übereifer doch weiter Kurs auf das Eséplateau.
Die dunklen Regenwolken haben sich wieder ein wenig verflüchtigt, unaufhaltsam lasse ich mir den Fahrspaß von nichts und niemandem nehmen. Zwar halte ich ständig Ausschau nach einer passablen Unterkunftsmöglichkeit, doch finde nichts brauchbares. So beschließe ich die Nacht auf einer Schutzhütte zu verbringen, die in der Karte verzeichnet ist. Mit diesem Ziel vor Augen trete ich ehrgeizig weiter.
Noch trennen mich über zweihundert Höhenmeter von dem Quartier. Ständig kontrolliere ich meine Position am Höhenmesser. Dank der guten Topokarte kann ich meinen jeweiligen Standort ganz gut bestimmen. Auf holprigen ausgedienten Wirtschaftswegen durchstreife ich wunderbar einsame Gebiete. Links, auf der anderen Talseite sehe ich die mit viel Aufwand in den Fels gesprengte Fahrstraße zum Skigebiet am Eséplateau.
Erst auf 1600m kommt die ersehnte Abzweigung Richtung Schutzhütte. In der Ferne sehe ich ein Schild. Schnell fahre ich drauf zu, um mir Gewißheit zu verschaffen. Doch möchte ich dann fast vor Zorn auf den Schildaufsteller in den Boden versinken. Da fällt den Leuten vom Nationalpark doch nichts besseres ein, als in dieser gottverlassenen Gegend ein Schild mit der Aufschrift "Reserve Biologies" in den Boden zu rammen. Ich verlasse mich also auf die Karte und fahre etwa 2km auf miserablen grobschottrigen Steinweg 200 Höhenmeter ab.
Es ist bereits 17°°h, die Dämmerung setzt ein. Ich verstecke mein Fahrrad und die Räder getrennt unter Büschen und will den letzten unwegsamen Kilometer zu Fuß zurücklegen. Wieder dasselbe Spiel, wie fast überall in Korsika:
Kein Schild, keine Markierung, kein Wegweiser weit und breit.
So folge ich dubiosen Pfadspuren am Hang entlang. Am Höhenmesser merke ich, daß ich an Höhe verliere. Wahrscheinlich bin auch auf irgendwelche Kuhspuren reingefallen. Egal - selbstmitleidig klettere ich auf allen Vieren nach oben bis ich auf freies Gelände kommen.
Zu allem Überfluß zieht nun auch noch dichter Nebel auf, die Sicht bleibt auf wenige Meter begrenzt, mir bleibt auch nichts erspart.
Weit kann die Hütte nun nicht mehr sein. Man müßte nur wissen wo. Laut Karte sollen sich über mir Pfadspuren zur Hütte führen. Planlos tapse ich also querfeldein durchs Gelände weiter nach oben.
Tatsächlich treffe ich auf Steinmännchen, ich schätze daß sie zur Hütte weisen. Zwar gibt es keinen Weg, der zwischen diesen Markierungen verläuft, doch kommt man hier gut voran. Die Steinmännchen sind gerade so groß und in so weitem Abstand aufgestellt, daß man sich mit etwas Glück zum jeweils nächsten vortasten kann. Was für eine Wonne ist es dann, als ich im Nebel ganz verschwommen einen Dachgiebel sehe. Es ist die Schutzhütte!
Ich habe es wirklich verdient, ich bin überglücklich. In der Hütte sind Matrazenlager, Tisch, offener Kamin, Feuerholz, Konserven und Müll von anderen Wanderern. Ich schnappe mir sogleich ein paar leere Plastikflaschen und mache mich nur nahegelegen Quelle auf, d.h. nahe ist die Quelle auch nur, wenn man sie gleich findet...
Dann schüre ich den Kamin, setze Tee auf und schaufle Kartoffelpüree in mich hinein. Nachdenklich starre ich noch einige Zeit in die lodernden Flammen, wärmend meine Hand in einer Chipstüte wühlt. Über dieses Ende überglücklich schlafe zufrieden ein.

Wasser findet seinen Weg - ich auch!

