Von der Einsamkeit zum mondänen Treiben


Von Ajaccio nach Nizza auf Asphalt


Inhalt
Vom Insulaner zum Schildbürger Willkommen im Garten Eden

Vom Insulaner zum Schildbürger

Gegen 3°°h fängt es an zu tröpfeln, aber ich halte tapfer die Stellung unter meinem provisorischen Dach. Geschlafen habe ich bisher sowieso nicht gut. Es ist zu heiß gewesen und nun fordert der Regen meine Aufmerksamkeit. Der Biwaksack hängt stark durch, doch noch hält er dem Wasser stand.
Das Kunststück besteht nun darin, den Regenschutz ja nicht zu berühren, denn erst setzt die Dochtwirkung meines Daunenschlafsacks ein. Ich versuche mit meiner Fahrradflasche als zusätzlicher Stütze, den Abstand zwischen Schlafsack und Regenschutz zu vergrößern. Einerseits ist die Situation recht trostlos, aber andererseits bin ich erstaunt, wie sich der Biwaksack doch nützlich einsetzen läßt, bis jetzt bin ich noch trocken...
Doch als ich wieder aufwache, was eine Zeichen dafür ist, daß irgendwann doch eingeschlafen sein muß, schüttet es aus allen Wolken. An den Füßen habe ich Kontakt zur Regenhaut und damit natürlich auch direkten Kontakt zum kühlen Naß.
Die vormals trockenen Daunen haben ganze Arbeit geleistet: Das Böse ist immer und überall! Jetzt aber nichts wie weg. Wenigsten sind meine Habseligkeiten sicher in den Alu-Kisten verstaut.
Nach drei beherzten Läufen durch den strömenden Regen habe ich alles sicher untergebracht, an dem Ort, wo ich mich auf meiner Reise nun schon oft am Morgen wieder gefunden habe: Bei den Sanitäranlagen.
Als ich gegen 7°°h aufstehe regnet es nicht mehr, doch der Himmel zeigt immer noch ein sehr durchwachsenes Bild. Ich frühstücke und hänge dann den Biwaksack und den Schlafsack zum Trocknen auf. Ein tückischer Duscher läßt mich meine Habseligkeiten wieder schnell einpacken.
Just in diesem Moment kommt ein Franzose zu mir. Ich verstehe immer nur "Kaffee" und dann werde ich wieder von Französisch überschüttet. Was will der nur von mir? Schwer von Begriff mache ich ihm klar, daß ich keinen habe. Doch er läßt nicht locker und ich bin schwer von Begriff. Dann nimmt er mich verzweifelt beider Hand und führt mich zu seiner Freundin, die schon an einem gedeckten Frühstückstisch sitzt.
Ich bin tief beeindruckt von dieser reizenden Geste. Es doch noch Menschen die mit einem fühlen, freundlich werden die verschiedensten Sorten Plätzchen geboten und Kaffee eingeschenkt. Das hat er also mit "Kaffee" gemeint! Besorgt fragen mich die beiden wie ich die Nacht überstanden hätte. Die Völkerverständigung zwischen den zwei Franzosen und dem Deutschen, jeder der Sprache des anderen nicht mächtig, läuft wieder sehr stockend ab. Dann bedanke ich mich herzlich und gehe wieder zu meinem Fahrrad.
Ich kann es kaum glauben, aber dort steht mir schon die nächste Einladung bevor. Ein Deutscher mit seiner Freundin ist jetzt der Gastgeber, der mir mit heißem Tee aufwartet. Langsam finde ich an den Leuten am Campingplatz gefallen zu finden.
Gegen 10°°h verlasse ich dann den freundlichen Ort der netten Mitmenschen und mache mich auf, in Ajaccio meiner letzten Stunden auf Korsika zu frönen. Place Foch, ein belebter Platz unter hohen Palmen zwischen Altstadt und Hafen, Place Diamant, ein sehr steril herausgeputzter Treffpunkt, und das Napoleonmonument auf der Siegespyramide bleiben genauso wenig ungesehen wie die Hauptgeschäftsstraße Cours Napoleon mit ihren edlen Boutiquen, Kinos, Bistros und dem trotz einspuriger Einbahnstraße stehendem Verkehr.
Als Andenken möchte ich mir noch gerne korsische Musik auf Kassette mit nach Hause nehmen. Leider verfüge ich nicht mehr über genügend Bares. Vom Postsparbuch kann ich nur in Hunderter Beträgen haben, das ist mir zu viel.
Mir kommt die Idee auf mein DM-Barvermögen in der Schuhsohle zurück zugreifen. Es ist Samstag, die Banken haben alle konsequent geschlossen. Die Post hat offen, doch wird an deren Schaltern grundsätzlich kein Wechselgeschäft durchgeführt. Bleiben mir also nur noch die großen Hotels, die den Touristen mit großen Schildern auf ihre Wechseldienste aufmerksam machen. An dieser Stelle sollte man sich einmal das traurige Bild der Geldscheine vor Augen halten: Geschlagene vier Wochen in verschwitzen Bergstiefeln getragen, das überfordert die Farbbeständigkeit der Produkte aus der Bundesdruckereianstalten bei weitem!
Die Empfangsdame des noblen Hotels "Fesch" weißt meine "Weichwährung" in ihren grazil lackierten Fingernägeln angewidert von sich und verweigert mir Nase rümpfend das Tauschgeschäft. Wie war das Herr Vespasian, pecunia non olet?
