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Open Class - Interview mit Prof. Hromkovic

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Prof. Juraj Hromkovic


Informatik für jedermann: Die "Open Class"-Vorlesungsreihe war ein voller Erfolg


02.02.2006

Juraj Hromkovic ist seit Januar 2004 Professor für Informationstechnologie und Ausbildung an der ETH. Von Oktober 2005 bis Ende Januar 2006 fanden seine öffentlichen Vorlesungen "Open Class - Sieben Wunder der Informatik" statt, in denen er ein breites Publikum ab 15 Jahren in die Informatik einführte. Katja Abrahams befragte ihn zu seiner erfolgreichen Vortragsreihe.


Ihre "Open Class"-Vorlesungen erfreuen sich grosser Beliebtheit: Der Saal ist voll und das Publikum hängt wie gebannt an Ihren Lippen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Zuerst einmal müssen die Themen für die Zuhörer interessant sein. Sie müssen gewisse Überraschungen erleben und von Dingen hören, die für sie eigentlich unvorstellbar waren. Deshalb heisst der Titel der Vorlesungsreihe ja auch "Sieben Wunder der Informatik". Man muss dem Publikum etwas Attraktives bieten, etwas, das verblüfft und begeistert. Ein weiterer Aspekt ist die didaktische Darstellung, die mir sehr am Herzen liegt und die leider allzu oft vernachlässigt wird. Comenius, ein tschechischer Theologe und Philosoph aus dem 17. Jahrhundert, hat das wie folgt beschrieben: "Die Kunst der Didaktik ist es, das zu behandelnde Thema in so kleine Schritte wie nur möglich zu zerlegen, die sich nach und nach zu einem schlüssigen Ganzen zusammenfügen." Neben dem Aufteilen des Inhalts in mundgerechte, verdauliche Häppchen ist es sehr wichtig, das Vorwissen der Zuhörer zu berücksichtigen. Ausgehend von Dingen und Sachverhalten, die den Leuten ein Begriff sind, gehe ich allmählich zu meinem für sie völlig unbekannten Thema über. So versuche ich, jederzeit verständlich zu bleiben. Zu beurteilen, in welchem Masse mir das gelingt, überlasse ich dem Publikum.

"Wenn jemand in der Forschung tätig ist und nicht in der Lage ist, seiner Grossmutter in einfachen Sätzen zu erklären, was er den ganzen Tag lang tut und wozu es gut ist, dann versteht er nicht ganz, was er tut."

Ist es für Sie als Wissenschaftler nicht sehr schwierig, sich in einen Laien hineinzuversetzen?

Ich vertrete da folgende Meinung, die schon andere Wissenschaftler vor mir geäussert haben: Wenn jemand in der Forschung tätig ist und nicht in der Lage ist, seiner Grossmutter in einfachen Sätzen zu erklären, was er den ganzen Tag lang tut und wozu es gut ist, dann versteht er nicht ganz, was er tut. Wenn ich für meine Studierenden eine Vorlesung über ein schwieriges Thema vorbereite, ist es jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung für mich, die richtige Methode zu finden, um den Stoff so zu vermitteln, dass er auch wirklich verstanden wird. Und bei jedem Mal lernt auch der Dozent dazu und vertieft sein Verständnis für die Materie.

Nicht nur Didaktik, Wissenschaft an sich ist mit Kunst vergleichbar. Wenn ein guter Maler ein Bild malt, dann hat er eine Vorstellung, wie es am Ende aussehen soll. Selbst wenn er an winzig kleinen Details arbeitet, verliert er dabei nie die ganze Komposition aus den Augen, weil auch die Details in Harmonie mit dem Ganzen sein müssen. In Forschung und Lehre ist es genauso: Sie müssen immer darauf bedacht sein, dass die Details, die Sie erklären, nicht isoliert für sich stehen, sondern sich gut in den Gesamtzusammenhang einfügen. Das ist für mich das Geheimnis einer guten Vorlesung. Diese Kunst ist bis zu einem gewissen Grad erlernbar, allerdings eignet man sie sich nicht von heute auf morgen an.

Wie lange hat denn die Vorbereitungsphase zu Ihren "Open Class"-Vorlesungen gedauert?

In diese Vorlesungsreihe ist eigentlich meine Erfahrung der letzten 30 Jahre eingeflossen, angefangen bei meiner Studienzeit. Die Gestaltung der „Open Class“- Stunden, oder, um bei meiner Metapher zu bleiben, das Zeichnen des Bildes, hat pro Vorlesung ca. 20 Stunden in Anspruch genommen. Ich musste mir aus den breiten, komplexen Themengebieten, die ich ausgewählt habe, das herausfischen, worüber ich sprechen möchte. Dabei musste ich sehr darauf achten, dass der Inhalt einem Publikum ohne fachspezifische Vorkenntnisse zumutbar ist.