Schon um 7°°h lasse ich den Tag beginnen. Da ich kein Müsli mehr habe, bereite ich mir Grießbrei, den mit kleingeschnippelten Äpfeln und getrockneten Feigen esse. Ich packe meine Sachen und sage der rettenden Schutzhütte lebe wohl.
Auf dem Fußmarsch zurück zum Fahrrad irre ich wieder durch den Wald und sehe endgültig ein, daß zu der Hütte kein Weg führt. Ich finde mein Gefährt so, wie ich es gestern zurückgelassen habe, wer sollte es mir auch nehmen?
Auf meinem Weg zur Skistation fühle ich mich glücklich und frei. Der blaue Himmel und die noch tiefstehende Morgensonne spenden hervorragendes Licht für gute Fotoaufnahmen. Es geht ziemlich flach dahin, so daß ich die Morgenstimmung in vollen Zügen genießen kann.
Der Untergrund wechselt vom Schotterweg zur beschaulichen Almwiese. Ab der Skistation folge ich unscheinbaren Spuren über abgegraste Wiesen. Im nur flachansteigenden Gelände schiebe ich bis auf 1762m weiter.
Der d' Esébach hat hier oben seinen Ursprung, wenngleich er hier erst als kleines Rinnsal die Landschaft schüchtern mit Wasser versorgt.
Richtig freuen kann ich mich auch über die zahlreichen Steinhäufchen, die mir unmißverständlich den Weg weisen. So erreiche ich das Esé-Plateau störe mit meinem auftreten die paradiesische Ruhe der großen Schafherde, die unter erfülltem Gebimmel vor mir reiß aus nimmt. Doch bald herrscht wieder Stille.
Im Gras in der Sonne liegend bestreite ich mein kärgliches Mittagsmahl: Sonnenblumenkerne und getrocknete Feigen.
Ich versuche Kraft zu sammeln, denn mir graut vor dem folgenden Abstieg. Gänzlich ohne Weg muß ich mich talwärts zum GR 20 hinuntermogeln. Als beste Möglichkeit scheint es mir, mich am Talbach zu orientieren.
Mit Rad und Rucksack auf den Schultern bekommt das sonst so lustige springen von Stein zu Stein ein wenig Brisanz. Zwar ist es anstrengend, doch andererseits es irgendwie auch ein irres Gefühl, frei von Weg Vorgaben, begleitet von rauschenden Bächen im hellen Sonnen sein Ziel zu suchen.
Zwischendurch wechsele ich auf vom Bach auf schlecht markierte Steigspuren, doch gefällt es mir am Bach besten. Laut Karte soll der GR20 den Bach auf 1390m Höhe mit einer Hängebrücke schneiden.
Spannend wird es an einem Wasserfall. Während sich das Wasser unbekümmert in die Tiefe stürzt wird von mir etwas mehr Kreativität verlangt. Ich verlasse das Bachbett und versuche, von Baum zu Baum hangelnd und rutschend dem rettenden Grund in der Tiefe näherzukommen.
Nun muß ich im Balanceakt unförmige Felsbrocken übersteigend die andere Uferseite erreichen. Als die Nadel des Höhenmesser auf 1390m zeigt und mir zugleich die Hängebrücke ins Gesicht schreit habe ich es geschafft, wenigstens ist auf den Höhenmesser in Korsika verlaß!
Auf dem GR20 schiebe ich noch ein gutes Stück hoch, bis ich dann zum Col de Verde hinunterbreschen kann. Dort lasse ich mich, vom Hunger gepeinigt, bei einer Bar wegen ein paar Süßigkeiten ausnehmen. Nach kurzer Rast fahre ich den Wald von St. Antone. Eine gute Schotterpiste führt mich durch den Buchenwald.
Zwei Abzweigungen, die in der Karte nicht verzeichnet sind, bringen mich in Verlegenheit. Ich folge einem blauen Pfeil unter den "V.T.T.", das französische Kürzel für Mountainbike, gesprüht ist: Etwas genervt kehre ich von dem Abstecher zurück!
Die Orientierung im Wald ist sehr anstrengend und fordert genaues Kartenlesen und Interpretieren. Ich habe heute genug erlebt und mein größter Wunsch ist es, ohne weitere Irrwege ans Ziel zu kommen. Doch meine Wünsche bleiben ungehört.
Wieder falle ich auf einen Weg herein, der mich verlockender Abfahrt einlädt. Nach 2km wilder Fahrt bin ich auf dem Holzweg, d.h. alles wiederzurück und alles in allem vier Bonuskilometer!
Meine Fahrt geht weiter durch den Wald. Jäger und Beschilderung weisen mir sicher den Weg nach Cozzano. Auf neuangelegter Schotterpiste rase ich talwärts. Die Piste scheint ganz neu zu sein, auf der Karte ist nur ein Muliweg verzeichnet, der die Serpentinen immer wieder kreuzt. Nach 25km Fahrt im fremden Wald, ständig in der Angst auf dem Holzweg zu sein, rolle ich durch das gepflegte Natursteindorf Cozzano.
Nach weiteren 3km Asphalt finde ich Zicavo im dortigen Gite d' Etape meine nächste Bleibe. Im 260 Seelendorf zeugen Hotels und Bars von touristischem Interesse. Nach einem kleinen Einkauf bereite ich mir auf der Terasse des Gites mein Abendessen.
Tomaten aus dem Garten des Herbergvaters garantieren die Vitaminversorgung. Dann schlafe ich gut im Stockbett ein.

