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Heute können wir erst einen kleinen Teil der Daten automatisiert bewältigen. Für den Grossteil der Daten jedoch gibt es noch viel zu forschen. Interview mit Prof. Donald Kossmann u. a. zum Master in Information Systems.
04. Juli 2005
Sie sind seit letztem August ordentlicher Professor an der ETH und Sie haben im vergangenen Semester bereits eine Vorlesung zum Thema Datenbanken gehalten. Liegen hier Ihre Hauptinteressen in der Forschung?
Ja, eindeutig ja. Ich werde auch weitere Vorlesungen zu diesem Thema anbieten. Im Moment sind wir aber noch dabei, unser Vorlesungsprogramm aufzubauen. Im vergangenen Sommersemester habe ich die Informationssysteme-Grundvorlesung „Einführung in Datenbanksysteme“ gehalten. Das ist eine Pflichtvorlesung im Bachelor-Studiengang. Diese werde ich auch im Sommer 2006 halten. Ansonsten sind unsere Vorlesungen Focus- und Vertiefungsvorlesungen für den Pilot-Master in Information Systems .Im Wintersemester bieten wir „XML und Datenbanken“ und „Architektur und Implementie-rung von Datenbanksystemen“ an.
Richten sich diese Vorlesungen nur an Studierende für einen Master in Information Systems?
Die Focus- und Vertiefungsvorlesungen sind natürlich für diesen Master ausgelegt. Aber ich denke, dass die Vorlesungen auch für Studierende anderer Pilot-Master relevant sind. Generell für alle Studierende, die Spaß an praktischer, systemorientierter Informatik haben.
Welche Vorlesungen sind Voraussetzung oder empfehlenswert, bevor jemand zu ihnen in diese beiden Vorlesungen kommt?
Was wir auf jeden Fall verlangen, ist das Kernfach „Informationssysteme“, das sollten die Studierenden im Bachelor gehört haben. Ansonsten setzen wir innerhalb des Masters nichts voraus. Die Vorlesungen kann man also direkt am Anfang im Master hören.
Wie motiviert sind ihre Studentinnen/Studenten?
Die „Einführung in Datenbanksysteme“ ist ja eine Pflichtvorlesung und die müssen die Studierenden hören, aber ich habe schon den Eindruck, dass es ihnen auch Spass macht. Von den vielen Pflichtvorlesungen ist diese vielleicht diejenige, die am praxisnächsten ist. Im Rahmen eines kleinen Projektes bauen die Studierenden eine kleine Webanwendung und von dem, was ich gehört habe, bringt ihnen das schon etwas.
Und ihnen macht es auch Spass, diese Grundvorlesung zu halten?
Ja, sonst hätte ich diesen Beruf nicht gewählt. Ich arbeite sehr gerne mit Studentinnen und Studenten und ich hoffe natürlich, dass es dann im Master auch Spass machen wird. Eigentlich sind Informationssysteme ein Gebiet, das traditionell bei Studentinnen und Studenten sehr beliebt ist.
Da ich hier neu bin und wir unser Vorlesungsprogramm gerade erst aufbauen, versuchen wir natürlich genau das zu machen, was wir gerne machen. Das ist eines der schönen Dinge an der ETH: wir Dozenten haben wirklich große Freiheiten. Den Pilot-Master in Informationssysteme, den es ja vorher noch nicht gab, haben wir natürlich genau so gestaltet, dass es uns Spass macht und hoffentlich auch den Studierenden viel bringt.
Was ist denn so besonders spannend an Datenbankensystemen?
