Lieb und Teuer
Von Airolo nach München
Inhalt
Völlig aussichtslos
Zurück zu den Wurzeln
Es ist noch früh, die Sonne hat noch Zeit. Heute kann ich mich glücklich
schätzen fern von der Morgenkälte aufzustehen. Als ich aber das Fenster
öffne dringen böse Klänge kalten Nieselregens an mein Ohr. Der dicke Nebel,
der mit bleierner Schwere im Bedretto-Tal hängt verspricht kaum
Besserung.
Noch kann ich mich einige Zeit vor der Wahrheit da draußen drücken. Ich
sammle meine gewaschenen Kleidungsstücke von den Heizkörpern ein, sie
sind über Nacht schön trocken geworden, aber das wird nicht lange
anhalten...
Ich frühstücke auf dem Zimmer mein Müsli, packe zusammen und stelle mich
dem Regen. Um halb acht habe ich die Straße für mich. So fahre ich als
unbeleuchtetes Fahrradobjekt, kurz UFO, hinein ins Ungewisse. Anfangs fahre
ich noch auf der alten Paßstraße, denn ich muß Begegnungen mit anderen
Verkehrsteilnehmern unbedingt vermeiden, die Sicht beträgt kaum mehr als 50m.
Auf flutschigem Kopfsteinpflaster verschwinde ich immer weiter im Nebel,
es regnet unablässig. Kälte, Nebel, Regen - alles was das Herz nicht
begehrt.
Habe ich am Anfang noch geglaubt, mit zunehmender Höhe den Regenwolken entkommen
zu können, beraubt mich indes die dicker werdende Suppe jeglicher Hoffnung.
Gnadenlos prasseln die Tropfen auf mich herab und versuchen sich meiner
Körperwärme zu bemächtigen. Trotz Gore-Tex werde ich wieder naß bis auf die
Haut.
Knapp tausend Höhenmeter wollen bezwungen werden. Ich komme gezwungenermaßen
rasch voran. Es ist so kalt, daß ich mir selbst kleine Verschnaufpausen nicht
leisten kann, würde sofort auskühlen. So versuche ich, sehr konstant
durchzutreten.
Die Beschilderung leitet mich nun auf die neue Ausbaustrecke. Bei schönem Wetter
ist die alte Straße sicher die interessantere Alternative. Aber in meiner
Situtaion verliere ich keinen Gedanken daran, wohin die alte Straße verschwunden
sein mag. Die oberste Maxime lautet im Moment: Nichts wie weg von hier!
Auf mehrspuriger Ausbaustrecke verausgabe ich mich weiter. Voller Erwartung
setze ich mir den Scheiteltunnel als nächstes Ziel, wo ich dem gemeinem Regen
ein Schnippchen schlagen kann.
Zwischendurch empfinde ich aufwendige Lawinenverbauungen als Oasen der Trockenheit,
wo ich kurz verschnaufe. Gegen die Kälte bin ich jedoch nicht gefeit. Allein bin ich
nicht. Emsig sind die Bautrupps mit dem Instandsetzen der Straße beschäftigt.
Die Sicht wird immer schlechter, ich kann nun mehr 20m vorrausblicken. Völlig im
Ungewissen über den weiteren Straßenverlauf folge ich den Leitplanken. Dank meines
Höhenmessers kann ich in Etwa die noch zu fahrrende Distanz abschätzen. Wie blind
nähere ich mich unaufhaltsam dem Scheiteltunnel, bis ich dann plötzlich kurz vor mir
orangefarbene Lichter sehe.
Wäre freie Sicht, so könnte ich nun knapp 1000m auf Airolo herunterschauen.
Geheimnisvoll schaurig baut sich die beleuchtet Tunneleinfahrt vor mir auf, als würde
ein riesiger Dracher seinen feuerspeienden Schlund vor mir öffnen. Bereitwillig lasse
ich mich schlucken und bin nun wenigstens vor dem kalten Regen in Sicherheit.
Zum erstenmal sehe ich, wie der Nebel sogar in den Tunnel hinein dringt. Dicke Nebelschwaden
am Tunnelgrund verbreiten mit der Deckenbeleuchtung zusammen eine geisterhafte Stimmung.
Glücklicherweise bin ich auch hier, abgesehen von einigen Militärfahrzeugen, allein
unterwegs.
Wie ich das Wetter gestern in höchsten Tönen gelobt habe und außer mir gewesen bin
vor Freude, so verfluche ich es heute und möchte schier im Erdboden versinken. Ich
immer wieder aufs Neue überrascht, wie schnell das Wetter im Gebirge umschlägt.