Papstaudienz: Der Grund allen Übels

Um 6:30 reiße ich mich aus den Träumen. Es ist noch kalt. Die kalte Milch zum Müsli verstärkt das Kältegefühl. Heute verfeinere ich mein Müsli neben Äpfeln noch mit herzhaften Weintrauben. Die Zubereitung nimmt einige Zeit in Anspruch, so daß ich erst gegen 8:45 starte.
Auf dem Fahrrad spüre ich die Kälte noch mehr, richtig eisig ist es. Leider verläuft die Straße im Schatten eines hohen Bergkammes, auf die Sonne kann ich noch etwas warten. Ich fahre in sehr niedrigem Gang, um mich durch schnellen Tretbewegungen aufzuwärmen. Als ich in der Ferne Sonnenstrahlen auf die Straße fallen sehe, rase ich wie benommen darauf zu.
Von nun an kann ich schwache Sonnenstahlen spüren, die aber noch nicht den gewünschten Temperaturschub leisten. Als ich dann die D69 verlasse und auf die sich steilerhebende D428 abzweige schwitze ich bald. Teilweise komme ich auf der asphaltierten Straße nur im ersten Gang weiter. Die Mühen werden aber mit umwerfenden Panoramablicken belohnt.
Schroffe Felsen leuchten mir in der Morgensonne entgegen und verheißen mir, daß meine Anstrengungen einen Wert haben.
Langsam wir es flacher, ich erreiche wieder eine Hochebene. Ich finde Hochebenen fantastisch. Erst geht endloslange bergauf und man glaubt sich bald auf einem kleinen Gipfel zu finden, bis man dann von flachem, sich weit erschließendem Gelände überrascht wird.
An der San Petru Kapelle endet die Straße. Ratlos gebe ich mich dem Kartenstudium hin, doch werde ich daraus nicht schlau, da ich mich wieder mit dem fast sinnlos erscheinendem Maßstab 1:100000 abgeben muß. Zum Glück schickt mir in diesem Moment der Himmel einen ortskundigen Korsen. Die Verständigung mit Händen und Füßen macht das Verstehen seiner Ausführungen sehr schwer.
Schließlich sehe ich ein, daß ich etwa 300m zurückfahren muß, um dann rechts abzubiegen. Es ist schon gemein, daß hier die Hauptstraße geschottert, die Abzweigung ins Nichts geteert ist. Ohne die Hilfe des Korsen hätte ich mir hoffnungslos verfranzt.
Auf einer gut präparierten Schotterpiste fahre ich dem Plateau unterhalb des Monte Inducine entgegen. Zwischendurch frage ich nochmals bei einem Bergbauern nach dem Weg nach Quenza. Er zeichnet mir den Weg in den Sand, so daß es keine Verständigungsprobleme gibt. Auf steinigem Belag schiebe ich der Sonne entgegen.
Von der offenen Berglandschaft bin ich beeindruckt, wie vielseitig Korsika doch ist! Einerseits die undurchdringbare Macchia und andererseits offene Hochebenen, die einem Gefühl vermitteln, in der Wüste zu sein. Die Höhenlage von ca. 1000m macht auch die Hitze erträglich.
Zwei Wanderer und ein später ein Angler, ja wirklich!, sind meine einzigen Weggefährten hier oben. Auf Beschilderung wurde hier ebenfalls großzügig verzichtet. So bin um die teuren Wegweisungen der drei sehr dankbar.
Nachdem ich die Ebene am höchsten Punkt durchquert habe, begegne ich lärmenden Naturfreunden: Moto-Cross-Fahrer. Dann darf ich mich auf eine lange Abfahrt freuen.
Kühn die Kurven schneidend gelange ich sehr schnell auf den einsichtigen Serpentinen nach Quenza hinunter.
Auf einer sonnigen Bank lege ich dort im verschlafenen Dorf eine Mittagspause ein. Hier unten brennt die Sonne um einiges mehr als oben auf dem Plateau. Mit freiem Oberkörper bete ich die Sonne an. Erst nach eineinhalb Stunden Nichtstun kann ich mich zur Weiterfahrt überreden. Auf breiter Schotterpiste fahre ich den Mini-Dolomiten entgegen: die Bavellatürme. Von den zackigen Bergspitzen überwältigt, lasse ich mich mit ihnen im Hintergrund von Fußgängern fotografieren.
In Prugna frage ich mich zum Asiano-Tal durch. Der auskunftswillige Korse deutet mir gehobener Hand an, daß der Weg dorthin steil werde. Im Schatten trockener Kiefern folge ich dem Waldweg ins Asiano-Tal hinein. Vereinzelt stehen Autos in geeigneten Haltebuchten am Wegrand, Schüsse zerreißen immer wieder die friedliche Atmosphäre, die Jagdsaison ist in vollem Gange und Jagen ist korsischer Volkssport.
Bald endet die Schotterstraße an einer betonierten Staustufe. Ich schaue mich ein wenig, rege mich nicht auf, sondern erfreue am sauberen Asianobach, dem ruhigen Wald und den bizarren Felsformationen - reiner Zweckoptimismus.