Nun, ein Schlagwort ist natürlich die „Informationsgesellschaft“ – dazu braucht man Datenbanken. Im Moment sind ungefähr 10 % – 15 % der Daten in relationalen Datenbanken, welche wir relativ gut verstanden haben. Aber die restlichen 85 % anderen Daten haben wir noch nicht unter Kontrolle. Was ich damit meine: z.B. in einem Geschäftsbericht, der als Word-Dokument vorliegt, sollen alle Franken-Beträge durch Euro-Beträge ersetzt werden. Z. Z. muss man durch das gesamte Word-Dokument gehen, um dies händisch auszuführen. Und das muss wesentlich verbessert werden. Wir hoffen, dass wir Technologien entwickeln, um solche Probleme einfach und automatisiert zu bewältigen. Also im Grunde kann man heute sagen, 10% -15 % der Daten, in die man investiert hat, die man schön strukturiert hat und in einem relationalen Datenbanksystem gespeichert hat, können wir sehr gut beherrschen. Alles andere ist totaler Wildwuchs und wächst über uns hinaus.
Wir versuchen den Studierenden beizubringen, wie man die Daten richtig modelliert, wie man diese Software effizient macht ..., dass man ... beides ... auch noch in 10 bis 20 Jahren oder noch viel später verwenden kann.
Und welche Vorteile für das weitere Studium bzw. in der späteren Praxis haben die Studierenden, wenn sie diese Vorlesungen besucht haben?
Wir glauben, dass gerade in der Schweiz dieses Fachgebiet sehr wichtig ist, weil die Schweiz sehr dienstleistungsorientiert ist. Die meisten Dienstleistungen brauchen Information, ganz offensichtlich ist dies bei den Banken, Versicherungen und dem Tourismus, aber es gilt auch für die Forschung. In der Chemieforschung z. B. fallen sehr viele Daten an. Ja, wir sind natürlich schon davon überzeugt, dass die Studenten, die diese Richtung wählen, sehr gute berufliche Chancen und auch sehr grosse Gestaltungsmöglichkeiten haben. Man kann wirklich etwas bewegen. Heute entsteht in diesem Bereich sehr viel Software. Jeder baut seine eigene Welt. Wir versuchen den Studierenden beizubringen, wie man die Daten richtig modelliert, wie man diese Software effizient macht und wie man sie so macht, dass man die Daten und die Software auch noch in 10 bis 20 Jahren oder noch viel später verwenden kann. Das ist etwas, was nicht so viele können. Aber das lernt man hier an der ETH.
Was halten sie im Informatikstudium für besonders wichtig?
Ich glaube, dass die Informatik ein betreuungsintensives Fach ist. Und ich halte es für sehr wichtig, dass die Studierenden später durch Labs oder durch Practica sehr eng betreut werden. D. h. dass sie oft die Professoren sehen und auch sehr eng mit den Assistenten zusammenarbeiten sollten. Das sehe ich immer noch als sehr wichtig an. Ich glaube, Informatik kann man sehr schlecht als Fernstudium machen. Denken sie an die Medizin, da muss man auch mal einen Patienten gesehen haben. Das ist in der Informatik ebenfalls so. Und – das wurde schon verschiedentlich gesagt - man muss sehr gute Grundlagen haben, z.B. die mathematischen Grundlagen müssen stimmen. Dieses formale Denken muss geschult werden.
Welche Begabungen sollte man denn mitbringen, um erfolgreiche/r Informatiker/in zu werden?
Nun, Mathematik und auch Kreativität erachte ich als wichtig! Und besonders die Teamfähigkeit! Die ist zentral. Es ist in der Informatik heute praktisch nichts mehr alleine machbar. Eine der schönen Sachen an der Uni ist ja, dass man dort andere Leute kennen lernt. Es bilden sich hoffentlich Freundschaften und Netzwerke und vielleicht auch Teams für die Zukunft.
Ist die ETH eigentlich ein guter Ort, um Informatiker zu werden?
Ja, sonst wäre ich auch nicht hierhin gekommen. Die ETH ist sehr gut ausgestattet, man hat hier ein sehr gutes Betreuungsverhältnis, d. h. es ist nicht so wie andernorts, dass auf 200 Studenten ein Professor kommt, sondern fast das Gegenteil. Und das ist eine sehr wichtige Voraussetzung, wie ich bereits erwähnt habe. Was an der ETH auch besonders gut ist, ist die Internationalität. Das ist gerade in der Informatik von grossem Vorteil. Es gibt ja kaum eine Wissenschaft, die so globalisiert ist. Man muss heute mit den USA und zunehmend auch mit Asien Schritt halten - und das können wir an der ETH sehr gut.
