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Text: Irena Kulka
Instant Gain in Grace ist eine interaktive Tanzperformance. Eine Butoh- Tänzerin interagiert mit einem dynamischen ‚Bühnenbild’ von echtzeitgesteuerten Computerprojektionen. Tragbare Bewegungssensoren und ein kleiner Wearable Computer werden dabei benutzt, um charakteristische Bewegungsmerkmale zu registrieren und als unterschiedliche Ausdrucksqualitäten der Bewegung zu interpretieren. Diese Information aktiviert einen Weg durch eine experimentell entwickelte Erzählstruktur und generiert ein visuelles Feedback, auf das die Performerin wiederum reagiert. Durch dynamische Wechselwirkungen von bewegten Bildsequenzen und Tanz werden vielschichtige Wahrnehmungsebenen und Dimensionen der Interpretation angeregt. Die Sichtweise erweitert sich über das Tänzerische und Energetische hinaus auf das Bildhafte und Assoziative.
Das Projekt untersucht neue Formen von choreografischen Prozessen und strukturierter Improvisation, welche durch den Einsatz interaktiver digitaler Medien möglich werden. Interessant ist die dynamische Verbindung von Tanz und bildender visueller Kunst. Der künstlerische Focus des Projektes liegt auf der Entwicklung von improvisatorischen Erzählstrukturen, wobei digitale Strukturen als ein Spiel-Instrument genutzt und integriert werden. Die Arbeit impliziert eine Auseinandersetzung mit den Grenzen und Versprechen von aktueller Technologie sowie mit den Auswirkungen der neuen Medien auf die Wahrnehmungsmechanismen und die Ausdruckskonzepte insbesondere im Tanz, was sich unweigerlich auf das Tanzverständnis und sogar direkt auf tänzerische Körpermechanismen niederschlägt.
Künstlerische Anliegen und Fragestellungen verbinden sich hier mit dem Rahmen der Technologieforschung. Das Projekt ist eine mehrjährige Zusammenarbeit zwischen dem Departement Informatik der ETH (Prof. J. Gutknecht, Fabian Nart et al.) mit dem Departement Informationstechnologie und Elektrotechnik, der Umit Innsbruck (Prof. Paul Lukowicz, Michael Barry, Holger Junker) und der assoziierten Medienkünstlerin (Irena Kulka). Das Projekt wurde als Interationsleitungsdiplom (Hyperwerk FHBB) initiiert, entwickelte sich in Synergie mit laufenden Wearable-und-Disappearing-Computer-Forschungsprojekten der ETH und wird unterstützt durch die Medienkunstförderung des Sitemapping, Bundesamt für Kultur.
Die Arbeit am Projekt begann ausgehend von einem Hyperwerk-Diplomprojekt 2003 als eine intensive Zusammenarbeit mit dem Institut für Computersysteme des Departements Informatik und dem Departement Informationstechnologie und Elektrotechnik der ETH Zürich. Ein erster technisch funktionaler Prototyp wurde während des Jahres 2003 entwickelt. Das Bewegungsanalysemodul konnte 2004 ausreifen und die Gestaltung (Design-, Interaktions- und Choreografiekonzept) wurde 2005 neu angelegt. Mehrere kurze, technisch motivierte Tanzdemonstrationen mit dem System und eine Publikation wurden im wissenschafltichen Rahmen präsentiert (Disappearing Computing Jamboree Ivrea 2004, Intel Forum Barcelona 2004, momm04 [mobile muliti media conference] Bali 2004).
Medien-Technologie kann in Bezug auf Wahrnehmung, Suggestionskraft, Grundhaltungen und Konzepte neue Impulse in die Tanzperformance einbringen. Wir entwickeln zusätzliche visuelle ‚Artikulationsebenen’ und eine strukturierte, variable und dynamische Bildervielfalt, die durch einen Computer für die improvisatorische Arbeit der Tänzer und für die Bühne generiert wird. Die tänzerische Intuition wird mit digital festgelegten Strukturen konfrontiert - neue gestalterische Mittel und Prozesse kommen ins Spiel, neue Lesearten. Der Raum des abstrakten Tanzes existiert inmitten von Bildern.
