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Prof. Peter Widmayer

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Vorlesungen über Algorithmen

Peter Widmayer ist seit 14 Jahren an der ETH und unterrichtet mit Begeisterung Algorithmen. Für ihn ist klar, dass die theoretischen Grundlagen das Wichtigste im Informatikstudium sind. Es geht dabei nämlich auch ganz allgemein um die Art und Weise, wie man Probleme angeht. Diese Fähigkeit ist später weit über die Informatik hinaus von grösstem Nutzen.

March 2006

Welches ist Ihr Hauptinteressensgebiet?

Ich beschäftige mich hauptsächlich mit Algorithmen für komplexe Anwendungen – das sind Anwendungen, bei denen man viele Parameter hat, die zusammenspielen müssen, und bei denen es nicht offensichtlich ist, wie man die zu verfolgenden Ziele am besten erreicht.

War das schon immer Ihr Spezialgebiet?

Methodisch war das schon immer mein Gebiet. Die Anwendungen ändern sich natürlich. Anwendungen sind beispielsweise Verkehrssysteme, Bioinformatik oder Agenten, die in einem Netz verteilt sind und kooperieren oder auch in Konkurrenz zueinander stehen.

Halten Sie über dieses Thema auch Ihre
Vorlesungen?

Meine Vorlesungen halte ich zum grossen Teil über die Methodik, also über Algorithmen. Dabei geht es weniger um die Anwendungen.

Welche Vorlesungen halten Sie gerade jetzt?

In diesem Wintersemester halte ich nur “kleine“ Vorlesungen. Die eine ist „Webalgorithmen“, und die andere ist „Algorithmen und Datenstrukturen für externe Speicher“. Beide sind sehr spezielle Vorlesungen für Studierende im Fachstudium, also auf der Master-Stufe.

Welche der beiden Vorlesungen mögen Sie lieber?

Ich finde beide sehr spannend! Die Vorlesung über Algorithmen für externe Speicher orientiert sich sehr am rechnerisch Machbaren und an der Technologie. Es geht darum, wie man etwas unter ganz klar vorgegebenen technischen Randbedingungen macht. Die andere, die Webalgorithmen, hat auch eine fast philosophische Komponente. Hier überlegt man sich, wie man Spielregeln definiert, damit egoistische Spieler so handeln, dass im Endeffekt ein maximaler Nutzen für die Gesellschaft entsteht.

Wie wird sich die Einführung des Bachelor-/Mastersystems auf die Ausbildung auswirken?

Wir haben uns gut überlegt, was wir in den ersten drei Jahren, also während des Bachelor-Studiums, lehren wollen. Nach dem Bachelor-Abschluss werden vielleicht einige Studierende aufhören. Wenn darunter auch diejenigen sind, für die sich das Studium als zu anspruchsvoll herausgestellt hat, bedeutet das für uns, dass wir im Fachstudium auch schwierigere Dinge lehren können (bisher haben wir ja im Fachstudium alle Studierenden gehalten und versucht, sie zum Diplom zu bringen). Ich denke, dass wir mit dem neuen System vermehrt in die Tiefe gehen können.

Ist ein Informatik-Bachelor ein ganzer Informatiker?

Dem bisherigen Diplomabschluss entspricht natürlich der Master- und nicht der Bachelor-Abschluss. Der Bachelor ist also kein gleichermassen qualifizierender Informatik-Abschluss wie bisher das Diplom. Der Bachelor hat in meinen Augen eher die Rolle eines „Mobilitätsscharniers“ und nicht primär eines berufsqualifizierenden Abschlusses. Es wird sich zeigen, wie die Studierenden oder auch die Wirtschaft mit dem Bachelor umgehen.

Letzes Jahr verlieh Ihnen der VSETH die Goldene Eule, mit der Professoren ausgezeichnet wurden, die sich als Dozenten besonders verdient gemacht haben. Wie haben Sie das geschafft?

Das müssten Sie eigentlich die Studierenden fragen! Ich versuche einfach, meine eigene Freude an dem, was ich lehre, zu zeigen und den Studierenden zu vermitteln. Wenn mir das manchmal gelingt, so ist das ein grosses Glück. Ich habe mich auch sehr über die Auszeichnung gefreut!

Was halten Sie für besonders wichtig im Informatikstudium?

Die Grundlagen der Informatik sind aus meiner Sicht das Wichtigste. Bei einem Symposium der „Ingenieure für die Schweiz von morgen“ wurden Absolventen gefragt, was ihnen aus dem Studium für die berufliche Laufbahn am meisten genützt hat. Und von allen wurden die theoretischen Grundlagen genannt! Dabei geht es nicht nur darum, die Grundlagen an und für sich zu kennen, sondern auch um die Art und Weise, wie man Probleme angeht. Diese Fähigkeit ist später weit über die Informatik hinaus von grösstem Nutzen.

