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Prof. Dr. Markus Gross hält die Vorlesung "Einführung in die Graphische Datenverarbeitung". In einem Interview mit Ruth Bürkli erläutert er die Computergraphik und betont die Wichtigkeit des Grundstudiums.
10. September 2003
Welches ist Ihr Hauptinteressensgebiet?
Das ist die Graphische Datenverarbeitung oder Computergraphik. Wir beschäftigen uns damit, wie man mit dem Computer geometrische Modelle repräsentiert und Bilder davon generiert. Anwendungen dieser Technologien finden wir zum Beispiel in der Unterhaltungsindustrie, in Computerspielen, in der Visualisierung in Ingenieurswissenschaften, oder auch in der Medizin.
Halten Sie auch eine Vorlesung im kommenden Wintersemester über dieses Gebiet?
Ja, ich halte die Vorlesung "Einführung in die Graphische Datenverarbeitung" (GDV I) seit nunmehr 10 Jahren an der ETH. Sie ist nach wie vor sehr beliebt und ist mit fast 100 Studenten eine der grössten Vertiefungsvorlesungen. Die Studenten lernen hier die Grundlagen der Computergraphik kennen. Darauf aufbauend bietet das Labor für Computergraphik (CGL, www.graphics.ethz.ch) eine ganze Reihe von weiterführenden Vertiefungsvorlesungen an.
An welche Zielgruppe wenden Sie sich?
Die Vorlesung ist nach dem Grundstudium angesiedelt, richtet sich also an Studenten im Hauptstudium ab dem 5. Semester.
Und was hat man von dieser Vorlesung?
Die Studenten erhalten eine Einführung in ein sehr wichtiges Teilgebiet der Informatik, und sie lernen, wie man diese Technologien praktisch anwendet. Ein Beispiel dafür sind Benutzerschnittstellen, welche übersichtlich gestaltet und entsprechend programmiert werden müssen.Ferner umfassen viele Anwendungen Bilder, Videos oder Ton - auch diese Daten müssen verarbeitet werden. Ebenso beinhalten moderne Computerspiele dreidimensionale Szenen und Objekte – diese müssen verwaltet und auf dem Bildschirm dargestellt werden. Dies bettrifft auch die Visualisierung komplexer Zusammenhänge. All dies zu lernen ist das Ziel dieser Vorlesung.
Machen Sie auch praktische Übungen zur Vorlesung?
Ja. Man lernt in den Übungen, ganz konkret mit einem Graphik-API (Application Programming Interface) zu arbeiten. Die Studenten lernen in kleinen, abgeschlossenen Projekten eine Graphik-Anwendung gezielt zu programmieren, was im Grunde natürlich auch ein wichtiges Ziel der Vorlesung selbst ist.
Wo sehen Sie die Computergraphik innerhalb der Informatik?
Wir sind dem Institut für Wissenschaftliches Rechnen (Computational Science) angeschlossen. Das liegt im wesentlichen daran, dass wir in weiten Bereichen der Computergraphik viel mit angewandter Mathematik arbeiten und sich somit Anknüpfungspunkte an andere Forschungsgruppen im Institut ergeben.
Ein Charakteristikum der Computergraphik ist ihre grosse Spannweite. Nehmen wir zum Beispiel das Projekt Blue-C, das grösste Polyprojekt der ETH Zürich. In diesem Projekt haben wir über mehr als 3 Jahre ein komplexes Hard- und Softwaresystem entwickelt, welches kollaboratives Arbeiten über grosse Entfernungen mit Hilfe der virtuellen Realität ermöglicht. Hierbei bewegt sich der Aktionsradius der Computergraphik von der Hardware über Systemkomponenten und Middleware bis hin zur Algorithmik, die beispielsweise zur 3D Videokompression benötigt wird. Insofern sehen wir uns auch durchaus im Zentrum der Informatik; unsere Disziplin hat Querbezüge zu allen Bereichen der Informatik, nicht nur zum Wissenschaftlichem Rechnen.
Warum soll man Informatik studieren?
Traditionell hat ja immer die Mathematik für sich in Anspruch genommen, die Königin der Wissenschaften zu sein. Ich glaube, dass die Informatik in der heutigen Zeit einen ähnlichen Stellenwert einnimmt, denn es gibt wohl keine technische Disziplin mehr, die ohne solide Kenntnisse von Informatik-Grundlagen auskommt. An der ETH erbringen wir also umfangreiche Dienstleistungen gegenüber anderen Departementen. Andererseits nimmt die Informatik natürlich auch eine Schlüsselposition in der heutigen Gesellschaft des 3. Jahrtausends ein. Denn diese postindustrielle Gesellschaft ist eine Informationsgesellschaft. Information stellt insofern einen Rohstoff dar, und unser wirtschaftlicher Erfolg hängt davon ab, wie wir diesen Rohstoff verarbeiten.
Die dazu notwendigen Infrastrukturen zur Bereitstellung, Verwaltung und Filterung von Information sind entsprechend komplex und können nur durch einschlägige Experten entwickelt und verbessert werden.
