Das große Kilometerfressen
Von Bozen nach La Spezia auf der Straße
Inhalt
Kilometerrausch
Die Poebene: Geschmacksverirrung von Mensch und Natur
Der Apennin - und es gibt ihn wirklich!
Ich stehe zeitig auf, um von den Bauarbeitern nicht überrascht
zu werden. Nach dem Frühstück fange ich an zu packen, es ist
6:00. Eine halbe Stunde später schon sehe ich den ersten
Arbeiter, er sieht mich aber nicht. Als ich fast alles im
Rucksack verstaut habe, mache ich doch Bekanntschaft mit einem
Bauarbeit, es scheint der Vorarbeiter zu sein. Seinem verärgert
klingendem Wortschwall entnehme ich, ich solle schnell
verschwinden.
Ich setze ein peinliches Lächeln auf, denn Lachen ist eine
Macht, gegen das selbst die Größten dieser Welt nicht bestehen
können, und mache mich vom Acker. So kommt es, daß bereits um
7:00 im Sattel sitze und Trient anfahre. Ich wechsele einige
Male von der Straße auf den schönen Etschtalradweg. Fernab vom
Straßenverkehr werde zusätzlich mit Südtirolern Äpfeln aus den
Plantagen entlang der Schotterwege belohnt.
Mit Äpfeln beladen spule ich dann die Kilometer doch lieber
wieder auf der Straße ab. So schön der Radweg auch ist, zum
einen bremst der Schotter und die zahlreichen Schlaglöcher
wollen umfahren werden, zum anderen verliert man oft viel Zeit
an den unbeschildert Kreuzungen.
Vor Trient lasse ich mich dann von der autofahrerfreundlichen
Beschilderung auf eine autobahnähnliche Umgehung leiten. Die
Stadt schläft noch, ich halte mich nicht lange auf, es ist noch
nichts los. Ich suche lieber die Straße nach Richtung Rovereto
und verfalle bei konstantem Tempo in die Lethargie nie enden
wollender Kurbelumdrehungen. Im höchsten Gang komme ich auf der
sehr leicht abfallenden Straße schnell voran.
Links und Rechts von Bergrücken eingepfercht schlängelt sich das
Etschtal weiter in den Süden hinunter. In Rovereto stelle ich
mir in einem Supermarkt mein Mittagsmahl zusammen und verbringe
dort gleich die Mittagspause.
Als mein leerer Blick auf das Hinterrad meines treuen Roßes
fällt, erzählt mir eine lockere und leicht verbogene Speiche von
den letzten fünf Tagen Mountainbiken aus ihrer Sicht. Das
bereitet mir ein wenig Kummer. Noch sind zwar ein paar Tage
Zeit, aber bis Korsika sollte der Schaden behoben sein. Leider
habe ich mich bisher nie für verbogene Speichen interessiert...
Obwohl die Verdauung noch in vollem Gange ist, schwinge ich mich
wieder auf den Drahtesel. Der volle Magen beeinträchtigt die
Atmung sehr, ich lockere den Hüftgurt vom Rucksack ein wenig, um
dem vollen Bauch mehr Spielraum zu geben.
Seit Bozen schon säumen Apfelplantagen und Weinstöcke meinen.
Langsam werde ich der immergleichen Schönheit überdrüssig. Die
fortwährend abwechslungslose Pracht beginnt mich zu langweiligen.
Nach einer Weile bis sich etwa auf der Höhe von Dolce, die
Bergrücken in Hügel verwandeln. Nun sind es noch ca. 20km bis
Verona. Meinem Wunsch nach Abwechslung wird Genüge geleistet.
Große stinkende Lastwägen beherrschen nun das Straßenbild. Die
Marmorabbaugebiete Links und Rechts in den Hügelketten blasen
feinen Staub in die Luft. Erst jetzt, wo die lebendig bunten
Apfel- und Weingebiete verschwunden sind, beginne ich die
dortige Szenerie richtig zu schätzen.
Ich hoffe den hiesigen Streckenabschnitt möglichst bald zu
vergessen, auch will ich mir die Gegend nicht mit einem
Erinnerungsfoto bewahren. Ab der Stadtgrenze sind es nochmals
4km, bis ich mit der chaotischen Beschilderung endlich in den
Stadtkern zur Arena gelange.