Schließlich erinnere ich mich an eine Abzweigung, die ich vor wenigen Minuten passiert habe, dorthin rolle ich zurück und biege ab. Tatsächlich gelange ich so auf die andere Seite des Baches, ich habe zumindest das Gefühl, richtig zu sein. Zwar sind Gefühle oft eine unsichere Angelegenheit, doch in Anbetracht meiner groben Landkarte das einzige, was mich beruhigt. Einige Kilometer lang darf mir dann meine vorherigen Mühen in Form berauschender Abfahrten auszahlen lassen, Gedanken über Richtig und Falsch verlieren dabei ihre Bedeutung, es zählt nur der Fahrspaß.
Doch wo es runter geht, geht es auch wieder rauf. So ist es auch in meinem Fall. Bei den vielen Abzweigungen orientiere ich mich am Verlauf einer Telegrafenleitung und hoffe durch sie in die Zivilisation zurückzugelangen.
Auf den steilen Serpentinen im Wald werde ich plötzlich von einem Motocross-Fahrer überholt, noch lange höre ich den Motorenlärm im Walde verschallen und versuche so auf den weiteren Wegverlauf zu schließen. Mit 50 Sachen, schätze ich, nimmt motorangetriebene Zweiradfreund die ca. 20% Steigung. So bleiben ihm die körperlichen Anstrengungen fremd, denen ich gerade zu unterliegen drohe.
Ausgemergelt erreiche ich eine Straße. Hier treffe ich auf drei Mountainbiker. Natürlich interessieren wir uns aufgrund unseres offensichtlich gleichen Hobbys für einander. Mit Händen, Füßen, Landkarten, ein paar Brocken Französisch und italienischen Wortexperimenten beschreibe ich den dreien meinen bisherigen Tourenverlauf. Als Gegenleistung bekomme ich einen Kaffee und Kekse.
Einer der drei scheint sich gut auszukennen, bei fast allen Stationen meiner Odyssee nickt er zustimmend. Schließlich gibt er zu Francois, Korsikas MTB-Papst, zu sein. Er erzählt mir, daß die Routen des alljährlich stattfinden "Korsikabike"-Rennens aussucht. Somit ist er auch an meiner Tour schuld, die sich an den Routen vergangener Korsikabike-Rennen orientiert. Respekterweisend prüft er das Gewicht meines 40 Liter Rucksacks. Dann ziehen es ihn und seine Begleiter genauso weiter wie mich. Nach der bereichernden Unterhaltung schütteln wir uns die Hände, Francois gibt mir noch etwas Weißbrot mit, und fahren unserer Wege.
Auf der Fahrstraße nehme ich mir die letzten 4km Kilometer zum Bavella-Paß vor. Nach etwas Mühe erreiche ich die Paßhöhe. Die Berge erscheinen von hier aus nun zum Greifen nahe. Uralte Lariciokiefern mit zerzausten Kronen bilden grüne Farbkontraste.
Direkt am Paß steht das Gite d' Etappe, in dem ich heute nächtigen will. Unterhalb des Gite's ist das Natusteindorf Col de Bavella, eine eigenwillige Ansammlung von Wellblechhütten, Bergerien und Wochenendhäusern. Nach kurzem Einkauf bastele ich mir in der Küche der Herberge mein Abendessen. Zudem bieten mir Fahrradfahrer noch Reste ihres Abendmahles an, ich sage natürlich nicht nein. Dann freue ich mich aufs Bett.
Gemeinerweise gibt es im Gite ab 22°°h kein Licht, es herrscht absolute Finsternis, da im Keller gelegen, trifft nicht einmal Mondlicht ein. Noch gemeinererweise aber begibt es sich nun, daß mich drohender Durchfall zu Eile treibt. Mit der einen Hand an der Wand entlang tastend, mit der anderen den Körperzustand prüfend arbeite ich mich in die vermutete Richtung zum Klo vor. Allergemeinsterweise ist aber doch die Inkubationszeit des Durchfalls kürzer als die trotz unter höchster Konzentration und Anspannung durchgeführte Lokalisierung des Ortes, der für derartige Belange bestimmt ist.
Mit anderen Worten: die Situation eskaliert, das Unternehmen geht buchstäblich in die Hose! In einem Zustand höchsten Unwohlseins versuche ich die Situation dahingehend zu beruhigen, in dem ich die Schüssel doch noch, wenngleich auch ein wenig zu spät, wärme, bis ich mich dann, so wie mich Gott schuf, in mein Zimmer zurücktaste und dort Kerze und Ersatzbekleidung hole. Mit den Utensilien bewaffnet kehrt der Täter dann wieder zum Tatort zurück, um der Spurenbeseitigung nachzugehen. Die Lage ist gerade zu dem Zeitpunkt normalisiert, als eine andere nächtliche Besucherin, in wesentlich entspannterer Verfassung allerdings, denselben Ort aufsucht, mein Malheur bleibt unentdeckt und doch liegt noch etwas Unwohlsein in der Luft!
Nun endlich kann ich mich wieder in den Schlafsack legen und entspannt dem frühen Morgen entgegen Träumen.