Hat denn ein Informatik-Student auch gute Zukunftsperspektiven?
Es gibt in der Informatik wie auch in allen anderen Disziplinen Hochs und Tiefs auf dem Stellenmarkt. Aus persönlicher Erfahrung kann ich jedoch bestätigen, dass die Informatik in den letzten 20 Jahren recht stabil war. Wir hatten sicherlich einen Höhepunkt in den Jahren 1999/2000. Viele junge Informatiker gründeten Firmen oder schlossen sich in dieser Startup-Euphorie kleinen Softwarefirmen an. Gleichzeitig begannen auch viele Maturanden, Informatik zu studieren. Diese Entwicklung hat sich jetzt konsolidiert. Der ETH-Informatiker verfügt über eine sehr gute Reputation in der Industrie und wird nach wie vor gesucht. Insofern ist die aktuelle Situation viel gesünder als noch vor 3 Jahren. Fluktuationen am Markt und in den Anfangssalären sind in jeder Branche normal!
Ist ein Informatikstudium spannend?
Ich persönlich halte das Informatikstudium für sehr spannend, klar. Ich habe einfach Freude an der Disziplin. Wie die Studenten das sehen, ist eine andere Frage. Ich denke, dass wir in den letzten Jahren sehr viel getan haben, um das Studium spannender und abwechslungsreicher zu gestalten. Nicht zuletzt haben wir durch einige Neuberufungen innovative Themen hinzugenommen wie zum Beispiel die Verteilten Systeme oder das Ubiquitous Computing. Wir müssen allerdings auch darauf achten, dass wir im Grundstudium zeitlose Grundlagen vermitteln, die über den Zeitraum eines Informatiker-Berufslebens hinaus Gültigkeit behalten. Dies ist die Tradition und Kultur der ETH. Im Hauptstudium können wir uns dann öffnen und auch die "spannenden" und "interessanten" Themen einbringen.
Das heisst, dass auch die Kreativität erst später kommt?
Da an der ETH das Grundstudium sehr verschult ist, lässt es uns wenig Spielraum, um die Kreativität des Studenten in einer frühen Phase zu fördern. Ein grosser Vorteil dieser Verschulung ist aber, dass der Student einen sehr klaren und direkten Feedback bekommt. Man muss bedenken, dass der Übergang von der Kantonsschule zur Universität ein sehr grosser Schritt darstellt. Insofern finde ich das Konzept, welches die ETH interhalb des Grundstudiums anwendet, ideal. In diesen zwei Jahren vermitteln wir die bereits erwähnten soliden und zeitlosen Grundlagen, die ein Ingenieur benötigt. Im Hauptstudium wird dann der Kreativität mehr Platz eingeräumt; dies u.a. in Form von Semester- oder Diplomarbeiten.
Warum studieren nicht mehr Frauen Informatik?
Dies ist ein interessantes Phänomen. Ich glaube, dass das Problem in einer Art Stereotyp liegt, der gesellschaftlichen Ursprungs ist. Jungen Mädchen wird nach wie vor vermittelt, dass Mathematik oder Ingenieursdisziplinen nicht unbedingt "Frauendomänen" sind.
Ich glaube, man müsste dieser Tendenz schon früh entgegenwirken. Auch im Gymnasium müsste man mehr Werbung für unsere Disziplin betreiben und dafür sorgen, dass sie genau wie die Mathematik zum Pflichtfach an der Kantonsschulen wird. Die Situation ist wirklich dramatisch, denn man muss einfach sehen, dass uns so 50 Prozent des intellektuellen Kapitals einfach vorenthalten bleiben.
Hat Sie vielleicht ein Student oder eine Studentin kürzlich geärgert? Oder hören Sie besonders erfreuliche Äusserungen von Studenten?
Nun, da gibt es schon mal hier und da Äusserungen in beide Richtungen... aber dies ist kein Stoff für Publikationen. Generell möchte ich sagen, dass unsere Studenten vorwiegend positive Mails schreiben. Und solche Mails motivieren mich immer wieder!
Haben Sie umgekehrt eine motivierende Botschaft für unsere Studenten?
Zunächst sollte man sich vom Grundstudium nicht abschrecken lassen! Das ist einfach die Pflicht, durch die man hindurch muss. Diesen Teil des Studiums lernt man erst schätzen, wenn man lange darüber hinaus ist. Dann wird man irgendwann bemerken, dass das Erlernte eben doch sehr viel Sinn macht.
Zweitens: Wenn man das Hauptstudium erreicht hat und mit Orientierungsproblemen konfrontiert wird, dann sollte man sich einfach immer nach dem persönlichen Interesse richten. Der Spassfaktor ist hierbei von sehr grosser Bedeutung. Man sollte sich nicht zu sehr an äusseren Umständen oder Indikatoren, wie beispielsweise dem Stellenmarkt und dessen aktuellen Bedürfnissen, orientieren. Nur dann, wenn man seinen eigenen Weg geht, erzielt man auch maximalen Erfolg.
Herr Gross, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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