Im Butoh Tanz sind die Grenzen von bildender Kunst und Performance ohnehin fliessend. Wir entwickeln die Möglichkeit einer ‚formalisierten’ Unterstützung eines kreativen Prozesses von Improvisation, Wiederholung, Neustrukturierung... Unser Material fassen und bearbeiten wir einerseits in Form von Bewegungsdaten, welche in Echtzeit über ein Steuerungsprogramm ins interaktive Bühnenbild eingehen. Andrerseits untersuchen wir, wie Elemente der Imagination gesammelt, artikuliert, geordnet, strukturiert, und interaktiv wiederaufgegriffen werden können.
Formale Strukturen können das Verständnis von choreografischer Arbeit mit der Improvisation erweitern. Die Struktur grenzt die Bedingungen ein für Zufälle und für die spontane Orientierung in einem Extrakt von Bilderthemen. Beides bestimmt schliesslich den Verlauf und Inhalt unserer Aufführung. Es ist ein Prozess des Aufgreifens von latent vorhandenen, modellhaften Bilderscheinungen, die sich zusammenfügen.
Mehrere Kompositions- und Narrationsansätze werden während dieser Arbeit untersucht und erfahren. Die Bilder entwickeln in sich eine Art visuelle Grammatik, sowohl mit abstrakt-expressiven als auch mit symbolischen, assoziativen Ansätzen.
Ausgehend von Tanzimprovisation werden subjektive Bilderserien offline gestaltet, und zu einem offen interpretierbaren Bildersystem nach mehreren Dimensionen geordnet. Auf dieser Ebene seelischer Erinnerung und Artikulation spielt das explizite Setzen und das deutende Lesen und verknüpfende Anordnen der Bilder eine Rolle. Aus diesem Bildmaterial werden dann mittels des Bewegungserkennungssystems mit interaktiver Steuerung Bildersequenzen herausgelesen. Ein computerunterstützter interaktiver Montageprozess lässt die Facetten und die thematischen Tendenzen in den Performances kristallisieren. Durch den Einfluss der Bewegungsimprovisation kann das interaktive Bildersystem sehr verschiedene konkrete Formen annehmen, indem sich neue Antworten auf die Bilder, neue Wege und Verbindungen im Material offenbaren.
Ein über mehrere Jahre entwickeltes Prinzip von Bewegungsanalyse, Bewegungskategorisierung und semantischer Bewegungsinterpretation bildet den Kern der semantischen Kopplung von Bewegungskategorien Bildkategorien. Gleichzeitig bringt die interaktive Improvisation einer Performerin die volle Freiheit ins System ein, jede bekannte und erkannte Tendenz sofort ins Gegenteil, in einen neuen Kontext, oder ins Unbekannte zu kehren.
Neben dieser semantischen Ebene ist auch eine mechanistischere Ebene angelegt: hierbei steuert der Fluss von einfacheren Bewegungsfeatures generative Grafik-Effekte. Die entsprechenden Features sind nicht explizit interpretierbar, wurden aber dennoch gemäss ihrer Expressivitätsrelevanz ausgewählt. Auf dieser Ebene werden also Bewegungsparameter formal und direkt in Elemente einer abstrakteren visuellen Sprache umgesetzt. Hier ist es der Tänzerin überlassen, in den prinzipiell labileren, flüchtigeren Momenten und Tendenzen, in den energetischen Konstellationen der generierten Muster spontan Bewegungs- oder Stimmungsimpulse als Inspiration aufzugreifen, also in dem, was die Maschine generiert, Bilder, Bildmomente zu entdecken.
Mit den Visuals betreten wir also ein Spannungsfeld von zwei sehr gegensätzlichen Prozessen und Zugängen zum Bild, zum Computerbild: Der klassische, suchende Kompositionsprozess wird konfrontiert mit einer Flut von computerunterstützt generierten Bildvarianten. Wie ist diese Flut einzudämmen - oder wie ist darin eine eigentliche Sichtweise zu finden?