Dort treffe ich dann Landsleute der übelsten Kategorie, die
Einheimischen mit T-Shirts der Aufschrift "Deutschland ist
Europameister" provozieren wollen. Ich setzte mich ein wenig in
die parkähnliche Anlage und betrachte amüsiert das Treiben der
Leute, ob eine desinteressierte Schulklasse auf
Stadtbesichtigung, deutsche Touristen mit dicken Reiseführer in
der Hand oder hektische elegante Italiener, es ist ein wahres
Vergnügen.
Ich will wieder raus aus dem Großstadtmoloch. Leider frage ich
einen älteren Italiener nach dem Weg nach Mantova. Er möchte mir
aber lieber den Weg zum Gardassee erklären, den besser zu kennen
scheint. Als ich abwinke und weiter fahren will, fragt er eine
andere Passantin, wie man von hier aus nach Mantova kommt. Mit
ausreichend Information versorgt breche ich auf. Wieder lasse
ich mich von der ausschließlich auf Autofahrer ausgerichteten,
nicht Be-, sondern vielmehr Verschilderung auf eine
Schnellstraße mit getrennten Fahrstreifen locken. Zu allem
Überfluß darf ich mich auf mehrspurigen Kreuzungen noch
zusätzlich im Linksabbiegen üben. Es bereitet mir wenig
Vergnügen, mich immer wieder als schwächster Verkehrsteilnehmer
offenbaren zu müssen.
Nach 5km Fahrt endet glücklicherweise die Rennpiste. Eine
Landstraße führt mich nun schnurgerade durch scheußliche
Landschaften Richtung Mantova. Gräßliche Industriegebiete und
lieblos aufgestellte Straßenansiedlungen durchsetzen die
langweilige Landschaft. Sehr viel Grund, der meist zu großen
Bauernhöfen gehört, ist eingezäunt. Langsam drängt sich mir die
Suche nach einem passendem Schlafplatz auf, auch meine
Wasservorräte werden knapp. Hier im Flachland kann ich leider
nicht mehr so bedenkenlos wie im Gebirge Wasser von
vorbeifließenden Bächen entnehmen. Glücklicherweise gibt es aber
in vielen Dörfern Trinkwasserbrunnen, die auch ganz passables
Wasser liefern.
Bleibt nun aber noch die unabdingbare Bemühung um einen
Unterschlupf. Schon steuere ich erwartungsvoll einen alten Turm
an, der aber leider zu nah an einen großen Bauernhof grenzt,
dort kann ich nicht unentdeckt eindringen. Ich fahre als weiter.
Die Kilometersteine am Straßenrand warnen mich aber, daß Mantova
immer näher rücke. Ich halte die Chance, was schönes zu finden,
im weniger besiedelten Gebiet doch für günstiger.
Doch da unterbricht ein freistehender verlassener Bauernhof
meine Befürchtungen. Ich erkunde sofort das alte Wohnhaus und
die Nebengebäude. Die Luft ist rein, hier will ich sein!
Ich richte mich ein und fröne bei sättigendem Kartoffelpüree der
bald einsetzenden Dunkelheit entgegen, das Reich der Träume ist
nah...
Gegen 8:15 verlasse ich mein Anwesen, weiter geht es nach
Mantova. Die Kapitäne der Landstraße sind auch schon auf den
Beinen, schaukeln ihre Brummis durch noch immer gräßliche
Landschaft und fügen sich problemlos in die abstoßende Gegend
mit ein. Damit mir noch weniger Freude bleibt, mindert kräftiger
Gegenwind auch noch den Fahrspaß.
Mantova, das eine sehenswerte Stadt sein soll, zieht mich nicht
in seinen Bann, ich will lieber meinem Ziel nach kommen, Mittags
in Parma zu sein. Jetzt führt mir die Poebene die wirkliche
Bedeutung von häßlich vor Augen.