Korsika ist gnädig

Am nächsten Morgen verlasse ich den unheilvollen Ort zusammen mit bösen Erinnerungen in aller Frühe und rolle die Paßstraße Richtung Zonza hinunter. Nach einigen Fehlschlägen finde ich die Forststraße, die mich am Massif de Zonza entlang führt.
Irgendwie fehlt mir heute die Ausgeglichenheit, um eins zu werden mit der gelassenen Stille des trockenen Waldes. Viel zu viel bin ich damit beschäftigt, mich vor Irrwegen zu bewahren. Als ich dann auf die Fahrstraße zum Ospedale See münde, atme ich erleichtert auf. Da ich nun wieder Gewissheit über meine Position habe, kann ich die eindrucksvolle Landschaft auf mich wirken lassen.
Die Natur bietet hier wieder völlig neue Felsformationen feil. Wie von Riesenhänden aus kleinen Einzelteilen zusammengefügt wirken die kantigen Bergrücken in der rötlichen Morgensonne auf mich. Ruhig und gelassen windet sich indes die kaum befahrene Straße Richtung Stausee.
In Lethargie versunken überholt mich ein Rennradfahrer, ich will ihn gerne dahinziehenlassen und mein eher gemächliches Tempo beibehalten. Doch der korsische Sportsfreund bittet mich, ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten. Ich willige ein und wir rollen im Zweiergespann bei schwerfälliger Unterhaltung dahin. Natürlich spekuliere ich auf die Ortskundigkeit meines Gefährten und fragen ihn nach dem weg nach Carbini. Erst schüttelt er ein wenig ungläubig den Kopf, doch dann verspricht er mir, den Weg zu zeigen.
Während ich von ihm erfahre, daß er bereits um die Sechzig ist, verwundert es mich ein wenig, als wir den Ospedale See passieren. Laut Karte sollte ich bereits vor dem See rechts abbiegen. Doch ich vertraue dem Korsen und wende mich wieder der Unterhaltung zu.
Schließlich trenne sich unsere Wege. Mein freundlicher Kumpane beschreibt mir mit unzähligen "a droite" und "a gouche" unterstützt von wilder Artikulation den Weg, ich tue mich schwer, den Überblick nicht zu verlieren. Zudem deutet er noch an, ich müßte, ganz gegensätzlich zu meinen Vorstellungen aus der Karte, einen hohen Sattel überwinden.
Er verabschiedet sich und ich folge seinem beschriebenen Weg - jedoch nur kurze Zeit. Ich habe keine Lust mehr auf kühne Experimente, um dann irgendwo in den Pampas zu versumpfen. So rolle ich schon bald wieder am Stausee. Akribisch richte ich mein Augenmerk nach Links, um den Weg nach Carbini zu finden.
An einer etwas unscheinbaren Einmündung halte ich inne und suche nach Anzeichen, die auf einen Weg hindeuten könnten. Als ich blaue Sprühmarkierungen erinnere ich mich sofort wieder an den Bikepapst von Gestern, der mich auf die blauen Markierungen von den Korsikabike-Rennen hingewiesen hat.
Tatsächlich weitet sich die zunächst unscheinbare Einmündung zu einer breiten Schotterpiste. Ich lasse mich von der abfallenden Straße zu einer rasanten Abfahrt einladen, wobei mir immer einige Querrillen zu schaffen machen. Wellig wie Waschbretter bringen sie mein Rad zu wilden vibrieren. Ein Rüttler ist dann aber doch zu viel: Meine Sattel reißt aus der Halterung und fällt müde zu Boden.
Von nun an drückt sie als zusätzlicher Ballast am Rucksack auf meinen Rücken. Von Carbini gelange ich auf asphaltierter Straße zum Col De Bacinu.
Während die Mittagssonne brennt, höre ich meinen Körper nach Pause schreien. Kurz hinter der Paßhöhe lädt mich ein Rastplatz am Straßenrand zum Verweilen. Ich muß mich heute mit einem eher ungewöhnlichen Mittagsmahl anfreunden: Zwieback mit Marmelade. Ich bilde mir ein satt geworden zu sein und rase die Paßstraße südwärts hinunter, bis mir die steile Auffahrt auf sandigem Untergrund hoch ins verlassene Bitalza den Schweiß aus allen Poren treibt. Bald 5km muß meine Oberschenkel- und Wadenmuskulatur schwerfällig die Tretkurbel in Bewegung halten.
Auf 1200m erreiche ich dann das verlassene Bergdörfchen Bitalza. Wie ausgestorben wirken die verschlossenen und teilweise schon verfallenen Natursteinhäuser, friedlich eingebettet in sanfte Graslandschaft. Ein leuchtend weiße Madonnenfigur wacht unbeirrt inmitten der zurückgelassenen Gemäuer. Die Stille wirkt aufgesetzt und unheimlich.
Da sehe ich Bewegung in dem regungslosen Gelände. Erwartungsvoll steige ich vom Fahrrad und hoffe auf einen Menschen zu treffen, der mir vielleicht wertvolle Wegauskunft geben kann. Stattdessen aber höre ich lautes Gebell, das sich mir bedrohlich nähert, immer lauter und gefährlicher klingt. Ich kehre auf der Stelle um, renne zu meinem Fahrrad und flüchte, auf Karte, Kompaß und Instinkt vertrauend, einen Erdweg hinunter.
Leider endet dieser nach korsischer Manier in der wildesten Macchia. Solchen Situationen nicht mehr ganz fremd, stelle ich zu Fuß Erkundungen an, die aber in allen Richtungen ergebnislos bleiben. Immer wieder zeigt sich mir dasselbe deprimierende Bild: Die Macchia - endlose Weite, wo noch keine Menschenseele zuvor gewesen...
Resigniert und jeden Optimismuses beraubt trete ich den Rückzug an. In Unmut versunken schiebe ich schweren Schrittes den Erdweg zurück. Doch schon an der ersten Linkskehre fühle ich mich vom Glück geblendet, als eine Wegabzweigung in mein Blickfeld rückt. Es ist wirklich ein Weg, kein verwachsener Pfad! Tückischerweise blieb mir diese rettenden Abzweigung auf dem Herweg von einem umgestürzten Baum verborgen, erst beim langsamen Zurückschieben habe mein Augenmerk verschärft auf den Wegrand gerichtet. Eine geschlagene Stunde verbringe ich dann auf dem gut ausgeschnittenen Pfad. Ach was ist Korsika heute gnädig!
Wieder auf der Straße fahre ich aus Faulheit zunächst Links hinunter bis mir dann ein Autofahrer auf Anfrage zur Umkehr rät. Auf der leicht ansteigenden Straße an Vacca vorbei, verliere ich langsam an Kraft und Geduld. Weniger die Anstrengungen als vielmehr die ständige Unsicherheit und Angst vor sinnlos verschenkten Verirrungskilometern drücken mir aufs Gemüt. Auf weitgezogener Schotterpiste durchkurve ich die hügelige Landschaft.
Da ist die Freude groß als ich mit einem grandiosen Panoramablick entschädigt werde. Neben dem Augenschmaus, den mir das blaßblaue Meer am Horizont und das von Nutzland schachbrettartig geordnete Flachland bereiten, gewinne meinen Eifer zurück, wie ich das klare Landschaftsrelief aus der Vogelperspektive mit dem Kartenbild in Einklang bringen kann. Der Flughafen von Figari räumt endgültig jeden Zweifel aus: ich bin richtig!
Meinen Aussichtspunkt lasse ich schließlich über mir zurück und lasse mich von temperamentvollen Serpentinen ins Tal tragen, wo mich die stehende Hitze fast zum Glühen bringt. Meine letzten Wasservorräte sind schnell verbraucht, ein zwingend folgender physischer Einbruch läßt nicht lange auf sich warten. Vor einem flachen Anstieg sinke ich erschöpft und ausgelaugt von meiner rollenden Folterbank. Im Schatten erstarren meine langsamen apathischen Regungen völlig und ich lasse die Welt passieren...
Zwar verschnaufe ich ein wenig doch plagt mich der Durst immer unerbärmlicher. Langsam steige ich auf krieche die Anhöhe nach Frauletto hoch. Bei einem Wohnhaus bitte ich mit meiner Flasche winkend um Wasser. Die nette Familie übertrifft meine Erwartungen bei weitem. Neben dem Leben spendendem Naß werde ich mit saftigen Aprikosen, frisch aus dem Garten, reich beschenkt. Zudem raten Sie mir auf der Straße nach Figari zu fahren, da mein Plan von hier nach Sta. Lucia zu gelangen, undurchführbar.
An Abenteuern wenig interessiert nehme ich den Rat an und rolle zur D853 zurück und fahre Richtung Figari. Nach einigen Kilometern schlage ich mich bei der erst besten Gelegenheit ins Gebüsch und baue mein Biwak unter idyllischen Korkeichen.
Während mich die letzten Sonnenstrahlen wohl temperieren, verschwende ich keinen Gedanken mehr daran, daß ich ursprünglich heute noch in Bonifacio meine Mountainbiketour quer durch die wilde Insel beenden wollte. Doch was spielt das jetzt für eine Rolle...
Nach dem Essen stürze ich mich auf die letzten Wasservorräte und erwarte eine trockene Nacht.