Eine nach systematischen Kriterien bestimmte Anordnung von abstrakten ‚Emotionszuständen’ dient als Basis für Komposition und Improvisation. Am Anfang stand die Vision, mittels einer gefühlsmässigen Kontinuität der Bildinhalte inspirierende und einnehmende inhaltliche Tendenzen zu erreichen. Mittlerweile ist die Arbeit an der Struktur abstrakter orientiert und hat eine eigene Dynamik. Der Emotionsraum stellt also eine narrative bzw. choreografische Kompositionsstruktur das. Dabei sind ästhetische Gefühle Elemente einer dramaturgischen und künstlerischen Sprache. Die Konstruktion aus diesen Elementen führt zu einer Veränderung und Entdeckung der Wahrnehmung. Unser Projekt dient als Prototyp, anhand dessen sich die Wechselwirkungen zwischen narrativer Struktur und Intuition beobachten und entwickeln lassen.
Das Gesamtprojekt versteht sich als interaktive Medienkunst, die grundsätzlich von Tanz / Tanzperformance ausgeht. Langfristig untersuchen wir eine Auswahl von Modellen von interaktiven Erzählstrukturen in der Verbindung mit interaktiver Tanzimprovisation. Diese interaktiven Modelle basieren auf der obskuren Natur von ästhetischen, emotionalen und assoziativen Reaktionen und werden repräsentiert durch ein vereinfachtes Schema, einen mehrdimensionalen ‚Emotionsraum’. Das ist sozusagen die Struktur des Instrumentes auf dem gespielt wird. Wir verstehen choreografische Struktur als ein Instrument, um das erfinderische und präsente Tanzverhalten herauszufordern und nicht als Festnagelung einer beabsichtigten Form. Wie weit soll ein spielbares Instrument vorstrukturiert sein – hier ist, genauso wie in der Musik, vieles möglich.
Wir verfolgen sowohl das semantische Modell (Emotionsraum) als auch ein ‚konstruktives’ Modell, wo einfachere Parameter als Elemente viel freier benutzt werden, um semantisch ungedeutete Konstruktionen und Effekte aufzubauen. Beim Aufbau unserer Choreografiemodelle recherchieren wir verwandte Modelle aus Musikkomposition, Narratologie, visueller Semiotik und Emotions-Psychologie.
Interaktive digitale Kunst kommt um derart strukturell-formalisierende Betrachtungsweisen nicht herum, soweit es um gewisse Kontrolle von programmierten Abläufen geht. Es gilt aber daneben auch, experimentelle und spielerische Prozesse über das Medium selbst zu entdecken. Hier verlassen wir den Umgang mit Instrumenten und gehen zur Beherrschung eines Mediums über.
Doch die Fragen bleiben dieselben: Welche Stimme spricht durch so ein Medium, durch welche Kanäle baut sich eine Arbeit auf? Wie können wir etwas vom Geheimnis des Menschen in unsere Formen giessen? Im Butoh Tanz kommt die Thematik aus einer meditativen Art von Träumen. Keiner kennt den Inhalt, bevor der Tanz entsteht. Interaktives Spiel als Erinnerungs-Konstruktion, um aus angedeuteten Worten eine Vielheit an Sätzen und thematischen Stücken zu machen. Bewegung im Speicher einer Vielfalt an thematischen Linien, ohne ein Thema a priori zu setzen.
Aus dem Medium Körpergedächtnis einerseits und aus dem Medium Computergedächtnis andererseits wird eine Themenkonstellation herausgearbeitet.
Das Projekt versucht verschiedene künstlerische Sprachen zu verbinden: Bewegung, Visuelles und abstrakte Empfindung, welche eine eigene grundlegende Sprache darstellt. Emotion heisst hier abstrakte, synästhetische Empfindungen, nicht nur psychologische Grundkategorien von Empfindung. Empfindungen bilden eine Sprache. Sie spricht nicht und wir hören sie nicht, ausser wir hören die Sprache der abstrakten inneren Klänge. Diese elementaren Empfindungszustände sind auch die Verbindungen zu der nächsten Sprache: zu der Dramaturgie und dem Verlauf der Performance, was widerum in die konkreten individuellen Interpretationen mündet.
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