Den Namen Poebene hat sich die Gegend redlich verdient, wenn
auch der Sachverhalt mit der Silbe "Po" noch vornehm ausgedrückt
wird. Straßenkaff an Straßenkaff, Tankstellen, hingeklotzte
Supermärkte, gesichtslose Möbelabholmärkte und andere
Scheußlichkeiten verdecken den Blick auf die flache langweilige
Landschaft, die, fast dankbar für etwas Abwechslung, die
Baussünden auf sich duldet.
Die befahrene Straße indes zieht sich unbeeindruckt ohne eine
einzige Biegung geradeaus weiter. Jeder Autofahrer könnte hier
sein Lenkrad geradestellen, das Gaspedal blockieren und sich für
20 oder 30km seiner Fahrtätigkeit vollends entziehen. Lenken muß
ich auch nicht mehr, wenngleich das Blockieren des Gaspedals
nicht funktioniert. Ich übe mich ein wenig im Kampf gegen den
unerbittlichen Gegenwind.
Jetzt erkenne ich die Funktion der geheimnisvollen Kurven, die
einen voller Erwartung anziehen, und man so von Kurve zu Kurve
weitergereicht wird. Hier, der Geradlinigkeit, ergeben,
verschwindet die gerade Straße ohne jeglichen Überraschungen am
Horizont.
Resigniert wende ich mich ab und versuche meinen Blickwinkel,
auf meine nächste Nähe, etwa 50 bis 100m, zu beschränken. So
will ich mich z.B. von den wenigen Bäumen überraschen lassen,
ohne sie schon etwa eine zu entdecken, und dann sie anstarrenden
zu erreichen suchen.
Ungeduldig lese ich die Kilometerangaben nach Parma. Der durch
und durch graue Himmel, leichter Niesel, mäßige Temperaturen
bemühen sich inständig, meine Moral in den Keller zu bringen.
Nach fast vier Stunden eintöniger Beinarbeit erreiche ich zur
Mittagszeit Parma. Die Betriebsamkeit vor der Stadtkulisse
heitert mich wieder ein wenig auf, doch ist der depressiven
Sonne kein Lächeln oder wenigstens ein Blinzeln zu entlocken.
Meine Mittagspause fällt aufgrund der fehlendem warmen
Wohlbefinden entsprechend kurz aus.
Ab Parma entfliehe ich der trostlosen Poebene auf einer ruhigen
Landstraße. In der Ferne sind zeigen sich schon die Ausläufer
des Apenningebirges, jenes Gebirge, das ich bei meiner
Tourenplanung schlicht übersehen habe.
Erst als die Straße langsam bergauf strebt und sich die
Landschaft erhebt, bin ich von der Existenz des Gebirgszuges
restlos überzeugt. Der Szenenwechsel war bitter notwendig, um
nicht endgültig in Depression zu verfallen. Freilich ist der
Preis dafür hoch, die Kilometer lassen sich nicht mehr so
leichtfüßig abspulen, immer weiter tauche in die belaubte
Hügellandschaft ein.
Die Straße ist leer, die Dörfer meist verlassen. Parallelisiert,
der Kurbeltrance verfallen, klinke ich mich geistig und lasse
allein meine letzen Kraftreserven walten. Auch geheimnisvolle
Kurve, die hier wieder zahlreich vertreten, motivieren mich zu
keinen Spurts mehr, völlig gelassen, wie ein Fels in der
Brandung, setze ich meinen Weg langsam, aber zunächst noch
unaufhaltsam fort.
Selbst wenn ich wollte, ich keinem der Weiler würde ich eine
Übernachtungsmöglichkeit finden. Gastronomie und Unterkünfte
gibt es hier keine, ich werde lediglich einiger kleiner Bars
gewahr. Doch verschwende ich noch keinen Gedanken an die bald
drängende Quartierfrage, wie auch, ich denke ja nicht.
Endlich gelingt es mir, nicht zu denken, was weit angenehmer
ist, als wirren endlosen Gedankenkreisläufen zu verfallen. Ich
trete, also bin ich, das genügt zur Fortbewegung. Meine
schwindenden Kräfte aktivieren jedoch wieder das Gehirn aus dem
Standby-Mode. Ein weiches Wiesenstück bringt mich zum
Stillstand. Gleich neben meinem Fahrrad lasse ich mich erschöpft
nieder.