Am Wendepunkt

Die Nacht wird ein wahrer Horror. Stechmücken drängen mich einerseits restlos in den viel zu warmen Schlafsack, wo mir die Hitze das letzte Wasser aus dem Körper saugt. Durstend und verstochen vegetiere ich durch die Nacht. Die saftigen Aprikosen sind meine letzten Flüssigkeitsreservoirs, zu schnell verschlinge ich sie.
Ständig werde ich von Alpträumen geweckt, die alle um dasselbe Thema kreisen: Ich stehe durstend vor einem großen Wasserfall, das Wasser fließt in Massen. Aber immer bleibt es aus unerfindlichen Gründen für mich unerreichbar. In diesem Moment wache ich meist durstend auf und werde mit dem Ernst der Lage konfrontiert und verfalle dann dem nächsten Hirngespinst im Schlafe.
Am nächsten morgen stärke ich mich mit trockenem Zwieback und Marmelade, das Durstgefühl ist glücklicherweise unterdrückt. Ich packe zusammen und bin bald wieder auf der Hauptstraße, die ich dann verlasse und an einen Stausee gelange. Nach der heißen Auffahrt auf verkehrsarmer Straße, rolle ich auf Schotter zum künstlich geschaffenen Wasserarsenal, das es laut Karte überhaupt nicht geben dürfte, was mich wieder etwas verunsichert.
Zunächst fahre ich am beschaulichen Ufer entlang, bis ich dann der Schotterpiste in trockene Hügellandschaft folge. Ich steuere nun geradewegs auf den Golf von Ventilegne zu. Die Gegend wird flacher, der heiße staubige Sand vermittelt einem das Gefühl von Wüste. Schnurgerade führt mich die Nutzstraße bei leichtem Auf und Ab zur N196 in der nähe des Golfes.
Auf der N196, eine der großen Hauptverkehrsadern Korsikas, habe ich die letzen Kilometer nach Bonifacio zu bestreiten. Und trotzdem, oder gerade deshalb?, zwingt mich die lange Auffahrt am Bocca d'Arbia in der prallen Sonnenglut zu Höchstleistungen. Ich komme ohne Pause durch und kann den eher unangenehmen Streckenabschnitt schnell hinter mir lassen. Am Scheitel begegnen mir zwei Fahrradfahrer, die ebenfalls abgekämpft wirken.
An einem Campingplatz fülle ich nun endlich meine Fahrradflaschen mit Wasser auf, leider schmeckt es nicht sehr gut, dafür ist es naß. Nach einem langgezogenen Hügel rückt Bonifacio in greifbare Nähe. Die letzten Kilometer besorgt die Schwerkraft, es geht leicht bergab zur Hafenstadt. Mich überkommt ein überwältigendes Glücksgefühl: Ich habe es geschafft, die Macchia und all die anderen Unannehmlichkeiten besiegt! Ich singe und schreie vor Freude.
Ein Campingplatz im herzen der Stadt kommt mir sehr gelegen ich beziehe dort sogleich Quartier um die Mittagszeit. Nach einem stärkendem Mahl schlendere ich unbeschwert durch die südlichste Stadt Korsikas. Am Hafen herrscht buntes Treiben. Zahllose Jachten und Ausflugsschiffe liegen vor Anker. Aufgeregt versuchen die Bootsbesitzer Touristen zu Grottenfahrten zu ermuntern.
Obwohl ich diesem Tourismus eher abgeneigt bin, sitze ich zuletzt doch auf einem der Boote, überzeugt hat mich ein Schlepper mit einem gnadenlos günstigen "Studentenpreis" von 30FF, die Hälfte des Normalpreises.
Wir brausen aus dem Naturhafen heraus. Die Festungsstadt wird von drei Seiten vom Meer umspült. Die Bucht, die von einer hohen Landzunge, auf der die Stadt liegt, geschützt wird, bildet in idealerweise den Naturhafen. Vorbei an romantischen Buchten, die über die Zeit in den reinen Kreidefelsen gespült worden sind, gelangen wir aufs Meer hinaus. Ich habe einen guten Sitzplatz ergattert und kann, im Gegensatz zu vielen Mitreisenden, die Fahrt ohne aufwendige Verrenkungen genießen.
In der ersten Grotte setzt dann ein großes Blitzgewitter an, wenngleich die mickrigen Blitze der Kompaktkameras, die Dunkelheit nicht ausleuchten können. Die große ist von den Wogen des Meeres ausgespült worden und nach oben offen. Die Öffnung erinnert mit ihrer Form an die Umrisse Korsikas.
Der Kapitän jagt uns weiter in die Napoleongrotte, in der die Hutform Napoleons zu bewundern ist. Dann flitzen wir auch dieser Grotte wieder heraus und bekommen bei spritziger Fahrt einen Blick auf die Stadt auf dem Kreidefelsen präsentiert. Gut 60m hoch über dem Meer verlängern abenteuerliche Häuser in kühner Architektur die Felsklippen.
Sehr deutlich kann ich auch die 184 Stufen des Königs von Aragon erkenne, die er laut Legende in einer Nacht in den Fels schlagen ließ, um die Festungsstadt endlich zu erobern. Das makellose Weiß der Kreidefelsen ist wirklich einzigartig und bietet eine schönen Kontrast zum Tiefblau des Meeres. Die reizvolle Lage prädestiniert Bonifacio geradezu zur schönsten Stadt Korsikas.
Etwas erstaunt bin über die beschauliche Einwohnerzahl von gerademal 3500. Die Bedeutung der Stadt ist allein in der Attraktivität für den Tourismus begründet.
Nach der eindrucksvollen Bootsfahrt erkunde ich weiter die Stadt und finde mich dann in den verwinkelnden Gassen der Oberstadt wieder. Von hieraus sind bereits Konturen von Sardinien zu sehen, das nur wenige Kilometer entfernt liegt. Sardinien wäre auch mal eine Reise wert...
Nach dem Stadtrundgang gehe ich auch noch an den Festungsanlagen vorbei, der auch heute noch eine französische Garnison zugeteilt ist. Wuchtige Bastionen schützen so die Landseite.
Ich gönne mir noch ein knuspriges Crepés und komme dann mit Schätzen aus dem Supermarkt zum Campingplatz zurück. Dort koche ich mir dann Nudeln. Für Brennstoff habe ich auch wieder gesorgt, indem ich eine Autofahrerin gebittet habe, mir ein wenig Sprit abzugeben.
Nach dem Essen gehe ich noch vor in die Bar und lasse den Tag mit ruhiger korsischer Musik Revue passieren. Ich bin fast ein wenig traurig, und mich überkommt ein Gefühl von Urlaubsende. Obwohl gerade erst die Hälfte vorbei ist, befinde ich mich ab Morgen auf dem Rückweg der mit Sicherheit auch sehr eindrucksvoll und spannend werden wird. Doch trotzdem: Es ist der Rückweg, der Anfang vom Ende...

