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Prof. Hans Hinterberger

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Prof. Hans Hinterberger

Vorlesung "Einsatz von Informatikmitteln"

Managing Large Amounts of Scientific Data

Prof. Hans Hinterberger: Ein Informatiker für die Nichtinformatiker! Warum eine solide Informatikausbildung für Naturwissenschaftler immer wichtiger wird, erläutert er im Gespräch mit Ruth Bürkli.

18. November 2003

Welches ist Ihr Hauptinteressensgebiet in der Forschung?

Das ist - oder war ursprünglich - das Gebiet der mehrdimensionalen Daten, deren Verwaltung und Visualisierung. Aber seit ich die Grundvorlesungen in Informatik für Naturwissenschaftler übernommen habe, interessiert mich vor allem, wie man Nichtinformatikern Informatik so vermitteln kann, dass sie das Gelernte auch einsetzen können, mehr wissen möchten und fähig sind, mit Informatikern zu kommunizieren.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Nichtinformatikern? Ist es schwierig, diesen Informatik beizubringen?

Es ist nicht immer einfach. Man findet eine sehr grosse Bandbreite an Vorwissen, das die Leute mitbringen, und sehr unterschiedliche Motivationen. Wir haben Studierende, die bereits programmieren können, und andere, hinter deren Desinteresse sogar eine latente Technikfeindlichkeit durchschimmert. Es geht vor allem darum, das Selbstvertrauen der Studierenden zu fördern. Sie sollen nicht denken, Informatik sei etwas, das sie sowieso nicht verstehen und nie begreifen werden, sondern sie sollen Erfahrungen machen können, dank denen sie sich zutrauen, sich selber in Informatik weiterzubilden und aktiv zu werden.

Und wofür brauchen die Leute, die zu Ihnen in die Vorlesung kommen, Informatik?

Alle arbeiten während des Studiums und auch nachher mit Computern. Sie sollten deshalb Konzepte kennen lernen, die hinter verschiedenen Informatikmitteln stehen. Beispielsweise lernen sie, Daten über das Internet zu transferieren, mit Tabellenkalkulation Simulationen auszuführen, wie man Daten mit relationalen Datenbanken verwaltet, oder, schon fortgeschritten, wie man Makroprogamme schreibt. Weil sie mit wissenschaftlichen Daten arbeiten, müssen sie verstehen, was multivariate Daten sind und entsprechende Visualisierungsmethoden für die erkundende Datenanalyse kennen.

Richten Sie die Vorlesung speziell auf die verschiedenen Fachrichtungen aus?

Nein, nicht individuell, aber in der Gesamtheit unterscheidet sie sich von Vorlesungen, die auf Ingenieure oder Mathermatiker ausgerichtet sind. In der Vorlesung "Einsatz von Informatikmitteln" lernen die Studierenden, den Computer als Informationsarbeitsplatz zu nutzen.

Haben denn Studierende aus den unterschiedlichen Fachrichtungen nicht auch unterschiedliche Bedürfnisse?

Das ist richtig. Aber das berücksichtigen wir in den Übungen. In der Vorlesung geht es primär um konzeptionelle Themen, die in jedem Fachgebiet die gleichen sind. In den Übungen verwenden wir Beispiele aus den verschiedenen Fachbereichen. Die grossen Unterschiede liegen in der Verschiedenheit der Vorbildung. Um diese aufzufangen, haben wir begonnen, computergestütztes Lernen einzusetzen und haben damit grossen Erfolg. Die Studierenden sind motivierter und lernen mehr. Sie arbeiten grundsätzlich selbstständig, haben aber natürlich die Möglichkeit, Betreuung durch die Assistierenden zu beanspruchen. Eine gelöste Aufgabe müssen sie den Assistierenden vorlegen und demonstrieren. Dies gibt den Studierenden die Möglichkeit, jemandem zu zeigen, was sie gelernt haben. Und wir verfügen über eine gewisse Qualitätskontrolle und sehen, ob sie das verstanden haben, was wir beabsichtigten und auch, ob sie die Aufgabe selber gelöst haben.

Wie sind Sie darauf gekommen, mehr für Nichtinformatiker zu tun als für Informatiker?

Im Rahmen meiner ursprünglichen Forschungstätigkeit fiel mir im Laufe der Jahre auf, dass Informatiker und Naturwissenschaftler mehrheitlich aneinander vorbei redeten. Ich realisierte, wie wichtig eine solide und zweckgebundene Informatikausbildung im Hochschulstudium ist, damit eine sinnvolle Kommunikation möglich wird. Das bedingt natürlich eine gewisse Anpassung des Informatikers an die Bedürfnisse der Nichtinformatiker. Um Dienstleistungsvorlesungen reissen sich Dozierende in der Regel nicht. Auch die Informatiker sind keine Ausnahme. Als ich Ende der 80er Jahre gefragt wurde, ob ich die Informatik für die Naturwissenschaften übernehmen würde, betrachtete ich dies als eine Herausforderung, diesen Unterricht neu zu strukturieren. Übrigens tue ich als Studiendelegierter und als Mobilitätsberater auch einiges für die Informatiker.

Was haben sie gegen Dienstleistungsvorlesungen? Werden die Dozierenden als abtrünnig betrachtet?

Nein, ich hoffe nicht. Man war der Ansicht, dass die Informatik von unseren Kunden-Studiengängen nicht ernst genommen wird; sie wurde, von gewissen Ausnahmen abgesehen, auch nicht geprüft, also wieso sich Zeit dafür nehmen? Dozenten, die Informatik geben "mussten", machten aus der Vorlesung oft ein "Informatik Light", das aber die Bedürfnisse dieser Studierenden zu wenig berücksichtigte.