Es kostet mich Einiges an Überwindungskraft, diesen Augenblick,
mich in meinem Schwächezustand, vom Selbstaulöser meiner
Fotografiermaschine zu verewigen. Denn, was später so arglos in
den Händen des Betrachters liegt hat viel Mühe gekostet: Erst
muß der Fotoapparat so ausgerichtet werden, daß ich in der
Auslösezeit noch in den Fokus der Aufnahme geraten kann, dann
muß der Auslöser betätigt werden, ich in den Bildbereich
spurten, dort innerhalb zehn Sekunden ankommen und möglichst
ruhig und gelassen wirken.
Die Häuser des Bergdorfes Corniglio ragen unbarmherzig vor mir
herunter. Ich raffe mich wieder auf, um über leichte Serpentinen
die Gemäuer zu erreichen. Aus mir ist bald die Luft raus. Nach
dem Dorf verschnaufe ich wieder beim Auftanken meiner
Wasserflaschen an einem Brunnen.
Vom Instinkt getrieben folge ich zu Fuß einem Waldweg und stoße
schon nach kurzer Zeit auf alte Steinhäuschen. Ich wähle das als
Unterschlupf, das noch mit den größten Dachresten bedeckt ist.
Wieder beim Fahrrad am Brunnen treffe ich einen italienischen
Sportsfreund. Er verausgabt sich mit einem Rennrad bei der
Bergfahrt und erfrischt sich ebenfalls am guten Wasser.
Trotz Verständigungsschwierigkeiten ergibt sich eine ganz
lustige Unterhaltung. Bereitwillig nimmt der Rennradfahrer meine
zu italienischen Wortfetzen umfunktionierten Lateinphrasen auf.
Meine bisherigen Reisestation rufen auch bei ihm Anerkennung
hervor. Schließlich kann ich ihm noch entlocken, wie hoch und
wie weit es noch bis Paß ist. Dann wünscht er mir "fortune" und
fährt weiter. Ich ziehe mich in Ruinenbehausung zurück und
versuche verzweifelt, aus nassem Holz ein Feuer zu entfachen.
Mit der Pyromanie noch zu wenig vertraut lasse ich es gut und
bereite mir mein Mahl auf dem Benzinkocher. Ich wünsche mir eine
trockene Nacht schlafen und betrete das Reich der Träume.
Ich werde früh wach, viel zu früh. Gegen 4°°h werde ich von
prasselnden Regentropfen geweckt. Schnell breite ich meinen
Biwaksack über mich und meine Habseligkeiten aus, dann versuche
ich wieder zu schlafen.
Doch der Biwaksack denkt nicht den daran, Schaden von mir
abzuwenden. Er gibt das Wasser weiter an den Schlafsack, der
auch nicht gewillt ist, es für sich zu behalten, so daß mein
wertes auch noch Teilhaber des kalten Himmelprodukts wird. Durch
enges Einrollen versuche ich mich schließlich, dem Leck im Dach
zu entziehen. Zudem klappe ich meine Schlafunterlage ein, um dem
Tropfwasser keine Abflußrinne in meine Richtung anzubieten.
Im Halbschlaf höre ich wieder Wasser auf meinen Biwaksack
tropfen, durch erneutes Verkleinern versuche ich abermals dem
Feind zu entkommen, bis ich völlig verkrümmt, wie ein
Schlangenmensch in der Ecke liege und wirre Träumereien über
mich ergehen lasse.
Der Wecker piepst, 6°°h, ich muß wohl fest geschlafen haben, es
regnet energisch. Schnell entscheide ich mich, langsam
abzuwarten, ich verspüre nicht die geringste Lust aufzustehen.
Gegen 9°°h bin ich richtig wach, doch wirkt sich das mehr auf
das Denkvermögen als auf den Handlungsdrang aus. Ich spüre die
schmerzenden Nebenwirkungen meiner nächtlichen Verrenkungen, mit
den Lauten, die meine Ohren vermelden bin auch höchst
unzufrieden: Unaufhörlich strömt es weiter, die Wolken
engagieren sich sogar noch weiter bei ihrer
Niederschlagstätigkeit.