Warum soll man Informatik studieren?

Weil Informatik eine wahnsinnig spannende Wissenschaft ist! Informatik liefert die Grundlage für das Beherrschen von Komplexität. Man lernt, mit komplizierten Problemen systematisch umzugehen. Deshalb sagen auch manche, die Informatik sei die Querschnittsdisziplin per se, denn die Fähigkeit, Probleme anzugehen, braucht man in allen Disziplinen.

Denken Sie, dass Informatiker gute Berufsaussichten haben? Outsourcing und die billigeren Arbeitskräfte in Indien und China sind doch sicher wichtige Themen.

Das Outsourcing von Programmierarbeit ist sicher ein bedeutender Faktor. Aber man wird Informatik-Absolventen von der ETH nicht primär zum Programmieren von klar definierten Aufgaben einsetzen. ETH-Absolventen werden eher definieren und spezifizieren, was überhaupt programmiert werden soll. Solche Aufgaben kann man nicht einfach outsourcen.

Es kann sein, dass durch das Outsourcing gesamthaft weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, aber gut ausgebildete Informatiker werden immer mehr gebraucht. Ich glaube, dass es für unsere Absolventen genügend hochwertige Arbeitsplätze gibt.

Glauben Sie, dass das auch so bleiben wird?

Absolut. Ich glaube, Informatiker werden eher wieder mehr gefragt sein. Wenn man sich überlegt, wo überall “Informatik” eingesetzt wird, dann wird klar, dass man die Kontrolle über all diese “Informatik” verlieren würde, wenn man keine qualifizierten Informatiker hätte.

Die Informatik als Disziplin ist also auch noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angelangt?

Überhaupt nicht! Die Informatik fängt gerade erst an! Es gibt noch beliebig viel zu tun.

Was zum Beispiel gibt es noch zu tun?

Viele Grundfragen sind noch immer nicht gelöst! Es gibt zum Beispiel noch nicht einmal eine genaue und gute Definition dafür, was Information eigentlich ist. In der Algorithmik weiss man letztlich noch immer nicht, wie schnell welche Probleme gelöst werden können. Oder die Anwendungen: Informatikanwendungen dringen überall in unser Leben ein. Wie behalten wir diese “Informatik” im Griff, damit sie am Ende das leistet, was wir von ihr wollen?

Also ist Informatik nach wie vor spannend?

Natürlich. Kreativität ist gefragt und logisches Denken.

Wie wichtig ist die Mathematik?

Sie ist von zentraler Bedeutung.

Muss man gut sein in Mathematik, um Informatik studieren zu können?

Ja. Wichtig ist, dass man Mathematik mag. Man sollte nicht versuchen, der Mathematik auszuweichen, wenn man das tut, ist man in der Informatik gewiss nicht am richtigen Ort. Es gibt durchaus Bereiche in der Informatik, in denen man Mathematik später nur begrenzt braucht. Aber Leute, die eine Abneigung gegen diese Präzision haben, werden es sehr schwer haben.

Sie sind seit 14 Jahren an der ETH. Hat sich in diesen 14 Jahren viel geändert in Bezug auf die Informatik?

Ja, die Informatik hat sich stark verändert! Einerseits ist unser Forschungsgebiet umfassender geworden, andererseits hat sich natürlich auch die personelle Zusammensetzung des Departements verändert und damit der Schwerpunkt verschoben. Zu Zeiten von Niklaus Wirth wurde hier beispielsweise auch noch mehr Hardware gebaut. Dies geschieht heute vor allem am Departement ITET.

Ist für Sie das Verhältnis zwischen Lehre und Forschung in Ihrer Arbeit ausgewogen?

Ja, für mich persönlich stimmt das Verhältnis! Wenn ich nicht so gerne Vorlesungen halten würde, würde ich mir aber sicher eine geringere Vorlesungslast wünschen. Das ist natürlich immer ein Wettbewerb um die Zeit: Muss jemand Zeit aufwenden für die Lehre, kann er in dieser Zeit nicht forschen, und umgekehrt. Aber ich glaube nicht, dass die ETH eine schöne Universität für mich wäre, wenn ich nur forschen dürfte und nicht lehren.

Was legen Sie den Studierenden besonders ans Herz, um ein erfolgreiches Studium hinter sich zu bringen?

Die Grundlagen des Fachs sind das Zentrale. Wenn man eine Faszination für sie verspürt, sollte man dieser unbedingt nachgehen. Die Grundlagen sind das, was bleibt, wenn man nach 10 oder 20 Jahren noch Informatiker ist. Dann ist von den Anwendungen nichts mehr geblieben, aber die Art zu denken, die man erlernt hat, bleibt.

 

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© 2012 ETH Zurich | Imprint | 11 April 2006
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