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Prof. Juraj Hromkovic

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Prof. Juraj Hromkovic

Nach 14 Jahren an Universitäten in Paderborn, Kiel und Aachen ist Prof. Juraj Hromkovic im Januar 2004 als Professor für Informationstechnologie und Ausbildung an die ETH gekommen. Durch ihn erhält das Thema Didaktik am Departement Informatik eine neue Bedeutung. Zudem verfolgt er das ehrgeizige Ziel, das Bild der Informatik in der Öffentlichkeit grundlegend zu ändern. Prof. Hromkovic im Gespräch mit Ruth Bürkli.

12. Februar 2004

Warum sind Sie an die ETH gekommen?

Nun, die ETH hat einen sehr guten Ruf, und ich war natürlich sofort interessiert, als ich angefragt wurde.

Haben Sie sich einem Institut angeschlossen?

Nein, ich bin eine selbstständige Professur. Ich glaube, dass das auch richtig ist, da ich hier eine Aufgabe habe, die in kein Institut passt. Ich werde Informatik-Lehrer ausbilden, Öffentlichkeitsarbeit leisten, Kontakte mit Lehrern und Schulen knüpfen, usw. Ich werde auch versuchen, Gymnasiasten und Gymnasiastinnen zur Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten an der ETH zu motivieren.

Welche Pläne haben Sie, die Sie verwirklichen wollen?

Einerseits möchte ich natürlich in meinem Forschungsbereich, der Theoretischen Informatik, einige Vertiefungskurse anbieten. Andererseits ist mein Hauptziel, eine gute Didaktik-Ausbildung für Informatiker, die Informatik-Lehrer werden wollen, anzubieten. Eine andere Hauptaufgabe ist, das Bild der Informatik in der Öffentlichkeit zu ändern, wo leider falsche Vorstellungen von der Informatik vorherrschen. Und dann möchte ich mit der Zeit erreichen, dass die Informatik auch im Gymnasium unterrichtet wird. Das ist eigentlich die Hauptherausforderung!

Wie sind Sie als theoretischer Informatiker auf die Didaktik gekommen?

Ich hatte in Aachen in den letzten Jahren Vorlesungen für 500 Studierende. Diese Vorlesungen muss man ganz anders angehen als Vorlesungen, bei denen man 30 interessierte Spezialisten in der Klasse hat. Da begann mich die Frage, wie man eine so grosse Anzahl von Informatik-Studierenden fair behandeln kann, zu interessieren.

Halten Sie im kommenden Sommersemester schon eine Vorlesung?

Im Sommersemester fange ich noch nicht mit der Didaktik an, sondern ich halte eine Vorlesung in Komplexitätstheorie. Diese Vorlesung behandelt einen mathematischen Teil der Informatik. Sie ist an Studierende in den letzten Semestern und auch an die Doktorierenden gerichtet, ist also wirklich ein Spezialgebiet.

Mein Ziel ist, Grundsätze darüber herauszuarbeiten, wie die Informatiklehre an den Schulen aussehen sollte, d.h. wie man Kindern Informatik beibringen kann.

Wann beginnen Sie mit der Didaktik?

Mit der Didaktik beginne ich im Wintersemester 2004/2005. Ich werde eine Vorlesung für Informatik-Studierende halten, die eine Zusatzqualifikation im Unterrichten von Informatik erreichen wollen. Das wird eine ganz neue Vorlesung sein. Mein Ziel ist, Grundsätze darüber herauszuarbeiten, wie die Informatiklehre an den Schulen aussehen sollte, d.h. wie man Kindern Informatik beibringen kann. Es geht also nicht nur allein um die Didaktik, sondern um das ganze System wie Training, Hausaufgaben oder Unterlagen.

Ist die Vorlesung nur für Studierende der Informatik gedacht?

In erster Linie ja, aber ich richte mich auch an Mathematiker.

Sind für Sie Mathematik und Informatik sehr eng verbunden?

Sagen wir es so: Aus der Elektrotechnik kommen die Computer, die Hardware, und aus der Mathematik die formalen Sprachen und Methoden. Informatik hat sich aber zur selbstständigen Disziplin entwickelt, und sie ist nicht der allgemeinen Abstraktion, sondern konkreten Problemstellungen der Informationsverarbeitung gewidmet. Durch diese praxisbezogene Motivation unternimmt sie sogar eigene mathematische Forschung und hat die Mathematik wesentlich bereichert.

Haben Sie mit Mathematik begonnen oder mit Informatik?

Ich habe Informatik schon am Gymnasium gelernt. Sehr intensiv sogar – wir hatten sechs Stunden Informatik pro Woche. Das war in den 70er Jahren, in der damaligen Tschechoslovakei.

Wurde die Wichtigkeit der Informatik schon zu jener Zeit erkannt?