Was bleibt zu tun? Nichts. Ich kann nichts tun, muß die Bosheit
der Natur untätig über mich ergehen lassen. Sinnfragen drängen
sich mir auf: Warum das alles? Was hat das mit Urlaub zu tun,
gehört das nicht zu einem Überlebenstraining? Muß ich all das
erleben, nur um diesen Bericht mit Erlebnissen schmücken zu
können?
Ich erhalte keine Antworten, dafür aber weiteres Wasser von
oben. Gegen 10°° stehe ich dann doch auf, egal was der Tag noch
bringt. Als ich aus dem halbnassen Schlafsack in die total
nassen, verschwitzen, nach Raubtierkäfig stinkenden
Rad-Funktionskleidung schlüpfe, sehe ich vor der Hütte helles
Licht. Es kommt vom blauen Himmel, das tropfende Naß, kommt
ausschließlich noch den hohen Baumwipfeln, denen der Wind die
Blätter ausschüttelt. Zugegeben, ob vom Himmel oder von den
Bäumen, naß bleibt naß. Aber der Geist begreift schnell: Nichts
wie raus aus dem Wald!
Etwa um 11°°h habe mich meine einigermaßen trockenen Utensilien
verstaut, gefrühstückt und weiter geht es, wo ich gestern
aufgehört habe. Weiter, d.h. weiter bergauf, weiter mit Gewicht
im Kreuz, aber auch wieder weiter unter grauem Himmel. Der
elendige Apennin, noch vor fünf Wochen habe ich nicht gewußt,
daß es ihn gibt, es vor drei Woche nicht geglaubt, ihn gestern
noch nicht ernst genommen.
Nach einiger Schinderei erreiche ich einen Paß von 1124m Höhe,
dann geht es ein Stück auf abschüssiger Straße nach Monchio,
genau wie es der italienische Radkollege gestern beschrieben
hat. Damit auch bei der Abfahrt ja keine Freude aufkommt,
beginnt es wieder zu nieseln.
Dem Regen trotzend lasse ich mich frierend mit einer Gänsehaut
nach Monchio hinunterrollen. Zur Mittagszeit versuche ich, zwei
heißen Tee ein wenig Wärme abzugewinnen und darf die
Wirtsfamilie beim Essen beobachten. Die rauchig fauchend Mama
ist dabei Ton angebend. Bei dieser Frau möchte ich nicht in
Mißkredit geraten und warte deshalb brav mit dem Bezahlen, bis
sie fertig gegessen hat.
Noch 10km Berg liegen vor mir, dann sollte ich es geschafft
haben, wenn ich "dice kilometre" vom Wirt richtig verstanden
habe. Blöderweise habe ich vorher das Einkaufen verpaßt und
werde so zum Opfer der üblichen Siesta von 12°° bis 15°°.Bleibt
mir also nichts anderes übrig, als bald auf dem Zahnfleisch zu
fahren, die Zähne hungrig mit der Zunge abzutasten, mich
unterzuckert zu fühlen und mich dann mit meinem letzten Apfel
ruhig zu stellen. Die wenigen Ristorantes leben alle nur vom
Wintertourismus.
Rigoso, das sogar auf meiner 1 zu 500.000er Karte verzeichnet
ist, taucht endlich. Wie weit es von dort noch zum Paß ist, kann
ich der groben Touristenkarte leider nicht entnehmen. Ich dämpfe
meine Freude ein wenig, eine Vorahnung sagt mir, das kann es
noch nicht gewesen sein, tatsächlich sind es noch drei lange
Kilometer zum Passo Lagostriella.
Warum kann die Welt nicht flach sein? Sogleich fällt mir die
Antwort ein: Weil ich mich dann vielleicht gelangweilt und
unbefriedigt in der Ebene tot strampeln müßte. Da, endlich, die
Paßhöhe ist erreicht, d.h. zugleich Tod den kranken Gedanken!
Jetzt gilt es, sich die hart erarbeiteten Höhenmeter auszahlen
zu lassen. Als hätte ich die Straße heute gepachtet, rase ich,
unbehelligt von anderen Verkehrsteilnehmern, hinunter. Ach, was
kann Fahrradfahren so schön sein! Ich lasse die Wolken am Paß
zurück und gelange, von der Schwerkraft angetrieben, in
sonnigere Gefilde. Erst jetzt bin bereit, mich in den Anmut des
Gebirgszuges hüllen zu lassen.