Mittellos verzichtet ich auf die geliebte Volksmusik. Am Place Foch vertreibe ich mir dann noch die restliche Zeit, bis ich dann den Fährhafen aufsuche. Bei dem wirren Spiel der Himmelselemente, ständig erschrecken einen staccatoartige Regenschauer, bin fast ein wenig froh, die wilden Insel sich selbst überlassen zu dürfen.
Die Fähre läuft ein. Ein topmodernes Gefährt der französischen SNCM, liebevoll gepflegt, lenkt im Hafen die Aufmerksamkeit aller auf sich. Das Anlegen, das Ausfahren der Autos, die Ankunft neuer Gäste und herzliche Begrüßungsszenen geraten zu einem großen Spektakel. Das dann unmittelbar von der Abfahrt anderer Passagiere, zu denen nun auch ich zähle, abgelöst wird. Mit zahlreichen französischen Rennrad fahren rolle ich dann auf die Fähre.
An Bord des Schiffes komme ich mir fast wie auf dem Flugzeug vor. Sitzreihen mit numerierten Plätzen, Videomonitore und seriöse Stewards lassen schon einen größeren Hauch von Exklusivität aufkommen, als ich auf dem italienischen Fährschiff erlebt habe.
Die Motoren laufen an, 26.000KW setzen das Schiff, kaum hörbar, in Bewegung. Mit enormer Kraft und Geschwindigkeit peitscht die Fähre, deren Bug sich einem Rennboot gleich aus dem Wasser hebt, durch die Wellen. Stöhnende Stabilisatoren versuchen einem den Griff zum Spuckbeutel entbehrlich zu machen.
Anders als auf normalen Fähren kann man auch nur am Hinterdeck ins Freie. Der vordere Teil ist unzugänglich, man hätte mit dem aufspritzendem Wasser sicherlich auch kein Vergnügen. Während draußen ein imposantes Wolkenspiel am Himmel von statten geht, läuft drinnen auf den Monitoren ein Werbefilm über Korsika mit tollen Landschaftsaufnahmen ab. Vieles weckt schöne Erinnerungen an die Erlebnisse auf der Insel in mir, anderes nehme ich interessiert zur Kenntnis, Aufnahmen über das Cap Corse wecken in mir Pläne über weitere Erkundungen der Insel.
Nach 4h laufen wir im Hafen des mondänen Nizza ein. Am Monitor ist nun die Position der Fähre über Satellitennavigation zusehen. Der Kapitän zoomt den Kartenausschnitt immer näher, so daß sich die Manöver am Bildschirm genau verfolgen lassen.
Die grauen Schleier am Himmel verheißen nichts Gutes. Dem Aprilwetter Korsikas entronnen, komme ich wohl vom Regen in die Traufe. Gegen 19°°h habe ich wieder festen Boden unter mir.
Angesichts der einbrechenden Dämmerung und des bedrohlichen Wetters verzichte ich auf eine Stadtbesichtigung von Nizza und versuche so dem Villenwald so schnell als möglich Richtung Menton zu entfliehen. Entfliehen kann ich sicher den Stadtgrenzen Nizzas, aber kaum den Prachtbauten. Jeder Quadratzentimeter ist millionenschwer zugepflastert. Lustschlösser und Protzpaläste, von hohen Mauer vor unerwünschten Besuchern und Einblicken abgeschirmt, haben die Natur vollends verdrängt. An den Nobelhotels prangern nie weniger als drei Sterne und auf 10km Fahrt begegnen mir drei Ferraris. Nahtlos gehen die Städte, oder besser Palastansammlungen, ineinander über. Die bösen Camping- und Wohnwagen Feindschilder vor den Ortschaften, lassen in mir erst gar nicht die Versuchung aufkommen, nach Campingplätzen zu fragen.
Es wird dunkler und es dunkler, immer dringender benötige ich nun einen ruhigen Schlafplatz. Feiner Nieselregen setzt ein. Doch leider ist hier alles so nobel und in Schuß, daß ich keine verfallenen Gemäuer entdecken kann. Ständig blenden mich grelle Schriftzüge "Discotheque/ Bar". In den Jachthäfen ankert das Geld in Form von überdimensionalen Segel- und Motorjachten, das weiter draußen liegende Traumschiff fügt sich ebenfalls gut in das geldige Umfeld.
Die Zeit drängt mich immer, in der einsetzenden Dunkelheit werde ich langsam zum UFO, zum unbeleuchteten Fahrrad Objekt. Eifrig tretend lasse ich die Flanierviertel an mir vorüberziehen. Die Reichen und Schönen, ob jung, ob alt, verlassen eilends ihre Luxuskarosserien, um sich in den In-Lokalen zu vergnügen. Ich nähere mich indes gefährlich Monaco, dort brauche ich wohl überhaupt nicht mehr auf ein Asyl hoffen.
Auf und Ab an der Steil entlang gelange ich zu einem Tunnel, an dem die unmotorisierten Verkehrsteilnehmer außen auf der alten Straße vorbeifahren sollen. Dort finde ich mein Quartier: Eine überdachte Lagerstätte der Straßenmeisterei empfängt mich mit offenen Armen!
Weil ich der zwielichten Überdachung nicht ganz traue baue ich mir aus riesigen Verkehrsschildern, einem Kartenhaus gleich, mein Nachtlager. Gestärkt mit heißem Kartoffelpüree stelle ich meinen Topf zum Abspülen in den Regen und ziehe mich dann in mein Domizil zurück.