"In diese Vorlesungsreihe ist meine Erfahrung der letzten 30 Jahre eingeflossen."

Wie in Ihren regulären Vorlesungen an der ETH geben Sie Hausaufgaben auf, die bei "Open Class" natürlich freiwillig sind. Was versprechen Sie sich davon?

Wenn ich wirklich will, dass sich der Stoff in den Köpfen festigt, muss ich den Zuhörern die Möglichkeiten geben, zumindest Teile der neuen "Entdeckungen", die sie gemacht haben, in aller Ruhe nachzuvollziehen. Selbst wenn man eine sehr gute Vorlesung hält, bei der man die Studierenden die ganze Zeit auf Trab hält, sind Hausaufgaben eine sehr wichtige Ergänzung. Es bleibt einfach nicht so viel hängen, wenn man nicht selbst noch einmal das Erlernte nacharbeitet. Ein Teil der "Open Class"- Besuchern nimmt dieses Zusatzangebot trotz des grossen Zeitaufwandes wahr. Und wer nicht zur Besprechung der Hausaufgaben bleiben kann oder möchte, kann die detaillierten Lösungen der Aufgaben zu den einzelnen Vorlesungen auf der "Open Class" Website http://www.openclass.inf.ethz.ch nachlesen.

Wissen Sie eigentlich, wer da so vor Ihnen in den Bänken sitzt, wer Ihre Zuhörer sind?

Die Zuhörer sind für mich eine optimale, heterogene Mischung: Es sind viele engagierte Gymnasialschüler und Gymnasiallehrer darunter, und auch pensionierte Wissenschaftler sind vertreten. Daneben aber auch eine beträchtliche Anzahl von Interessierten, die mit Wissenschaft gar nichts zu tun haben, und das freut mich natürlich besonders!

Haben Sie vor, weitere öffentlichen Vorlesungen dieser Art zu halten?

Erst einmal möchte ich die "Open Class"-Vorlesungen schriftlich fixieren, und zwar so, dass sich der Inhalt unmittelbar selbst erschliesst und keine Interaktion mit dem Lehrer notwendig ist. Das ist mit grossem zeitlichen Aufwand verbunden, aber mir ist es sehr wichtig, Wissen an ein möglichst breites Publikum weitergeben zu können. Ausserdem habe ich bereits Einladungen erhalten, Teile der bestehenden "Open Class"-Vorträge an anderen deutschsprachigen Orten zu halten.

Stimmt es, dass Sie eine Einführung ins Programmieren für Kinder planen?

Ja, das ist richtig. Für den kommenden Herbst bereite ich einen Kurs "Open Class -Programmieren ab 10" vor, der sich an alle und insbesondere an Kinder ab 10 Jahren wendet. Der Kurs ist auch für Lehrer gut geeignet, die sich informieren möchten, wie sie das Thema sogar schon im Unterricht der Primarschule behandeln könnten. Diese Art von Veranstaltung habe ich schon mehrmals angeboten, sogar schon für Kinder ab 8 Jahren, die immer sehr begeistert waren.

Haben Sie auch schon Pläne für nächstes Jahr?

Selbstverständlich! Mir schwebt eine Vorlesungsreihe zum Thema "Abenteuer Wissenschaft" vor. Viele Leute haben den Eindruck, Wissenschaft sei per se trocken, schwer zugänglich, zu sachlich und emotionslos. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wissenschaft ist eine äusserst spannende und dynamische Angelegenheit, bei der es keine absoluten Wahrheiten gibt. Immer wieder sehen wir uns gezwungen, unsere Erkenntnisse zu korrigieren und neue Denkansätze zu entwickeln. Dieses Bild einer lebendigen Wissenschaft, die ständig in Bewegung und offen für Neues ist, möchte ich gerne vermitteln. Die Wissenschaft ist genauso stark emotional geprägt wie die Kunst: Träume, Vorstellungskraft, Wünsche und Begeisterungsfähigkeit spielen in der Forschung eine wesentliche Rolle.

Wissen Sie, ob es geplant ist, das "Open Class"-Konzept auch auf andere Departemente zu übertragen?

Das würde ich natürlich sehr begrüssen, allerdings habe ich noch von keinen konkreten Projekten gehört. Da die Vorbereitung ja sehr arbeitsintensiv ist, kann ich es meinen Kollegen auch nicht verdenken, wenn sie zögern, eine solche Aufgabe in Angriff zu nehmen. Darüber hinaus hat ja jeder Lehrende seine eigenen Vorstellungen, wie ein Konzept für eine öffentliche Vortragsreihe aussehen sollte, und da möchte ich auch niemandem die für mich passende Form aufdrängen.



Weitere Artikel zu "Open Class":

Eindrücke zur Vortragsreihe


Weiterführende Links:

Veröffentlichungen zur Rolle der Informatik im Schweizer Bildungssystem finden Sie auf der Website der Professur für Informationstechnologie und Ausbildung.

 

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