Wie wird sich die Informatik denn generell entwickeln? Ich denke da auch an ihren Forschungsbereich!
Wie sich die Informatik entwickeln wird, welche Riesendurchbrüche kommen, ist wohl nicht voraussehbar. Ich glaube, wir sind immer noch im Pionierstadium, noch sehr, sehr am Anfang. Die Probleme, die wir heute haben, die werden in 10 Jahren als lächerlich betrachtet. In meinem Gebiet ist es ganz klar, wir müssen die Riesen-Datenflut beherrschen lernen und das hat man derzeit noch überhaupt nicht im Griff. Wissen sie z.B. von jedem Foto, wann und wo sie es aufgenommen haben?
Die ETH geniesst einen sehr guten Ruf, aber man hört auch die Kritik, sie sei so verschult! Wie beurteilen sie das?
Also ich kenne diese Kritik nicht. Man muss beachten, dass wir gerade in einem Systemwechsel sind. Das Bachelor-Studium ist in der Tat verschult und das wird auch so bleiben, was ich für gut halte. Ich finde es richtig, weil durch die Verschulung können die Studentinnen und Studenten sehr effizient grosse Mengen an Stoff lernen. Im Master werden die Studierenden dann aber sehr viel freier sein. So gibt es eine gute Mischung: im Bachelor verschult, mit sehr viel Information in kurzer Zeit – und im Master viel Freiheiten, dafür dann vielleicht etwas weniger Information in Bezug zur Zeit. Ich bin überzeugt, dass man so zu einer sehr guten und kompletten Ausbildung kommt.
Werden die Studierenden der Informatik gut auf das spätere Berufsleben vorbereitet?
Ja, ich denke schon. Soweit ich das sehe, bemühen wir uns alle sehr, sowohl die guten, dauerhaften Grundlagen zu legen, als natürlich auch aktuellen und praxisrelevanten Stoff zu vermitteln, damit unsere Studierenden nicht im Elfenbeinturm sitzen. Und ich denke, bei allen Kollegen sind die Bereitschaft, der Wille und auch das Verständnis hierfür da.
Welche Frage oder Äusserung einer Studentin/eines Studenten hat sie kürzlich gefreut oder geärgert?
Da kann ich nichts Konkretes nennen. Im Moment sind wir mit den Studenten noch in Diskussion; die waren im vergangenen Sommersemester sehr gefordert. Was mich sehr positiv überraschte war, wie engagiert die Studenten hier sind – die kommen immer zur Vorlesung und machen mit. Ich habe einen sehr offenen Vorlesungsstil und ich stelle in der Vorlesung auch Fragen – es wird eigentlich ganz gut mitgemacht und das hat mich sehr gefreut. Die StudentInnen hier sind im Durchschnitt - wenn man so vergleicht - sehr viel engagierter als an den Universitäten, an denen ich in Deutschland bisher war.
Haben sie zum Abschluss eine Empfehlung für die gegenwärtigen oder zukünftigen Studierenden der Informatik?
Ich denke, wenn man Informatik studiert, ist es sehr wichtig, dass man Freude und Spass daran hat, etwas zu gestalten, etwas aufzubauen. Und diesen Spass sollten die Studentinnen und Studenten kultivieren – sich nicht nehmen lassen, sondern noch ausbauen. Und sie sollen es halt einfach machen. Es ist doch schön: an der Uni werden Fehler in der Regel nicht bestraft – später schon. Deshalb sollen sie hier die Sachen einfach machen und hier die Fehler machen – dann wird schon alles gut werden.
Herr Kossmann, wir danken ihnen für dieses Gespräch!
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