Als mich der Tunnel auf der anderen Seite wieder ausspuckt, erreiche kurz darauf die
Paßhöhe von 2109m, den Passo S. Gottardo. Ich bin völlig durchgefroren, kein Wunder,
mein Thermometer zeigt nur noch mickrige 2°C.
Mit letzter Kraft schleife ich meine verfrorenen Glieder zum Hospiz, einem Gasthaus
direkt am Paß. Der Wirt begrüßt mich mit "Guten Morgen". Etwas überrascht schaue ich
gleich auf die Uhr, tatsächlich ist es erst halb zehn. Folglich habe ich den Paß in
zwei Stunden erklommen. Bei schönem Wetter wäre ich sicherlich langsamer gewesen,
hätte aber dafür auch mehr Spaß gehabt.
Dezent breite ich meine naßen Klamotten auf den Heizkörpern im Gasthaus aus. Ich habe
Durst und Hunger. Mein starkes Bedürfnis nach Wärme stille ich mit drei Portionen Tee,
meinen Hunger mit Rösti. Widerwillig beugt der Geldbeutel den harten Wetterbedingungen...
Fast drei Stunden bringe ich in dem Gasthaus zu. Bei der Zeitungslektäre erkenne ich,
daß der Wetterbericht für heute exakt zutrifft: Dicken Nebel, Regen und wenig Aussicht
auf Besserung, das alles habe ich am eigenen Leib erfahren.
Immerwieder werfe ich einen kritischen Blick nach draußen. Zwar verschwindet der Nebel
ein wenig, doch der Regen fällt unablässig. Die Reize der Natur lassen sich nur erahnen.
Wohl oder Übel trete ich die naßkalte Abfahrt nach Andermatt hinunter an, denn
ich will hier oben nicht festsitzen, dem Wirt habe ich schon genug in den Rachen
geworfen.
Doch es wird besser als erwartet. Die Schlechtwetterwolken hängen am Gottardpaß fest. Meine
Augen bekommen wieder Verwendung, es hört auf zu Regnen, dem Hinunterrasen steht
nichts mehr im Wege. Ein prächtiger Rückenwind, man könnte auch Sturm sagen, treibt mich
vor dem Unwetter her.
Die Tücken bekomme ich bei den Serpentinen zu spüren, als ich der Sturm seitlich über den
Straßenrand tragen will, ich muß sehr stark gegensteuern und mein ganzes Gewicht gegen den
Wind stemmen. So macht das Leben wieder Spaß, sozusagen in Windeseile bin ich in Andermatt.
Mit hoch surrenden Reifen rolle weiterhinunter durch die Teufelsschlucht. Mit immensem
gestaltete Serpentinen tragen mich talwärts weiter. Stellenweise durchbricht sogar die Sonne
die dicken Wolkenschichten.
Bei Göschenen kommt auch die Autobahn wieder ans Tageslicht. Es ist schon ein Wahnsinn, wenn
ich bedenke, daß das ganze Gebirgsmassiv von Airolo bis hierher von dem Gotthardtunnel
durchzogen ist. Auf hohen Betonpfeilern wird die Autobahn nun mit möglichst schwacher Neigung
weiter hinunter zum Vierwaldstätter See hinuntergeführt. Die Eisenbahn ist ebenfalls in dieses
Tal gepfercht. Sie überwindet die Höhenmetern, indem sie sich förmlich in Tunnelschleifen nach
oben bzw. unten schraubt.
Ich rase ebenfalls weiter auf der Landstraße bis ich auf 40km Abfahrt 600m abgerollt habe. Bei
so viel Untätigkeit tut es gut, winddicht eingepackt zu sein und die Finger in dicken
Winterhandschuhen verborgen zu haben.
Die letzten Kilometer nach Altdorf muß ich aber dann doch noch treten, wobei mich der Rückenwind
aber immer noch tatkräftig unterstützt. Altdorf steht ganz im Zeichen Wilhelm Tells. Angeblich
soll Wilhelm Tell hier auf dem Marktplatz seinen berühmten Schuß getätigt haben. Als Konsequenz
gibt es nun eine Tell-Apotheke, Hotel Wilhelm, Gasthof Tell, Tellplatz u.v.m.
Jedenfalls ist das Städtchen säuberlichst herausgeputzt und strahlt nur so vor Buntheit. Im
Fremdenverkehrsamt lasse ich mir sogleich eine Liste mit "günstigen" Unterkunftsmöglichkeiten
geben. Wie ich im Gespräch sofort merke, spricht man hier bereits wieder Deutsch, der St. Gotthard
stellt also auch eine Art Sprachgrenze zwischen Italienisch und Deutsch dar.