Kloster und Heilquellen: Balsam für Geist und Körper

Mein allmorgendlicher Durchfall bringt mich wieder früh auf die Beine. Doch heute der Zwang, früh aufstehen zu müssen, etwas Gutes: Wachen Geistes schaffe ich in Windeseile mein Hab und Gut unter das Dach der Sanitäranlagen. Als ich alles verstaut habe setzt ein gnadenloser Wolkenbruch ein.
Sicher vor dem Wohlbefinden zerstörendem Naß nehme ich mein Frühstück etwas ungemütlich vor einer Waschmaschine stehend ein. Nach und nach retten sich auch andere Camper unter trockene Dach und beobachten mißmutig die prasselnden Regentropfen.
Dabei komme ich mit zwei Tourenradlern aus Kulmbach ins Gespräch. Sie touren seit ein Woche auf einsamen Landstraßen durch die Insel. Nachdem wir uns die ungemütliche Lage genügend bedauert haben, zwinge ich mich trotz beständigen Nieselregens zum Aufbruch.
Bis zum Golf von Ventilegne ist mir die Strecke von gestern bekannt, doch bleibe ich dann auf der N196 nach Sarténe. Das Wasser fällt indes hartnäckig weiter vom Himmel herab. Durch meine verspritze Radbrille nehme ich meine Umwelt nur noch schemenhaft war. Mein Blick ist einzig und allein auf die Kilometersteine am Straßenrand fixiert. Die trübe Wetterlage raubt der Insel den ganzen Zauber. Nüchtern und ohne jeden Reiz klatschen die Wellen des Meeres ans Ufer. Der fantastische Macchiaduft geht im Gestank nassen Asphalts völlig unter.
Flache, aber endlos lange Anstiege lassen mich in Trance versinken. Unaufhörlich trete ich weiter, nur so sind kühlen Temperaturen erträglich. Doch trotzdem treffe ich heute auf zahlreiche Fahrradfahrer, die sich von dem unfreundlichen Wetter ebenfalls nicht abhalten lassen.
Mein stetiges Weitertreten wird schließlich mit einer frühen Ankunft in Sarténe belohnt. Zur Mittagszeit mache ich inmitten der mittelalterlich malerischen Gassen der Altstadt Rast. Doch zieht der Himmel bald wieder zu und verdrängt mich zu einem trockenen Torbogen. Dort harre ich frierend aus und warte auf Sonnenstrahlen. Ich wage mich wieder nach draußen und schöpfe dann bei der Post wieder etwas Bargeld ab, um mich dann zum Franziskanerkloster St. Damien aufzumachen.
Etwas zögerlich verspricht mir dann der Oberklostermann ein Nachtquartier. Mein Gepäck lasse ich gleich dort, um so unbeschwerter zu den Bains de Caldane, 37°C heiße schwefelhaltige Quellen, aufzubrechen. Hirnlos folge ich der D65 über einen 700m hohen Sattel und fange erst nach der Abfahrt auf der anderen Seite zum Denken an, und entnehme der Karte unmißverständlich, daß ich eigentlich die D69 hätte fahren müssen, aargh!
Nach 600 Bonushöhenmetern bin ich dann auf dem richtigen Weg. Ohne Rucksack fühle ich mich ganz unbeschwert, frei von zähem Drücken und trägem Ziehen der Last am Rücken. Auf der langen Abfahrt zu den Quellen denke schon hin und wieder etwas sorgenvoll an die lange Rückfahrt, doch überwiegt insgesamt das Gefühl vom Geschwindigkeitsrausch. Leicht händig steuere ich mein Gefährt über die kurvenreiche einsame Strecke. Die sanfte Hügellandschaft ist, abgesehen von kleinen Weilern, nur dünn besiedelt.
Dann erreiche ich die heißen Quellen. Ich löhne 20FF an den Besitzer und lasse mich dann vom gesunden Wasser umperlen. Als einziger Besucher habe ich das mit Naturstein gemauert Becken ganz für mich. Eckige Steine liegen als Hocker im Wasser. Im wohltemperierten Wasser steigen friedlich blubbernde Blasen aus dem Boden auf. Nach dem ausgiebigen Bad lebt meine Haut wieder auf und verlasse den Ort der Ruhe.
Bevor ich die Rückfahrt antrete genieße ich in der Bar noch etwas und genieße das Prickeln im Körper. Wieder im Sattel ist die Fahrt überhaupt kein Problem. Mit Leichtigkeit erklimme ich den Anstieg nach Sarténe. Sind in den Heilquellen doch geheime Kräfte verborgen?
In Sarténe zurück betrachte ich noch etwas das pulsierende Treiben der alten und jungen Menschen, die Straßen beleben. Im Gegensatz zu vielen anderen korsischen Orten sind hier erstaunlich viele Kinder und Jugendliche vertreten, die Stadt vor Überalterung und Aussterben bewahren. Natürlich sehe ich auch noch einige Touristen die sich vom Flair der korsischsten aller Städte ebenfalls angezogen fühlen.
Ich verdrücke noch eine Pizza an einem Stand und kehre zum Kloster zurück. Dort finde ich mich in einem häßlichen Schlafraum wieder, was aber angesichts der warmen Dusche zur Bedeutungslosigkeit gerät.
Mit einem belgischen Motorradfahrer teile ich dann mein Zimmer. Die Übernachtung im Kloster ist wirklich ein Geheimtip.

Der Kaktus sticht, sticht, sticht...