In den 70er Jahren herrschte dort noch Kommunismus. Das waren keine gute Zeiten, aber wenn man etwas ideologisch durchsetzen konnte, dann wurden auch entsprechende Voraussetzungen geschaffen. Ich weiss nicht, wem das zu verdanken war, aber auf einmal war die Informatik ideologisch sehr wichtig, und somit auch das entsprechende Angebot in den Schulen. Wir hatten die modernsten Studienpläne, eingeführt von Leuten, die sich in den USA ausbilden konnten. Ich denke, wir hatten in den 70er Jahren wirklich eine sehr hochstehende Informatik.

Dann waren Sie eigentlich von Anfang an auf Informatik ausgerichtet?

Ja. Die Studienpläne, die wir vor 30 Jahren auf dem Gymnasium hatten, gingen tiefer in die Informatik hinein, als man sich das heute für die Schulen hier vorzustellen wagt.

In der Informatik kann man von der reinen Theorie zur Lösung ganz aktueller praktischer Probleme kommen.

Wollen Sie damit sagen, dass Ihnen für unsere Schulen ein 30-jähriges System vorschwebt?

Nun... meine Vorstellung ist, dass die Informatik genau wie die Mathematik oder die Physik eine Basiswissenschaft ist, die unsere Weltanschauung beeinflusst. Bis anhin wurde dies in der Informatik nicht vermittelt. Das möchte ich unbedingt ändern. Auf der anderen Seite soll man Informatik auch als eine Ingenieurwissenschaft verstehen, eine angewandte Wissenschaft also, die praktische Probleme löst. Das ist ja genau die Stärke der Informatik: Dass sie eine Kombination von Grund- und Ingenieurswissenschaften ist. In der Informatik kann man von der reinen Theorie eine Brücke zu aktuellen praktischen Problemlösungen schlagen. Somit ist in der Informatik die Interdisziplinarität auf natürliche Weise entstanden.

War die Informatik in der damaligen Tschekoslowakei auch so eine Männerdomäne?

Nein, überhaupt nicht! Als ich Informatik studierte, war das Verhältnis etwa 50/50. In Italien oder Spanien ist das Verhältnis auch viel ausgewogener als hier. Ich glaube, dieses ist speziell im deutschen Sprachraum so männerlastig . Ich denke, das kommt nicht von der Informatik selbst, sondern ist ein gesellschaftliches Problem. Hier nimmt man offensichtlich an, dass die Informatik nicht zu Frauen passt.

Das ist auch immer wieder ein Thema: Es gibt so wenige Frauen hier...

Das hat meiner Ansicht nach zwei Gründe. Erstens liegt es am gesellschaftlichen Klima. Kinder lernen von klein auf, dass technische Wissenschaften nicht der Rolle der Frau entsprechen. Um ein Umdenken zu bewirken, müsste man also schon sehr früh, in der Grundschule nämlich, einsetzen. Und zweitens liegt es an der Art, wie unterrichtet wird. Didaktisch ist der Unterricht auf Jungen ausgerichtet und nicht auf Mädchen. Ich selbst habe entsprechende Konzepte an der Grundschule ausprobiert. Es stellte sich heraus, dass die Mädchen zum Beispiel im Programmieren überhaupt nicht schlechter waren als die Jungen. Die Mädchen wollen immer mit System vorgehen und erst loslegen, wenn sie alles begriffen haben. Dann liefern sie tolles, professionelles Handwerk. Die Jungen hingegen wollen gleich jede Idee ausprobieren und basteln herum, bis sie zu einem Resultat kommen. Wenn also der Unterricht so aufgebaut ist, dass man viel improvisieren muss, dann wird das Fach eine Domäne der Jungen, während die Mädchen frustriert davonlaufen. Tatsache ist, dass Mädchen unter den richtigen Voraussetzungen oft besser abschneiden, weil sie präziser und strukturierter vorgehen. Daher bin ich schon ein grosser Kritiker davon, wie der Unterricht teilweise gestaltet ist, und ich betrachte es als eine grosse Herausforderung, hier etwas verändern zu können.

Man hört immer, dass die ETH eine der besten Universitäten sei. Sehen Sie das auch so?

Ja natürlich, das sehe ich auch so. Das ist auch einer der Gründe, warum ich hier bin. Ich halte die ETH schon für die beste Universität auf dem Alten Kontinent.

Und weshalb?

Es sind wirklich hervorragende Wissenschaftler hier tätig. Ich meine jetzt nicht nur die Nobelpreisträger. Das liegt wohl einerseits daran, dass die ETH eine sehr aktive Personalpolitik betreibt. Andererseits verfolgt die ETH noch Grundsätze, die wirklich grosse Freiheit in der Forschung ermöglichen. Auch muss man hier nicht einen Grossteil seiner Zeit für Verwaltungsaufgaben aufwenden, was ein typisches Problem der deutschen Universitäten ist. Dort müssen viele Professoren eher Manager sein als Forscher. Was ich vielleicht kritisieren muss, aber das ist jetzt zu Beginn etwas schwierig zu beurteilen, ist, dass die Lehre ein bisschen zu verschult ist.

Was meinen Sie mit 'verschult'?