Willkommen im Garten Eden

Als ich in meinem Schilderhaus aufwache, wandert mein Blick, wie an jedem Morgen, zuerst himmelwärts: derselbe Schleier wie gestern. Zum Frühstück ist erst noch etwas Kreativität und Beschreitung neuer Wege notwendig. Meine Wasservorräte sind zur Neige gegangen und bei der nächsten Villa brauche und will ich auch nicht auf Gnade hoffen. So sauge ich mir nach bester Surviver-Manier etwas Wasser aus einer Pfütze und rühre damit Milchpulver und Müsli an.
Wieder fest im Sattel ist Kulisse um mich in etwa dieselbe wie gestern, noch immer säumen mir teure Residenzen den Weg. Doch das alles wird in Monte Carlo noch einmal um ein Vielfaches übertroffen. In dem Fürstentum, gänzlich von Menschenhand geformt, ist der Reichtum auf engsten Raum geballt. Die Straßen blitzblank gesäubert, die Häuserfassaden aufs äußerste herausgeputzt, wirkt Monte Carlo fast steril, doch die vielen Palmen und bunten Blumen geben dem Ganzen ein gewisses Flair.
Doch am Sonntagmorgen bin fast der Einzige in der noch verschlafenen Luxuswelt. Ich besuche einen Skulpturenpark. Da alles rollstuhlfreundlich mit Treppenliften, Rolltreppen und Aufzügen ausgestattet ist, habe ich es auch mit dem Fahrradrecht bequem. Die Unterirdischen Einkaufspassagen sind großzügig mit Marmor verkleidet und werden von Kameras überwacht, ob mir der Fürst gerade zu sieht?
Ich denke Platzmangel ist eines der drängendsten Probleme der Monegassen, die aufwendig in den Himmel ragenden Hochhäuser und aufwendigen Brückenkonstruktionen scheinen meine Vermutung zu bestätigen. Unten am Jachthafen wirbt der Jachtklub mit edlen Vorzeigeschiffen um neue Mitglieder, ich finde schon ein wenig gefallen an den teils antiken Segeljachten, doch trete dem Verein trotzdem nicht bei...
Ich verlasse den Hauptsitz der Reichen und Schönen wieder über steile Serpentinen, die mich über verrückte Brückenführungen über die Stadt Richtung Cap Martin führen. Zum Abschluß fährt mir noch ein funkelnder Rolls Royce entgegen, der den folgenden S-Klasse Mercedes fast kümmerlich erscheinen läßt.
Raus aus Monte Carlo heißt aber noch nicht raus in die Natur. Von dem verbauten Geld in Cap Martin geht es nahtlos nach Menton. Dort scheint es trendig zu sein, sich auf dem Rennrad sportlich zu betätigen. Viele Zweiradkollegen heben grüßend die Hand. Menton hat im Gegensatz zu den vorherigen Villenansammlungen wenigstens einen Stadtkern. Fast erleichtert rolle ich durch die Fußgängerzone und bin froh wieder in realitätsnähere Zivilisation zurückgekehrt zu sein. Ich veschleudere noch meine Francs und warte dann unter dem überdachten Grenzübergang nach Italien den Regen ab.
Dabei treffe ich auf ein deutsches Ehepaar. Die beiden sind natürlich sehr erstaunt, als ich ihnen erkläre, ich sei gerade auf dem Rückweg von Korsika zurück nach Deutschland. Wohl aufgrund vorangeschrittenen Alters setzt bei den zwei Besserwissern ein überentwickelter Beschützerinstinkt ein. Ihre Bewunderung schlägt schnell in Besorgnis um, die darin gipfelt, daß sie mich vor angeblichen Schneemassen in den Seealpen warnen.