Gegen halb sieben frühstücke ich ungemütlich an einem kargen Tisch, hart ist das Mönchsleben. Um 7:45h verlasse ich dann den heiligen Ort der Besinnung. Die ersten Kilometer sind geschenkt, gerade richtig zum Aufwachen geht es bergab. So komme ich ohne große Beinarbeit in Propriano an. Dort erkundige ich mich Hafen nach Verbindungen nach Nizza: Meine Informationen sind richtig, die nächste geht in zwei Tage ab Ajaccio.
Ich verlasse das ehemalige Fischerdorf, das sich heute zu einem gefragten Touristenstädtchen gemausert hat, und fahre am langen Jachthafen entlang und dann das eigenwillige Einbahnstraßensystem mißachtend nordwärts hinaus. Ab jetzt geht es wieder bergauf, ich lasse den lieblich breiten Golf von Valinco unter mir. Die aufsteigend Sonne entfacht indes ihr Feuer. Als ich die Taravomündung passiere finde ich wieder eine ganz andere Szenerie. Ich fühle mich wie nach Friesland versetzt. Auf saftigen Weiden grasen gut genährte Milchkühe. In der flachen Ebene wird zudem intensiver Ackerbau betrieben.
Hier verlasse ich die Hauptroute, um einen Abstecher in die größte prähistorische Fundstätte Korsikas, Filitosa, zu unternehmen. Doch bis ich dort bin, muß ich noch viel Schweiß bei heißen Auffahrt im schattenlosen Gelände fließen lassen.
Noch früh am Morgen bin ich dann einer der ersten Besucher. Neben Resten toreanischer Wehranlagen sind die 5000 Jahre alten in Granit geschlagenen Steinfiguren die Schätze des Freilichtmuseums. Die toreanischen Funde und Steinmegalithe zählen zu den Hauptattraktionen Korsikas. In der Hochsaison werden die Touristen busseweise hergekarrt, wovon ich glücklicherweise nicht zu spüren bekomme.
Mal zornig, mal verschlafen blicken mich die mannshohe Menhirstatuen mit ausgearbeiteten Gesichtszügen und angedeuteten Schwertern an. Ein sehr verwaschener Skulpturenblock wirkt auf mich wie ein riesiges Phallussymbol, natürlich darf ein obligatorisches Foto, auf dem ich beinumschlugen vor dem Steinblock sitze, nicht fehlen.
Unter einem 100 Jahre alten Olivenbaum, um den fünf Steinmegalithe wie ein Rat der "5 Weisen" aufgestellt sind, lasse ich in Ruhe meine Phantasie über das Leben vor 5000 Jahre spielen.
Von der Fundstätte tief beeindruckt rolle ich mit einem Eis in der Hand zur Hauptroute zurück. Wieder fahre ich hirnlos, von routiniert ausgeführter stupider Beinarbeit getrieben, draufzu und muß, weil ich nicht mehr umkehren will, dafür zur Strafe, auf einer einsamen Straße einen höheren Paß überwinden. Dafür bin ich fern vom Autoverkehr und genieße einen wunderbaren Ausblick aufs Meer, das freundlich in schillerndem Blau zu mir hoch lächelt.
Schließlich kehre ich auf die D55 zurück und fahre in sengender Hitze im steten Auf und Ab hoch über dem Meeresufer entlang. Erwartungsvoll fahre ich auf die nächste Kurve zu, um dann den weiteren Straßenverlauf - bergauf - präsentiert zu bekommen, das alte "geheimnisvolle Kurven"-Spiel.
Bei einer großen Kakteenansammlung mache im Schatten eines hohen Baumes eine kleine Rast. Ungeachtet der vielen Warnungen greife ich mir unbeschwert eine scheinbar stachellose Frucht und schon spüre ich die feinen Stacheln, dünnen Härchen gleich, durch die Hand piksen. Vorsichtig schäle ich nun die Frucht und schlappere das saftig süße orangefarbene Fruchtfleisch aus. Es schmeckt wirklich lecker, nur macht es einem die Natur schwer, das Wüstengold zu erlangen.
Ich knacke schließlich noch zwei weitere Früchte, um mir dann in geduldsamer verzweifelter Mühe die verbliebenen Stacheln aus der Hand zu ziehen. Die Fahrradhandschuhe brauche ich vorerst auch nicht mehr überzustreifen, auch sie sind von den Stacheln verseucht.
Als ich weiter spüre ich die hinterfotzigen Nadeln sogar in den Beinen, ich habe mir die Hände wohl an der Hose abgeschmiert. Nach erreichen der Paßhöhe bekomme ich meine schweißtreibend Arbeit in Form kühlenden Abfahrt vergütet. Bis Chiavari darf ich dann meine Muskeln wieder spielen lassen. Damit sind die ausgelassenen Bergfahrten aber auch beendet und einer rasanten Abfahrt hinunter zum Meeresufer an den Strand steht nichts mehr im Wege. Dort stürze ich mich dann auch sogleich in die Fluten und schwimme freudig umher.
In einem benachbarten Campingplatz befreie ich mich unter einer Dusche von dem Meersalz und fahre auf der Küstenstraße weiter nach Porticcio. Ajaccio ist am gegenüberliegenden Ufer bereits zu sehen. Meine Fähre geht aber erst übermorgen, wozu also Eile?
Mit Nachschub aus dem Supermarkt suche ich dann den Nobelcampingplatz Beniste auf. Zur Saison wird hier richtige Animation angeboten und einem das Frühstück ans Zelt serviert. Mit solchen Leistungen habe ich allerdings nichts am Hut. Der dunkle Horizont weckt zurecht mein Mißtrauen. Gegen Abend setzt der Regen ein, wieder habe ich Glück und finde Unterschlupf in einer Abstellkammer bei den Sanitäranlagen. Unromantischen in muffiger, aber überdachter Behausung verbringe ich die Nacht.

Faul am Strand

Der Nachtregen stellt das Dach meiner Behausung auf eine harte Probe, aber das Dach hält den Wassermassen stand. Als ich am nächsten Morgen gegen 7°°h frühstücke kündigt der klare Himmel einen schönen Tag an. Beruhigt wage ich mich nach draußen und fahre die wenigen Kilometer nach Ajaccio.
Hell und freundlich präsentiert sich mir die Hauptstadt des südlichen Departements Korsikas. Die vielen Hochhäuser heben sich leuchtend vom Hang. Großzügige Plätze mit Palmen, die fotogene Altstadt, elegante Boutiquen, bunter Markt und flanierende Menschen am Jachthafen zieren das Stadtbild.
Ich kümmere mich jedoch als erstes um die Fährticktes für morgen nach Nizza. Dann steuere ich auf Anraten des Fremdenverkehrbüros einen Campingplatz auf der nördlichen Landzuge Richtung "Illes Sanguinaires" an. Dort miete ich mir für 51FF den teuersten Stellplatz, den ich bisher in Korsika hatte. Dafür schenkt mir ein Motorradfahrer seine kaputten Gepäckkoffer, die sich für hervorragend als Mobiliar eignen.
Schließlich lasse ich mich vom Rauschen des Meeres anziehen und gehe an den feinen Sandstrand. Meterhohe Wellen klatschen ans Ufer. Ich stürze mich sogleich in die Fluten und lasse mich von der Wellenwucht umherwirbeln. die Wellen sind so stark, daß sie auch einige Wellensurver in die Brandung locken.
Am verlassenen Strand lasse ich dann das Tun sein. Mit dem Rauschen des Meeres in den Ohren träume ich vor mich hin. Nach einiger Zeit öffnet mir ein rhythmisches, staccatoartiges Klappern die Augen: Ein Pärchen spielt Strandtennis. Klapp, klapp... fliegt der Ball hin und her, ich schließe wieder die Augen...
Die Stadtbesichtigung Ajaccios werde ich auf Morgen verlegen. Nichts ist es wert, den paradiesischen Ort zu verlassen. Die Zeit vergeht von mir unbeachtet - erst als die Sonne hinter einer aufziehenden Wolkendecke verschwindet wird es kühler und ich gehe zum Campingplatz zurück. Es wird doch nicht wieder regnen? Die alt bekannte Frage, deren negative Antwort einem die Stimmung so vermiesen kann steht wieder im Raum. Ja Raum, hätte ich nur einen Raum. Ich baue mir aus dem Biwaksack und den Alukoffern einen Regenschutz. Gespannt schlafe ich ein, es ist meine letzte Nacht auf Korsika.


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(C) by Florian Michahelles 1996

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