Nun, es gibt mehr Wochenstunden, die die Studierenden besuchen müssen, als es gesund ist. Sie haben gar nicht die Zeit, sich mit dem Stoff richtig auseinander zu setzen. Man kann den Studierenden nicht genügend Hausaufgaben geben und sie kontrollieren. Das Tempo ist zu hoch, man geht zu forsch mit dem Stoff um, als dass man ihn wirklich professionell und eingehend behandeln könnte. Ausserdem gibt es zu viele Pflicht- und zu wenige Wahlstunden. Ich halte die Wahl für sehr wichtig. Durch mehr Wahlfreiheit werden auch die Dozierenden in Konkurrenz zueinander gestellt: Wer gute Themen anbietet, der hat viele Studierende. Wenn man zuviele Pflichtveranstaltungen hat, leidet letztendlich die Fachrichtung.

Würden Sie denn sagen, dass die Studienabgänger der ETH nicht unbedingt die besten sind?

Doch, ich glaube schon, dass sie gut sind. Es sind ja wirklich viele gute Fachleute hier, und ausserdem bewirkt der starke Druck, dass die Studierenden sehr viel leisten müssen. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie noch besser sein könnten, wenn man mehr Freiheit in die Lehre bringen würde. Man könnte den direkten Unterricht reduzieren und die Anforderungen an das selbstständige Arbeiten mit dem Stoff erhöhen.

Die Grundlagen werden sehr detailliert und eingehend vermittelt.

Jeder der Professoren hat eine eigene Vorstellung davon, was ein angehender Fachmann wissen muss, und die Summe dieser Vorstellungen ist natürlich sehr gross. Das bedeutet, dass auch der Stoff, der vermittelt werden soll, sehr umfangreich ist. Ich bin der Meinung, dass es einen Kern an Grundwissen gibt, der auf jeden Fall vermittelt werden soll, aber dieser Kern ist viel kleiner, als das zur Zeit praktiziert wird. Ausserdem halte ich die Anzahl Themen, die die Studierenden hören sollen, für weit weniger wichtig als die Tiefe, mit der sie verarbeitet werden. Ich halte es für problematisch, 30 Wochenstunden direkte Lehre zu haben. Bei einer so grossen Anzahl kann man den Studierenden noch zehn, den besonders aktiven höchstens zwanzig zusätzliche Stunden zumuten. Das kann nicht dazu reichen, die Menge des Stoffes nochmals durchzugehen und zu vertiefen. Ich bin deshalb dafür, die direkte Lehre in ihrem Umfang zu reduzieren und dafür mehr Hausaufgaben zu geben.

Denken Sie denn, Sie können diesbezüglich etwas ändern an der ETH?

Das sind natürlich Dinge, die sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern lassen. Die Art, wie unterrichtet wird, hat eine lange Tradition, und ich glaube, dass es viel Zeit für Diskussionen und vielleicht Versuchen braucht, bis sich wirklich etwas ändern lässt.

Werden Sie diskutieren?

Ich habe natürlich schon damit begonnen!

Was können Dozierende tun, um die Qualität der Vorlesungen zu verbessern?

Es ist erfahrungsgemäss sehr wertvoll, die gesamte Vorlesung inklusive informelle Konzepte und Gedanken schriftlich festzuhalten und den Studierenden zur Verfügung zu stellen. Ich selbst habe Hunderte von Stunden in die Verarbeitung meiner Vorlesungen investiert, und ich glaube, dass dies die Qualität der Stoffvermittlung jeweils enorm verbessert hat. So haben die Studierenden eine fast vollständige Iteration der Vorlesung, so dass sie sich vor der Vorlesung und jederzeit danach mit dem behandelten Thema intensiv auseinandersetzen können.

Arbeiten Sie mit bestimmten Professoren enger zusammen?

Dies hat sich noch nicht so genau herauskristallisiert, dazu bin ich noch zu kurz da. Wissenschaftlich werde ich bestimmt mit den Kollegen von der Theoretischen Informatik eng zusammenarbeiten. Aber mir ist natürlich auch sehr wichtig, Kollegen zu gewinnen, die daran mitarbeiten, das Bild der Informatik in der Öffentlichkeit zu ändern. In diesem Bereich gibt es sehr viel zu tun. Wir müssen Vorträge halten an verschiedenen Institutionen und Schulen. Im nächsten Wintersemester möchte ich zudem eine Veranstaltung für die Öffentlichkeit organisieren, in der ich die Informatik vorstelle, und zwar so, dass man auch ohne Vorkenntnisse versteht, was Informatik ist und was ihre Kerngebiete sind. Ich möchte auch Kinder einladen. Man könnte ihnen einfache Aufgaben geben, die sie zu Hause schriftlich lösen und an uns einschicken können.

Sie möchten also einiges bewegen. Wir wünschen Ihnen dazu viel Glück und Erfolg!

Danke! Ich hoffe natürlich, dass sich sowohl Dozierende wie auch Studierende begeistern lassen werden..

 

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© 2010 ETH Zurich | Imprint | 30 May 2006
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