Wie sehen Sie die Zukunft?

Ich glaube, es wird immer wichtiger, dass die Naturwissenschaftler eine solide Informatikausbildung bekommen und dass das Angebot unseres Departements in diesem Bereich ausgebaut werden sollte. Im Zusammenhang mit der Bachelor-/Master-Refom könnte man zum Beispiel auch einen Informatik-Minor anbieten, aufbauend auf dem, was in den ersten zwei Semestern gelehrt wird. Natürlich ist das Thema auch interessant im Hinblick auf interdisziplinäre Studiengänge wie z.B. Computational Biology oder Geoinformatik.

Werden die Naturwissenschaften durch die Informatik nicht etwas mathematiklastig?

Nein, weil diese Studierenden Mathematikvorlesungen des Dept. Mathematik besuchen, behandeln wir in unserer Vorlesung bewusst keine mathematischen Themen. Auch Computeralgebra oder Statistik kommt bei uns nicht vor. In der Zeit, die wir zur Verfügung haben, wollen wir erreichen, dass die Studierendenen mit elementaren Prinzipien und Methoden der Informatik vertraut werden. Wir wollen in erster Linie, dass sie sich zutrauen, mit Computern selbstständig umzugehen und mit Informatikern zu kommunizieren.

Wie hoch ist bei Ihnen der Frauenanteil?

Fächer wie Biologie oder Bewegungswissenschaften und Sport haben einen hohen Frauenanteil, ich schätze etwa 50%, in der Pharmazie ist es sogar 80%.

In der Informatik ist der Frauenanteil ja tief. Man hat hier ein bisschen den Eindruck, als hätten Frauen Angst vor der Informatik.

Ich stelle immer wieder fest, dass Frauen sich oft den Umgang mit technischen Mitteln nicht zutrauen. Meine Antwort darauf ist deshalb, den Unterricht möglichst anwendungsorientiert zu gestalten und zu versuchen, den Frauen zu vermitteln, dass sie "Cracks", die mit ihrem "Fachwissen" um sich werfen, nicht als Massstab nehmen. Sie sollen aber mit Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Die Naturwissenschafter arbeiten sehr schnell gemeinsam am Computer und helfen einander aus. Wir versuchen auch, dies aktiv zu fördern. Der Dozent und die Assistierenden bleiben eher im Hintergrund und haben eine Art Coaching-Funktion. Das kann natürlich manchmal unbefriedigend sein für Assistierende und Dozierende, weil dadurch der Frontalunterricht an Bedeutung verliert.

Wie wirkt sich diese Methode auf die Arbeit der Assistierenden aus?

Wir erwarten von den Assistierenden, dass sie ihre Sprache den Kenntnissen der Studierenden anpassen und dass sie nicht, wenn jemand eine Frage hat, selber an den Computer gehen und zeigen, wie man es macht, sondern die Studierenden dazu bringen, die Lösung selber zu erarbeiten. Das braucht Geduld. Es ist viel einfacher, schnell selber die Maus in die Hand zu nehmen, den Fall zu erledigen und zum nächsten überzugehen.

Wie erlangen Sie die Aufmerksamkeit der uninteressierten Nichtinformatiker?

Wir müssen ein sehr anwendungs- und problemorientiertes Lernen bieten. Viele Themen der Informatik, die für einen Informatiker interessant sind, sind für einen Naturwissenschaftler langweilig. Wir versuchen deshalb, diese Themen so ins praktische Arbeiten zu "verpacken", dass die Studierenden sie erlernen, fast ohne es zu merken. Sie sollen sie automatisch mitbekommen, während sie an einem Problem arbeiten, das für sie interessant ist und dessen Zweck sie einsehen können.

Sie sind ja schon lange an der ETH. Wie empfinden Sie die ETH als Forschungs- und Ausbildungsplatz?

Die ETH ist nach wie vor ein sehr guter Arbeits-, Forschungs- und Unterrichtsplatz. Wir haben hier Ressourcen zur Verfügung, um die wir auf der ganzen Welt beneidet werden. Eine positive Entwicklung finde ich, dass die Qualität der Lehre zunehmend an Bedeutung gewinnt und dass dem Rektor z.B. mit dem Fonds Filep Mittel zur Verfügung gestellt wurden, darauf Einfluss zu nehmen.

Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten der Studierenden?

Das kann ich für die Naturwissenschaften nicht beurteilen. Ich beobachte aber immer wieder, dass diese Absolventen auf Informatikstellen arbeiten. Ein ETH-Abschluss wird sicher auch in Zukunft eine gute Voraussetzung für einen attraktiven Job sein. Für alle Studierenden wird es aber immer wichtiger, dass sie schon während des Studiums gute Leistungen anstreben. Es reicht heute nicht mehr, dass man einfach durchkommt.

Haben die Studierenden die Möglichkeit, sich an internationaler Konkurrenz zu messen?

Es sind ja Bestrebungen im Gang, die ETH zu einer "Graduate School" zu machen, für die Studierende von ausserhalb der Schweiz vermehrt angeworben werden sollen. Natürlich vor allem die besten Kandidatinnen und Kandidaten. Dadurch wird der Konkurrenzdruck grösser, und zwar bereits im Bachelor-Studium, nicht erst im 8. Semester, wenn es darum geht, sich um eine attraktive Masterarbeit zu bewerben!

Herr Hinterberger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

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© 2012 ETH Zurich | Imprint | 30 May 2006
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