Ich rolle weiter zum See hinunter. Der Sturm, mir im Rücken sitzend, nimmt grobe
Ausmaße an, entgegenkommende Fahrradfahrer kommen kaum mehr schiebend auf nahezu ebener Strecke voran,
während ich genüßlich im Stehen fahre, um dem Wind mehr Angriffsfläche zu bieten und muß sogar
auf der Geraden bremsen.
Am Seeufer studiere ich ausgiebig die Liste vom Touristenbüro. Als ich dann aber in Flüelen eine
wunderschöne Baustelle sehe, zentral im Kern des Ortes, sind alle Preisvergleiche hinfällig. Es ist
erst 15°°h, noch wird an meinem Quartier kräftig gewerkelt. So suche ich einen Supermarkt auf und
decke mich wieder mit Lebensmitteln ein, die ich sogleich verspeise.
Außerdem verraten mir Postkarten, wie es am St. Gotthard wirklich aussieht. Interesse halber vergleiche
beim Schlendern durch Flüelen die Preise der Gasthöfe und zolle dem Preisniveau respekt: Unter 25 DM ist
nirgendwo ein Schnitzel zu haben.
Ich ruhe mich aus und lasse die Zeit verstreichen. Apropos Zeit, endlich, meine Vorräte sind
restlos verbraucht, gibt es sie wieder, am Bahnhofskiosk, DIE ZEIT. Mit Bildung eingedeckt versuche
ich die Zeitung am Seeufer zu lesen. Der unstete Wind vereitelt mir diese Freude jedoch recht
früh, so suche ich nach einer Alternative. Wieder werde ich am Bahnhof fündig. Hier hat die Schweizer
Bundesbahn ein wahres Paradies geschaffen: Ein beheizter, wohlduftender mit einem großen
Wandgemälde verzierten Warteraum. Zudem kommt stündlich ein Raumpfleger vorbei, der den Papierkorb leert
und einwenig zusammenkehrt. Fast möchte man glauben, man müsse sich die Schuhe
ausziehen.
Hier sitze ich nun bis 20°°h in die Lektüre vertieft. Dann macht sich aber auch hier die überall
Einzug haltende Rezession bemerkbar: Das Licht geht aus. Der Raumpfleger versichert mir aber, daß
das kein Defekt sein. Ich verlasse den paradiesischen Ort und suche meine Baustelle auf. Vollgefressen
mit Keksen und anderen Luxusgütern verzichte ich heute das routinemäßige Abendessen und suche mir
meine Suite im ersten Stock des Rohbaus.
Dank des Föhnsturms ist es sehr warm, durch den nahen Straßenverkehr und die vorbeiratternden Züge
laut - ideale Bedingungen für einen unruhigen Schlaf.
Die Nacht ist im wahrsten Sinne des Wortes hart. Meine Luft-Schaum-Matraze muß ein Loch
abbekommen haben. Höchst unangenehm bekomme ich spürbaren Kontakt mit dem betonierten
Untergrund. Die Bodenkälte schleicht an meinen Schultern, Hüfte und Knien in meinen
Schlafsack. Notdürftig versuche ich an diese Stellen mit Zeitungsschichten zu isolieren,
doch es hilft wenig.
So schlafe ich noch recht schlecht bis 5°°h und stehe dann auf, um zu Frühstücken. Schon am
Geräusch der vorbeifahrenden Autos höre ich, daß die Straßen noch naß sein müssen, weil das
des Übels nicht genug scheint, regnet es auch noch. Ich verwerfe den Plan, meinen Weg nach
Zürich über den Klausenpaß fortzusetzen. Auf den dortigen 1948m müßte ich höchstwahrscheinlich
sogar mit Schneefall rechnen, da es laut Wetterbericht bis auf 1500m hinunterschneien soll.
Stattdessen am Seeufer direkt nach Zürich im Dauerregen zu strampeln reizt mich dagegen auch
nicht.
Schweren Herzens füge ich mich den Gegebenheiten und entscheide mich der Eisenbahn anzuvertrauen.
Punkt 7°°h schleiche ich mich von der Baustelle, gerade in dem Moment klettert der erste Bauarbeiter
vorne am Gerüst hoch, sieht mich aber nicht. Am Bahnschalter übersteigt mein Wunsch nach einer
Fahrkarte mit Fahrradticket fast die Kompetenzen des Personals. Mit vereinten Kräften unter
Hinzuziehung anderer, unfähiger Kollegen, gelingt des der netten Bediensteten dann auch noch
geeignete Zugverbindungen über Zürich nach München herauszufinden.
Wirtschaftlich gesehen hätte ich mit meinen billigen Lebenshaltungskosten für den Bahnpreis noch
einige Tage in der Räterepublik zu bringen können, doch bin ich dem warmen Süden eben doch
schon zu fern. Große Höhepunkte wären auf der restlichen Strecke bis Deutschland sowieso nicht
mehr zu erwarten gewesen, die Berge sind bereits bezwungen.