Ich bin froh als der Regen nach läßt und ich nach Italien weiterfahren kann. Nach einem letzten Anstieg wird es flacher. Wo die breite Roia ins Meer mündet liegt Ventimiglia. Nachdem es mir kurz hinter der Grenze noch gelungen ist, bei einer Wechselstube meine Sohlenwährung in Lira zu tauschen, verfalle ich in Ventimiglia angesichts des erheblich niedrigeren Preisniveaus im Verhältnis zu Frankreich fast in Kaufrausch.
Unter einem Wolkenloch schlemme ich in den Leben versüßenden Sonnenstrahlen drei Magnums. Italien ist sowieso das Magnumland schlechthin, für umgerechnet ca. 1,80DM ist das schokoladenummantelte Vanilleeis zu haben, die Korsen haben mir dafür 5DM genommen.
Nachdem ich mich in dem Alimentari auch noch reichlich mit Nudeln, Müsli, Brot und Käse eingedeckt habe, bin ich für das voraussichtlich dreitägige Abenteuer in den Seealpen gut ausgerüstet.
An der Nervia entlang verlasse ich die Stadt Richtung Camporosso. Unterwegs finde ich noch einen netten Tankwart, der mir bereits willig meine Brennstoff-Flasche für den Benzinkocher auffüllt. Dabei versucht mir ein verkaufsfreudiger Farbiger eine Jeanshose anzudrehen. Als ich ihm unmißverständlich meinen bis zum Platzen vollgestopften Rucksack zeige, erkennt er mein Platzproblem.
Gewieft bietet er mir nun eine kleine Gürtelschnalle an, doch auch die kann ich nicht gebrauchen. Schließlich komme ich mit dem lustigen Verkäufer ins Gespräch. Ich erfahre, daß er aus Senegal ist und im Sommer mit Hosenverschachern an Geld kommen will. Das interessante am Gespräch ist, daß er einen Mischmasch aus Italienisch, Deutsch, Englisch und Französisch spricht.
Ich verabschiede mich und fahre nun voll ausgerüstet nach Camporosso. Nach einem Fehlschlag finde ich endlich die Straße hoch zu Alta Via. Die Alta Via (AV) ist ein Fernwanderweg, an dem sich meine dreitägige Tour orientieren wird.
An zahllosen Weinguten vorbei schlängelt sich die Straße in engen Kurven in die wieder hügeliger werdende Landschaft hinein. Nun kämpfe ich bereits mit den Ausläufern der Seealpen, die hohen Berge ragen erst in der Ferne in den Himmel hinein.
Wieder bin ich auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz. Leider sind die einzelnen Gehöfte alle bewohnt. So fahre ich weiter ins Ungewisse.
Doch dann finde ich eine etwas verlotterte Stichstraße, die zu einem verlassenen Gut führt. Dort finde ich auch einen überdachten Schlafplatz. Der eigentliche Höhepunkt aber ist der zugehörige Garten. Süße Feige, goldgelbe Zitronen, saftige Tomaten, knackige Weintrauben und reife Äpfel rücken mich ins Paradies.
Im Paradies ist natürlich auch die Wasserversorgung gesichert, diese Funktion übernimmt ein Brunnen mit frischem Trinkwasser. Zu allem Überfluß habe ich von meinem Schlafplatz auch noch einen fantastischen Ausblick aufs Meer.
Was braucht man mehr um glücklich zu sein?

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(C) by Florian Michahelles 1996