Nach 20km tatenloser Abfahrt werde ich von der Polizei gestoppt
- aber nicht ich allein, die Straße ist für alle gesperrt.
Wenige Minuten später rasen nicht nur einige Begleitfahrzeuge
über die freie Straße, sondern auch ein dichter Pulk
Rennradfahrer, angefeuert von den zahlreichen Zuschauern am
Straßenrand. Dann werde ich fast Zeuge eines Massensturzes, als
die ehrgeizigen Wettkämpfer in einer engen Kurve drängeln. Über
den z.T. recht schlechten Teer mit dünnen prallgefüllten
Reifchen zu fegen, stelle ich mir auch nicht verlockend vor.
Bald wird die Straße wieder freigegeben und ich rolle weiter bis
Aullene, erst ab dort findet die Tretkurbel wieder Verwendung.
Dort verspüre ich fast schlagartig einen Temperaturanstieg auf
23°C - das sind angenehme Grade! Noch 10km bis zur Hafenstadt La
Spezia - Korsika, du bist so nah!
Doch selbst auf den letzen fünf Kilometern noch wollen Hügel
überwunden werden, bis ich endlich in den Hafen erreiche. Dort
kaufe ich mir gleich die Fährkarten für morgen. Dann irre ich
verzweifelt auf der Suche nach dem Stadtzentrum umher und sehe
schließlich ein, daß kein Platz in der chaotischen Stadt als
zentral gelegen bezeichnet werde könnte. Wäre ich auch heute
gewillt in ein nettes Café zu gehen, selbst diese werden mir
vorenthalten. Schließlich frage ich mich dann zu einem
Supermercato durch und esse dann an der Hafenpromenade.
Dort ist es wunderbar. Gemütlich auf einer Bank im Schatten
hoher Palmen lasse ich die Welt passieren.
Nach ein paar Eis lasse ich auch ich mir das Anlegen der Fähre
nicht entgehen. Begutachtet von zahlreichen anderen
Schaulustigen legt das monströse Stahlgetüm an der Kaimauer an.
Kurz nachdem die Ladeklappe heruntergelassen worden ist, fahren
die ersten Autos aus.
Fast schadenfroh gucke ich in die braungebrannten
Der-Urlaub-ist-zu-Ende-Gesichter; vollbepackte Wohnmobile mit
geräderten Fahrern am Steuer, fast ausschließlich Deutsche,
werden aus dem Urlaub in die, oft triste, Heimat abberufen. Wenn
das Schicksal gnädig mit ihnen ist, kommen vielleicht wenigstens
ohne Stau daheim an.
Kaum ist die Fähre leer, fahren zu meiner Verwunderung schon
wieder die ersten Autos hinein, wo sie doch erst morgen um 8:15h
ablegt. Als auch ich mein Glück probieren will, werde ich rüde
abgewiesen, da ich keine Übernachtung mitgebucht habe. So
hocherfreut über die südliche Atmosphäre hier, habe ich mir
heute Nachmittag keinen Kopf über die Übernachtung gemacht.
Zudem legt mir der Kontrolleur nahe, daß die hier ein höchst
ungünstiger Übernachtungsplatz sei, daß die Polizei ständig auf
und abfahre. Andererseits muß ich morgen früh bereits ab 7:30
wieder hier sein, so daß ich mich auch nicht weit von hier
entfernen kann. Ich beschließe also die Nacht trotzdem hier,
aber ohne Schlafsack, zu verbringen.
Die glücklichen Schlafkabineninhaber auf ser Fähre flanieren
noch bis spät in die Nacht an der Promenade entlang, so daß ich
mir die Zeit mit Zeitunglesen vertreiben muß. Erst gegen 2°°h
kehrt langsam Ruhe ein.
[Praktische Tips und genaue Daten zur Tour]
["Am Rande des Wahnsinns"]
[Zurück zur Übersicht]
[Zurück zur MTB-Page]
(C) by Florian Michahelles 1996