So fliegt die mit Landschaft flink am Zugfenster vorbei. Zunächst noch am Ufer des Urner See
entlang, huschen herbstliche Wälder an meinen Augen vorüber. Die hohen Berge sind verschwunden,
eine abwechslungsreiche Hügellandschaft kommt zum Vorschein. Am Zürcher See versinkt dann auch
der letzte Hügel im Boden, nur noch Ebene.
Schließlich komme ich in Zürich an, wo ich zweieinhalb Stunden Zeit habe. Vom Hauptbahnhof rolle
ich an edlen Boutiquen und reicher Geschäftswelt als erstes zur Börse. Doch statt hektischem
Treiben herrscht dort gähnende Leere. An einem Informationsstand erfahre ich, daß der gesamte
Handel nun elektronisch abgewickelt werde und somit das Parkett an Bedeutung verloren
hätte.
Etwas enttäuscht verlasse ich den Glaspalast und schaue mich ein wenig in der Innenstadt um. Am
Seeufer entlang komme ich in die Altstadt. Zürich ist eine reiche Stadt. Die teuren Geschäfte
in der Bahnhofsstraße, eine der teursten Einkaufsstraßen Europas, verlangt auch reiches Umfeld.
In einer schönen Parkanlage am Landesmuseeum verzehre ich mein Mittagsessen, bestehend aus
Brot mit Mortadella.
Zum Abschluß fahre ich noch zur weltbekannten Universität ETH hinauf. Der historische Prachtbau
thront etwas erhöht über der Stadt, sogar eine kleine Bahn fährt dort eigens hinauf. Doch dann
drängt mich der EC 92 auch schon zur Weiterfahrt nach München. Das immer in weiter Ferne gewähnte
Ende meiner Tour rückt in immer greifbarere Nähe.
Als ich wieder aufwache ist der Zug schon am Bodensee. Nach kurzer Fahrt durch Österreich kehre
ich zurück nach Deutschland. Nach obligatorischer Paßkontrolle im Zug bin ich dann über das
Auftreten eine bayrischen Undercover-Polizisten doch sehr überrascht. Er fiel mir schon vorher
auf, wie er mit breitbeinigen langsamen Cowboy-Schritt durch die Gänge patroulliert ist. Schließlich
akzeptiere ich das als besonderes Zeichen, auch die bayrischen Grenzen erreicht zu haben.
Auch hier verspricht eine dunkle Wolkendecke nichts Gutes, eine weitere Bestätigung für mich, den
Zug vorgezogen zu haben.
Mein letztes Dasein im Zug gleicht einer Gnadenfrist für meine Abenteuer. Wehmütige gehen mir schöne
Erinnerungen durch den Kopf, ich beginne zu sinnieren. Bald werde ich wieder in München sein, dort,
wo ich, einst, vor fünf Wochen gestartet bin, wo einst die fruchtbare Idee der Tour zu keimen begonnen
hat . Fünf Wochen habe ich damals für eine unendlich lange Zeitspanne gehalten, die nun doch bald
vorüber ist. Aber die Zeit ist mit wunderbaren Erlebnissen und Erinnerungen gespickt worden.
Bald wird auch auf mich wieder der Alltag einbrechen. Wie fürchte ich mich doch vor der nüchternen
Frage die jedem Zurückkehrenden, sei es vom Skifahren, einem kurzem Ausflug, einem einfallslosen
Strandurlaub, gestellt wird: "Und, wie war's?"
Fünf Wochen, vollgestopft mit persönlichen Erfahrungen für den uninteressierten Fragesteller, der
sich eigentlich mehr aus Anstand als Interesse erkundigt, in wenige Sätze zu packen scheint mir
unmöglich. Was soll ich antworten, soll ich mich anpassen und sagen "schön"?
Der Münchner Hauptbahnhof naht. Doch bei allem Wehmut verspüre ich doch auch Freude auf die Rückkehr
in die Zivilisation, raus aus den stinkigen Bergstiefeln, den braunen Strümpfen...
Man muß die Normalität eben erst vermissen, um sie auch zu schätzen. Nun erfaßt mich
auch ein wenig Stolz. Stolz es geschafft zu haben, allein geschafft zu haben, 1800km
zurückzulegen und dabei sagenhafte 30.000 Höhenmeter zu überwinden.
Der Zug indes rollt im Bahnhof ein, "München Hauptbahnhof, Sie haben Anschluß..." dringt
es aus dem Lautsprecher, es ist vollbracht!
[Praktische Tips und genaue Daten zur Tour]
["Rückblick"]
[Zurück zur Übersicht]
[Zurück zur MTB-Page]
(C) by Florian Michahelles 1997